Das Kloster Schlüchtern ist eine im Kern hochmittelalterliche ehemalige Benediktinerabtei in Schlüchtern im oberen Kinzigtal, vor dem südwestlichen Ende des Übergangs der Via Regia über den Mittelgebirgsrücken nach Fulda. Heute ist in dem Gebäude das Ulrich-von-Hutten-Gymnasium sowie die Kirchenmusikakademie der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck untergebracht, in deren Besitz das Kloster heute ist.

Geschichte

Mittelalter mini|Blick von Südwesten: Links Klausurgebäude, rechts Rest des Chors der Kirche

Die Abtei war der Heiligen Maria geweiht. Die älteste erhaltene Bausubstanz, eine Krypta, stammt aus frühkarolingischer Zeit und ist baulich mit Anlagen aus dem Umfeld des Klosters Fulda verwandt. Die Anfänge des Klosters liegen jenseits dieses baugeschichtlichen Befundes aber im Dunkeln.Nistahl, S. 63ff.

Urkundlich fassbar wird die Klostergeschichte ab dem Ende des 10. Jahrhunderts: 993 wurde das Kloster an das Bistum Würzburg übereignet. Dem liegt eine – allerdings damals gefälschte und auf das Jahr 788 datierte – Urkunde zugrunde. Seit einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Abt Bero, der daraufhin 1116 gehen musste, wählten die Konventualen ihren Abt selbst. 1213 wurde die Michaelskirche dem Kloster inkorporiert. Die Blüte des Klosters fällt ins 12. und 13. Jahrhundert. 1334 wurde das Kloster exkommuniziert, da es sich nach der doppelten Bischofswahl in Würzburg 1333 (Hermann II. Hummel von Lichtenberg gegen Otto II. von Wolfskeel) für ersteren entschieden hatte. Nachdem dieser aber schon 1335 gestorben war, befand sich das Kloster gegenüber dem verbliebenen Bischof Otto II. von Wolfskeel in einer schwierigen Situation. Er erkannte den 1335 vom Konvent gewählten Abt Hartmann II. nicht an. Dieser musste zurücktreten. Sein Nachfolger, Hermann I., kam aus dem Kloster Fulda und hatte große Schwierigkeiten, sich gegenüber dem Konvent durchzusetzen. 1344 ging er deshalb als Abt an die Benediktinerabtei St. Stephan in Würzburg.

Äbte hochkant=2|mini|Schlüchtern in der Topographia Hassiae von Matthäus Merian 1655. In der Mitte das Kloster. NameZeitAnmerkungAngaben nach Nistahl, S. 189ff.Sigizio1018–1029† 7. April 1029??unmittelbarer Nachfolger unbekanntEbo1099 genanntevtl. bis 1106Bero1106–11161116 geht er als Abt ins Kloster LambachWortwin1118 genannt??unmittelbarer Nachfolger unbekanntMangold1144–1160Ulrich I.1166, 1167 genanntWolbrandca. 1184–ca. 1192Belege unsicherJohann I.1192, 1196 genanntHugo1220, 1221 genanntDietrich I.1226 genanntWiegand1249 genanntUlrich II.1270 genannt„Oldarich“Konrad I.1274–1278Erster Abt, dessen Siegel überliefert ist.Heinrich1279 genanntnur eine NennungKonrad II.1282 genanntnur eine Nennung; † vor 1299Hartmann I.1299–1332Hartmann II. von Katzenbiß1335Rücktritt 1336, † 1347Hermann I. von Reith1336–13441344 zum Abt der Benediktinerabtei St. Stephan in Würzburg gewählt; † 1357Hartmann III.1345–1365Hermann II.1365Berthold1366–1369Wilhelm I. von Lauter1370–1398Dietrich II. von Faulhaber1398–1436Rücktritt; † 1443Johann II. Zollner1436–1456Johann III. von Gils1457–14701470 abgesetzt; † nach 1478Wilhelm II. von Lauter1470–1471Christian I. Heydloff1471–1498Christian II. Happ1498–1534Petrus Lotichius (Peter Lotz)1534–1567führte eine Reformordnung ein, letzter katholischer AbtSiegfried Hettenus1567–1585evangelisch, verheiratetNikolaus I. Daniel genannt Schönbub1585–1592evangelischJohann IV. Wankel1592–1609evangelisch

Vogtei Die Vogtei über das Kloster wurde von einer Reihe von regionaler adeliger Familien wahrgenommen, deren letzte, Hanau, im 15. und 16. Jahrhundert diese Institution allmählich in die eigene Landesherrschaft eingliederte.

Zeitraum Haus Anmerkungen vor 1099 unbekannt   1099 von Grumbach-RothenfelsDie letzte Erbin derer von Grumbach-Rothenfels war mit Ludwig III. von Rieneck(-Rothenfels) verheiratet. Ersterwähnung 1099   Trimbergisches GerichtNördliche Hälfte der Vogtei und das südlich von Schlüchtern gelegene Dorf Niederzell. Südliche HälfteGebiet südlich der Kinzig ohne das Dorf Niederzell. 1243/1245 von Trimberg von Steckelberg-Brandenstein Aus politischen Gründen kommen zunächst die Erben derer von Grumbach, die Grafen von Rieneck-Rothenfels, nicht zum Zug. 1303 von Trimberg von Küchenmeister verpfändet. 1307 von Trimberg von Rieneck-Rothenfels Die Erben derer von Grumbach kommen damit doch noch zum Zug. 1316 von Trimberg von Hanau Der letzte der Linie Rieneck-Rothenfels verkauft an Hanau 1366 von Hanau von Hanau Der letzte der Linie Trimberg verpfändet an Hanau 1371 Trimberg verkauft an von Hoelin von Hanau Der letzte der Linie Trimberg verkauft an die von Hoelin 1377 von Hanau Hoelin verkauft an Hanau um 1500 von Hanau Die Vogtei geht in der Landesherrschaft der Grafen von Hanau auf.

Landesherrschaft Hanau mini|hochkant|Westfassade des ehemaligen Benediktinerklosters 1316 kaufte Ulrich II. von Hanau die Hälfte des Gerichts Schlüchtern, zu dem auch die Vogtei über das Kloster gehörte, von den Grafen von Rieneck. Rechtlich handelte es sich um ein Lehen des Bischofs von Würzburg, der diesem Verkauf zustimmte. Bis zur Wahl des Abtes Wilhelm I. im Jahr 1370 war die Ernennung des Abtes im Kloster Schlüchtern von zwei Faktoren abhängig: In vielen Fällen war eine Wahl durch den Konvent des Klosters nachgewiesen und die Einsetzung durch den Bischof von Würzburg war erforderlich, ein Einfluss des Vogtes nicht nachweisbar.

Die zweite Hälfte des Gerichts und der Vogtei Schlüchtern erhielt Hanau 1377 im Tausch gegen die Burg „Büttert“. Damit hatte Hanau nun die gesamte Vogtei inne. Gleichzeitig verschuldete sich das Kloster immer stärker, ein Phänomen, das sich beim Übergang von der Naturalwirtschaft auf die Geldwirtschaft auch bei vielen anderen Großgrundbesitzern dieser Zeit einstellte. Bei kirchlichen Institutionen kam hinzu, dass ihr wirtschaftlicher Niedergang mit einer Verweltlichung der Konventualen einherging und die Kirche insgesamt in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten ließ, die letztlich in die Reformation führte. Im Kloster Schlüchtern führte diese Krise zu einem heftigen Streit zwischen dem Konvent und dem Abt darüber, welche Einkünfte dem Konvent insgesamt, welche dem Abt alleine zustanden. 1413 war der Streit unter Abt Dietrich II. so weit eskaliert, dass beide Parteien Hilfe und Schlichtung von außen suchten, beim Diözesanbischof in Würzburg, Johann II. von Brunn, und dem Vogt, Reinhard II. von Hanau. Die Schlichtung war nicht dauerhaft erfolgreich. In den 1430er Jahren flammte der Konflikt erneut auf und dem Abt wurde nun auch vorgeworfen, seine religiösen Pflichten zu vernachlässigen. Auf Druck des inzwischen zum Grafen aufgestiegenen Reinhard II. musste Dietrich II. 1436 zurücktreten. Der Graf präsentierte dem Bischof auch gleich einen Nachfolger: Abt Johann II. Seit dieser Zeit beeinflusste der Vogt die Nachfolge des Abtes.

Auf die Wahl des folgenden Abts, Johann III., übte Graf Philipp I. von Hanau-Münzenberg 1457 massiven Einfluss aus. Wahrscheinlich wurde der Abt – wie bisher üblich – vom Konvent gewählt, aber er musste anschließend dem Grafen bestätigen, dass er durch dessen Einfluss Abt geworden sei und ihm umfangreiche Kontrollrechte über das Kloster einräumen. Dagegen erhob der Bischof von Würzburg keine Einwände und bestätigte Johann III. in seinem Amt.

Zehn Jahre später befand sich das Kloster in Aufruhr: Prior und Konvent befanden sich in entschiedener Opposition zu ihrem Abt, dem Verschwendung und weltlicher Lebenswandel vorgeworfen wurden. Der Streit eskalierte: Vor der Kurie in Rom wurde prozessiert, der Graf und der Bischof von Würzburg versuchten vergeblich zu schlichten. Schließlich setzte Graf Philipp I. den Abt am 22. Oktober 1470 ab. Die Wahl des Nachfolgers, Christian I., fand dann vermutlich auch unter massivem Einfluss des Hanauer Grafen statt, obwohl dazu keine Belege vorhanden sind. Für die Wahl von dessen Nachfolger Christian II. im Jahr 1498 ist die Anwesenheit von Gesandten des Grafen von Hanau belegt.

Auch bei der nächsten Wahl, bei der Petrus Lotichius (Peter Lotz) in das Amt kam, fehlen die direkten Belege des Hanauer Einflusses. Dieser Abt führte eine Reformordnung für das Kloster ein, die in Teilen mit Ideen der Reformation und des Humanismus übereinstimmen. Einen förmlichen Übertritt zum lutherischen Bekenntnis gibt es aber nicht, Lotichius ist somit als letzter katholischer Abt des Klosters zu sehen. Die nächsten beiden Äbte, Siegfried Hettenus (1567–1585) und Nikolaus I. (1585–1592) waren evangelisch und mussten bei Amtsantritt dem Hanauer Grafen ein Treuegelöbnis leisten. Dem letzten Abt, Johann IV. verbot die Vormundschaft des noch minderjährigen Grafen Philipp Ludwig II., ein eigenes Siegel zu führen: Er war damit zu einem Hanauer Beamten geworden, das Kloster der Landesherrschaft eingegliedert.Nistahl, S. 193–201.

Nach dem Tod Johann IV. 1609 bewarb sich Melchior Goldast bei Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg um die Stelle des Abtes. Der Graf verfolgte aber eine streng reformierte Kirchenpolitik, sodass ihm die Fortführung eines Klosters nicht opportun erschien. Er besetzte die Stelle nicht wieder, verlieh Melchior Goldast jedoch den Titel eines Rates ehrenhalber.Nistahl, S. 201.

Neuzeit Im Bauernkrieg 1525 war das Kloster zeitweise verlassen. Ab 1540 wurde – wie in der ganzen Grafschaft Hanau – auch in Schlüchtern allmählich die Reformation eingeführt. Erstes äußerliches Anzeichen dafür war die Heirat des Konventualen Johannes Widmann (Salicetus) mit der Schlüchterner Bürgerstochter Elisabeth Nothacker. Er musste daraufhin noch das Kloster verlassen, wurde aber Pfarrer in Windecken, eine Stelle, die er bis zu seinem Tod 1555 bekleidete.Max Aschkewitz: Pfarrergeschichte des Sprengels Hanau („Hanauer Union“) bis 1986. Teil 1 (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. 33). Marburg 1984, S. 352. Die klösterliche Verfassung wurde aber bis 1609 aufrechterhalten und das Kloster als Lateinschule weiter betrieben.

Die Eigenschaft als Würzburger Lehen führte nach der Reformation zu Spannungen zwischen der Grafschaft und dem Bistum Würzburg. Ein langjähriger Prozess vor dem Reichskammergericht dauerte von 1571 bis 1624 und endete mit einem Restitutionsmandat zugunsten Würzburgs. 1628–1631 waren Kloster und Amt Schlüchtern deshalb von Würzburg besetzt, 1631–1637 wieder von Hanau und ab 1637 erneut von Würzburg. 1656 kam es zu einem Vergleich, bei dem Hanau sich in Schlüchtern gegen Würzburg durchsetzte und dem Bistum dafür Orb überließ.Dersch. Schon zuvor hatte Hanau das Kloster nach und nach seiner Landesherrschaft einverleibt. Seit der Wahl des Abtes Johann III. 1457 leisteten die Äbte bei Amtsantritt einen Treueeid auf den Grafen von Hanau-Münzenberg. Der letzte Abt des Klosters, Johann IV., wurde dann 1592 sogar ohne eine Wahl durch den Landesherren ernannt. Genutzt wurde das Kloster in nachreformatorischer Zeit als Gymnasium.

Mit dem Tod des letzten Hanauer Grafen, Johann Reinhard III., fiel das Amt – zusammen mit der ganzen Grafschaft Hanau und auch dem Kloster – an die Landgrafschaft Hessen-Kassel, deren Regent im Jahre 1803 zum Kurfürsten erhoben wurde. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) wurde die Klosterkirche zerstört, 1820 deren Chor abgebrochen. Das Gymnasium, das die Gebäude des Klosters genutzt hatte, fiel der Schulreform von Großherzog Karl Theodor von Dalberg 1812 zum Opfer, zu dessen Territorium, dem Großherzogtum Frankfurt, Schlüchtern 1810 bis 1813 gehörte.Ralf Schumacher: Die politische Integration des Fürstentums Hanau in das Grossherzogtum Frankfurt. In: Hanauer Geschichtsverein 1844 e. V.: Hanau in der Epoche Napoleons (= Hanauer Geschichtsblätter. 47). Hanau ca. 2015, , S. 164. 1836 wurde staatlicherseits in die Anlage ein Lehrerseminar eingebaut, bei weitgehender Überformung der mittelalterlichen Bausubstanz.

Baugeschichte Karolingische Zeit hochkant|mini|Vermauerter Schluss der verkürzten romanischen Kryptahochkant|mini|Andreaskapelle