Griechen in Deutschland sind eine der größten Zuwanderergruppen in der Bundesrepublik Deutschland. Ende 2023 hatten 365.680 Einwohner Deutschlands die griechische Staatsbürgerschaft. Die Gesamtzahl der Personen mit griechischem Migrationshintergrund in Deutschland lag 2023 bei 479.000. Im Jahre 2019 lebten die griechischen Staatsbürger durchschnittlich seit 25 Jahren in Deutschland. Nicht berücksichtigt werden Angehörige aus anderen Ländern der griechischen Diaspora.
Geschichte
Die Geschichte der Griechen in Deutschland reicht bis in die Antike zurück, auch wenn zu dieser Zeit noch nicht von „Griechen“ oder „Deutschen“ im heutigen Sinn die Rede sein konnte. Pytheas, ein Kaufmann aus Massilia berichtete um 325 v. Chr. als erster von der griechisch-römischen Welt die Germanen, nachdem er mit seiner Handelsflotte den Ärmelkanal Richtung Nordmeer befahren hatte.Karl Mohs: Backofenbau: die Entwicklung des Backofens. S. 70. Aus seiner Zeit ist auch der Begriff der Teutonen oder Teuten als Name aller Germanen belegt, welcher nicht mit dem Namen des Stamms der Teutonen zu verwechseln ist.Johannes Voigt: Geschichte Preussens. S. 81. Die Anwesenheit griechischer Kaufleute in Deutschland ist bis in die Römerzeit überliefert. Es wird auch von einer häuslichen Niederlassung ausgegangen, da dies Vorteile versprach.Gustav Friedrich Klemm: Handbuch der Germanischen Alterthümer: Mit 23 Tafeln Steindruck. S. 141.
Sakrale Spuren sind besser belegt. So soll die Heilige Helena der Sage nach die Gereonskirche in Köln gebaut haben. Der Bischof Athanasius fand nach der Verbannung in Trier eine neue Heimat und der Slawenapostel Method von Saloniki wurde um 870 in Ellwangen gefangengehalten (die Stadt ist heute das Pilgerziel orthodoxer Christen). In Nienkerken bei Corvey gab es im 9. Jahrhundert eine bedeutende Schule, in der Griechisch unterrichtet wurde. Der Basilianerabt Gregor von Burtscheid (* 930 in Kalabrien, damals Teil des Byzantinischen Reichs; † 999) gründete ein byzantinisches Kloster in Burtscheid. Nachdem Kaiser Otto II. die Prinzessin Theophanu geheiratet hatte, kamen in ihrer Gefolgschaft griechische Gelehrte ins Heilige Römische Reich.Johann Christoph Wilhelm Lindemann: Evangelisch-lutherisches Schulblatt. S. 138 (über Google-Books).
In Konstanz verstarb 1415 Manuel Chrysoloras, der dort am Konzil von Konstanz teilnahm. Chrysoloras galt als wichtiger Vermittler griechischer Kultur in Westeuropa. Der Fall des Oströmischen Reiches 1453 führte zu einer Auswanderungswelle griechischer Gelehrter aus dem nun Osmanischen Reich, von denen sich auch eine bedeutende Anzahl in Deutschland niederließ. Häufiges Betätigungsfeld war die Lehre der griechischen Sprache und der antiken Schriften.Wilhelm Rein: Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik. Band 3, H. Beyer, 1905, S. 633. Das zur Eröffnung des Stadttheaters in Nürnberg 1834 uraufgeführte Lustspiel Die Griechen in Nürnberg beschreibt eine entsprechende Situation im 16. Jahrhundert.
Aufklärung und Philhellenismus mini|Gedenktafel in der Leipziger Katharinenstraße Als sich Ende des 17. Jahrhunderts vor allem für Händler die Grenzen des Osmanischen Reiches wieder öffneten, entschlossen sich viele Griechen zur Emigration. Der Geistliche Metrophanes Kritopoulos lebte seit 1625 in Hamburg.
Zentrum des Auslandsgriechentums in Deutschland wurde Leipzig, das zu dieser Zeit ein bedeutendes Handelszentrum war. Neben Polen und Russen waren sie die wichtigste Gruppe von Kaufleuten in der Stadt.Emanuel Turczynski: Die deutsch-griechischen Kulturbeziehungen bis zur Berufung König Ottos. R. Oldenbourg, 1959, S. 101. Der orientalische Pelzhandel befand sich jahrhundertelang fest in griechischer Hand, alljährlich kamen deshalb griechische Fellhändler auch zur Leipziger Ostermesse. Als der Pelzverbrauch und die Pelzproduktion mit den südosteuropäischen und kleinasiatischen Ländern weitgehend versiegte, hatte sich in Leipzig bereits eine relativ große griechische Gemeinde nur aus Pelzhändlern gebildet. Diese Niederlassung bestand jedoch aus zwei stark unterschiedlichen Schichten. Zum einen gab es angesehene Großhandelshäuser, die sich hauptsächlich mit dem Einkauf auf dem orientalischen Markt von Wildwaren, wie Marder- und Fuchsfellen usw. beschäftigten, aus Griechenland, den Balkanländern und der asiatischen Türkei. Sie betrieben dabei noch ein umfangreiches Exportgeschäft mit Fellen anderer Herkunft, nach Amerika, England, Frankreich und anderen Ländern. Der andere Teil der in Leipzig ansässigen Griechen, der hauptsächlich aus Kürschnern und Kleinhändlern bestand, befasste sich vor allem mit der Herstellung billiger Produkte, vor allem mit der Pelzstückenverarbeitung. So lag zum Beispiel die Produktion von gedrehten Hermelin- und Skunksschweifen sowie bestimmter Pelzfutter ganz in griechischer Hand.Alexander Kislatis: Studie über Geschichte, Entwicklung und Betrieb des Rauchwarenhandels unter besonderer Berücksichtigung Deutschlands. Inaugural-Dissertation, vorgelegt an der Hohen Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Hamburgischen Universität, Hamburg 1926, S. 50–51.
Um 1700 fanden im „Griechenhaus“, einem Handelshof griechischer Kaufleute, auch die ersten griechisch-orthodoxen Gottesdienste statt. Ihre gesellschaftliche Bedeutung in Sachsen nahm schnell zu. Zur Ostermesse des Jahres 1780 waren bereits 184 griechische Einkäufer registriert.Christoph Hauser: Anfänge bürgerlicher Organisation. 1990, S. 23. An der Universität Leipzig promovierten im 18. und frühen 19. Jahrhundert jährlich zahlreiche Griechen, so etwa der Geograph Margaritis Dimitsas. Auch Goethe lernte viele griechische Kommilitonen dort kennen. Im 19. Jahrhundert wurde der Sohn des Kaufmanns Georgios Karagiannis, Theodor von Karajan, von Kurfürst Friedrich August III. für seine Tätigkeit in der Textilindustrie geadelt. Ein Nachfahre von ihm war Herbert von Karajan. Aus einer Leipziger Pelzhändlerfamilie stammte der Dirigent Charilaos Perpessas.
1908 gründete der Weinhändler Georg Anagnostopoulos nach seinem Jura-Studium den „Hellenen-Verein“, der bis (zur Auflösung sämtlicher Vereine im Jahr) 1938 existierte.Herbert Hunger, Wolfram Hörandner: 16. Internationaler Byzantinistenkongress. Wien, 4.-9. Oktober 1981, ISBN 3-7001-0455-3, S. 81. Die Familie zog nach Frankfurt am Main, wo sie vor 1948 eine griechische Weinstube in der Hochstraße 27 eröffnete, die bis 1980 bestand (und lange Zeit eines der wenigen Spezialitätenlokale der Stadt war). Sie folgte damit den meisten Leipziger Griechen, die nach der deutschen Teilung nach Westdeutschland oder in andere europäische Länder zogen. Viele ließen sich in Frankfurt am Main nieder, wo sie ihre Betriebe weiterführten. Die Leipziger Gemeinde wurde mangels Mitgliedern 1952 aufgelöst.Frank-Thomas: Hellas lipsiensis: Griechen in Leipzig von Suppe. In: Leipziger Blätter. Nr. 18/1991, S. 31–33.
Griechen im Deutschen Bund, Kaiserreich und der Republik mini|Salvatorkirche mini|Die griechische Weinstube „Zur Stadt Athen“ in Neckargemünd, 1910 Im preußischen Posen bildete sich im frühen 19. Jahrhundert eine griechische Gemeinde. Zwei Mal im Jahr wurde die Gemeinde von Geistlichen aus Leipzig besucht.Emil Oehlschlaeger, Posen: Kurz gefasste Geschichte und Beschreibung der Stadt Posen. S. 191.
Eine weitere griechische Gemeinde bildete sich im frühen 19. Jahrhundert in München, bereits bevor der Wittelsbacher Otto I. König von Griechenland wurde. Seit dem Königtum Ottos konnten sich Griechen einfacher in Bayern niederlassen oder kostenlos studieren. In der Allgemeinen Zeitung wurde am 20. Dezember 1829 die Gründung eines Griechenvereins bekanntgegeben, dem auch Förderer Griechenlands angehörten. Im selben Jahr wurde die (leerstehende) Salvatorkirche in München für griechisch-orthodoxe Gottesdienste überlassen. Im Gegenzug emigrierten viele bayerische Handwerker und Gelehrte nach Griechenland. Am 8. September 1918 wurde die „Griechische Gemeinde München“ im Vereinsregister eingetragen. Ihr Name änderte sich später in „Griechischer Verein München“. Am 22. Oktober 1923 wurde der Verein aufgelöst, um am selben Tag durch die „Griechische Kirchengemeinde in München e. V.“ ersetzt zu werden.Entscheidungen in Kirchensachen seit 1946, veröffentlicht von Walter de Gruyter, 1984, ISBN 3-11-010003-7, S. 218 ff.
Erste griechisch-orthodoxe Gemeinden entstanden im 19. Jahrhundert auch im heutigen Baden-Württemberg.Meinrad Schaab, Hansmartin Schwarzmaier (Hrsg.) u. a.: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte. Band 3: Vom Ende des alten Reiches bis zum Ende der Monarchien. Hrsg. im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Klett-Cotta, Stuttgart 1992, ISBN 3-608-91467-6, S. 885.
Im späten 19. Jahrhundert beschäftigten sich Griechen in Deutschland mit dem Tabakhandel und der Zigarettenproduktion. 1875 wurde in München die Cigarettenfabrik Pan T. Papastathis gegründet, die ein Werbeplakat von dem griechischen Maler Nikolaus Gysis entwerfen ließ. Die Zigarettenfabrik Jasmatzi von Georg Anton Jasmatzi war zeitweise mit einem Kapital von zehn Millionen Reichsmark die größte Kapitalgesellschaft der Tabakindustrie in Deutschland; 1925 eröffnete die Cigarettenfabrik Kyriazi in Hamburg; Papastratos eröffnete 1933 in Berlin die Hellas Zigarettenfabrik. Weitere waren die Firmen Nestor Gianaklis (Fabrik in Frankfurt am Main ab 1911), Dimitrino, Muratti (Eigentümer: Adrian und Alexander Enfiezioglou). Auch die Familie des Dresdner Sportlers Janis Seraidaris war im Tabakhandel tätig. Janis war mitteldeutscher Meister im Kugelstoßen und erreichte 1927 einen 3. Platz in der deutschen Meisterschaft im Diskuswerfen, bekannt wurde er jedoch durch ein Gemälde von Conrad Felixmüller.
Ab dem späten 19. Jahrhundert ist auch die Existenz zahlreicher griechischer Lokale in Deutschland belegt. Die erste Kette waren die griechischen Weinstuben „Zur Stadt Athen“ des griechischen Konsuls Julius Menzer, die Filialen in verschiedenen Städten hatte. Vor 1903 eröffnete das Restaurant „Stadt Patras“ am Maximilianplatz in München. Ebenfalls in München war die griechische Weinstube „Akropolis“, in der Carl Schmitt während seiner Lehrtätigkeit in München (1919–1921) Stammgast war.Carl Schmitt:
Giovanni (Jean) Eftimiades hingegen öffnete in den späten 1920er Jahren in Berlin nacheinander drei Cafés unter dem Namen Moka Efti. Das größte verfügte über eine der ersten Rolltreppen Berlins und verkaufte über 25.000 Tassen Kaffee am Tag. Nachdem alle Läden im Krieg zerstört wurden, wandte er sich nach 1945 dem Verlagswesen zu.
Pierre Mavrogordato und seine Frau Erato zogen vor 1909 von Odessa nach Berlin, welches zu jener Zeit gute Bedingungen für deren Arbeit als Antikenhändler bot. Mavrogordato trug zum Ausbau der Antikensammlung Berlin bei. Später zogen beide ins thüringische Römhild, wo sie die Waldhaus-Siedlung und anderes gründeten. George Papanicolaou promovierte 1910 in München, insbesondere die Beschäftigung mit der deutschen Philosophie der Aufklärung veranlasste ihn, nicht als praktizierender Arzt tätig zu werden; er entwickelte später in den USA den Pap-Abstrich.