mini|Johann Georg HamannAus Paul Ortwin Rave: Das Geistige Deutschland im Bildnis. Das Jahrhundert Goethes. Berlin 1949. Johann Georg Hamann (* 27. August 1730 in Königsberg, Ostpreußen; † 21. Juni 1788 in Münster) war ein deutscher Philosoph und Schriftsteller. Er wurde durch ein christliches Erweckungserlebnis entscheidend geprägt. Hamann ging vom sokratischen Nichtwissen aus und deutete dieses als ein Plädoyer für den Glauben. Eine höhere Einheit könne nicht durch den trennenden Verstand erfasst werden. Er kritisierte die Aufklärung und betonte, dass es Vernunft vor Sprache und Geschichte nicht geben könne. Nach Hamann beruht die Denkfähigkeit auf Sprache. Er gilt als ein Wegbereiter des Sturm und Drang. Goethe nannte ihn einen der hellsten Köpfe seiner Zeit.Kanzler F. von Müller, Unterhaltung mit Goethe, 18. Dezember 1823, nachgewiesen in: Ernst Lautenbach, Lexikon Goethe-Zitate, 2004, S. 448

Leben und Wirken mini|hochkant|Johann Georg HamannStich, in: Johann Caspar Lavater, Physiognomische Fragmente, 1775–1778 Herkunft und Studien Der Vater Johann Christoph Hamann (1697–1766) stammte aus der Lausitz, die Mutter Maria Magdalene, geb. Nuppenau (1699–1756), aus Lübeck. Der gleichnamige spätbarocke Schriftsteller Johann Georg Hamann (der Ältere) (1697–1733) war ein Onkel. Der Vater arbeitete als Bader und Wundarzt. Hamann wurde zunächst von verschiedenen Privatlehrern unterrichtet. 1746 begann er an der Königlichen Albertus-Universität Königsberg Theologie zu studieren, später wechselte er zur Rechtswissenschaft. Er beschäftigte sich aber vor allem mit Sprachen, Literatur und Philosophie, außerdem mit den Naturwissenschaften, und erwarb eine enzyklopädische Gelehrsamkeit. Hamann stotterte und war hypochondrisch veranlagt. Er gehörte zu den Herausgebern der Wochenzeitschrift Daphne, die von 1749 bis 1750 bei Martin Eberhard Dorn in Königsberg erschien und als anonyme Gemeinschaftsarbeit herausgegeben wurde. Die Autoren und Herausgeber verstanden sich damals als lokale Aufklärer und waren überwiegend französischem Geist und Geschmack verpflichtet.Johann Georg Hamann, Johann Gotthelf Lindner u. a. (Hrsg.), Daphne. Nachdruck der von Johann Georg Hamann, Johann Gotthelf Lindner u. a. herausgegebenen Königsberger Zeitschrift (1749–1750). Mit einem Nachwort von Joseph Kohnen. Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, Bd. 5. Lange, Frankfurt am Main 1991 Hamann verließ 1752 ohne Abschluss die Universität und wurde in Livland Hofmeister. In dieser Zeit setzte er seine breitgefächerten privaten Studien fort. Er war von Giordano Bruno, Gottfried Wilhelm Leibniz, Baruch de Spinoza und dem Neuplatonismus beeinflusst. Mit Immanuel Kant war er befreundet.

Reisen und die Londoner Senel-Affäre Hamanns erste größere Veröffentlichung war die Übersetzung einer handelspolitischen Schrift.Christoph Meineke: „Die Vortheile unserer Vereinigung“: Hamanns Dangeuil-Beylage im Lichte der Debatte um den handeltreibenden Adel In: Beetz, Manfred / Rudolph, Andre (Hrsg.). Johann Georg Hamann: Religion und Gesellschaft (2012), S. 46 ff. Er wurde daraufhin 1756 beim Handelshaus Berens in Riga eingestellt. Mit dem Kaufmann Johann Christoph Berens, einem der anderen Herausgeber der Wochenzeitschrift Daphne, war Hamann eng vertraut. Er warb zunächst erfolgreich um dessen Schwester Catharina, die Beziehung scheiterte aber später. 1757 reiste er aus kaufmännischen Gründen über Königsberg, Berlin, Lübeck, Hamburg und Amsterdam nach London. Die sog. „Senel-Affäre“ ist der Wendepunkt in Hamanns Biografie.Wilhelm Koepp Joh. Georg Hamanns Londoner Senel-Affäre Januar 1758, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche, Vol. 57, No. 1 (1960), pp. 92–108 (17 pages), https://www.jstor.org/stable/23583889 Er hatte sich dort leidenschaftlich in den jungen Lautenspieler Senel verliebt, den er als zukünftigen Gefährten sah, der aber ein schändlich professionelles Spiel mit ihm trieb, so dass Hamann nach Bitten, Beleidigungen und Erpressungsversuchen einen Nervenzusammenbruch erlitt.Bernd-Ulrich Hergemöller, Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und männlicher Sexualität im deutschen Sprachraum, MännerschwarmSkript-Verlag, Hamburg 1998, ISBN 3-928983-65-2. Überarbeitete Taschenbuchausgabe: Suhrkamp, Frankfurt 2001, ISBN 3-518-39766-4. S. 319ff. Im Frühsommer 1758 reiste er ab. In tiefer Krise durch sein Scheitern als wirtschaftsorientierter Weltmann, seine finanziellen Schwierigkeiten und die Senel-Affäre studierte er eingehend die Bibel. Dabei kam es zu einem Erweckungserlebnis.

Distanz zur Aufklärung mini|hochkant|Immanuel Kant Nach Hamanns christlichem Erweckungserlebnis kam es zu Spannungen mit dem Berensschen Kreis, der ihn nun für einen bürgerlich unbrauchbaren christlichen Schwärmer hielt. Berens versuchte, seinen alten Freund und Mitarbeiter für die Gedanken der Aufklärung zurückzugewinnen. Kant sollte dabei helfen und vermitteln, er war aber nicht erfolgreich.Dies ergibt sich insbesondere aus einem Brief Hamanns an Kant vom 27. Juli 1759 Im Zusammenhang mit diesen Meinungsverschiedenheiten entstanden die Sokratischen Denkwürdigkeiten als Rechtfertigungsschrift gegen Berens und Kant.Johann Georg Hamann, Sämtliche Werke, hrsg. von Josef Nadler, Bd. II, Nachdruck 1999, S. 57 ff. In kritischer Haltung zu den Philosophen der Aufklärung verfocht Hamann von nun an eine Rückbesinnung auf Motive wie Gottesbestimmung, Schöpfung und göttliche Menschwerdung sowie auf die Einheit von Vernunft und Sinnlichkeit, Allgemeinem und Einzelnem bzw. Begriff und wahrnehmbarem Zeichen. Er erkannte im Denken den zufälligsten und abstraktesten Modus der menschlichen Existenz. Dem Erfassen der Wirklichkeit mit dem Verstand stellte er Empfinden und Glauben gegenüber, die den ganzen Menschen unausweichlich verpflichteten. Unser eigenes Dasein und die Existenz aller Dinge außer uns müsse geglaubt und könne auf „keine andere Art ausgemacht“ werden.J. G. Hamann, Sämtliche Werke, hrsg. von Josef Nadler, Bd. II, Nachdruck 1999, S. 73 Dem Glauben komme so eine größere Gewissheit als der Vernunft zu. Berens und Kant warfen Hamann lebensfremde Schwärmerei vor, doch er zeigte sich davon unbeeindruckt. Er lehnte es ab, eine Reihe von Artikeln aus der Encyclopédie Denis Diderots zu übersetzen. Er meinte, keiner der betreffenden Artikel sei einer Übersetzung wert.Georg Baudler: Im Worte sehen. Das Sprachdenken Johann Georg Hamanns. Bouvier, Bonn 1970, S. 70 ff

Rückkehr nach Königsberg mini|hochkant|Johann Gottfried Herder Anfang 1759 kehrte Hamann wegen einer schweren Erkrankung seines Vaters nach Königsberg zurück und nahm dort einen bürgerlichen Beruf auf, der für ihn aber eher nebensächlich war. Wegen eines Sprachfehlers konnte er weder predigen noch Vorlesungen halten. Seine Belesenheit und die Kenntnis fremder Sprachen waren bei seiner umfangreichen schriftstellerischen Tätigkeit hilfreich. Er sorgte für den kranken Vater und seinen geistig behinderten Bruder. Anna Regina Schumacher, die Magd des Vaters, unterstützte ihn bei der Pflege. Eine Freundschaft verband ihn mit dem Verleger Johann Friedrich Hartknoch,Friedrich von Roth, Hamann's Schriften, Bd. VII, Reimer, Berlin 1821, S. 131 der seine „Essais à la Mosaique“ sowie eine Sammlung kleiner Schriften herausbrachte.Rudolf Schmidt, Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker, 1979, S. 375 1762 begann die Freundschaft mit Johann Gottfried Herder, den er in englischer Literatur und Sprache unterrichtete und stark beeinflusste. 1764 reiste er auf Einladung Friedrich Karl von Mosers nach Frankfurt, seine Hoffnung auf eine Anstellung als Erzieher zerschlug sich allerdings. 1765 arbeitete er in Mitau als Sekretär eines Rechtsanwalts. Nach dem Tod des Vaters kehrte er nach Königsberg zurück. Hamann erhielt 1767 durch Vermittlung Kants bei der preußischen Zollverwaltung eine Stelle als Übersetzer. Mit Anna Regina Schumacher begann er eine nie legalisierte Gewissensehe, aus der vier Kinder hervorgingen. 1777 wurde er zum Packhofverwalter ernannt. Die berufliche Tätigkeit ließ ihm genügend Zeit zum Schreiben und zu ausgedehnter Lektüre, die finanziellen Verhältnisse waren aber stets angespannt. Von 1764 bis 1779 war er Mitarbeiter der Königsbergschen Gelehrten und Politischen Zeitungen, für die er viele Rezensionen verfasste.

Westfälische Gönner mini|Fürstin Gallitzin im Kreis ihrer Freunde, ganz links Bucholtz (Th. von Oer) Um 1782 wurde der vermögende Franz Kaspar Bucholtz auf das Werk Hamanns aufmerksam. Bucholtz war Herr von Welbergen, einem Wasserschloss zwischen Burgsteinfurt und Ochtrup. Er entschloss sich, Hamann zu helfen, und bat diesen, ihn als Sohn aufzunehmen. Im November 1784 überwies er Hamann 4000 Reichstaler an ein Königsberger Bankhaus. Von den Zinsen konnte Hamann die Erziehung seiner Kinder bestreiten und seine wirtschaftliche Not hatte ein Ende. Durch Buchholz wurde auch Fürstin Amalie von Gallitzin (1748–1806) in Münster auf Hamann aufmerksam. Um seine Gönner besuchen zu können, stellte er mehrmals Urlaubsgesuche, die schließlich mit der Versetzung in den Ruhestand beantwortet wurden. Zusammen mit seinem Sohn Michael und einem Arzt reiste er 1787 nach Münster, wo er krank eintraf. Im Sommer besuchte er Friedrich Heinrich Jacobi in Pempelfort, den Winter verbrachte er krank auf der Wasserburg zu Welbergen. Im März 1788 kehrte er nach Münster zurück und wurde geistlicher Berater der Fürstin Gallitzin. Als er wieder zur Heimreise nach Königsberg aufbrechen wollte, starb Johann Georg Hamann am 21. Juni 1788 in Münster. Hamann wurde im Garten der Fürstin begraben. Sein Grab liegt heute auf dem historischen Überwasser-Friedhof in Münster.

Familie Hamann und Anna Regina Schumacher († 1789Verein für Computergenealogie: Genealogische Datenbasis: Anna Regina SCHUMACHER. https://gedbas.genealogy.net/person/show/1158698566) bekamen vier Kinder, als deren Vater er in den Taufregistern genannt wird; auch erwähnt er die Kinder freimütig in Briefen an seine Freunde:

Johann Michael („Hans Michel“Johann Georg Hamann's, des Magus im Norden, Leben und Schriften. Fünfter Band (Briefwechsel mit F. H. Jacobi). Hrsg. v. C. H. Gildemeister. Gotha, 1868. Seite LI (Scan 57).Hamann an Friedrich Heinrich Jacobi, 15. Juni 1786. In: Johann Georg Hamann's, des Magus im Norden, Leben und Schriften. Fünfter Band (Briefwechsel mit F. H. Jacobi). Hrsg. v. C. H. Gildemeister. Gotha, 1868. Seite 355 (Scan 415) Auch: Johann Michel (S. 354).) Hamann (* 28. September 1769; † 12. Dezember 1813)"Deutschland, ausgewählte evangelische Kirchenbücher 1500-1971", FamilySearch (https://www.familysearch.org/ark:/61903/1:1:QPN6-98TB : Wed Oct 08 14:44:53 UTC 2025), Entry for Johann Michael Hamann Mannah and Joh. George Hamann Mannah, 29 Sep 1769. [Image 33 statt, wie in Quelle fest verlinkt, 32.]Verein für Computergenealogie: Genealogische Datenbasis: Johann Michael HAMANN. https://gedbas.genealogy.net/person/show/1131119878 Elisabeth Regina („Reinette Lisette“) Hamann, verh. Rosenberger (* 12. April 1772; † 5. Februar 1838)"Deutschland, ausgewählte evangelische Kirchenbücher 1500-1971", FamilySearch (https://www.familysearch.org/ark:/61903/1:1:QPND-PKJK : Sat Oct 11 19:27:59 UTC 2025), Entry for Elisabet Regina Hamann and Johan George Hamann, 17 Apr 1772.Verein für Computergenealogie: Genealogische Datenbasis: Elisabeth Regina HAMANN. https://gedbas.genealogy.net/person/show/1131119872 Magdalena Catharina („Lene Käthe“Hamann an Friedrich Heinrich Jacobi, 27. Mai 1786. In: Johann Georg Hamann's, des Magus im Norden, Leben und Schriften. Fünfter Band (Briefwechsel mit F. H. Jacobi). Hrsg. v. C. H. Gildemeister. Gotha, 1868. Seite 337 (Scan 397)) Hamann, verh. Rosenberger (* 2. Dezember 1774; † 30. April 1849)Verein für Computergenealogie: Genealogische Datenbasis: Magdalena Catharina HAMANN. https://gedbas.genealogy.net/person/show/1131119879