Winfried Georg „Max“ Sebald (* 18. Mai 1944 in Wertach, Allgäu; † 14. Dezember 2001 in Norfolk, England), bekannt als W. G. Sebald, war ein deutscher Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Er erlangte durch Werke wie Die Ringe des Saturn und Austerlitz ab den 1990er Jahren größere Bekanntheit und wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Heinrich-Böll-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Heinrich-Heine-Preis. Aufsehen erregte auch die Kontroverse um seine Auslassungen zur Rolle von Alfred Andersch während der Zeit des Nationalsozialismus.
Name Dass Winfried Georg Sebald als W. G. Sebald bekannt ist, beruht darauf, dass er seine Vornamen Winfried und Georg ablehnte. Winfried war für ihn ein „richtiger Nazi-Name“. Von Familie und Freunden ließ er sich „Max“ nennen.Uwe Schütte: W. G. Sebald, S. 17.
Leben
Herkunft und Jugend W. G. Sebalds Eltern waren Georg Sebald (* 1911) und Rosa, geb. Egelhofer. Er wuchs in Wertach als mittleres von drei Kindern auf. Seine ältere Schwester Gertrud wurde 1941 geboren, seine jüngere Schwester Beate 1951. Der Vater, Sohn eines Eisenbahners, stammte aus dem Bayerischen Wald, lernte Schlosser und trat 1929 in die Reichswehr ein. Dort gelang ihm aufgrund seiner Fähigkeiten der Eintritt in die Offizierslaufbahn. Am 17. November 1936 heiratete er Rosa Eglhofer. Er war konservativ und deutschnational gesinnt, jedoch kein Mitglied der NSDAP, überlebte den Krieg als Hauptmann und wurde 1947 aus der französischen Gefangenschaft entlassen. Unmittelbar nach seiner Rückkehr wurde er bei der örtlichen Polizei in Sonthofen eingestellt, trat im März 1956 als Major in die Bundeswehr ein und wurde in der ehemaligen Ordensburg Sonthofen stationiert. Wie bei vielen Kriegskindern, die ihre Väter erst später kennengelernt haben, war die Beziehung zu seinem Sohn schwierig. Ende März 1969 wurde er im Alter von 58 Jahren als Oberstleutnant pensioniert und engagierte sich danach in der Kommunalpolitik für die örtliche SPD in Sonthofen.
Die wichtigste männliche Bezugsperson für Sebald war der Großvater mütterlicherseits, ein Dorfpolizist in Wertach. Zusammen mit der älteren Schwester wuchs W. G. Sebald im Haus seines Großvaters Egelhofer auf. Seine seit 1936 verheiratete Mutter war 1943 aus Bamberg nach Wertach gekommen und hatte in ihrem Elternhaus Zuflucht gesucht. Auch die Beziehung zur Mutter war nicht einfach. Sie bestand häufig auf Einhaltung konventioneller Regeln, die den Sohn anwiderten.
Schulzeit Von 1948 bis 1963 lebte W. G. Sebald in Sonthofen. Ab 1954 besuchte er zunächst das Realgymnasium Maria Stern in Immenstadt, dann ab 1955 die Oberrealschule in Oberstdorf, wo er 1963 das Abitur ablegte. 1961 hatte sein Mitschüler Rainer Galaske die Idee, eine Schülerzeitung zu gründen und lud ihn ein, mitzumachen. So entstand Der Wecker, für ihn eine Gelegenheit, einige Grundbegriffe des Schreibens verstehen zu lernen. Neben journalistischen Beiträgen findet sich hier 1961 sein erster Prosatext An einem Sommertag, in dem ein Zehnjähriger – an Leukämie erkrankt – über den Tod nachdenkt. In der gleichen Ausgabe findet sich sein Aufsatz über Camus. Der Wecker erhielt für diese Ausgabe den zweiten Preis in einem Wettbewerb für Schülerzeitungen in Bayern.
Mit 17 Jahren trat er aus der Kirche aus. 1958 regte eine aus Sonthofen stammende Französischlehrerin in Paris einen Schüleraustausch an, der mehrere Jahre lang von zwei 13-jährigen Mädchen, Marie und Martine wahrgenommen wurde. Marie fasste eine Zuneigung zu dem damals 14-jährigen Winfried, die ihm aber nicht bewusst wurde. Beide verloren sich danach jahrzehntelang aus den Augen. Marie studierte in Paris Medizin und wurde Hautärztin. Im Oktober 1999 trat sie – zwischenzeitlich verwitwet – bei einer Lesung in Paris auf ihn zu, erneuerte die Freundschaft, vertiefte den Kontakt und begleitete ihn danach hin und wieder auf Reisen.
Kurz vor Schulabschluss lernte er die aus Österreich stammende Ute Rosenbauer kennen, die in Sonthofen als Kosmetikerin arbeitete. Sie heirateten 1967; 1972 wurde ihre Tochter Anne geboren und beide blieben bis zu seinem Tod zusammen.
Studienjahre in Freiburg, Fribourg und Manchester Aus gesundheitlichen Gründen vom Wehrdienst befreit, begann er 1963 mit dem Studium der Germanistik und Anglistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Trotz aller Spannungen haben die Eltern ihrem Sohn mit ihren bescheidenen Mitteln das Studium teilweise finanziert, teilweise verdiente er selbst Geld durch Nachhilfeunterricht, später in den letzten Studienjahren in Manchester durch eine Assistentenstelle.
In Freiburg traf er schon in seinem ersten Semester Dietrich Schwanitz, einen vier Jahre älteren Studenten, der die jungen Anglisten als Mentor betreute. Er integrierte den unerfahrenen jungen Mann in eine studentische Wohngemeinschaft in der Maximilianstraße 15, die er betreute. Einige der dort lebenden dreißig Mitglieder gründeten die Gruppe 64, die sich der Literatur widmete und Beiträge ihre Mitglieder veröffentlichte. Schwanitz lud ihn auch in seine Theatergruppe ein, in der vor allem Shakespeare gespielt wurde. Im Dezember 1964 wurde dort Sebalds erstes Theaterstück Jeden Abend gespielt und in der Studentenzeitung abgedruckt. Die Freundschaft mit Schwanitz (genannt: „Paolo“), der später eine klassische Universitätskarriere machte, Anglistikprofessor in Hamburg wurde und erfolgreich Romane schrieb, blieb über Jahre intensiv.
1965 wechselte er zu seiner Schwester Gertrud Sebald-Aebischer in die Schweiz, wo er 1966 an der Universität Fribourg den Studienabschluss mit der Licence de lettres erreichte.
Danach begann er ein Post-graduate-Studium an der Universität Manchester verbunden mit einer Tätigkeit als Lektor und heiratete dort 1967. Seine Magisterarbeit schrieb Sebald 1968 über Carl Sternheim. Schon während der Erstellung der Magisterarbeit packten ihn gelegentlich Zweifel, ob er eine Universitätslaufbahn in England anstreben sollte. Er bewarb sich zunächst beim Goethe-Institut für eine Ausbildung als Deutschlehrer im Ausland, erhielt aber keine Reaktion. Eine weitere Bewerbung bei einem internationalen Internat in St. Gallen als Lehrer für Englisch und Deutsch, dem Institut auf dem Rosenberg, war hingegen erfolgreich. Zuvor schloss er die Magisterarbeit ab und trat am 15. August seine Stelle in St. Gallen an. Die Tätigkeit stellte sich als frustrierend heraus und er kehrte am 22. Mai 1969 wieder nach Manchester zurück.
Von dort bewarb er sich im März 1970 bei der University of East Anglia in Norwich (UEA) als Lecturer und erhielt die Stelle im Mai des gleichen Jahres. Sein Gehalt betrug 1480 £ pro Jahr, also etwa 12.900 DM.
Hochschullehrer an der University of East Anglia in Norwich (UEA) Ab 1970 lehrte er als Lecturer Germanistik an der University of East Anglia in Norwich und wurde 1973 über Alfred Döblin promoviert.W. G. Sebald: Der Mythus der Zerstörung im Werk Döblins. Klett, Stuttgart 1980.
1974 dachte er erneut darüber nach, England zu verlassen, bewarb sich zum zweiten Mal beim Goethe-Institut, und erhielt die Zusage. Die Ausbildung brach er nach acht Monaten ab, kehrte an die University of East Anglia zurück und blieb für den Rest seines Lebens dort.
1976 bezog er mit Ehefrau Ute und Tochter Anna ein viktorianisches Pfarrhaus (The Old Rectory) in Poringland in der Nähe von Norwich. Dort gewann er der überwucherten Wildnis eine weitläufige Gartenanlage ab; so entstand ein ostenglischer Blumengarten. Ende 1985 wurde er Senior Lecturer. 1986 habilitierte sich Sebald an der Universität Hamburg mit der Schrift Die Beschreibung des Unglücks – Zur österreichischen Literatur von Stifter bis Handke.Uwe Schütte: W. G. Sebald – Leben und literarisches Werk. S. 45. Im Oktober 1987 wurde er Reader, im Oktober 1988 Professor of European Literature. Dort gründete er das British Centre for Literary Translation (BCLT), ein Forschungszentrum für literarisches Übersetzen. Jedes Jahr lädt das BCLT in Zusammenarbeit mit dem britischen National Centre for Writing und der British Library einen bedeutenden Autor oder Übersetzer als Redner zu einer Vorlesung ein, der W. G. Sebald Lecture.
Weitere wissenschaftlichen Tätigkeiten
Seit 1996 war Sebald Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Bis zuletzt setzte er sich stark für die Auslandsgermanistik in Großbritannien und für die Vermittlung deutschsprachiger Literatur im angelsächsischen Raum ein. Gegen Ende seines Lebens war er ein gefragter Redner und Gesprächspartner in zahlreichen Institutionen des Kulturlebens.Unter anderem hielt er am 17. November 2001 die Rede zur Eröffnung des Literaturhauses Stuttgart; wieder abgedruckt in W.G. Sebald: Zerstreute Reminiszenzen. Hrsg. v. Florian Höllerer. Keicher, Leonberg 2008 (Reihe Literaturhaus Stuttgart 2). Er sei zur Unrast verdammt, schrieb er im Juni 2001 in einem Brief, während er von einem Termin zurückkehrte und zum nächsten aufbrach.
Tod
Sebald starb am 14. Dezember 2001 im Alter von 57 Jahren bei einem Autounfall in der Nähe seines Wohnorts. In einer langgezogenen Kurve fuhr er in einen entgegenkommenden Tankwagen. Seine Tochter erlitt als Beifahrerin leichte Verletzungen. Die Untersuchung der Todesursache ergab, dass Sebald einen Herzinfarkt erlitten und den Wagen nicht mehr gelenkt hatte.Heart attack may have killed novelist in crash. The Guardian, 16. Mai 2002. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof von St. Andrew’s in Framingham Earl südlich von Norwich.
Werk Schriftstellerische Eigenart Viele Texte Sebalds prägen ein melancholischer Ton und eine wohl bewusst etwas altertümliche Ausdrucksweise.Vgl. Josephine Carter: The Ethics of the Melancholic Witness: Janet Frame and W.G. Sebald. In: Mosaic 46 (2013), H. 1, S. 1–18. In seinen Texten ist die Frage nach Bedeutung und Funktion von Erinnerung und Gedächtnis wichtig. Er rückt Randfiguren und marginale Räume in seinen Texten in den Blickpunkt und besetzt sie mit Sinnhaftigkeit. Sebald widmet sich traumatisierten Menschen: Ausgewanderten, die – wie der Sebald ähnelnde Erzähler – ihr Heimatland verlassen haben und in der Fremde versuchen, sich neu zu orientieren. Besonderes Gewicht hat für Sebald die Problematik des deutsch-jüdischen Verhältnisses. Schon als Jugendlicher empörte er sich über das Schweigen der Vätergeneration über die Kriegsereignisse und den Holocaust. Später richtete er seine Kritik auch gegen das Schweigen, mit dem Literatur und Gesellschaft die Zerstörung der deutschen Städte durch die alliierten Bombardements übergangen hatten.
Nicht unumstritten ist das Argumentationsverfahren des Essayisten und Kritikers Sebald. Unerbittlich verhielt Sebald sich in einer Kontroverse, die er 1993 mit einem Essay über die moralische Integrität Alfred Anderschs während der Zeit des Nationalsozialismus auslöste.W.G. Sebald: Between the Devil and the Deep Blue Sea – Alfred Andersch. Das Verschwinden in der Vorsehung. In: Lettre International, H. 20, I. Vj./1993.
Kurzbeschreibungen der Werke Sebalds literarisches Werk entstand im Wesentlichen seit Ende der 1980er Jahre.
Nach der Natur. Ein Elementargedicht (1988) ist Sebalds erste literarische Arbeit im engeren Sinne. Die ersten Teile handeln vom Maler Matthias Grünewald und vom Arzt und Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Steller aus Windsheim (Teilnehmer der Zweiten Kamtschatkaexpedition); das letzte Drittel spielt in Wertach. Im Hintergrund stehen existenzielle Fragen der Menschheit und der Biografie des Autors.
In Schwindel. Gefühle. (1990) stellt Sebald in vier eng miteinander verwobenen Reiseerzählungen eigene Erfahrungen und Erinnerungen der melancholischen Haltung von Stendhal und Kafka gegenüber.