miniatur|hochkant=1.2|Huldigungsschreiben der Jüdischen Gemeinde zu Magenza zur Feier der Wahl von Emmerich Joseph von Breidbach zu Bürresheim zum Mainzer Kurfürsten am 5. Juli 1763

Die Jüdische Gemeinde Mainz hatte im Hochmittelalter eine europaweite Bedeutung, wurde mehrfach vernichtet und entstand auch nach dem Holocaust neu.

Bis zum 11. Jahrhundert mini|Grabstein des Jakob ben Jakar

Die Ursprünge der jüdischen Gemeinde in Mainz sind nicht geklärt. Angenommen wird, dass Juden bereits zur Zeit des Römischen Reiches an den Mittelrhein gekommen sind. Ein Nachweis dieser Annahme liegt für Mainz bislang aber nicht vor.Schütz: Magenza, das jüdische Mainz, S. 679. Den ersten sicheren Nachweis einer jüdischen Gemeinde bezeugen rabbinische Rechtsgutachten aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, als in Mainz bereits eine blühende Gemeinde bestand. Im 10. Jahrhundert begann auch die Einwanderung jüdischer Familien aus Italien und aus dem südlichen Frankreich. Die Gemeinde in Mainz wurde zu einem bekannten Zentrum des aschkenasischen Judentums. Berühmtester Gelehrter jener Zeit war Gerschom ben Jehuda, um 960 in Metz geboren, wirkte in Mainz, wo er 1028 oder 1040 starb. Er gründete eine jüdische Hochschule (Jeschiwa) und festigte so ein von der Tradition babylonischer Religionsschulen unabhängiges Judentum. Simeon bar Isaac war Rabbiner und Leiter der Mainzer jüdischen Gemeinde.Stefan C. Reif, Andreas Lehnardt, Avriel Bar-Levav: Death in Jewish Life: Burial and Mourning Customs Among Jews of Europe and Nearby communities. de Gruyter, 2014, ISBN 978-3-11-033861-4

Die ältesten archäologischen Zeugnisse der jüdischen Gemeinde von Mainz stammen aus dem 11. Jahrhundert.

11. Jahrhundert 1093 wurde erstmals eine Synagoge erwähnt, die sich auf dem Eckgrundstück Schusterstraße/Stadthausstraße befand. Der älteste Grabstein auf dem Judensand, bis 1880 einziger jüdischer Friedhof in Mainz, datiert von 1049 und ist damit der älteste in Mitteleuropa.Dörrlamm: Magenza. S. 63. Das Wohngebiet der Juden lag damals am Rheinufer zwischen Fischtor und Karmeliterkirche. Dieses Wohnquartier war kein Ghetto, vielmehr waren die meisten Einwohner dort Nichtjuden. Dieses gemischte Wohnen verbot 1310 eine Synode.Schütz: Magenza, das jüdische Mainz, S. 680.

Die Führungsschicht der Mainzer Juden war vor allem im Fernhandel tätig. Von Mainz aus betrieben die Juden Handel mit Gewürzen, Seide, Pelzen und Metallwaren. Das jüdische Wohnquartier lag dafür günstig, denn südlich davon befand sich das Handelszentrum Am Brand, der wichtigste Marktplatz der Stadt für Waren, die mit dem Schiff kamen. Zudem bestand eine räumliche Nähe zum erzbischöflichen Hof. Dem Erzbischof und Kurfürst von Mainz war durch den König der Schutz der Juden übertragen. Die Juden waren auch im Kreditwesen tätig, woran die christliche Bevölkerung durch das Zinsverbot gehindert war. Innerhalb und außerhalb der Stadt besaßen Juden zudem Weinberge. Sie galten als frei und wehrhaft, durften nichtchristliche Sklaven halten sowie nach eigenem Recht leben, das sich bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts allerdings dem Recht der Nichtjuden anglich.Schütz: Magenza, das jüdische Mainz, S. 681.

Geleitet wurde die Gemeinde von Parnasim, Vorstehern, und Ältesten, die zusammen den Judenrat bildeten.

Die im Judenrecht geregelten Privilegien für jüdische Kaufleute waren schon im 11. Jahrhundert Gegenstand von Anfeindungen. 1012 kam es in Mainz zu einer ersten Vertreibung von Juden durch König Heinrich II.Tykocinski. 1084 kam es nach einem Brand im Judenviertel zu Auseinandersetzungen, die zu einer Flucht von Juden nach Speyer führte, wo der dortige Bischof, Rüdiger Huzmann, ihnen ein vorteilhaftes Privileg erteilte und damit die Stadtwerdung von Speyer förderte.

Pogrom von 1096 Das gravierendste Ereignis in der Geschichte der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Mainz stellt das Judenpogrom von 1096 dar, bei dem Erzbischof Ruthard mit dem ihm vom Kaiser aufgetragenen Judenschutz vollständig versagte.

In der jüdischen Liturgie wird der Opfer dieses Massakers unter dem Namen Gezerot Tatnu („Verfolgung des Jahres 4856“ [nach jüdischer Zeitrechnung]) gedacht.

Kaiser Heinrich IV. ermöglichte 1097 die Rückkehr der während des Pogroms Zwangsgetauften zu ihrem angestammten Glauben. Entgegen dem Eindruck, den die überlieferten Quellen zu erwecken versuchen, hatte wohl eine erhebliche Zahl von Juden ihr Leben gerettet, indem sie sich taufen ließ. Die jüdische Gemeinde bestand so weiter.Schütz: Magenza, das jüdische Mainz, S. 682.

Neuanfang 11. bis 14. Jahrhundert mini|Pogrome in Mitteleuropa 1348–1349

Zusammen mit den Gemeinden in Speyer und Worms bildete die Mainzer Gemeinde das Zentrum des aschkenasischen Judentums. Diese drei SchUM-Städte – Schpira (Speyer), Urmaisia (Worms) und Magenza (Mainz) – bildeten vom 12. bis zum 14. Jahrhundert einen Verbund, hatten gemeinsame Beratungsgremien und ab den 1220er Jahren ein gemeinsames Recht (Taqqanot Qehillot Šum) mit hoher Autorität im nördlichen Mitteleuropa. Magenza war die jiddische Bezeichnung für Mainz, die ebenfalls vom lateinischen Namen der Stadt Mogontiacum abgeleitet ist.Dörrlamm: Magenza. S. 11f.

Dem Kaiser oblag der Schutz der Juden, die dafür an ihn Steuern entrichteten, ein Recht, dass er in Mainz dem Erzbischof als kaiserliches Lehen verliehen hatte. Nach dem Erhalt der Stadtfreiheit 1244 ging das Recht 1295 auf die Stadt Mainz über.

Bei allen weiteren Kreuzzügen kam es zu Ausschreitungen gegen die Juden der Stadt, die jedoch nicht die Dimension des Pogroms von 1096 erreichten. Im 14. Jahrhundert verdichteten sich die antijüdischen Strömungen erneut. Am 28. August 1349 kam es in Mainz zu einem großen Pogrom, das nur wenige Juden überlebten und in dessen Folge Teile des Judenviertels abbrannten. Das hinterlassene Eigentum der Toten und der Flüchtlinge beschlagnahmte der Stadtrat.Schütz: Magenza, das jüdische Mainz, S. 683.

Erst 1356 kehrten wieder Juden in die Stadt zurück. Der Rat vermietete ihnen die von ihm unter der Bezeichnung „Judenerbe“ verwalteten Gebäude. Karl IV. stellte den Rückkehrern ein umfangreiches Schutzprivileg aus. Die Führung der jüdischen Gemeinde bestand nun im Unterschied zu früher aus dem Gemeinderabbiner und drei am Jahresbeginn gewählten Vorstehern.

Die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde waren in physischer und wirtschaftlicher Hinsicht ständig bedroht: Hohe Steuern, Schuldenerlasse zugunsten ihrer Gläubiger und wirtschaftliche Beschränkungen bedrohten ihr Wirtschaften. Dazu kam, dass die Gemeinde nur noch für die Geltungsdauer von durch den Rat der Stadt ausgestellten Schutzbriefen ein Bleiberecht hatte. Die älteste überlieferte Urkunde dieser Art stammt von 1365.

Vertreibungen im 15. Jahrhundert Im 15. Jahrhundert lockerte sich allmählich das bis dahin geltende Zinsverbot für Christen. In der Folge vertrieben viele Städte und Territorien ihre jüdische Bevölkerung, auf deren Dienste man nicht mehr angewiesen zu sein glaubte. In Mainz fiel dies in die Zeit der Auseinandersetzung zwischen Patriziern und Zünften, die um die Macht im Stadtrat kämpften. Der Sieg der Zünfte verschlechterte die Lage der Juden, da die Zünfte im Gegensatz zu den Patriziern judenfeindlich gesinnt waren.Schütz: Magenza, das jüdische Mainz, S. 684.

1438 ordnete der Stadtrat die Vertreibung der Juden bis zum 25. Juli 1438 an. Der Friedhof auf dem Judensand wurde geschändet, die Synagoge zum Kohlenlager umfunktioniert. Jedoch drückten die Stadt hohe Schulden, was den Rat 1444 veranlasste, die Juden wieder zurückzurufen. Der 25. Juli 1445 gilt als Tag der Wiederbegründung der Jüdischen Gemeinde von Mainz. Sie umfasste zu diesem Zeitpunkt zwischen 100 und 130 Personen, etwa 1,7 bis 1,9 % der Gesamtbevölkerung.

Da die Juden, wie viele andere Bürger während der Mainzer Stiftsfehde, Anhänger Diethers von Isenburg waren, wurden sie von Diethers Widerpart, Adolf II. von Nassau, nach dessen Sieg am 28. Oktober 1462 zusammen mit anderen Anhängern Diethers aus der Stadt verwiesen. 1463 holte Adolf II. sie wieder zurück, bevor er sie 1471 aus dem gesamten Kurstaat auswies. Das jüdische Vermögen wurde beschlagnahmt, die Synagoge wurde zu einer Kapelle umgewidmet.

Wiederaufleben der Gemeinde ab dem 16. Jahrhundert Die Vertreibungen bedeuteten allerdings nicht – wie früher angenommen – das vollständige Ende jüdischen Lebens in der Stadt. Aufzeichnungen aus der Amtszeit Erzbischof Bertholds von Henneberg (1484–1504) belegen, dass jüdische Bürger sich um die Mikwe kümmerten und durchreisende Juden beherbergten. Außerdem oblag ihnen die Beerdigung von Juden auf dem Judensand, womit nur kurmainzische Juden gemeint sein konnten.Schütz: Magenza, das jüdische Mainz, S. 685. Auch eine weitere Ausweisung aus dem Kurstaat, verfügt von Erzbischof Jakob von Liebenstein am 3. Juni 1507, belegt, das hier weiter Juden lebten.

1510 protestierte der neue Erzbischof Uriel von Gemmingen gegen das Vorgehen von Johannes Pfefferkorn, der auch in Mainz jüdische Bücher beschlagnahmen und verbrennen ließ. Kaiser Maximilian I. setzte eine Untersuchungskommission ein, und Uriel von Gemmingen wurde zum Vorsitzenden ernannt. Vor allem der in die Kommission berufene Johannes Reuchlin verurteilte das von den Dominikanern initiierte Unternehmen Pfefferkorns scharf und trat für einen verständnisvollen Umgang mit dem Judentum ein.

1517 nahm Erzbischof Albrecht von Brandenburg zahlreiche Juden im Erzstift auf. 1594 gab es in der Stadt wieder eine Synagoge, 1614 spricht ein Schätzungsbuch von sechs jüdischen Familien in der Stadt. Einen Rabbiner gab es damals nicht, weswegen die Juden sich in religiösen Fragen an die Rabbiner in Worms und Frankfurt am Main wandten. 1602 wurde den Mainzer Juden der Rabbiner in Bingen zugewiesen, 1630 wirkte erstmals wieder ein eigener Rabbiner in der Mainzer Gemeinde.

1639 wurde eine neue Synagoge in der Klarastraße, Ecke Stadionerhofstraße, eröffnet und bereits 1649 erweitert. 1644 gab es in der Stadt 40 jüdische Hausbesitzer und Mieter sowie 15 Untermieter, die in der Langgasse, der Bleiche, der Emmeranstraße, bei der Franziskanerkirche, in der Betzelstraße, am Schillerplatz, am Fischmarkt, bei der Christophskirche und am Karmeliterplatz wohnten.

Die Judenpolitik der Kurfürsten im 17. und 18. Jahrhundert Einen tiefen Einschnitt für das jüdische Leben stellt die Judenpolitik der Mainzer Kurfürsten ab dem 17. Jahrhundert dar. Nach Beschwerden von Krämern über die unliebsame Konkurrenz durch jüdische Händler wies der Mainzer Erzbischof und Landesherr Johann Philipp von Schönborn am 8. Dezember 1662 alle jüdischen Familien bis auf 20 aus der Stadt aus. Die verbliebenen Familien mussten in einem Ghetto wohnen, einer Gasse, die sie an Sonntagen zu verschließen hatten. In zünftigen Gewerben durften sie nicht tätig sein. Die Verfügung erwies sich als nicht durchsetzbar, weswegen der Kurfürst 1671 ein weiteres Dekret erließ, das die Zahl der Familien auf 10 begrenzte – eine Begrenzung, die wiederum fehlschlug. Daraufhin wies er ihnen die alte JudengasseDer Grund dieser aus dem 16. Jahrhundert stammenden Bezeichnung ist nicht geklärt. In der Judengasse lebten zuvor keine Juden (Schütz: Magenza, das jüdische Mainz, S. 686). in der Nähe des Armklarenklosters als Ghetto zu. Die Umsiedlung erfolgte im Zuge einer vom Erzbischof geplanten Stadterweiterung (Anlage des Bleichenviertels), die mit großen Erschließungsmaßnahmen und der Errichtung repräsentativer Gebäude einherging.Dörrlamm, Magenza, S. 22. Die Grundstücke wurden den Juden kostenlos überlassen, zudem räumte der Kurfürst ihnen – genau wie den Christen – Preisnachlässe bei Handwerkern und Baumaterial ein.Dörrlamm, Magenza, S. 68. Zu der dann „Vorderen Judengasse“ kam bald die Hintere Judengasse hinzu. In ihrer Mitte lag ab 1684 die neue, allerdings wenig repräsentativeSchütz: Magenza, das jüdische Mainz, S. 687. Synagoge. 1687 lebten etwa 250 Juden in Mainz, was etwa 1 % der Gesamtbevölkerung entsprach. 1717 wurde die Synagoge vergrößert.