Die Bezeichnung Neue religiöse Bewegung oder neureligiöse Bewegung, für die es verschiedene Definitionen gibt, wird für religiöse oder religionsartige soziale Gruppen verwendet, teilweise anstelle des durch kirchlichen Sprachgebrauch eher abwertenden Begriffs „Sekte“. Einige der mittlerweile als neue religiöse Bewegung bezeichneten religiös-weltanschaulichen Gruppen, die insbesondere Jugendliche ansprechen, wurden bis in die 1980er Jahre Jugendreligion genannt.
Definitionskriterien Nicht alle hier gelisteten Definitionen treffen auf jede neureligiöse Bewegung zu. Typische Kriterien für neue religiöse Bewegungen sind:
Die Mitgliedschaft besteht zu großen Teilen aus Konvertiten, die nicht durch Familienzugehörigkeit rekrutiert wurden.Eileen Barker: Perspective: What Are We Studying? In: Nova Religio. Band 8, Heft 1, 2004 S. 88–102 (englisch). Die Religionszugehörigkeit ist untypisch in der sozialen Umgebung. Mitglieder gehören bestimmten sozialen Gruppen an, häufig der oberen Mittelschicht.Eileen Barker: New religious movements: A practical introduction. Her Majesty’s Stationery Office, London 1989, S. 10–11 (englisch).Hubert Knoblauch: Das Unsichtbare Neue Zeitalter: ‘New Age’, Privatisierte Religion und Kultisches Milieu. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Band 41, 1989, S. 504–525, hier S. 517.Thomas Robbins: Cults, Converts and Charisma: The Sociology of New Religious Movements. In: Current Sociology. Band 36, 1988, S. 1–255, hier S. 4 (englisch). Oft gibt es eine charismatische Führungspersönlichkeit. Oft gibt es eine klarere Grenze zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern, als dies bei Mehrheitsreligionen der Fall ist. Häufig wechselnde Organisationsformen.David G. Bromley, Anson D. Shupe: Anti-Cultism in the United States: Origins, Ideology and Organizational Development. In: Social Compass 42, 1995, S. 221–236, hier S. 228. Wie der Name bereits andeutet, ist insbesondere eine im Vergleich zu etablierten Religionsgemeinschaften relativ kurze Geschichte, sowie eine Abweichung von tradierten Glaubenssystemen ein entscheidendes Wesensmerkmal der neuen religiösen Bewegungen. Gleichwohl finden sich – wie die folgende Übersicht zeigt – hier auch Strömungen mit längerer Tradition.
Lage in Deutschland Enquete-Kommission Die 1996 eingesetzte Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ des Deutschen Bundestages verzichtete auf den Begriff „Sekte“. Die Kommission Das deutsche Grundgesetz kennt nur religiöse Vereine, Religionsgesellschaften und Religionsgemeinschaften. Daher gibt es staatsrechtlich .Endbericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ (PDF; 6,5 MB). Deutscher Bundestag, Drucksache 13/10950, 9. Juni 1998, S. 4, 17 ff.
Rechtliche Situation Behandlungen, Therapien und Rituale, die nach Auffassung der Gerichte prinzipiell nicht geeignet sind, einen Schaden zu verursachen, bspw. Handauflegen, Pendelbehandlungen oder Geistheilung, machen keine speziellen rechtlichen Einschränkungen über das Gewerbe- und Vereinsrecht erforderlich, solange den Behandelten nicht von der Inanspruchnahme von Ärzten abgeraten wird.
In diesem Zusammenhang werden seit Längerem so genannte verpflichtende Schutzklauseln im Gesundheitssektor und öffentlicher Verwaltung diskutiert und von privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen vereinzelt auch schon angewandt. Diese zielen darauf, dass der Unterzeichnende erklärt, Gedankengut einzelner oder mehrerer Gruppen abzulehnen, um im Fall eines Verstoßes entsprechend der vorgesehenen Vertragsstrafe belangt zu werden. Manche dieser Formulierungen zielen auf bestimmte Organisationen wie Scientology.
Siehe auch
religiöse Sondergemeinschaft (christlich) soziale Bewegung (kollektiver Akteur) Neue Religionen in Japan Liste neuer religiöser Bewegungen
Literatur
Dominic Akyel: Neue religiöse Bewegungen und Gewalt: Erklärungsansätze zur Dynamik gewaltsamer Eskalationsprozesse. Diplomarbeit FU-Berlin 2006. Diplomica, Hamburg 2007, ISBN 978-3-8366-5326-8. Peter Clarke: Encyclopedia of New Religious Movements. Routledge, 2005, ISBN 0-415-26707-2 (englisch). Douglas E. Cowan, David G. Bromley: Neureligionen und ihre Kulte. Insel, Frankfurt/M. 2010, ISBN 978-3-458-71031-8 (Rezension bei H-Soz-u-Kult). Thomas Hase: Streitfall Neue Religionen. REMID-Tagung, Marburg, 27. bis 29. März 1998. In: Spirita. Band 12, Heft 1, 1998 S. 26–30 (online auf remid.de). Reinhard Hempelmann u. a.: Panorama der neuen Religiosität. 2. Auflage. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, ISBN 3-579-02320-9. Reinhard Hempelmann, Ulrich Dehn (Hrsg.): Dialog und Unterscheidung: Religionen und neue religiöse Bewegungen im Gespräch. Festschrift für Reinhart Hummel (= EZW-Texte. Band 151). Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin 2000 (PDF: 1 MB) auf ezw-berlin.de. James R. Lewis: New Religion Adherents: An Overview of Anglophone Census and Survey Data. In: Marburg Journal of Religion. Band 9, Heft 1, 2004 S. 1–17 (englisch; PDF: 148 kB auf uni-marburg.de).
Weblinks
Universität Leipzig: Dokumentationsstelle „Religiöser und weltanschaulicher Pluralismus in Deutschland“. (Material über die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland und im deutschsprachigen Ausland).
Einzelnachweise
Kategorie:Religionswissenschaft