Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., kurz auch Volksbund genannt, wurde am 16. Dezember 1919 gegründet und ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein mit humanitärem Auftrag. Er erhält und betreut Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft (Kriegsgräberstätten) im Ausland, hilft Angehörigen bei der Gräbersuche und entwickelt die Kriegsgräberstätten weiter zu Lernorten der Geschichte.

Die Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Inland werden nach den Bestimmungen des Gräbergesetzes finanziert und erhalten.

Kriegsgräberstätten für alle Opfergruppen Die Kriegsgräberstätten umfassen seit den 1960er-Jahren Ruhe- und Gedenkstätten für alle Opfergruppen: Soldaten, Bombenopfer, Opfer der Schoah und weitere Verfolgte.Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. (Hrsg.): Frieden, Vertrauen und Versöhnung. Reden zum Volkstrauertag 2016. Kassel 2017, ISBN 978-3-9817711-4-5. Wolfgang Schneiderhan: Begrüßung, S. 16.Loretana de Libero: Erinnern bedeutet auch laut und deutlich zu widersprechen. In: Frieden braucht Mut: 100 Jahre Volksbund. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Kassel 2020, S. 48. Der Volksbund pflegt die Gräber von über 2,7 Millionen Kriegstoten des Ersten und Zweiten Weltkriegs auf 832 Friedhöfen in 46 Ländern. Zu den Kriegsgräbern gehören auch die Seekriegsgräber mit folgenden auf See gebliebenen Seekriegstoten: Marineangehörige, auf See gebliebene Flugzeugbesatzungen, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene, zivile Flüchtlinge und Besatzungen von Handels- und Passagierschiffen.Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorg e. V., Informationen aus dem Landesverband Hamburg: „Verbandsarbeit in Zeiten von Corona“. Faltblatt vom 2. Juni 2021. Ferner werden Friedhöfe und Denkmäler der deutschen Kolonialzeit, des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 sowie der deutsch-dänischen Kriege, also der Schleswig-Holsteinischen Erhebung von 1848–51 und des Deutsch-Dänischen Kriegs von 1864, gepflegt.

Geschichte mini|Anfänge: Gedenkfeier im Reichstag 1932

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen Die damalige Reichsregierung war weder politisch noch wirtschaftlich in der Lage, sich um die Gräber der Gefallenen im Ausland zu kümmern. Heimkehrende Soldaten, Hinterbliebene der Opfer und andere Bürger suchten nach Wegen, um diesen von vielen als unerträglich empfundenen Zustand zu ändern.

Rahmenbedingungen durch den Versailler Vertrag Um die Kriegsgräber des Ersten Weltkriegs und teilweise danach kümmerte sich das Zentrale Nachweisamt für Kriegsverluste und Kriegsgräber.Armin Jäger: „Frieden ist ein sehr verletzliches Gut.“ In: Frieden braucht Mut: 100 Jahre Volksbund. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Kassel 2020, S. 103. Am 16. Dezember 1919 wurde der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. gegründet unter Berufung auf Artikel 225 des Vertrages von Versailles vom 28. Juni 1919. Der Versailler Vertrag bestimmte, dass sich jeder Staat, unabhängig von der Nationalität der Toten, um alle Kriegsgräber auf seinem Gebiet kümmern sollte. Dem deutschen Staat war daher die Pflege deutscher Kriegsgräber in anderen Staaten verwehrt. So übernahm der Volksbund als privater Verein mit Billigung der Regierung die Pflege deutscher Kriegsgräber im Ausland.Loretana de Libero: Erinnern bedeutet auch, laut und deutlich zu widersprechen. In: Frieden braucht Mut: 100 Jahre Volksbund. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Kassel 2020, S. 43.

Entstehen und Entwicklung in der frühen Weimarer Republik In Sorge um die Kriegsgräber im Ausland hatten sich in Deutschland bereits einige Organisationen gebildet, die sich um Grabpflege und Erteilung von Auskünften an Angehörige bemühten. So gab es in Bayern seit dem 14. September den „Deutschen Kriegsgräber-Schutzbund“, in Braunschweig den Verein zur Erforschung und Erhaltung Deutscher Kriegsgräber e. V., in Salzwedel die „Deutsche Kriegsgräber-Interessenten-Vereinigung“ und in Hagen (Westfalen) den „Bund Heimatdank“.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs beschlossen am 10. September 1919 acht Männer in Berlin die Gründung einer deutschen Kriegsgräberorganisation. Unter ihnen waren der Architekt Heinrich Straumer, der bereits gegen Ende des Krieges in der Gräberbetreuung tätig gewesen war, und Siegfried Emmo Eulen, der während des Krieges in Polen und in der Türkei die Errichtung und Betreuung von Kriegsgräberstätten organisiert hatte. Der Verein wurde im Januar 1920 ins Vereinsregister eingetragen.Armin Jäger: Frieden ist ein sehr verletzliches Gut. In: Frieden braucht Mut: 100 Jahre Volksbund. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Kassel 2020, S. 103. Erster Präsident war Oberst a. D. Joseph Koeth (bis 1923). Am 23. August 1919 hatte Eulen den Entwurf für die Statuten einer „Internationalen Kriegsgräberfürsorge“ verfasst. Als ihr Sitz war Genf vorgesehen, um eine enge Zusammenarbeit mit dem Völkerbund zu ermöglichen. Diese Pläne wurden jedoch nicht verwirklicht.

Der Volksbund wurde unterstützt durch Parteien, Wirtschaft, Militär, Gewerkschaften, Rotes Kreuz, Caritasverband, christliche und jüdische Gemeinden. Konrad Adenauer, Walther Rathenau, Max Liebermann und Fritz Schumacher unterstützten den Volksbund.Oktavia Christ: 100 Jahre Volksbund. Senatsempfang im Hamburger Rathaus, Freitag, 9. August 2019, 11 bis 13 Uhr. Handout.

1921 gab es 300 Ortsgruppen und 30.000 Mitglieder. Zum 10-jährigen Bestehen 1929 war die Zahl der Mitglieder auf 133.033 gestiegen.

Zeit des Nationalsozialismus Gleich zum Beginn der Machtübernahme der NSDAP versuchte der Verein durch Lobbying bei der Reichsregierung einen gesetzlichen Schutz des Volkstrauertages durchzusetzen. Dies stieß auf reges Interesse. So berichtete Eulen nach einem Gespräch mit Adolf Hitler, dass dieser „warmes Interesse für das Werk der Kriegsgräberfürsorge gezeigt“ habe. Des Weiteren warb Eulen für mehr Unterstützung von der Regierung für den Volkstrauertag. So berichtete er weiter:

1933 verabschiedete der Volksbund eine neue Satzung, die neben den Toten des Weltkrieges auch die sogenannten Blutzeugen des Nationalsozialismus sowie die Toten der Nachkriegskämpfe in die eigene Arbeit integrierte.Meinhold Lurz: Kriegerdenkmäler in Deutschland. Band 5: Drittes Reich. Heidelberg 1986, ISBN 3-88326-154-8, S. 72. Somit stellte sich der Volksbund ganz in den Dienst der nationalsozialistischen Heldenehrung. Im Rahmen der Gleichschaltung wurde Emmo Eulen dem Führerprinzip folgend zum Bundesführer. Durch direkte Intervention bei Goebbels erwirkte er 1934 die Umgestaltung des Volkstrauertags in den Heldengedenktag.Sabine Stamer: Vergessen über den Gräbern. In: Die Zeit vom 13. November 1987 (abgerufen am 31. Dezember 2019).

Der Volksbund blieb bestehen. Die Denkweise änderte sich vom Einstehen für den Frieden zum Opfergeist. Jüdische Mitglieder wurden hinausgedrängt. Der Volksbund war nur für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs zuständig. Für die Kriegstoten des Zweiten Weltkriegs waren die Wehrmachtsauskunftstelle und der Wehrmacht-Gräberdienst unter dem Oberkommando der Wehrmacht zuständig.Loretana de Libero: Erinnern bedeutet auch laut und deutlich zu widersprechen. In: Frieden braucht Mut: 100 Jahre Volksbund. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Kassel 2020, S. 44–45.

Während der Zeit des Nationalsozialismus stieg die Zahl der Mitglieder stark an: Ende 1934 gab es in 1.830 Ortsgruppen 151.110 Mitglieder, im Jahr 1936 4.747 Ortsgruppen mit 295.000 Mitgliedern und im Jahr 1943 993.572 Mitglieder. Der Volksbund profitierte während der 1930er Jahre von zahlreichen Großprojekten und errichtete sog. Totenburgen u. a. auf dem St. Annaberg in Oberschlesien und für die rund 4.000 in den Piaveschlachten gefallenen deutschen Soldaten in Quero, Norditalien.

Die Reichsgeschäftsstelle wurde bei einem Luftangriff auf Berlin am 15. Februar 1944 zerstört, der Volksbund 1945 aufgelöst und die Neugründung in der DDR verboten.

Bundesrepublik Deutschland In Oldenburg wurde 1946 eine provisorische Geschäftsstelle errichtet, in der Wilhelm Ahlhorn sich um den Wiederaufbau der Organisation bemühte. Auf Antrag des Bayerischen Staatsministeriums des Innern wurde der Volksbund am 4. September 1947 in der US-amerikanischen Besatzungszone zugelassen, die Geschäftsstelle im Mai 1948 nach Nienburg an der Weser verlegt. Ein Zusatzabkommen zum Genfer Abkommen sicherte nun das dauernde Ruherecht der Kriegstoten.Olav Teichert: Im Wandel der Zeitschrift. 90 Jahre Mitgliederzeitschrift des Volksbundes – 1921–1950. In: Stimme & Weg. 1/2011, S. 10–13. Im Mai 1951 wurde der Sitz von Nienburg nach Kassel verlegt. In den westlichen Besatzungszonen wurde der Verein mit der Erfassung und Pflege der Kriegsgräber im Inland beauftragt. 1952 wurde das „Gesetz über die Sorge für Kriegsgräber“ vom Bundestag verabschiedet. Für Kriegsgräber im Ausland ist seitdem der Volksbund zuständig, für Kriegsgräber im Inland die Bundesländer. Zunächst war nur die Tätigkeit in den westlichen Staaten möglich.Loretana de Libero: Erinnern bedeutet auch laut und deutlich zu widersprechen. In: Frieden braucht Mut: 100 Jahre Volksbund. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Kassel 2020, S. 46. Das Gräbergesetz von 1965 sieht in § 1 Abs. 2 Nr. 4 vor, dass nun Gräber von gefallenen Soldaten beider Weltkriege, Opfern nationalsozialistischer Gewaltmaßnahmen und ziviler Bombenopfer betreut werden.Armin Jäger: „Frieden ist ein sehr verletzliches Gut.“ In: Frieden braucht Mut: 100 Jahre Volksbund. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Kassel 2020, S. 107.

1956 wurden fast 600.000 Mitglieder geführt. 1958 hatte der Umbettungsdienst 117 deutsche und 150 ausländische Mitarbeiter. Ab 1966 betreute der Volksbund auch die Kriegsgräber des Ersten Weltkrieges und des Deutsch-Französischen Krieges von 1870 bis 1871.Im Wandel der Zeitschrift. 90 Jahre Mitgliederzeitschrift des Volksbundes – 1951–1966. In: Stimme & Weg. 2/2011, S. 12–13.

Wiedervereinigung Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden 1991 in den neuen Bundesländern fünf neue Landes- mit ihren Kreisverbänden gegründet. West- und Ost-Berlin wurden im Landesverband Berlin zusammengefasst. Die Mitgliederzahl in den Beitrittsländern liegt bei rund 13.000. Mitglieder werden über ihre toten Angehörigen informiert, Kommunen bei der Pflege der Kriegsgräber auf ihrem Gebiet beraten.Martin Dodenhoeft: Historisches Datum. Der Volksbund in den neuen Bundesländern. In: Stimme & Weg. 4/2011, S. 20–21.

Erst mit dem Fall des Eisernen Vorhanges wurde die Arbeit in den osteuropäischen Ländern offiziell möglich.

1995 betreute der Volksbund insgesamt 459 Friedhöfe mit 1,6 Millionen Kriegsgräbern in 34 Ländern.Im Wandel der Zeitschrift. In: Stimme & Weg. 4/2011, S. 14–15. 2019 waren es bereits 46 Länder und 832 Kriegsgräberstätten mit insgesamt 2,8 Millionen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft, die vom Volksbund betreut wurden.

Auch nach dem Russischen Überfall auf die Ukraine 2022 wurde in Russland und der Ukraine die Arbeit fortgesetzt. In Russland barg man im Jahr 2022 Gebeine von über 5000 deutschen Soldaten und in der Ukraine von etwa 1700 deutschen Soldaten. In zwei Fällen konnten die Gefallenen noch identifiziert werden. Auch beim Ausheben von Stellungen und Schützengräben in der Ukraine wurden Überreste von deutschen Soldaten gefunden.

Im September 2023 gab der Volksbund bekannt, bei Kelmė in Litauen den „einmillionsten Kriegstoten“ seit 1992 in Osteuropa geborgen zu haben, die Zählung sei allerdings „symbolisch“.

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