mini|Vizeadmiral Nelson bespricht mit erhobener Hand seine „Planung der Schlacht“, einem Angriffsplan bei einem Treffen mit den Marine- und Zivilherren des Admiralitätsrats in London vor der Schlacht bei Trafalgar. (Film aus dem Jahr 1911; Nelson gespielt von Sydney Booth) Die Militärstrategie (kurz: Strategie) ist die Theorie und Praxis der umfassenden Vorbereitung der Streitkräfte eines Landes oder einer Koalition auf Kriegsführung. Sie umfasst die Führung und den Einsatz dieser Streitkräfte während des gesamten Kriegs sowie bei strategischen militärischen Handlungen, einschließlich einzelner strategischer und operativ-strategischer Operationen. Im erweiterten Sinne umfasst die strategische Planung auch die Vorbereitung des gesamten Landes für den Spannungs- oder Verteidigungsfall.Autorenkollektiv: Wörterbuch zur deutschen Militärgeschichte. A-Me, Mi – Z. 2., durchgesehene Auflage, Band 2, Berlin 1987, ISBN 3-327-00478-1, S. 417–430.Autorenkollektiv der Militärakademie „Friedrich Engels“, der Nationalen Volksarmee u. a.: Militärlexikon. (Hrsg.) Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik: 2. Auflage, Berlin 1973, S. 192–193.

Einleitung Die Militärstrategie ist der Militärpolitik des betreffenden Staates (der Koalition) direkt nachgeordnet und befasst sich mit der unmittelbaren Umsetzung der politischen Ziele aufgrund militärischer Handlungen, ohne und mit bewaffnetem Kampf. Sie wird von der Führung des Staates (der Staatengruppe, der Koalition) entworfen und verwirklicht.

Die Strategie der Teilstreitkraft fasst die spezifischen (operativen) Einsatzmethoden ihrer jeweiligen operativen Vereinigungen, Verbände und Dienste zusammen. Die Militärstrategie ist ein Bestandteil der Kriegskunst, vor Operativer Kunst und Taktik. Die Theorie der militärischen Strategie gehört zur Wissenschaftsdisziplin Militärwissenschaft. Begriffsgeschichte Vorgeschichte im Kriegswesen

Die Kriegskunst, mit Strategie und Taktik, entstand in der Zeit des Übergangs von der GentilordnungFriedrich Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats. Im Anschluss an Lewis H. Morgan’s Forschungen. Die Untersuchung erschien 1884 und war ein anspruchsvoller theoretischer Entwurf, der zusammen mit den Studien von Lewis H. Morgan die Anfänge der künftigen Familien-, Wirtschafts- und Staatssoziologie stark beeinflusste. zur Klassengesellschaft in einem langen historischen Prozess und entwickelte sich im Zusammenhang mit der allmählichen Herausbildung von Staaten und des Militärs. Sie ist verbunden mit der Politik der Völker, Staaten, Klassen, Nationen und Bündniskoalitionen, aber auch den Streitkräften, und den von ihnen geführten Kriegen und dem militärtheoretischen Denken.

Die allgemeine Kriegsgeschichtsschreibung und die (wissenschaftliche) Geschichte der Kriegskunst zeichnen die Entwicklungsetappen der Kriegskunst mit ihrer jeweiligen Methodik umfassend nach.

Strategie- und Taktikbegriff in Europa Bereits weit vor dem 16. Jahrhundert wurden die Begriffe Strategie (entlehnt aus französisch stratégie, dieses von „Feldherrentum, Feldherrenkunst“ zu „Feldherr“; dieses von „Heer“ und griechisch agein ‚führen‘) und Taktik (entlehnt aus französisch tactique, dieses von altgriechisch τακτικάDieses von altgriechisch (taktiká „Kunst, ein Heer in Schlachtordnung zu stellen“). In: bzw. von griechisch taktikḗ (technē), eigentlich ‚Lehre von der Anordnung‘, zu griechisch taktikós ‚die Aufstellung (eines Heeres) betreffend‘, zu griechisch táttein, tás-sein ´anordnen, aufstellen`) zunächst beschränkt auf den militärischen Bereich angewendet.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch. 23., erweiterte Auflage. Bearbeitet von Elmar Seebold: Berlin/New York 1999, S. 813.Stichwort Taktik. In: Wolfgang Pfeifer [Leitung]: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993, ISBN 3-423-03358-4. Erst später fanden die beiden Begriffe breite sprachliche Verallgemeinerung in allen Lebensbereichen.

Seit dem 6. Jahrhundert unserer Zeit ist, zunächst in der byzantinischen Literatur, der Gebrauch des aus dem Altgriechischen abgeleiteten Wortes „Strategie“ belegt als „das Mittel, mit dem der Feldherr sein eigenes Land verteidigen und das seines Feindes besiegen kann“, damit hierarchisch über die Taktik gestellt.Beatrice Heuser: Den Krieg Denken: Die Entwicklung der Strategie seit der Antike. Schöningh, Paderborn 2010, Kap. 1. Das Wort wurde in der byzantinischen Literatur weiter in diesem Sinne verwendet, insbesondere in einem Werk von ca. 900 unserer Zeit, das dem Kaiser Leo VI. dem Weisen zugeschrieben wird, und in dem das Wort „die Kunst der Feldzüge“ beschreibt, die aber für Leo VI. die Kenntnis vieler anderer niedrigerer Künste oder Hilfswissenschaften – wie der Taktik, der Belagerungskunst, der Landeskunde, der Logistik usw. – voraussetzte. Es gab nie ein einzelnes lateinisches Äquivalent.

Die Begriffe Kriegskunst, Strategie und Taktik tauchten in europäischen militärischen Schriften erstmals im 16./17. Jahrhundert auf. Sie bezogen sich auf die Tätigkeit des Feldherrn und die Handlungen der militärischen Formationen im Krieg. Sie waren von außereuropäischen Überlieferungen aus der Kriegsgeschichte beeinflusst.Gegen 1500, während der Ming-Zeit schrieb zum Beispiel ein unbekannter Autor nach Überlieferungen aus dem 5. Jahrhundert u. Z. einen Essay, der als 36 Strategeme ab 1988 im deutschsprachigen Raum bekannt wurde. (In: Harro von Senger: 36 Strategeme für Manager. Piper Taschenbuch, 5. Auflage, München 2006, ISBN 978-3-492-24649-1. 36strategeme.de)

Erst 1777 wurde der Begriff als „Strategie“ ins Deutsche eingeführt, in der Übersetzung des Werkes von Leo VI. durch Johannes von Bourscheidt.Johann W. von Bourscheid, Kaiser Leo des Philosophen Strategie und Taktik in 5 Bänden, Wien 1777–1781. Etwa zur gleichen Zeit wurde er als „stratégie“ ins Französische übernommen, ebenfalls durch eine Übersetzung des Werkes von Leo VI. Literatur zu diesem Themenbereich gab es aber durchaus schon vor der Einführung des Wortes; meist benutzte man hierbei die Wörter Kriegskunst oder Kriegswissenschaft.Für eine umfassende Bibliographie, siehe Heuser: Entwicklung der Strategie, S. 469–515.

Strategiebegriff bei Clausewitz Als Grundstein und Standardwerk der Strategietheorie und der Strategischen Studien gilt das Buch Vom Kriege, verfasst vom preußischen Offizier Carl von Clausewitz (1780–1831; das Werk erschien postum 1832–1834).

Bei Clausewitz kann diese „Theorie des Kriegführens oder Theorie vom Gebrauch der Streitkräfte, also das Gefecht abhandeln als den eigentlichen Kampf, die Märsche, Lager und Quartiere … auf der Ebene von taktischen militärischen Formationen. … Diese Kriegskunst im engeren Sinne zerfällt nun wieder selbst in Taktik und Strategie.“Zitiert in: Carl von Clausewitz: Vom Kriege. Berlin 1957, S. 94.

Obwohl Clausewitz eine eher enge Definition („Strategie ist der Gebrauch des Gefechts zum Zweck des Krieges“ – Vom Kriege Buch III.1) zugrunde legte, ist nach J. Lindell sein Werk in der Art und Weise, in welcher Clausewitz „das Verhältnis zwischen Krieg, Frieden und Politik auffasst, … der umfassendste Beitrag zu […] militärischem und strategischem Denken“.„In the way that Clausewitz understands the relationship between war, peace, and politics, his work remains the most comprehensive and, in some instances, modern contribution to political, military, and strategic thought as it stands“. In: Jordan Lindell: Clausewitz: War, Peace and Politics. 26. November 2009. Zuletzt aufgerufen am 9. Dezember 2009. Eine mögliche Allgemeingültigkeit verhinderte jedoch der unfertige Zustand, in dem Vom Kriege bei Clausewitz’ recht plötzlichem Tod (vermutlich Cholera) war.

Clausewitz sah es als geboten an, dass das Militär sich den Weisungen der Politik (sogenannter Primat der Politik) zu unterwerfen und als Instrument der Politik zu verstehen habe. Nur Letztere sei imstande, politische Ziele zu definieren, an denen der Erfolg der militärischen Gewaltanwendung zu messen sei.

Die Strategie steht damit zwischen den Ebenen der Politik und der Operationsführung: Auf der strategischen Ebene wird also überhaupt über die Ausführung einer aktiven (taktischen) und passiven Handlungsweise entschieden.

Nach Clausewitz legt die Strategie sowie die strategische Planung einen grundsätzlichen und zielorientierten Handlungsrahmen zur Erreichung eines Zieles fest, der sich an einem langfristigen Zeitrahmen orientiert und auch militärische Passivität einbeziehen kann. Insofern grenzt sich der Begriff der Strategie von dem Begriff der Taktik ab, welche bereits als Resultat aus strategischer Überlegung hervorgeht: Taktik betrifft bereits positiv militärische Aktivität. Strategie setzt sich mit der Koordination militärischer Kräfte und Kräfteansätzen auf unterschiedlichen Kriegsschauplätzen zur Erreichung eines gemeinsamen und mehr übergeordneten Zieles auseinander. Historische Beispiele gelingender Taktik und dabei gefährdeter oder sogar misslingender Strategie sind die Pyrrhussiege.

Der Strategiegedanke von Carl von Clausewitz steht dem indirekten Ansatz von B. H. Liddell Hart gegenüber.

Strategie bei Moltke als Kunst versus Theorie Helmuth von Moltke war 1858 zum Generalstabschef der preußischen Armee ernannt worden. In der Strategie zog der preußische Generalstab eine Reihe realer Schlussfolgerungen aus den neu entstandenen Bedingungen. Dazu zählten die frühzeitige Kriegsbereitschaft, der gründlich vorbereitete Aufmarsch (die strategische Entfaltung) und das schnelle Manöver der Kräftegruppierungen, mit dem Ziel, die gegnerischen Hauptkräfte zu zerschlagen.

Von Moltke verantwortete nach ersten Erfolgen auch Planung und Ausführung der Feldzüge im Deutsch-Französischen Krieg (1870/1871), da er das Recht besaß, dem Feldheer im Namen des Königs direkt und ohne Vermittlung des Kriegsministers Befehle zu erteilen, so dass er militärische Operationen unmittelbar selbst leiten konnte. Moltke galt als Schüler von Clausewitz, der sich „dessen Lehren am reinsten zu eigen gemacht (hat).“ Zwar hat von Moltke „keine Lehre seiner Strategie niedergeschrieben […] Er erklärte die Strategie als ‚ein System der Aushilfen. Sie ist mehr als Wissenschaft, sie ist die Übertragung des Wissens auf das praktische Leben, die Fortbildung des ursprünglich leitenden Gedankens entsprechend den stets sich ändernden Verhältnissen, ist die Kunst des Handelns unter dem Druck der schwierigsten Bedingungen.‘“Max Horst (Hrsg.): Moltke. Leben und Werk in Selbstzeugnissen. Briefe·Schriften·Reden. In der Dietrich’schen Verlagsbuchhandlung zu Leipzig 1931, Einleitung von Max Horst, S. XIII und XV.

Für die Kriegskunst vor Wissenschaft soll nach Aussage eines Zeitgenossen der preußische Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke (1890–1891) mit dem Spruch plädiert haben: „Ich kenne wohl Eine Kriegskunst, aber nur eine Mehrzahl von Kriegswissenschaften.“Johann Christoph v. Allmayer-Beck: Ist Militärgeschichte heute noch zeitgemäß? In: Reihe Studien zur Militärgeschichte, Militärwissenschaft und Konfliktforschung. Band 15. Eine Festschrift für Werner Hahlweg, Prof. für Militärgeschichte und Wehrwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Univ. Münster zur Vollendung seines 65. Lebensjahres am 29. April. Osnabrück 1977, S. 12 f.

Begriffsentwicklung im 20. Jahrhundert Das 20. Jahrhundert brachte weitere Fortschritte in den Betrachtungen zur Strategie; diese führten zu Veränderungen und Erweiterungen beim Strategiebegriff, zum Beispiel: Liddell Hart definierte Strategie als „die Kunst, militärische Mittel zum Zweck der Politik einzusetzen“Basil Liddell Hart, Thoughts on War (London: 1944), S. 229. der französische General André Beaufre definierte 1963 Strategie als „die Kunst der Dialektik der Kräfte, oder genauer, die Kunst der Dialektik der Willen, die sich der Macht zur Lösung ihrer Konfliktes bedienen“Heuser: Den Krieg Denken. S. 38.