mini|Typisch für die Nordwestküstenkultur Nordamerikas sind die so genannten „Totempfähle“: plastische Darstellungen der Clan-Abzeichen mit politischen, sozialen und mythologischen Bedeutungen – jedoch keine Totems im religiösen Sinne

Totemismus ist ein ethnologischer (manchmal auch religionswissenschaftlicher) Überbegriff für verschiedene gesellschaftliche Konzepte oder Glaubensvorstellungen, bei denen Menschen eine mythisch-verwandtschaftliche Verbindung zu bestimmten Naturerscheinungen (Tiere, Pflanzen, Berge, Quellen u. v. m.) – den Totems – haben, denen als Symbole eine wichtige Bedeutung für die Identitäts­findung zukommt.Gerhard Kubik: Totemismus: ethnopsychologische Forschungsmaterialien und Interpretationen aus Ost- und Zentralafrika 1962–2002. (= Studien zur Ethnopsychologie und Ethnopsychoanalyse. Band 2). LIT Verlag, Münster 2004, ISBN 3-8258-6023-X, S. 4–9.

Der Begriff „Totem“ steht dabei für das Symbol entweder im Sinne eines profanen metaphorischen Namens oder Gruppenabzeichens – oder eines geheiligten Sinnbildes.Ditmar Brock: Leben in Gesellschaften: Von den Ursprüngen bis zu den alten Hochkulturen. 1. Auflage. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, ISBN 3-531-14927-X, S. 187. Demzufolge unterscheidet man im Totemismus sowohl soziale als auch religiöse Aspekte. Die Bedeutung der Totems ist von Kultur zu Kultur sehr unterschiedlich: Bei vielen Aborigines sind (beziehungsweise waren) es krafttragende spirituelle Abzeichen, die die Menschen mit der Umwelt und der Traumzeit verbinden und die mit heiligen Orten, Zeiten, Symbolen oder Handlungen verbunden werden. Bei vielen Ethnien anderer Kontinente werden Totems zwar magisch-mythologisch erklärt, sind jedoch im Alltag oft „nur“ profane Namen zur Klassifizierung und Wiedererkennung sozialer Gruppen in Anlehnung an die natürliche Ordnung und zur Erhaltung der kosmisch-verwandtschaftlichen Beziehungen.Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage. Reimer, Berlin 2005, S. 377–378. Dabei ist ein Totem psychologisch betrachtet in jeder Form deutlich „wirkungsvoller und tiefer gehend“ als jegliches moderne Erkennungszeichen. Die Zuordnung und/oder Verbindung „religiös oder sozial“ ist allerdings ein häufiges Streitthema unter Ethnologen, da eine scharfe Trennung in der Regel nicht möglich ist.Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 33ff.

Bei fast allen totemistischen Ideen sind zwei grundsätzliche Verbote verknüpft: Die „verwandten“ Naturobjekte dürfen weder getötet noch beschädigt oder gegessen werden (in Zeiten großer Not dürfen Totem-Tiere bei einigen Ethnien hingegen nur von Personen getötet werden, die diesem Totem angehören). Sexuelle Beziehungen innerhalb eines Totem-Clans unterliegen einem strengen Tabu.

Jede totemistische Vorstellung erweitert das Konzept der Verwandtschaft auf Naturzusammenhänge, um das Fremde und Bedrohliche in die Welt des Menschen zu integrieren.Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 172.Claude Lévi-Strauss: La pensée sauvage. 1962, deutsche Ausgabe: Das wilde Denken. Übersetzung von Hans Naumann. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968.

Diese „Verwandtschaft“ wird nicht im biologischen, sondern im rein mythologischen Sinn gesehen;Thomas Schweer: Stichwort Naturreligionen. Heyne, München 1995, ISBN 3-453-08181-1, S. 22. dabei jedoch je nach Ethnie sehr unterschiedlich interpretiert: Einige australische Aborigines und die südafrikanischen KhoisanMarkus Porsche-Ludwig, Jürgen Bellers (Hrsg.): Handbuch der Religionen der Welt. Bände 1 und 2, Traugott Bautz, Nordhausen 2012, ISBN 978-3-88309-727-5, S. 917. sehen im Totem zum Beispiel eine direkte gemeinsame Abstammung, während bei zentralafrikanischen Stämmen nur eine entfernte verwandtschaftliche Beziehung angenommen wird.Josef F. Thiel: Totem/Totemismus. In: Horst Balz, James K. Cameron, Stuart G. Hall, Brian L. Hebblethwaite, Wolfgang Janke, Hans-Joachim Klimkeit, Joachim Mehlhausen, Knut Schäferdiek, Henning Schröer, Gottfried Seebaß, Hermann Spieckermann, Günter Stemberger, Konrad Stock (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Band 33: Technik – Transzendenz. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2002, ISBN 3-11-019098-2, S. 683–686.

Totemistische Vorstellungen wurden weltweit beschrieben, vor allem bei denjenigen indigenen Völkern, die sich in verschiedene Abstammungsgruppen (Lineages) oder Clans gliedern.Marvin Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Aus dem Amerikanischen von Sylvia M. Schomburg-Scherff. Campus, Frankfurt / New York 1989, ISBN 3-593-33976-5, S. 292–293.

Aufgrund der wissenschaftlichen Unklarheiten bei religiös motivierten Vorstellungen, die zumeist den Einzelnen betreffen, betrachten viele moderne Ethnologen den Totemismus nur noch in seiner kollektiven Ausprägung, bei der das Totem als Symbol für die Zusammengehörigkeit von sozialen Gruppen steht (Gruppentotemismus).Dieter Haller u. Bernd Rodekohr: dtv-Atlas Ethnologie. 2. vollständig durchgesehene und korrigierte Auflage. 2010, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005, ISBN 3-423-03259-6, S. 235. Das Totem repräsentiert hier bestimmte wünschenswerte – oft vermenschlichte – Eigenschaften oder Verhaltensweisen der Tiere, Pflanzen oder anderen Naturobjekte, die auf diese Art und Weise in das kulturelle Verhaltensrepertoire übernommen werden. Oftmals ist schwer zu erkennen, ob ein Totem zu den schon vorhandenen Eigenheiten der Gruppe passend gewählt wurde; oder ob sich diese Eigenheiten erst im Laufe der Zeit durch die Auswahl des Totems und den Glauben an die mythische Verwandtschaft entwickelten.Birgit Recki (Hrsg.) Ernst Cassirer (Autor): Philosophie der symbolischen Formen: Zweiter Teil: Das mythische Denken. Band 2, Meiner Verlag, Hamburg 2010, ISBN 978-3-7873-1954-1, S. 218.

Totemistische Vorstellungen kommen heute noch vor allem im zentralen und südlichen Afrika bei einigen traditionellen Gesellschaften, bei einigen australischen und melanesischen Stämmen und bei nicht christianisierten naturnah lebenden Indigenen Mittel- und Südamerikas vor.

Etymologie und ursprüngliche Idee mini|Piktogramme der Anishinabe, von denen der Ausdruck „Totem“ stammt

Die unkorrekte Interpretation der Begriffe ototeman (Ojibwe-Sprache: blutsverwandte Geschwister) und nintotem (Familienabzeichen nach Tiernamen) der fünf Clans der Anishinabe (Ojibwa) Südost-Kanadas führte in Verbindung mit der Vorstellung persönlicher Schutzgeister in der frühen Völkerkunde zu der Idee, dass es sich bei einem Totem immer um ein spirituelles Geistwesen in Gestalt eines Tieres, einer Pflanze oder eines Minerales handele. Diese verfälschte Vorstellung wurde alsbald recht willkürlich kulturvergleichend auf ähnliche Phänomene bei anderen Völkern übertragen. In der Völkerkunde des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts entstand daraus die Idee eines weltweit verbreiteten Totemismus als „universaler Urreligion“ (→ auch: Animistische Religionstheorie). In dieser Tragweite gilt das Konzept des Totemismus heute als überholt.

Arten des Totemismus mini|Künstliche Kulthügel (Mounds) in Bärengestalt (Effigy Mounds National Monument, Iowa). Ein totemistischer Zusammenhang liegt nahe.

Totemistische Vorstellungen unterscheiden sich von Kultur zu Kultur beträchtlich und sind nach moderner Auffassung kein universelles religiöses oder soziales Phänomen der frühen Menschheitsentwicklung. Dies drückt sich deutlich in den vielfältigen Problemen aus, Totemismus klar zu definieren, abzugrenzen und zu untergliedern: Es handelt sich in erster Linie um ein künstliches, wissenschaftliches Konstrukt.

Man unterscheidet gemeinhin zwischen Individual-, Geschlechter- und Gruppentotemismus, je nachdem ob ein Individuum, eine Geschlechtergruppe oder eine ganze Sippe mit dem Totem in Beziehung steht. Die letztgenannte Form ist bei weitem die häufigste.Waldemar Stöhr: Lexikon der Völker und Kulturen. Westermann, Braunschweig 1972, ISBN 3-499-16160-5, S. 116.

Bereits diese Unterscheidung ist nicht immer einfach. So findet man in Nordamerika, Australien und Afrika Beispiele für Ethnien mit kollektivem und individuellem Totemismus.Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 168.

Wie bereits beschrieben ist auch eine Unterscheidung nach religiöser oder sozialer Bedeutung schwierig: In Polynesien oder bei den Yanomami besteht nahezu kein sozialer Aspekt, in Afrika sind soziale und religiöse Funktionen erkennbar und in Nordamerika liegt der Schwerpunkt fast überall auf der sozialen Bedeutung.Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 172–173.

Einige Autoren betonen, dass man die spirituellen Schutzgeistvorstellungen nicht isoliert vom Clan-Totemismus betrachten darf: Das eine wie das andere sei in der Mythologie verwurzelt und jede begriffliche Trennung damit künstlich.Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien: Totemismus: Institution oder Illusion?. In: Yumpu.com, Online-PDF-Dokument, abgerufen am 23. Januar 2015, S. 39–43.

Individual-Totemismus mini|Tjuringa-Schwirrholz der Aborigines mit aufgemaltem Totem

Persönlicher Totemismus ist weitgehend religiös motiviert, auch wenn dies nur bei wenigen Ethnien unstrittig ist:Karl R. Wernhart: Ethnische Religionen – Universale Elemente des Religiösen. Topos, Kevelaer 2004, ISBN 3-7867-8545-7, S. 102. Dabei handelt es sich in der Regel um die Vorstellung eines persönlichen Schutzgeistes in Gestalt eines Tieres. Ein klassisches Beispiel aus Australien sind die Arrernte: Nach ihrem Glauben empfängt man sein Totem von den Tjuringas des heiligen Ortes, an dem die Mutter vorbeikam, kurz bevor sie schwanger wurde. Ein Tjuringa ist in diesem Fall ein Steinobjekt eines Ahnen, in dem sich dessen Seele manifestiert hat. Bei vielen nordamerikanischen Prärie-Indianern erschien der persönliche Tiergeist bei der Visionssuche (Übergangsritus).Wolfgang Lindig: Geheimbünde und Männerbünde der Prärie- und der Waldlandindianer Nordamerikas: untersucht am Beispiel der Omaha und Irokesen. (= Studien zur Kulturkunde. Band 23). F. Steiner, Wiesbaden 1970, ISBN 3-515-00857-8, S. 36.

„Alter Ego-Doppelgängerseelen“ in Gestalt eines konkreten Tieres (seltener einer Pflanze) hingegen – wie bei den YanomamiAlcida Rita Ramos: Indigenism: Ethnic Politics in Brazil. University of Wisconsin Press, 1998, S. 192. oder den Völkern Mesoamerikas (→ Nagual) – behandeln viele Autoren nicht als totemistische Phänomene, sondern stellen sie in schamanistische beziehungsweise animistische Zusammenhänge.Claudia Müller-Ebeling u. Christian Rätsch: Tiere der Schamanen: Krafttiere, Totem und Tierverbündete. Auflage, AT Verlag, Aarau u. München 2011, ISBN 978-3-03800-524-7, S. 61. Alter Ego-Vorstellungen werden nur dann zu den totemistischen Konzepten gerechnet, wenn gleichzeitig eine direkte Abstammung von einem gemeinsamen Ahnen angenommen wird und entsprechende Tabus für sexuelle Kontakte mit Menschen desselben Totems bestehen. Bei den afrikanischen Kpelle beispielsweise straft das Alter Ego seinen Besitzer, sobald dieser eines der Totemverbote übertritt.Horst Südkamp: Kulturhistorische Studien. S. 162.

Totemistische Clans mini|Pass der Irokesen mit den neun totemistischen Clan-Symbolen des Stammes

Profan motivierte Gruppentotems dienen zur Klassifizierung und Wiedererkennung sozialer Gruppen in Anlehnung an die natürliche Ordnung und zur Stärkung der kosmisch-verwandtschaftlichen Beziehungen. So etwa bei den Maya-Volksgruppen im Hochland von Chiapas, bei denen bis heute jede Abstammungsgruppe den Namen eines Tieres, einer Pflanze oder eines Naturobjektes trägt. Die Clan-Mitglieder dürfen einander nicht heiraten und leben getrennt von anderen Clans. Der Clanname symbolisiert den gemeinsamen Vorfahren, an den zumeist keine konkrete Erinnerung mehr besteht.Wolfgang Lindig u. Mark Münzel (Hrsg.): Die Indianer. Band 2: Mark Münzel: Mittel- und Südamerika. 3. durchgesehene und erweiterte Auflage. der 1. Auflage von 1978, dtv, München 1985, ISBN 3-423-04435-7, S. 39–40.

Totemistische Clans sind: