Als Deutsche Bankenkrise werden die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Bankenkrise nach dem Zusammenbrechen der Dresdner Bank, der Danat-Bank und folgender Bankzusammenbrüche im Jahr 1931 bezeichnet. Sie war ein bedeutender Aspekt der Weltwirtschaftskrise in Deutschland. miniatur|Die deutsche Bankenkrise (Sommer 1931) begann mit dem Zusammenbruch der österreichischen Creditanstalt (Frühjahr 1931).
Ausgangssituation Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, anschließender Inflation (bis 1923) und folgender Währungsreform wurde die Reichsbank durch das Reichsbankgesetz vom 30. August 1924 (RGBl. II, S. 235) im Rahmen des Dawes-Plans neu geregelt. Kernpunkte waren: Mindestdeckung durch Gold und goldkonvertible Devisen (40 %, mindestens 30 % Gold),Gerhard Rübel: Grundlagen der monetären Außenwirtschaft. (2. Auflage) München 2005. (online) S. 170. hohe DiskontsätzeGerhard Schulz: Deutschland am Vorabend der grossen Krise. Berlin 1987. (online) S. 102; Michael Wala: Weimar und Amerika. Botschafter Friedrich von Prittwitz und Graffron und die deutsch-amerikanischen Beziehungen von 1927 bis 1933. Stuttgart 2001, S. 113 (online). und die Unabhängigkeit, gewährleistet durch den Generalrat (zusammengesetzt aus sieben deutschen und sieben ausländischen Mitgliedern).Holger-René Bruckhoff: Zur Entwicklung der Zentralbanken und der Bankaufsicht in Deutschland und in den Niederlanden.Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, S. 23 (online).
Die hohen Diskontsätze der deutschen Reichsbank machten Kredite für die inländischen Wirtschaftssubjekte (inkl. öffentlicher Haushalt) einerseits teuer (restriktive Geldpolitik), andererseits zogen hohe Zinsen ausländisches Kapital (Devisen) an und erhöhten die Verbindlichkeiten der deutschen Banken. Reparationszahlungen waren ab 1930 vornehmlich in (goldkonvertiblen) Devisen zu entrichten. Sachleistungen spielten nur noch eine untergeordnete Rolle.Young-Plan. In: Carola Stern, Thilo Vogelsang, Erhard Klöss und Albert Graff (Hrsg.): dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert. dtv, München 1974, Bd. 3, S. 887; Peter Krüger: Die Außenpolitik der Republik von Weimar. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 483 f. Großunternehmer konnten sich direkt am (ausländischen) Kapitalmarkt unter Begebung eigener Unternehmensanleihen Kapital beschaffen.Hans Pohl: Wirtschaft, Unternehmen, Kreditwesen, soziale Probleme. Teil 2. Stuttgart 2005. (online) S. 26.
Die Kreditinstitute refinanzierten sich bei Liquiditätsengpässen über die Reichsbank, die 1924 mit 1 Mrd. Reichsmark, davon Devisen im Wert von 800 Mill. Reichsmark durch Begebung von Staatsanleihen an internationale Kapitalgeber (hauptsächlich USA), ausgestattet worden war. Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (hrsg. v. Wolfgang Stützel), Tübingen 1952, S. 86; Ulrich Kluge: Die Weimarer Republik. Paderborn 2006 (online) S. 100. Ausländische (Fremdwährungs-)Kredite ermöglichten die gesetzlich vorgeschriebene Währungsdeckung hinsichtlich der vorgesehenen Devisenreserven der Reichsbank. Verlor die Reichsbank Devisen, durfte sie also weniger Refinanzierungskredite an die Banken geben. Die deutschen Kreditinstitute verfügten in dieser Phase nur über geringe Liquidität.Holger-René Bruckhoff: Zur Entwicklung der Zentralbanken und der Bankaufsicht in Deutschland und in den Niederlanden. Frankfurt 2010. (online) S. 26.
Vorgeschichte und Verlauf miniatur|hochkant=1.2|rechts|Aktienindex 1924–1942 (Statistisches Reichsamt) Ab 1928 begann die deutsche Wirtschaft zu stagnieren, Konkurse häuften sichUrsula Büttner: Weimar. Die überforderte Republik 1918–1933. Stuttgart 2008, S. 388 (online). – insofern konnten offene Kreditforderungen immer weniger bedient werden (Entwertung der Aktiva-Positionen der Banken). Hinzu kam, dass die öffentlichen Haushalte ihre Nettokreditaufnahmen ab 1929 drastisch verringerten.Werner Ehrlicher: Die Finanzwirtschaft der Bundesrepublik Deutschland. In: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft Band 3 (1981), S. 170 (online).Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. () S. 81. Ebenso begannen die Privaten zu sparen, schränkten ihren Konsum einWilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. () S. 91. und wurden dazu auch ermutigt, da angenommen wurde, dass dadurch die Banken liquide(r) würden, was sich rückblickend als fataler Trugschluss herausstellte.Wilhelm Lautenbach: Zins, Kredit und Produktion. (Hrsg. Wolfgang Stützel) Tübingen 1952. () S. 62.
Der New Yorker Börsenboom endete spätestens mit dem Crash vom Schwarzen Donnerstag 1929, womit ausländische Kapitalgeber vermehrt Kapital aus Deutschland abzuziehen begannen – auch, weil diese selbst zunehmend illiquide wurden (auch aufgrund der US-Bankenkrise im Herbst 1930).Ulrich Kluge: Die Weimarer Republik. Paderborn 2006. (online) S. 382. Eine weitere Welle von Kreditabzügen (fast 1 Mrd. Reichsmark)Ursula Büttner: Weimar. Die überforderte Republik 1918–1933. Stuttgart 2008. (online) S. 429. folgte der Reichstagswahl vom September 1930, in der die NSDAP zweitstärkste Partei geworden war. Insgesamt erhöhten die Abzüge vom Herbst 1930 den Deflationsdruck auf die ohnehin schon schwache (deutsche) Konjunktur.
mini|Portal Oesterreichische Nationalbank Aus spekulativen Gründen und zur Sicherung von Darlehen verfügten die deutschen Kreditinstitute über umfangreiche Aktienpakete zahlreicher Unternehmen, die wegen des mit der Wirtschaftskrise einhergehenden Kursverfalles an den Börsen zunehmend entwertet wurden (siehe auch die Abbildung Aktienindex). Einhergehend mit den zur Kurspflege gekauften eigenen Aktien waren diese Effekten, ohne weitere Kursstürze zu provozieren, am Kapitalmarkt auch nicht mehr zu verkaufen. Die Kursverluste mussten abgeschrieben werden; dies belastete die Ertragssituation der Banken und verringerte deren Liquidität.
Creditanstalt (Österreich) Die Österreichische Creditanstalt war als größte mitteleuropäische BankWalter Euchner, Richard Saage: Das Scheitern diktatorischer Legitimationsmuster und die Zukunftsfähigkeit der Demokratie. Berlin 1995. (online) S. 165. Großgläubiger zahlreicher Großunternehmen, die infolge der Krise insolvent geworden waren. Die Creditanstalt veröffentlichte am 11. Mai 1931 ihre Bilanz und machte damit bekannt, dass der 1930 gemachte Verlust von 140 Mio. Schilling fast ihr gesamtes Grundkapital aufgezehrt hatte. Diese Nachricht löste einen Ansturm vieler in- und ausländischer Gläubiger auf die Creditanstalt und auf andere Banken in Europa aus.
Die Oesterreichische Nationalbank verlor zwischen 30. April und 7. Oktober 1931 den Großteil ihrer Reserven an Gold- und DevisenbeständenArnold Suppan: . München 1996, S. 1047. und musste mit weiteren österreichischen Finanzinstituten letztlich vom Staat gerettet werden.Erich Zöllner: Geschichte Österreichs. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 1990, S. 571 (online).
Karstadt und Nordstern Die Bekanntgabe eines großen Verlustes beim Karstadtkonzern am 11. Mai verstärkte die Verunsicherung vieler Anleger. Deutsche und ausländische Anleger zogen allein im Mai 1931 umgerechnet 288 Mio. RM in Devisen von den deutschen Banken ab, wobei vor allem die fünf Großbanken Deutsche Bank und Discontogesellschaft, Danat-Bank, Commerz- und Privatbank und Berliner Handels-Gesellschaft betroffen waren. Nachdem am 30. Mai bekannt geworden war, dass auch das Versicherungsunternehmen Nordstern in einer Schieflage war, wurden weitere Devisen abgezogen. Damit war absehbar, dass die Reichsbank bald nicht mehr über die Gold- und Devisenmenge von 40 % des Notenumlaufs verfügen würde, die nach Reichsbankgesetz vorgeschrieben war: Aus der Kapitalflucht drohte eine Währungskrise zu werden.Tilman Koops (Hrsg.): , Boppard 1982. Einleitung XLVIII; Harold James: Deutschland in der Weltwirtschaftskrise. DVA, Stuttgart 1988, S. 287–296; Theo Balderston: The Origins and Course of the German Economic Crisis November 1923 to May 1932. Haude & Spener, Berlin 1993, S. 161–172.
„Tribut“ In dieser kritischen Situation wollte die Regierung Brüning (Kabinett Brüning I) ihre zweite „Notverordnung zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen“ innenpolitisch abfedern, die weitere harte Sparmaßnahmen enthielt. Zu diesem Zweck veröffentlichte sie am 9. Juni 1931 eine Erklärung, in der eine weitere Belastung Deutschlands durch Reparationsleistungen als wirtschaftlich untragbar bezeichnet wurden. Diese Erklärung ging als „Tributaufruf“ in die Geschichte ein, weil die Regierung, dem Sprachgebrauch der Rechtsradikalen folgend, die Reparationen delegitimierend als Tribute bezeichnete. Die Wirkung dieser für die öffentliche Meinung in Deutschland bestimmten Erklärung war im Ausland verheerend: Da Deutschland nach dem Young-Plan nur im Fall von „abnormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten“ einen Teil seiner Reparationsverpflichtungen gestundet bekommen konnte, befürchteten viele Gläubiger einen Staatsbankrott und versuchten zuvor noch ihre Mittel aus Deutschland abzuziehen. Die Reichsbank verlor daher in den ersten vier Tagen nach dem Tributaufruf über 400 Mio. Reichsmark an Devisen. Zur weiteren Verunsicherung trug am 10./11. Juni die Forderung mehrerer Fraktionen im Ältestenrat des Reichstages nach einer Einberufung des Reichstags bei. Dabei drohte die Notverordnung aufgehoben zu werden, die mit ihren drastischen Mitteln die Zahlungsfähigkeit des Reichs sicherte, und die Regierung Brüning gestürzt zu werden. Erst als die Einberufungsanträge mit den Stimmen der SPD am 16. Juni abgelehnt worden waren, verminderten sich die Kapitalabzüge wieder. Insgesamt verlor die Reichsbank in der Zeit vom 1. bis zum 17. Juni ca. 1,4 Milliarden RM, das war mehr als die Hälfte ihres Gold- und Devisenbestandes. Dadurch geriet sie in gefährliche Nähe zu der in den Reparationsplänen (Dawes 1924 und Young 1929/1930) vorgeschriebenen Deckungsgrenze von 40 %.
Wie die Devisenverluste der Reichsbank in der Zeit von Mai 1929 bis Juli 1931 zu erklären sind, ist in der Forschung umstritten. Die deutschen Wirtschaftshistoriker Karl Erich Born und Gerd Hardach glauben, dass sie in erster Linie auf Kreditkündigungen aus dem Ausland zurückzuführen seien.Karl Erich Born: Die deutsche Bankenkrise 1931. Finanzen und Politik. Piper, München 1967, S. 67 – 77; Gerd Hardach: Weltmarktorientierung und relative Stagnation. Währungspolitik in Deutschland 1924. Duncker & Humblot, Berlin 1976, S. 126–131. Der britische Historiker Harold James betont dagegen die nicht unbeträchtliche Rolle, die deutsche Kapitalflucht gespielt habe.Harold James: Deutschland in der Weltwirtschaftskrise. DVA, Stuttgart 1988, S. 285–293. Der britische Wirtschaftshistoriker Theo Balderston gibt ihm recht: Danach waren es seit 1929 in erster Linie Deutsche, die Devisen ins Ausland schafften; die Kreditkündigungen durch ausländische Banken nach dem Tributaufruf hätten dann selbst vorsichtigen Bankhäusern wie der Berliner Handelsgesellschaft den „Todesstoß“ versetzt.Theo Balderston: The Origins and Course of the German Economic Crisis November 1923 to May 1932. Haude & Spener, Berlin 1993, S. 163–170.
„Nordwolle“, DANAT- und Dresdner Bank Anfang Juni 1931 verweigerte die Danat-Bank die Verlängerung eines Kredits an die Stadt Berlin. Am 17. Juni 1931 wurde ein hoher, existenzieller Verlust des größten europäischen Wollkonzerns, der Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei (abgekürzt „Nordwolle“) bekannt. Die DANAT-Bank sowie die Dresdner Bank waren durch umfangreiche Kredite bei der „Nordwolle“ engagiert.Holger-René Bruckhoff: Zur Entwicklung der Zentralbanken und der Bankaufsicht in Deutschland und in den Niederlanden. Peter Lang 2010 (ISBN 978-3631595589), S. 27 (online).