mini|hochkant=0.4 mini|Langes s in verschiedenen Schriften
Das lange s (auch Lang-sBenennung und Buchstabier-Ansagewort laut DIN 5009:2022-06 Beiblatt 1, Tabelle 1 „Ergänzende Buchstabiertafel für spezielle Anwendungen“) „ſ“ ist eine grafische Variante des Buchstabens „s“ oder, sprachwissenschaftlich, eine stellungsbedingte allographische Variante des Graphems „s“. Das „ſ“ ist durch seinen vertikalen Schaft charakterisiert und bildet den ersten Bestandteil der beiden Ligaturen „ſʒ“ („ſz“) und „ſs“, die als Ursprung des von den meisten deutsch Sprechenden verwendeten Buchstabens ß angesehen werden.
Das „ſ“ wird in den heute üblichen „runden“ Schriften (Antiqua-Schriften) normalerweise nicht mehr verwendet, ist jedoch kein Verstoß gegen die Orthographie, da in den neuen (wie schon in den alten) Rechtschreibregeln keine Vorschriften zu ihrer allographischen Umsetzung gemacht werden.
Im Gegensatz zu dem seit dem 29. Juni 2017 (rechtschreiblich) gültigen großen „ẞ“ gibt es das „lange ſ“ nur als Kleinbuchstaben.
In gebrochenen Schriften ist die Verwendung des „ſ“ parallel zum runden s nach historisch gewachsenen Regeln konventionalisiert. Dabei wird das „ſ“ im Deutschen für das s-Graphem im Anlaut oder Inlaut einer Silbe geschrieben, während im Auslaut einer Silbe das runde s oder Auslaut-s gebraucht wird. Früher kam das lange s in allen romanischen ebenso wie den deutschen, englischen, niederländischen, westslawischen und den skandinavischen Schriftformen vor.
Bezeichnungen mini|Verschiedene Ausführungen des langen ſ und des runden s in verschiedenen Schriften
Synonyme für langes s Lang-s, kleines Lang-s, Schaft-s nach der Position: Anlaut-s, Inlaut-s, Silbenanfang-s
In anderen Sprachen: Englisch: long s, medial s, descending s Unicode-Bezeichnung: Latin small letter long s Französisch: s long Italienisch: s lunga Spanisch: s larga
Synonyme für rundes s Rund-s, kurzes s, Kurz-s nach der Position: Schluss-s, Auslaut-s
In anderen Sprachen: Englisch: short s, lowercase s; für Schluss-s: terminal s, final s Unicode-Bezeichnung: Latin small letter s Französisch: s rond, notre s („unser s“)
Schriftgeschichte Entstehung des Minuskel-s und des langen s mini|Entstehung des langen ſ und runden s aus der römischen Kapitalschrift mini|9.–12. Jahrhundert mini|Schwäbische Bastarda, 1496, langes und rundes s
Mit der Halbunzial-Schrift (5.–8. Jahrhundert) entstand eine Schriftart, in der gegenüber der Römischen Capitalis-Schriften einzelne Buchstaben erstmals Ober- und Unterlängen ausbildeten. Sie vermittelt, ohne selbst schon ausgesprochen eine Minuskelschrift zu sein, den endgültigen Übergang vom zweilinigen zum vierlinigen Schriftsystem. Diese selbstständige Schriftart vermengt Elemente sowohl der Kapitale wie der Unziale und der jüngeren römischen Kursive zu etwas Neuem, sie stellt den Beginn der Weiterentwicklung der antiken, lateinischen Großbuchstaben-Schrift (Majuskelschrift) zu einer Kleinbuchstaben-Schrift (Minuskelschrift) dar. Der Buchstabe s wird nun sowohl in der zweilinigen Majuskelform s wie auch in der dreilinigen Minuskelform ſ verwendet.
Die karolingische Minuskelschrift (9.–12. Jahrhundert) lehnt sich an die Nebenformen der Halbunzialen an und wandelt sich unter insularer, italischer und westgotischer Einwirkung zu der sie kennzeichnenden Form. Aufgrund der kulturpolitischen Anstrengungen zu einer Normierung im Fränkischen Reich nimmt sie für den Gesamtablauf der abendländischen Schriftentwicklung eine epochale Stellung ein. Sie ist die Schrift, aus der sich mittelbar die gebrochenen Schriften (einschließlich der deutschen Kurrentschrift) und die Antiqua (über die humanistische Minuskel) entwickelt haben.
Im Einzelnen sind die Buchstaben dieser Schrift dem Vierliniensystem voll angepasst. Der Charakter der Minuskelschrift ist damit vorherrschend. Das Ideal der Karolingischen Minuskel liegt in einem Alphabet ohne Doppelformen. In einigen Schreibschulen kommt das s daher ausschließlich als langes s mit Oberlänge vor.
Das runde s für das Wortende kommt allerdings schon im 9. Jahrhundert in einigen Schreibschulen wieder dazu. Es breitet sich in der Folgezeit weiter aus, zunächst gerne hochgestellt, während sein Auftreten in der Wortmitte auf das 12. Jahrhundert verweist.Herbert E. Brekle: Versuch einer linguistisch begründeten Fassung der Gebrauchsregeln für das lange ſ und das runde s. In: Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft. 6, 1996.
Das Integralzeichen , von Gottfried Wilhelm Leibniz eingeführt, leitet sich aus dem langen s für lateinisch ſumma (summa) ab.
Verschwinden des langen s im Antiquasatz mini|hochkant=0.5|Langes s im Antiquasatz mini|Vergleichende s-Schreibung, Hamburger Rechtsamt 1955. Abweichend davon wird in der modernen lateinischen Handschrift ebenfalls ß verwendet. Bei Eigennamen steht eine ſs-Kombination nicht immer für ß.
Die Differenzierung zwischen langem und rundem s verlor seit dem 18. Jahrhundert im Antiquasatz international an Bedeutung. Das lange s wurde in französischen Texten fast schlagartig mit der Revolution unüblich. Das Pariser astronomische Jahrbuch Connaissance des temps beispielsweise benutzte das ſ bis zum Erscheinungsjahr 1792, ab 1793 aber das s, gleichzeitig änderte sich die Jahreszählung auf dem Revolutionskalender und die Widmung der Buchreihe.
Um 1800 wurde zum ersten Mal auch deutschsprachiger Text in größeren Mengen in Antiqua gesetzt (vgl. Antiqua-Fraktur-Streit). Anfangs wurde das lange s uneinheitlich verwendet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete sich ein gewisser Konsens heraus. Grundsätzlich wurde im Antiquasatz kein langes s verwendet. Die einzige Ausnahme war, dass in Antiqua ſs geschrieben wurde, wo im deutschen Fraktursatz sz (Eszett, ß) geschrieben wurde. So wurde Wasser im Fraktursatz mit zwei langen s geschrieben, im Antiquasatz mit zwei runden. Dagegen wurde Fluss im damaligen Fraktursatz mit ß geschrieben, aber im Antiquasatz als Fluſs. Die Schreibweise Fluß war aber auch im Antiquasatz zulässig. Der Duden von 1880 fasste die Regel so zusammen:
700px|Regeln zum langen s im Duden, 1880|alt=Inhalt: „Zu merken ist, daß man in lateinischer Schrift s [rundes Antiqua-s] für ſ [langes Fraktur-s] und s [rundes Fraktur-s] ohne Unterschied, ss [Antiqua-ss] für ſſ [langes Fraktur-ss] und ſs [langes und rundes Antiqua-s] für ß [Fraktur-Eszett-Ligatur] anwendet. Statt ſs [langes und rundes Antiqua-s] ist auch ß [Antiqua-Eszett-Ligatur] zulässig.“
Mit der Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung von 1901 wurde statt dieser Zwischenlösung die Verwendung eines ß-Zeichens auch im Antiquasatz vorgeschrieben. Dank einer InitiativeZeitschrift für Deutschlands Buchdrucker, Steindrucker und verwandte Gewerbe. Leipzig, 9. Juli 1903. Nr. 27, XV. Jahrgang. Faksimile in: Mark Jamra: The Eszett (ohne Datum) (Abgerufen am 17. April 2008) der Buchdruckerei- und Schriftgießereibesitzer von 1903 verfügten die meisten Druckereien ab 1904 über geeignete Lettern.
Seitdem entsprach die Verwendung eines langen s im Antiquasatz nicht mehr der gültigen Rechtschreibung. Der in Fraktur gesetzte Duden stellte 1915 klar, dass „die mehrfach versuchte Anwendung eines langen ſ in lateinischer Schrift für das ſ in der deutschen Schrift unzulässig ist“.J. E. Wülfing, A. C. Schmidt (Hrsg.): Duden, Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter nach den für Deutschland, Österreich und die Schweiz gültigen amtlichen Regeln. 9. Auflage. Bibl. Inst., Leipzig/Wien 1915 (Gesetzt in Fraktur), S. XII. Die Schreibweise ſs anstelle von ß in der Antiqua war nur noch als Notbehelf zugelassen, wenn kein ß vorhanden war.Duden, 11. Auflage, 1934, S. 46.
Die 12. Auflage des Duden von 1941 war die letzte in Fraktursatz, nach dem Normalschrifterlass wurden die Nachdrucke ab 1942 auf Antiqua umgestellt. Als Hilfestellung für Schreiber der gebrochenen Schrift wurde das Schluss-s jeweils unterstrichen, jedoch nicht bei „vokabelartigen Stichwörtern und Fügungen, da Fremdsprachen in der Regel in runden Schriften gesetzt werden“,DDR-Duden, 16. Auflage (1967), 10. Nachdruck, S. X, Punkt 1.3.2. beispielsweise: Dresden, Dualismus, aber nolens volens, Regens chori. Dies wurde auch bei der gemeinsamen 13. Ausgabe 1947 so gehandhabt. Die BRD-Ausgaben lassen dies ab der 14. Auflage 1954 weg. Die 14. DDR-Ausgabe von 1951 ist hingegen in Antiqua mit korrekt gesetztem langem s (und ß) gehalten. In der 15. (1957) und der 16. Auflage (1967) wird wieder das System der Unterstreichung angewendet, welches erst mit der 17. Auflage (1975) verschwindet.
Langes s als Großbuchstabe mini|links|hochkant=0.7|Ehmcke-Antiqua mini|hochkant=1.1|Lateinisches Alphabet der udischen Sprache in einem Buch von 1934, mit einer Versalform des Lang-s (3. Spalte, zweiter Eintrag von unten)
Die 1909 erschienene Ehmcke-Antiqua und die ein Jahr später erschienene Ehmcke-Kursiv von Fritz Helmuth Ehmcke gehören zu den wenigen Schriften mit Versal-ſ. Sie haben ebenso versale Formen für ß, ch und ck. Über den Umweg einer Bleisatz-Version bei Stephenson Blake in England und eine davon gefertigte Letraset-Version ist sie heute als Computerschrift unter dem Namen Carlton erhältlich.
Verschiedene lateinische Alphabete, die in den 1920er Jahren in der Sowjetunion in Schriftreformen für kaukasische Sprachen eingeführt wurden, verwendeten das Lang-s für spezifische Phoneme. (PDF; 18 MB) (Diese Alphabete wurden um 1938 durch kyrillische Alphabete abgelöst.Frings, Andreas: Sowjetische Schriftpolitik zwischen 1917 und 1941 – eine handlungstheoretische Analyse. Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-08887-9) Dabei wurden auch Versalformen entwickelt, die überwiegend einer geglätteten Variante des Unicode-Zeichens U+0295 (ʕ) ähneln.
Das lange s im Deutschen Vorteile und Nachteile mini|hochkant|Vorteil: Das ſ macht die Wortfuge bzw. die Morpheme deutlich:Wachs·tube (oben)Wach·stube (unten) mini|hochkant|Nachteil: Ähnlichkeit von ſ und f (Gedenktafel an der Marienklause, München)
Als Vorteil der Unterscheidung zwischen langem und rundem s in der deutschen Sprache wird angeführt, dass bei zusammengesetzten Wörtern, die im Deutschen fast immer zusammengeschrieben werden, die Wortfuge in vielen Fällen klarer erkennbar sei. Denn das (runde) s ist einerseits, weil es bei den meisten maskulinen und neutralen Substantiven den Genitiv kennzeichnet und als Fugenlaut dient, sehr oft der letzte Buchstabe des vorangehenden Wortteils; andererseits ist das (lange) s (auch in den Verbindungen sch, sp, st) einer der häufigsten Anfangsbuchstaben und damit oft der erste Buchstabe des nachfolgenden Wortteils.
Wörter wie Haustür, Häschen oder desselben werden dadurch leichter lesbar, und es ermöglicht Unterscheidungen, zum Beispiel: Wachſtube (Wach·stube) und Wachstube (Wachs·tube) Kreiſchen (Krei·schen, für Schreien) und Kreischen (Kreis·chen, für kleiner Kreis)
Dies wurde im Antiqua-Fraktur-Streit als Argument benutzt, um die Überlegenheit der gebrochenen Schriften für den Satz deutscher Texte zu demonstrieren.
Demgegenüber kann angeführt werden, das lange s sei für Ungeübte leicht mit dem Buchstaben f zu verwechseln, insbesondere nachdem es heute aus verkehrsüblichen Texten nahezu verschwunden ist und nicht mehr in der Schule gelehrt wird. Zur besseren Unterscheidung von ſ und f sprach Gustav Michaelis bereits 1876 die Bitte aus, die deutschen Buchdrucker mögen gemeinsam beschließen, den „durchaus unschönen und störenden Haken“ am ſ wegfallen zu lassen; es würden dadurch sicher zahllose Korrekturen entfallen.Gustav Michaelis: Die Ergebnisse der zu Berlin vom 4. bis 15. Januar 1876 abgehaltenen orthographischen Konferenz. Barthol, Berlin 1876, S. 92–93 () Jedoch ist das f immer mithilfe des horizontalen f-Strichs rechts am f vom ansonsten meist gleich aussehenden ſ unterscheidbar, unabhängig von Sprache und Schrift.
Regeln von 1901