Hans Hermann Joseph Plischke (* 12. Februar 1890 in Eilenburg; † 28. April 1972 in Göttingen) war deutscher Ethnologe und von 1934 bis Januar 1946 und von 1949 bis 1959 Professor und Direktor des Instituts für Völkerkunde in Göttingen. Von 1933 bis 1945 war er Mitglied der NSDAP und des NS-Lehrer- und Dozentenbundes.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag, S. 465.
Leben Kindheit und Jugend Am 12. Februar 1890 wurde Hans Plischke in Eilenburg, Sachsen, als Sohn des Büro- und Bürgervorstehers sowie Landwirtes Max Plischke und Elisabeth Plischke (geb. Sieg) geboren.Renate Kulick-Aldag: Die Göttinger Völkerkunde und der Nationalsozialismus zwischen 1925 und 1950. LIT Verlag, Berlin 2000, S. 52. In seiner Geburtsstadt besuchte er sowohl die Bürgerschule als auch das Realgymnasium, welches später zum Reformrealgymnasium beziehungsweise zur Oberschule Eilenburg umbenannt wurde.
Studium Im Sommersemester 1910 begann Plischke zu studieren. Er war in den Universitäten München, Göttingen und Leipzig in den Fächern Völkerkunde, Volkskunde und Anthropologie sowie in unterschiedlichen Naturwissenschaften immatrikuliert. Er promovierte bei Karl Weule an der Universität Leipzig im Januar 1914. Sein Thema war Die Sage vom Wilden Heere im deutschen Volke. Während dieser Zeit bildete er sich im Leipziger Museum für Völkerkunde zum Museumsethnographen weiter und wurde anschließend von seinem Doktorvater Weule an das neu gegründete Staatliche Forschungsinstitut für Völkerkunde in Leipzig vermittelt. Dort arbeitete er ab dem Herbst 1914 als Assistent. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde seine wissenschaftliche Karriere unterbrochen. Er wurde 1917 mit einer militärischen Abteilung nach Rumänien gebracht, wo er versuchte ethnographische Arbeiten anzufertigen. Diese blieben allerdings ohne Ergebnisse. Ab 1918 arbeitete er erneut als Assistent im Leipziger Forschungsinstitut für Völkerkunde und begann ab 1919 ein Ethnographisches Seminar in der Leipziger Universität zu halten. Im Anschluss erhielt er dort 1920 eine planmäßige Assistentenstelle.Renate Kulick-Aldag, in: Bernhard Streck: Ethnologie und Nationalsozialismus. Verlag Escher, Gehren 2000, S. 104. Im gleichen Jahr heiratete Plischke die Diplom-Handelslehrerin Eleonore Sieg. Vier Jahre später, 1924, habilitierte sich Plischke an der philosophischen Fakultät der Leipziger Universität. Sein Thema war Das Abendland und die Völker des Stillen Ozeans – Ein Beitrag zur Geschichte der Völkerkunde. Mit dem Spezialgebiet Südsee wurde ihm im Mai 1924 die Venia Legendi für Völkerkunde erteilt.
1925–1932 1925 wurde Plischkes erster Sohn Hermann geboren, der später als Verlagskaufmann arbeitete. Insgesamt hatte Hans Plischke vier Kinder, von denen zwei aber schon sehr früh starben. Seine Karriere wurde währenddessen durch seinen Leipziger Doktorvater Weule gefördert. Dieser empfahl ihn aufgrund mangelnder Karrierechancen in Leipzig nach Göttingen weiter. Als junger Privatdozent hinterließ Plischke bei seinem ersten Besuch 1925 in Göttingen einen guten Eindruck. Aufgrund desolater Staatsfinanzen war aber die Finanzierung seiner Stelle nicht gewährleistet, und erst zum Sommersemester 1928 konnte er einen Lehrauftrag in Völkerkunde aufnehmen. Zwischenzeitlich hatte Hans Plischke schon bezweifelt, dass das preußische Kulturministerium Interesse an völkerkundlicher Wissenschaft hat.
Somit zog er mit seiner Familie nach Göttingen. Dort sollte er die ethnografische Sammlung erschließen, erweitern und verstärkt in die Lehre einbinden. Plischke wurde 1929 außerordentlicher Professor. Anfangs war seine Lehrstelle noch der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät angegliedert, aber schon 1932 wurde Völkerkunde ein eigenständiges Hauptfach der philosophischen Fakultät.Karl Arndt (et al.): Göttinger Gelehrte. Die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen in Bildnissen und Würdigungen 1751–2001. Wallstein Verlag, Göttingen 2001, S. 464. Zu Plischkes Zufriedenheit nahm die Zahl der Studenten zu, so dass 130 bis 150 Teilnehmer während seiner Vorlesungen gezählt werden konnten. Sein zweiter Sohn Heinz wurde im Jahr 1932 geboren. Der spätere Druckerei-Ingenieur blieb das letzte Kind der Plischkes.
Politisches Engagement und Arbeit im Nationalsozialismus Hans Plischke trat zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.374.608).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/32680850 Zuvor war er Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei gewesen. Er unterzeichnete am 11. November 1933 das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. Als die Nationalsozialistische Dozentenschaft gegründet wurde, ließ er sich zum Leiter des wissenschaftlichen Amtes ernennen. Zu seinen Aufgaben gehörte es, eine dem NS-Regime hörige Wissenschaft zu etablieren und das wissenschaftliche Leben an der Universität zu organisieren. Dozierende wurden von ihm registriert und an eine Zentrale in Berlin gemeldet, wo sie in der nationalsozialistischen Ideologie weitergebildet wurden. In der NSDAP fungierte er als Gutachter für die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutz des NS-Schrifttums. Hans Plischke leitete in der Göttinger Akademie der Wissenschaften den Bereich Völkerkunde im Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften.Kersten Thieler: „[…] des Tragens eines deutschen akademischen Grades unwürdig.“ Die Entziehung von Doktortiteln an der Georg-August-Universität Göttingen im „Dritten Reich“. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Göttingen 2004, S. 14. Darüber hinaus war er von 1933 bis 1939 förderndes Mitglied der SS, Mitglied der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und des NS-Lehrerbundes.Renate Kulick-Aldag, in: Bernhard Streck: Ethnologie und Nationalsozialismus. Verlag Escher, Gehren 2000, S. 106. Er wurde zu den politisch aktivsten Dozenten gezählt.Renate Kulick-Aldag: Die Göttinger Völkerkunde und der Nationalsozialismus zwischen 1925 und 1950. LIT Verlag, Berlin 2000, S. 53.
An der Göttinger Universität baute er weiterhin sein Seminar zur Völkerkunde aus und erweiterte die ethnografische Sammlung. So gelang es ihm 1933, dass seine informelle Leitung der ethnografischen Sammlung vom Kultusministerium anerkannt wurde und er nun offiziell zum Direktor ernannt wurde. 1935 wurde er schließlich zum ordentlichen Professor und Ordinarius für Völkerkunde berufen. Von November 1934 bis zum Oktober 1935 war er außerdem Dekan der Philosophischen Fakultät in Göttingen. In dieser Funktion war er u. a. daran beteiligt, die vorzeitige Emeritierung von Kollegen zu betreiben, wie beispielsweise des Anglistik-Ordinarius Hans Hecht.Uta Schäfer-Richter, Jörg Klein: Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933–1945. Ein Gedenkbuch. Göttingen, Hann. Münden, Duderstadt. Wallstein-Verlag, Göttingen 1992. ISBN 978-3892440482. Darüber hinaus engagierte er sich als Leiter der Pressestelle der Universität. Im Dezember 1936 weihte Plischke am damaligen Adolf-Hitler-Platz, dem heutigen Theaterplatz, das neue Völkerkunde-Museum ein, welches auch als Institutsgebäude diente. In seiner Ansprache zur Einweihung lobte er die Machtergreifung der Nationalsozialisten, da so die Gründung des Museums möglich geworden wäre. Allerdings wurden die Baukosten von der Fritz-Behrens-Stiftung aus Hannover übernommen. Das Museum, welches im Volksmund Plischkeum genannt wurde, wurde schon in den ersten 16 Monaten von 20.000 Menschen besucht.Renate Kulick-Aldag, in: Bernhard Streck: Ethnologie und Nationalsozialismus. Verlag Escher, Gehren 2000, S. 105. Bis zum Kriegsbeginn im September 1939 war Plischke bemüht die Sammlung zu erweitern. Darüber hinaus nutzte er die Kriegslage aus, um Sammlungen, unter anderem aus dem besetzten Lodz in Westpolen, zu erwerben. Plischke brachte auch ausländische, ethnologische Literatur aus den besetzten Nachbarländern nach Göttingen und nahm völkerkundliche Sammlungen aus Frankreich an, die ihm von deutschen Soldaten angeboten wurden. Allerdings blieb das Völkerkunde-Museum während des Krieges geschlossen.
Der Lehrbetrieb an der Göttinger Universität wurde aber fortgeführt. So gelang es ihm im Sommersemester 1940, zum Vertreter des Prorektors und zum Mitglied des Senats der Universität ernannt zu werden. Außerdem wurde er Vertreter des Prodekans der Philosophischen Fakultät. Schon vom Trimester 1941 bis zum Sommersemester des gleichen Jahres war er geschäftsführender Rektor. Im November 1941 wurde er dann zum Rektor der Universität Göttingen und blieb dies bis zum September 1943. Im Sommersemester des folgenden Jahres fungierte er als Prorektor und Mitglied der Geschäftskommission der Akademie der Wissenschaften.Renate Kulick-Aldag: Die Göttinger Völkerkunde und der Nationalsozialismus zwischen 1925 und 1950. LIT Verlag, Berlin 2000, S. 54. Mit dem Kriegsende im Mai 1945 wurde auch das völkerkundliche Institut der Göttinger Universität geschlossen. Plischke arbeitete trotzdem weiter an der Vergrößerung der ethnografischen Sammlung.
Entlastung und Arbeit nach 1945 Sein Engagement, die völkerkundliche Sammlung auch nach dem Krieg, unter Ausnutzung der prekären wirtschaftlichen Lage in Deutschland, auszubauen, scheiterte, als er am 24. Januar 1946 als politisch unerwünschte Person vom Dienst suspendiert wurde. Plischke wurde vom Untersuchungsausschuss für den Lehrkörper der Universität und dem Hauptausschuss der Stadt Göttingen in die Kategorie Aktivisten, Militaristen und Nutznießer eingeteilt.Renate Kulick-Aldag: Die Göttinger Völkerkunde und der Nationalsozialismus zwischen 1925 und 1950. LIT Verlag, Berlin 2000, S. 73. Doch schon im November 1947 wurde er durch die Militärregierung als Minderbelasteter eingestuft. Plischke erhob gegen die Einschätzung des Hauptausschusses der Stadt mehrfach Einspruch, bis sich diese auch der Militärregierung anschloss. Dieses Ergebnis schloss eine Lehrtätigkeit aus und auch die Unterordnung von Personal war so verboten.
Im Februar 1948 wurde nach erneuter Berufung das Urteil so modifiziert, dass er weiter wissenschaftlich arbeiten und publizieren durfte und darüber hinaus auch 50 Prozent seiner Pension erhalten sollte. Ein Formfehler führte dazu, dass Plischke erneut Berufung einlegen konnte und so schließlich am 28. September 1948 durch den Entnazifizierungs-Ausschuss der Stadt in die Kategorie Entlastete eingestuft wurde.