Ein Nomen Agentis, auch Nomen agentis oder nomen agentis (von lateinisch nomen „Name“, und agentis, Genitiv des Partizips von agere „tun, handeln“), oder eine Agensnominalisierung, auf Deutsch Täterbezeichnung, ist ein Substantiv (Hauptwort), das meist von einem Verb abgeleitet ist (Verbalsubstantiv) und ein Wesen bezeichnet, das die betreffende Handlung ausführt (Agens).

Beispielsweise lässt sich aus dem deutschen Verb lehren das deverbale Nomen Agentis Lehrer bilden. Auch Ableitungen aus Substantiven können dieser Kategorie zugeordnet werden, etwa aus Sport das denominale Nomen Agentis Sportler.Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 4. aktualisierte u. überarbeitete Auflage. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart u. Weimar 2010, ISBN 978-3-476-02335-3. Lemma: „Nomen agentis“, S. 461. Nomina Agentis sind in Sprachen mit Genus-Unterscheidung meist grammatikalisch männlich und haben häufig die Bedeutung eines generischen Maskulinums (geschlechterübergreifend); in einigen dieser Sprachen kann von männlichen (maskulinen) Nomina Agentis eine weibliche Form abgeleitet werden (Femininform).

Die Kategorie wird meist (zumindest „typischerweise“) auf Bezeichnungen für Personen eingeschränkt; eine benachbarte Bedeutungsklasse mit gleicher Form für Unbelebtes ist das Nomen instrumenti (Instrument-Nominalisierung; z. B. Drucker, Wagenheber).Wolfgang Fleischer, Irmhild Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 4. Auflage. Walter de Gruyter, Berlin 2012. S. 123 f.

Deutsche Sprache Wortbildungsmorpheme

Nomina Agentis werden im Deutschen oft mit folgenden Suffixen gebildet, die auch Wortbildungsmorpheme oder Derivateme genannt werden: (häufig mit Umlaut): tragen → Träger; Tat → Täter oder (ebenfalls häufig mit Umlaut): Kunst → Künstler; Zoll → Zöllner (häufig mit umgelautetem Ablaut): weiben → Weibel; bieten → Büttel; saufen → Süffel

Aus dem Griechischen: : Artist, Dentist, Drogist, Galerist, Internist, Jurist, Kolumnist, Polizist : Eremit, Sodomit

Aus dem Lateinischen: (auch griechisch): Direktor, Autor, Doktor, Kurator, Terminator : Dekan : Adjutant, Chemikant, Demonstrant, Fabrikant, Praktikant : Absolvent, Dirigent, Interessent, Konsument, Petent, Referent, Student (über das Englische): Konvertit → : bibliothecarius → Bibliothekar

Aus dem Französischen: /: Akteur, Charmeur, Hasardeur, Friseur/Frisör, Masseur/Massör : Barbier, Polier, Sommelier, Kanone → Kanonier : Gourmand

Alle der mit diesen Suffixen gebildeten Personenbezeichnungen sind grammatisch männlich (maskulin) – von allen kann eine grammatisch feminine Form abgeleitet werden, meist mit der Endung -in, beispielsweise: der Jäger → die Jägerin; Polizist → Polizistin; Student → Studentin; Frisör → Frisörin

Bei allen abgeleiteten Femininformen besteht eine eindeutige Übereinstimmung zwischen ihrem grammatischen Geschlecht (Genus) und dem „natürlichen“ Geschlecht (Sexus) der gemeinten Person: Als Polizistin kann nur eine Frau bezeichnet werden.

Merkmale

In einer umfassenden Vergleichsstudie zum Englischen untersuchte die Anglistin Heike Baeskow 2002 die verschiedenen Ableitungsformen. Zur Markiertheit merkte sie am Beispiel des -Morphems an: Heike Baeskow: Abgeleitete Personenbezeichnungen im Deutschen und Englischen (= Studia Linguistica Germanica. Band 62). De Gruyter, Berlin/New York 2002, ISBN 3-11-017382-4, S. 74–76, Abschnitt 3.3.1: Genus und Movierung, hier S. 74 (Anglistin, Bergische Universität Wuppertal; und ).

Häufigkeiten

Der Linguist Peter Eisenberg nennt unter Bezugnahme auf ein rückläufiges Wörterbuch von 1983 für den „Substantivierer“ -er ein Vorkommen von . Die Produktivität dieses Wortbildungsmusters sei in den letzten vier Jahrhunderten stark angewachsen. Der Anteil des „Agensnominalisierers“ -er läge im Gegenwartsdeutschen bei 85 % aller -er-Bildungen – das entspräche 12.750 Personenbezeichnungen.Peter Eisenberg: Die Vermeidung sprachlicher Diskriminierung im Deutschen. In: Der Sprachdienst. Themenheft Geschlechtergerechte Sprache. Nr. 1–2, Januar-April 2020, S. 15–30, hier S. 25–27. 1997 ermittelte eine Studie insgesamt rund 15.000 Personenbezeichnungen in der deutschen Gegenwartssprache,Peter Braun: Personenbezeichnungen: Der Mensch in der deutschen Sprache (= Reihe Germanistische Linguistik. Band 189). De Gruyter, Berlin 1997, ISBN 3-484-31189-4, S. VII (Zitatansicht: doi:10.1515/9783110940824-001). entsprechend bilden Nomen Agentis auch 85 % der deutschen Substantive zur Bezeichnung von Menschen.

Generischer Gebrauch

Eisenberg macht einen wesentlichen Unterschied zwischen dem maskulinen Nomen Agentis und seiner (nur) abgeleiteten Femininform: Deshalb hätten Nomina Agentis mit ihrem „unmarkierten Genus“ aus sich heraus eine „generische Bedeutung“ und würden als generisches Maskulinum geschlechterübergreifend einfach nur „Tätige bezeichnen“.

Kritik des generischen Gebrauchs

In der Duden-Grammatik von 1998, herausgegeben von Peter Eisenberg und Annette Klosa-Kückelhaus, wird bereits auf eine Ablehnung des generischen Gebrauchs hingewiesen:Ursula Doleschal: Das generische Maskulinum im Deutschen: Ein historischer Spaziergang durch die deutsche Grammatikschreibung von der Renaissance bis zur Postmoderne. In: Linguistik online. Band 11, Nr. 2, Januar 2002, S. 39–70 (Universität Klagenfurt; doi:10.13092/lo.11.915; Volltexte: online auf unibe.ch, PDF: 115 kB, 32 Seiten auf linguistik-online.net).Helga Kotthoff: Gender-Sternchen, Binnen-I oder generisches Maskulinum, … – (Akademische) Textstile der Personenreferenz. In: Linguistik online. Band 103, Nr. 3, 12. Oktober 2020, S. 105–127 (Department of German Studies, Universität Freiburg; doi:10.13092/lo.103.7181; Volltexte: online auf researchgate.net, PDF: 603 kB, 23 Seiten auf unibe.ch).

2016 erwähnt die 9. Ausgabe der Duden-Grammatik den Ausdruck „Nomen Agentis“ nicht, definiert aber den generischen Gebrauch von Maskulinformen als eigene „Klasse C“ der Personenbezeichnungen:

Siehe auch Verbalsubstantiv

Literatur Heike Baeskow: Abgeleitete Personenbezeichnungen im Deutschen und Englischen (= Studia Linguistica Germanica. Band 62). De Gruyter, Berlin / New York 2002, ISBN 3-11-017382-4, S. 3–5, 71 ff. ( und ). Peter Eisenberg: Die Vermeidung sprachlicher Diskriminierung im Deutschen. In: Der Sprachdienst. Themenheft Geschlechtergerechte Sprache. Nr. 1–2, Januar–April 2020, S. 15–30, hier S. 23–28, Abschnitt 4: Kern des generischen Maskulinums: das Suffix „-er“. Helmut Glück: Metzler Lexikon Sprache. 3., neubearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 3-476-02056-8, Stichwort „Nomen agentis“. Walter Henzen: Deutsche Wortbildung. Halle an der Saale 1947; 3. Auflage Tübingen 1965 (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte B; Ergänzungsreihe. Band 5). Els Oksaar: Merkmalhaltigkeit, Merkmallosigkeit und Kontextualität: Zu den Veränderungstendenzen bei Nomina agentis in der Gegenwartssprache. In: Heinrich Löffler, Karlheinz Jakob, Bernhard Kelle (Hrsg.): Texttyp, Sprechergruppe, Kommunikationsbereich: Studien zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Hugo Steger zum 65. Geburtstag. Nachdruck. De Gruyter, Berlin/Boston 2012, ISBN 978-3-11-186903-2 (Aufsatzsammlung; Erstauflage 1994). Manfred Szadrowsky: Nomina agentis im Schweizerdeutschen in ihrer Bedeutungsentfaltung (= Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik. Band XII). Huber, Frauenfeld 1918.

Weblinks

Einzelnachweise

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