Instrumentalmusik ist Musik, die im Gegensatz zur Vokalmusik hauptsächlich mit Musikinstrumenten ausgeführt wird.

Klassische Instrumentalmusik Historische Entwicklung Musik ohne Gesang wurde und wird oft gering geschätzt und ist zu allen Zeiten häufig Tanzmusik. In der klassischen Musik existiert im Unterschied dazu eine Instrumentalmusik, die nicht der Sprache oder der Körperbewegung untergeordnet ist. Eine solche Musik gibt es erklärtermaßen seit dem 19. Jahrhundert (siehe folgenden Abschnitt). Musikforscher haben versucht, ihren Ursprung deutlich früher anzusetzen. Ludwig Finscher etwa beschränkt seinen Artikel Instrumentalmusik im Musiklexikon Die Musik in Geschichte und Gegenwart auf das 13.–16. Jahrhundert.Ludwig Finscher: „Instrumentalmusik“, in: Ders. (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil Bd. 4, Kassel: Bärenreiter 1996, S. 874–911.

Vokalmusik dominierte die Musik bis zur Barockmusik des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Zwischen 1480 und 1580 löste sich allmählich der Instrumentalsatz vom Vokalsatz.Barbara Wiermann: Die Entwicklung vokal-instrumentalen Komponierens, 2005, S. 10 f. Eine der Vokalmusik ebenbürtige Instrumentalmusik entstand in Venedig mit den Canzonen und Sonaten von Giovanni Gabrieli. Die entscheidende Wende in der Entstehung einer eigenständigen Instrumentalmusik erfolgte in der Canzone ab 1597. Seitdem kennzeichnete die InstrumentalmusikKarl Heinrich Wörner, Wolfgang Gratzer, Lenz Meierott: Geschichte der Musik, 1993, S. 251 ff. eine weitgehende Trennung zwischen Vokal- und Instrumentalteil, die Ausbildung einer idiomatischen Schreibweise unter Berücksichtigung instrumentenspezifischer Technik, die Verwendung der Klangfarbe als konstituierendes Element und die Ausprägung der Generalbasspraxis.

Der Begriff Concerto wird neben gemischt vokal-instrumentaler Musik ab etwa 1607 auch auf reine Instrumentalmusik angewandt. Instrumentalmusik befreite sich zunehmend vom Verdacht, leeres und nichtssagendes Geräusch zu sein, weil sie selbst als Sprache angesehen wurde.

Instrumentalmusik gab es in zwei Gattungen, nämlich selbständige Instrumentalsätze (Sonata und Canzona da sonar) und Instrumentalstücke mit nachfolgenden Vokalsätzen (Intrada, Symphonia, Ritornello). Im ausgehenden 16. Jahrhundert konnte sich die Instrumentalmusik von der Vokalmusik emanzipieren. Diese Emanzipation vollzog sich in Deutschland wesentlich später als in Italien.

Auch in Deutschland trug die Orgelmusik zum Vordringen der Instrumentalmusik bei. Das Instrumentalkonzert (Concerto grosso) wie die Brandenburgischen Konzerte von Bach (März 1721) war eine der wesentlichen Ausdrucksformen. Die Präludien und Fugen von Bach tendierten bereits zur Loslösung der Harmonik vom polyphonen Zusammenklang der Einzelstimmen. Die eigenständige Instrumentalmusik bewirkte ein Zurücktreten der Rohrblasinstrumente bei gleichzeitiger Betonung von Instrumenten mit modulationsfähigem, dynamischem und affektbetontem Klang sowie das Vordringen der Violinfamilie. Vor allem Beethovens Werk bot Anlass zur Diskussion darüber, ob seine Instrumentalmusik die Vokalmusik überwunden habe.Jacob de Ruiter: Der Charakterbegriff in der Musik, 1989, S. 233.

Ouvertüren stellen typische Instrumentalteile dar, die den folgenden Opern allerdings noch untergeordnet waren. Die Symphonie der Wiener Klassik bildet gewissermaßen den Gipfel der europäischen Orchestermusik und bleibt als historistische Gattung bis ins 20. Jahrhundert bestehen.

Ästhetische Schriften Im Laufe des 18. Jahrhunderts ergaben sich musikästhetische Diskussionen über die Bedeutung der Vokal- und der Instrumentalmusik. Französische (Jean-Baptiste Dubos) und deutsche (Johann Mattheson) Musikschriftsteller erklärten, dass neben der Vokalmusik auch die symphonische Instrumentalmusik beim Zuhörer bestimmte Affekte erregen könne.Jacob De Ruiter: Der Charakterbegriff in der Musik, 1989, S. 27. Die Auffassung, dass Vokalmusik den Vorrang über Instrumentalmusik besitze, blieb aber lange noch bestehen. In seinem Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu spielen (1752) weist Johann Joachim Quantz der Vokalmusik einen höheren Stellenwert zu:

Die Instrumentalmusik drückte 1786 für den Lexikografen Johann Christoph Adelung „die von dem Komponisten zur Erregung angenehmer Empfindungen verbundenen Töne durch die unartikulierten Töne der Instrumente aus“.Christoph Adelung: Johann Kurzer Begriff menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, 1786, S. 278 f. Für ihn wird Musik durch „gedoppelte Art“ ausgeführt, nämlich durch Gesang oder durch Instrumente, woraus die Vokal- und Instrumentalmusik entsprängen. Er war der Auffassung, dass unmusikalische Hörer bei Gesang noch zuhören, während sie Instrumentalmusik – wenn nicht unerträglich – doch höchst langweilig empfänden. Wilhelm Traugott Krug definierte sie 1827 als „einfache Tonkunst, welche mittels gewisser Tonwerkzeuge („instrumenta musices“) ausgeübt wird, weil man dabei nur unartikulierte Töne oder bloße Klänge vernimmt.“Wilhelm Traugott Krug: Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften, Band 2, 1827, S. 466. Für ihn war Vokalmusik die „höhere Tonkunst“. Der Philologe Ferdinand Gotthelf Hand schrieb noch 1841: „Vokalmusik wird leichter und mithin allgemeiner verstanden als Instrumentalmusik, welche eine musikalische Abstraktion voraussetzt.“Ferdinand Gotthelf Hand: Ästhetik der Tonkunst 2, 1841, S. 90. Das Instrument trete an die Stelle der menschlichen Stimme, deren Verwendung von der Natur bedingt werde.Ferdinand Gotthelf Hand: Ästhetik der Tonkunst 2, 1841, S. 85.

Die literarische Romantik wertete die Instrumentalmusik auf, weil sie die Unabhängigkeit von Gesangstexten als Freiheit verstand.Carl Dahlhaus: Europäische Romantik in der Musik, Bd. 2, Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-476-01982-0, S. 175. Eduard Hanslick erklärte in seiner Schrift Vom musikalisch Schönen (1854), dass Musik aus „tönend bewegten Formen“ bestehe, was sie von sprachlichen Bedeutungen und vor übertriebenem Gefühlsausdruck befreie.Carl Dahlhaus: Eduard Hanslick und der musikalische Formbegriff, in: Die Musikforschung 20/2:1967, S. 145–153. Friedrich Nietzsche verstand unter Musik bereits in erster Linie Instrumentalmusik – die Loslösung der Musik von der Sprache. Er prägte 1874 den Begriff der „absoluten Instrumentalmusik“. Richard Wagner hielt dem provokativ entgegen, dass diese „quasi ein leeres Geklingel“ sei.Karl Heinrich Wörner: Geschichte der Musik: ein Studien- und Nachschlagebuch, 1993, S. 469.

Beispiele Die Sinfonie seit dem späten 18. Jahrhundert sowie das Streichquartett sind in der klassischen Instrumentalmusik als Gattungen am höchsten angesehen.

Bis heute einem breiteren Publikum bekannte klassische Instrumentalwerke sind beispielsweise die 40. Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart (komponiert im Juli 1788), die 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven (Uraufführung: 22. Dezember 1808), der Höllen-Cancan von Jacques Offenbach (21. Oktober 1858), das 1. Klavierkonzert in b-Moll op 23 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski (25. Oktober 1875), Tanz der Stunden von Amilcare Ponchielli (8. April 1876; dritter Akt der Oper La Gioconda), die Nussknacker-Suite von Tschaikowski (18. Dezember 1892), Also sprach Zarathustra von Richard Strauss (27. November 1896), Hummelflug von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow (3. November 1900), Boléro von Maurice Ravel (22. November 1928) oder der Säbeltanz von Aram Chatschaturjan (3. Dezember 1942). Viele dieser Werke wurden später als Paraphrase von Jazz- und Popmusik aufgegriffen.

Jazz Der Big-Band-Jazz verstand sich von Beginn an überwiegend als rein instrumentale Musik, während zugleich der Vocal Jazz einen bedeutenden Teil der Jazzmusik ausmachte und Jazz-Vokalisten wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Billie Holiday oder Frank Sinatra hervorbrachte. Sie tourten mit Swing-Bands, welche auch eigenständig als Instrumentalbands auftraten. Der Vocal Jazz war jedoch zu keiner Zeit gegenüber dem Instrumentaljazz privilegiert.Reiland Rabaka: Hip Hop’s Amnesia, 2012, S. 104. Für Billboard ist Jazz „eines der großen Instrumentalgenres“,Billboard-Magazin vom 22. Dezember 2007, The Year in Touring and Music 2007, S. 76 viele Jazzstandards gehören zu den Instrumentalaufnahmen. Durch Soli eines Instruments oder mehrerer Instrumente hintereinander brachte der instrumentale Jazz eine eigene Spannung in die Musik ein und verzichtete auf Vokalbeiträge.

Einer der ersten Instrumentalhits des Jazz war der El Capitan March von der Sousa’s Band (aufgenommen bis 30. April 1896). Die erste Jazzmusik-Aufnahme stammt von der Original Dixieland Jass Band, deren erste Instrumentalaufnahmen Livery Stable Blues / Dixie Jass Band One Step am 26. Februar 1917 in New York City mit Nick LaRocca (Kornett), Eddie Edwards (Posaune), Larry Shields (Klarinette), Henry Ragas (Piano) und Tony Spargo (Schlagzeug) entstanden. Die Victor-Tonstudios in Manhattan waren erst Wochen zuvor eröffnet worden. Der Ausdruck „jass“ hatte zu jener Zeit noch vulgäre, sexuelle Untertöne.Bob Yuroshko: A Short History of Jazz, 1993, S. 33. Die Single erreichte Rang 4 der US-Charts. Die Instrumentalband entwickelte sich mit ihrem stark synkopierten und wilden Sound zu der kommerziellsten Band jener Zeit und hatte mit dem Tiger Rag / Skeleton Jangle (aufgenommen am 25. März 1918) für zwei Wochen einen Nummer-eins-Hit. Sie brachte bis 1923 insgesamt 14 Instrumentalhits in die Charts.

Erster kommerzieller Instrumentalhit war Dardanella von Ben Selvin aus dem Jahr 1919, der einen Gesamtumsatz von 6,5 Millionen Platten erzielte. Zu den erfolgreichen Instrumentalbands gehörte Paul Whiteman, dessen Whispering (1920) elf Wochen Nummer-eins-Hit war und zwei Millionen Exemplare verkaufte.Joseph Murrells: Million Selling Records. 1985, S. 17. Irving Mills Stardust (1929, Rang 20) mit dem Komponisten Hoagy Carmichael am Piano gehört zu den Jazzklassikern, Duke Ellingtons Cocktails for Two (1934) verewigte sich mit fünf Wochen auf Platz eins in der Liste klassischer Jazzhits. Count Basies erster Hitparadenerfolg war der Evergreen One O’Clock Jump (1937), Benny Goodmans erfolgreichstes Instrumentalstück Don’t Be That Way (1938) belegte für fünf Wochen den ersten Rang. Glen Millers Instrumentalhit In the Mood (1939), dessen Original ein Vokalsong war, blieb für zwölf Wochen auf dem ersten Platz der US-Charts und avancierte zum Millionenseller.Joseph Murrells: Million Selling Records, 1985, S. 30. Artie Shaws Frenesi (1940) verkaufte drei Millionen ExemplareJoseph Murrells: Million Selling Records. 1985, S. 32-. und blieb mit 13 Wochen in den USA am längsten von allen Jazz-Instrumentalaufnahmen auf Platz eins.

Dave Brubecks Take Five (1959) erreichte nach Veröffentlichung im August 1961 Rang sechs in Großbritannien. Mongo Santamaría präsentierte seine Version der Herbie-Hancock-Komposition Watermelon Man (1963), Hancock selbst veröffentlichte ein Jahr danach sein Cantaloupe Island (LP Empyrean Isles); Us3 präsentierte 1993 eine Rap-Version mit einem Sample aus Passagen des Originals. Eine Sonderstellung nahm das Ramsey Lewis Trio ein, dessen instrumentale Jazzfassungen von Pop-Hits in den USA sehr erfolgreich waren. Sein größter Hit The ‚In‘ Crowd gelangte im August 1965 bis auf Rang 5 der US-Pop-Hitparade.

Auch der Trad Jazz konnte mit seinen Instrumentalaufnahmen erste Erfolge in den Pop-Hitparaden feiern. Chris Barbers Coverversion von Petite fleur (1955), Acker Bilk mit Stranger on the Shore (1960) oder Kenny Ball mit dem Cover Midnight in Moscow (1961; irrtümlich als „Traditional“ bezeichnet) platzierten sich unter den Top 3 der britischen Popcharts. Die Trad-Jazz-Welle kam in Großbritannien zu einer Zeit auf, als sich auch Instrumentalstücke der Popmusik erfolgreich in den Hitparaden platzieren konnten.

Instrumental in der Popmusik mini|Musikbeispiel aus dem Free Music Archive:Rafael Archangel – Dusty Chords,Instrumental, Easy Listening,1 min 34 s