mini|Die Brüdernkirche in Braunschweig Die evangelische Brüdernkirche „St. Ulrici-Brüdern“ in Braunschweig ist eine ehemalige Franziskanerkirche, die ursprünglich den Heiligen Maria, Franziskus und Bernward geweiht war. Sie war Zentrum einer zum Teil erhaltenen Klosteranlage.

Heute gehört sie zur evangelisch-lutherischen Propstei Braunschweig. auf der Seite der Propstei

Entstehung und Nutzungsgeschichte Franziskanerkloster Nach der 1491 entstandenen Sachsenchronik Cord Bothes sollen sich bereits im Jahr 1209 Franziskaner auf Wunsch Kaiser Ottos IV. in Braunschweig angesiedelt haben. Dass Otto dem Orden im Jahre 1215 eine Kapelle errichten ließ, ist jedoch urkundlich nicht belegt.Friedrich Berndt: Brüdernkirche und ehemaliges Franziskanerkloster in Braunschweig. S. 37. Beide Daten sind aufgrund der Ordensgeschichte der Franziskaner allerdings ausgeschlossen. Der Ordensgründer Franz von Assisi erhielt erst 1210 mit seinen ersten zwölf Gefährten durch Papst Innozenz III. in Rom die kirchliche Bestätigung seiner Gemeinschaft. Die ersten Brüder erreichten frühestens 1217, wahrscheinlich erst 1219 Deutschland, wurden jedoch als Ketzer vertrieben. 1221 sandte Franz von Assisi erneut Brüder nach Deutschland, die sich im Raum Salzburg, Regensburg und im Rhein-Main-Gebiet niederließen.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 19.

1223 kamen einige Franziskaner mit Bruder Johannes de Plano Carpini nach Hildesheim und erreichten dann auch die Städte Braunschweig, Halberstadt, Goslar und Magdeburg.; Friedrich Berndt: Brüdernkirche und ehemaliges Franziskanerkloster in Braunschweig. S. 41, wo Bruder Johannes als Pater „Johannes von Tiano“ bezeichnet wird. In den Jahren danach entstand am nördlichen Rand der Braunschweiger Altstadt ein Franziskanerkloster. Die Franziskanerbrüder begannen 1242 mit dem Bau einer eigenen Kapelle, der ursprünglichen Brüdernkirche, von der jedoch nichts mehr erhalten ist. Vom damaligen Kloster sind lediglich einige Rundbogenfenster im Südflügel des Kreuzganges erhalten.Jürgen Diestelmann, Johannes Kettel: Die Brüdernkirche in Braunschweig. S. 2–3.

Aufgrund des großen Bedürfnisses der Bevölkerung nach Gottesdienst, Seelsorge und medizinischer Versorgung war die Kapelle schnell zu klein und wurde im 14. und 15. Jahrhundert durch einen Neubau im gotischen Stil ersetzt. Das Jahr 1350 brachte mit der großen Pest, die neben der Bevölkerung auch einen Großteil der Ordensleute dahin raffte, die erste Bauunterbrechung. Es folgten weitere Seuchen und Hungersnöte, so dass der Kirchenneubau erst 1451 fertiggestellt war.Jürgen Diestelmann, Johannes Kettel: Die Brüdernkirche in Braunschweig. S. 4. Der Hohe Chor wurde jedoch schon 1361 durch Bischof Heinrich von Hildesheim geweiht. Bis 1522 wurden außerdem die Konventsgebäude und der dreiflügelige gotische Kreuzgang fertiggestellt, mit deren Bau nach Vollendung der Kirche begonnen worden war.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 171.

Schon im Mai 1458 konnte im neu errichteten Remter (Kapitelsaal und Refektorium) das Jahreskapitel der Sächsischen Franziskanerprovinz, zu dem der Konvent in Braunschweig gehörte, mit 300 Brüdern abgehalten werden. Im Anschluss an die Baumaßnahmen wurden die Räumlichkeiten des Franziskanerklosters auch vom Rat der Stadt in Anspruch genommen, so dass dem Kloster während der Reformation eine Schlüsselrolle zukam.Dieter Berg (Hrsg.): Spuren franziskanischer Geschichte. Werl 1999, S. 179.

Reformationszeit mini|Bugenhagen-Denkmal von 1970 Eine jahrelange Entwicklung war vorausgegangen, bevor Johannes Bugenhagen (1485–1558), engster Mitarbeiter und Beichtvater Martin Luthers, am 21. Mai 1528 (Himmelfahrt) in der Brüdernkirche seine erste Predigt hielt.Jürgen Diestelmann, Johannes Kettel: Die Brüdernkirche in Braunschweig. S. 5. Begonnen hatte die Reformation in Braunschweig mit Gottschalk Kruse, einem Benediktiner aus St. Aegidien, der bei Martin Luther studiert hatte. Die Zustimmung zur Reformation wurde in der Bevölkerung immer größer, und nach der Predigt Bugenhagens, die ebenfalls großen Zustrom hatte, blieb er in Braunschweig und erarbeitete mit dem „geistlichen Ministerium“, dem Klerus und dem Rat die Braunschweiger Kirchenordnung. Da die Räumlichkeiten des Klosters schon zuvor dem Rat zur Verfügung standen, fand auch die Erarbeitung der neuen reformatorischen Kirchenordnung, die am 28. September 1528 vom Rat der Stadt angenommen wurde,Jürgen Diestelmann, Johannes Kettel: Die Brüdernkirche in Braunschweig. S. 6. dort statt. Den Franziskanern war bereits nach Ostern 1528 die Predigt und jegliche andere öffentliche Tätigkeit verboten worden.Friedrich Berndt: Brüdernkirche und ehemaliges Franziskanerkloster in Braunschweig. S. 56. Da ihnen mit dem Verbot des öffentlichen Auftretens auch der „Bettel“ untersagt war, der den Lebensunterhalt der Brüder sicherte, verließen diese Ostern 1529 endgültig die Stadt. Dabei nahmen sie Dokumente wie beispielsweise die Stiftungsurkunden mit, wodurch die Entstehungsgeschichte der Brüdernkirche nur lückenhaft belegt und die Erforschung des Franziskanerordens in Braunschweig erschwert ist.Jürgen Diestelmann, Johannes Kettel: Die Brüdernkirche in Braunschweig. S. 8. Die Brüdernkirche hatte durch ihren Zustrom und die daraus resultierende neue Bauart als Hallenkirche großen Einfluss auf die Pfarrkirchen der Stadt Braunschweig, die ebenfalls in solche umgewandelt wurden. Dadurch gab es in Braunschweig mehrere für die neue Form des lutherischen Gottesdienstes geeignete Kirchen.Friedrich Berndt: Brüdernkirche und ehemaliges Franziskanerkloster in Braunschweig. S. 57. Bugenhagen zu Ehren wurde 1902 ein Denkmal an der Westseite der Brüdernkirche aufgestellt, das während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde. Im Jahre 1970 wurde neben dem Chor eine neue Bronzestatue des Reformators errichtet.

Die Brüdernkirche und das Kloster standen nach der Reformation zunächst leer, bis die Brüdernkirche 1544 Pfarrkirche der St. Ulrici-Gemeinde wurde, deren ursprüngliches Gotteshaus auf dem Kohlmarkt in diesem Jahr abgerissen worden war. Um den pfarramtlichen Aufgaben gerecht zu werden, wurde die Taufe als wichtigstes Ausstattungsstück aus St. Ulrici hierher übertragen und im westlichen Bereich des Mittelschiffs aufgestellt.Die Kunst der lutherischen Kirchen im 16. Jahrhundert. Medien, Mitteldinge, Monumente – eine Geschichte der materiellen Kultur. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-7861-2848-9, S. 377, Tafel VII. Die Klostergebäude wurden zunächst von der Kirchengemeinde als Wohnungen genutzt.Friedrich Berndt: Brüdernkirche und ehemaliges Franziskanerkloster in Braunschweig. S. 60.

16. bis 19. Jahrhundert In der nachreformatorischen Zeit wurden in der Kirche einige bauliche Veränderungen vorgenommen, die zur allgemeinen Entwicklung im protestantischen Kirchenbau passten.Friedrich Berndt: Brüdernkirche und ehemaliges Franziskanerkloster in Braunschweig. S. 59. Die Klosterbauten wurden von der Stadt zu unterschiedlichen Zwecken verwendet. Im Jahre 1569 wurde im Remter des Klosters das Zeughaus der fünf Weichbilde eingerichtet, das in den darauf folgenden Jahren erweitert wurde. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde das Paulinerkloster am Bohlweg zum nunmehr fürstlichen Zeughaus umgebaut, so dass das vormalige städtische Zeughaus langsam verfiel und zeitweilig noch für Zwecke der Garnison verwendet wurde.Friedrich Berndt: Brüdernkirche und ehemaliges Franziskanerkloster in Braunschweig. S. 61.

Im Jahre 1753 wurde die Bibliothek des Geistlichen Ministeriums mit den Büchern der Liberei in der Brüdernkirche vereinigt. Die Bibliothek verblieb in der Sakristei der Brüdernkirche, bis sie 1863 in das Neustadtrathaus überführt wurde.

Restaurierung, Zerstörung und Wiederaufbau mini|Altar Zwischen 1861 und 1865 wurde die Brüdernkirche durch Carl Tappe und 1903/1904 durch Max Osterloh restauriert. Im Zweiten Weltkrieg, insbesondere durch den Bombenangriff vom 15. Oktober 1944, wurden die Brüdernkirche und das ehemalige Kloster stark zerstört. Das Dach wurde völlig zerstört und große Teile der Klosteranlage waren nicht mehr vorhanden. Das Erdgeschoss der Sakristei konnte als erster Raum wieder für Gottesdienste verwendet werden, also der Bereich der Anlage, der vermutlich schon den ersten Franziskanern zur Verfügung stand.Friedrich Berndt: Brüdernkirche und ehemaliges Franziskanerkloster in Braunschweig. S. 62. Nach 1945 wurde sowohl die Kirche als auch das ehemalige Kloster in mehreren Bauabschnitten wieder instand gesetzt, so dass der Hohe Chor im Jahr 1957 wieder eingeweiht werden konnte und im Jahr 1978 die gesamte Kirche.Jürgen Diestelmann: Brüdernkirche. In: Camerer u. a. (Hrsg.): Braunschweiger Stadtlexikon. S. 47. Vom mittelalterlichen Klosterkomplex sind der Kreuzgang, die Sakristei und eine kleine Kapelle mit Polygonschluss erhalten. Die Kirche enthält noch das Chorgestühl aus dem 14. Jh., den Hochaltar und ein Reliefbild des hl. Franziskus. Außerdem ist der teilweise erhaltene Lettner von 1592/94 heute im Eingangsbereich aufgestellt und das Taufbecken aus der 1544 abgerissenen Ulricikirche ist ebenfalls erhalten.

Baubeschreibung Außenbau Das durch Strebepfeiler gegliederte Kirchenäußere trägt ein mächtiges, einheitliches Satteldach. Vor dem Westportal befindet sich eine dreiteilige, neugotische Vorhalle. Erhalten ist der dreiflügelige, an das Langhaus angefügte Kreuzgang, der ein Kreuzrippengewölbe aus Ziegelformsteinen besitzt.

Die Kirche hat, wie alle Bettelordenskirchen, keinen Turm, sondern trägt einen Dachreiter.

Am Strebepfeiler der Südwestecke ist eine mittelniederdeutsche Inschrift erhalten, die an drei siegreiche Schlachten der Braunschweiger Herzöge erinnert.inschriften.net

Innenraum Innenarchitektur Der Innenraum besitzt eine Gesamtlänge von 62 m, die Breite des Langhauses misst 21 m. Die Höhe des Mittelschiffs beträgt 19,43 m. Die weiträumige, dreischiffige Staffelhalle ist durch fünf Joche gegliedert. Der schlanke dreijochige Chor mit 1/8-Schluss besitzt die Abmessungen von 25 m Länge, 10 m Breite und 21 m Höhe.

Ausstattung Das Kircheninnere weist eine reiche Ausstattung auf. Erhalten ist der große Flügelaltar, der zwischen 1380 und 1400 von einem unbekannten niedersächsischen Meister geschaffen wurde.Holger Quandt: Das Flügelretabel der Braunschweiger Brüdernkirche. In: Hartmut Krohm, Uwe Albrecht, Matthias Weniger (Hrsg.): Malerei und Skulptur des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit in Norddeutschland. Künstlerischer Austausch im Kulturraum zwischen Nordsee und Baltikum. Reichert, Wiesbaden 2004, S. 105–113. Aus dem dritten Viertel des 14. Jahrhunderts stammt die Reliefplatte des hl. Franziskus mit einem Franziskaner.

Das Chorgestühl entstand Ende des 14. Jahrhunderts. Dessen Rückwände wurden um 1600 von dem Rheinländer Reinhard Roggen mit 42 Bildern katholischer und evangelischer Theologen versehen, darunter Luther, Melanchthon und Bugenhagen.

Während des Mittelalters existierte ein erster Lettner, der nach 1544 beseitigt wurde. An dessen Stelle entstand der 1592/94 von Jürgen Röttger geschaffene Lettner aus der Renaissance, der bei der Renovierung zwischen 1861 und 1865 abgebaut wurde. Im Jahre 1904 wurde der von Wilhelm Sagebiel (1855–1940) gestaltete, erhaltene neugotische Lettner aufgestellt. Röttgers Renaissance-Lettner wurde während des Zweiten Weltkriegs ausgelagert und erlitt nur geringe Schäden. Nach aufwendiger zwölfjähriger Restaurierung wurde er im westlichen Kirchenschiff aufgestellt und am 2. Februar 2000 eingeweiht, sodass die Brüdernkirche heute zwei Lettner besitzt.

Das um 1440 von Barthold Sprangken geschaffene Taufbecken aus Messingguss stammt aus der 1544 abgerissenen St. Ulrici-Kirche auf dem Kohlmarkt. Im Besitz der Gemeinde befinden sich weiterhin ein romanisches Vortragekreuz und ein 1496 entstandener gotischer Abendmahlskelch.

Orgel Hauptorgel mini|Orgel mini|Hauptspieltisch