Das Eismeer ist ein in den Jahren 1823/1824 entstandenes Gemälde des Künstlers Caspar David Friedrich (1774–1840). Es zeigt eine arktische Landschaft mit sich auftürmenden Eisschollen, unter denen auf der rechten Seite ein gekentertes Segelschiff begraben liegt, nur mit einem Teil des Hecks und einem gebrochenen Mast sichtbar. Das 96,7 cm × 126,9 cm große, in Öl auf Leinwand gemalte Bild ist in der Zeit des Vormärz entstanden und zugleich in einer Lebensphase Friedrichs, in der sein künstlerischer Erfolg verblasste. So wird Das Eismeer gemeinhin als eine Darstellung des endgültigen Scheiterns besprochen. Seit 1905 befindet es sich im Eigentum der Hamburger Kunsthalle und gilt als eines der Hauptwerke der Sammlung. Infolge einer Verwechslung mit einem weiteren Polarbild des Malers wurde es bis 1965 mit dem Titel Die gescheiterte Hoffnung bezeichnet.
Bildbeschreibung Caspar David Friedrichs Eismeer ist ein querformatiges Gemälde, klar gegliedert in „zweischichtigem Bildraum“:Helmut Börsch-Supan: Caspar David Friedrich. Neue Deutungen. Vortrag zum 200. Geburtstag von C. D. Friedrich. gehalten am 20. November 1974 in der Stiftung Pommern, Kiel 1974. einerseits der zerklüfteten und unruhigen Eislandschaft im Mittelteil und Vordergrund, andererseits dem kalten Blau der Ferne, in dem das Meer an einer schwachen Horizontlinie in einen verhangenen Himmel übergeht. Im Zentrum steht ein schroffes Eisgebilde, eine geborstene Eisdecke, deren Platten zu einem klippenartigen Berg über- und gegeneinander geschoben, diagonal aufgetürmt in die Höhe weisen. Die einzelnen Tafeln sind in verschiedenen Gruppen treppenartig in der Hauptrichtung von rechts nach links geschichtet, wirken scharfkantig und zum Teil pfeilartig zugespitzt. Vier vordere Bruchstücke liegen in einer Gegendiagonale und vermitteln so eine Drehbewegung um die zentrale Bildachse.
mini|links|hochkant|Detail aus dem Gemälde Das Eismeer
Vorgelagert, zum Betrachter hin, durch den schmalen Streifen einer vereisten, leicht erhöhten Uferzone vom Hauptgeschehen getrennt, häuft sich von links nach rechts ein Riegel weiterer Eisschollen. Sie sind in schmutzig-braunen und grünlich-grauen Tönen gehalten, kontrastiert durch ockerfarbene Schneehaufen mit flockiger Struktur. Erdreste deuten auf einen Landbereich hin. Auf der rechten Bildseite verbindet eine aufgerichtete gelbliche Platte mit ihrer hellen Spitze den vorderen Bereich mit der Hauptzone, in der ein sinkendes Schiffswrack zu entdecken ist. Es scheint durch die Macht der Schollen gegen das Eis der Landregion gedrückt und gekentert zu sein. Nachfolgende Eisplatten schieben sich über den Rumpf, zwischen Eisgeröll bleiben lediglich ein Teil des Hecks, der Besanmast, ein Stück Segel und etwas Tau erkennbar. Links des Eisgetüms sind einige kahle, dünne Baumstämme zwischen den Platten verkeilt, letzte Verweise auf die vormalige Vegetation.
Der Hintergrund wird durch das Meer mit darauf treibenden Eisbergen gebildet, die sich in einer blauen Tiefe verlieren. Am linken Rand schwimmt ein Eisgebilde, das in seiner Form dem zentralen Monument ähnelt, doch während dieses undurchsichtig und kompakt ist, wirkt das Hintere gläsern und schwebend in dem diffusen Licht. Der Himmel, kalt blau und mit nebelig-grauen Andeutungen durchzogen, liegt wie eine Wand hinter der erstarrten und eingefrorenen Szene. Lediglich in der Mitte des oberen Randes bricht er mit einer lichten Wolkenbank auf und lässt den Tiefenraum erahnen.
mini|Bildaufbau: Diagonale durch aus Eisblöcken gestaltete Pfeile
Die vordere Bildebene zeigt Tod und Zerstörung, das Land ist unter dem ewigen Eis begraben, die organische Natur abgestorben, das Leben erdrückt. Die hoch aufgestellten Eistafeln können darin wie Grabmäler, das Schiff als unter Platten begraben gesehen werden. Den Zugang zum Gemälde formen die vorderen, dunkel gehaltenen Schollen, die wie Stufen zu einem Monument oder aber einem Bühnenraum hinaufführen. Sie stellen sich zugleich als Barriere entgegen, der Betrachter bleibt außerhalb, steht erhöht und schaut leicht von oben auf die Szene. Mittig im Vordergrund deutet ein aus Eisblöcken gestalteter Pfeil schräg aufwärts zum gestrandeten Schiff. Dort bilden Mast und Eisschollen eine Gegendiagonale, die als weiterer Pfeil in den aufgebrochenen Himmel zeigt. Der Blick wird so in die Ferne und den unbegrenzten Hintergrund gelenkt, der im Kontrast die zweite Bildebene darstellt.
Die Diagonalen bewirken eine geordnete Bildgliederung, gestützt durch die Aufteilung in ein oberes Drittel durch die Horizontlinie und eine Bildmitte durch die Gerade der Uferkante parallel zum Horizont. Der zentrale Eiskomplex steht darin wie ein kristalliner Keil. Die wohlproportionierte Linienführung verstärkt den bühnenbildhaften Aufbau und trägt so zur Spannung des Bildes zwischen Chaos und Ordnung bei. Das Licht innerhalb des Bildes wirkt diffus und wird an der aufgebrochenen Wolkendecke entlang der Mittelachse sichtbar. Es fällt jedoch von außen, aus Richtung rechts oberhalb des Betrachters ein, so dass es den dramatischen Vordergrund mit seiner reichen Farbigkeit der „dinghaft-schweren und scharfkantigen“ Eismasse beleuchtet und von der Leuchtkraft des Blaus in der scheinbaren Schwerelosigkeit und Durchsichtigkeit der Ferne trennt.Peter Rautmann: Caspar David Friedrich: Das Eismeer. Durch Tod zu neuem Leben. S. 12.
Bildtitel und Provenienz Bereits 1824, im Jahr seiner Vollendung, stellte Friedrich das Gemälde in Prag als Ideale Scene eines arktischen Meeres, ein gescheitertes Schiff unter den aufgethürmten Eismassen und in Dresden als Das Eismeer aus. Zwei Jahre später war es in Berlin und in Hamburg zu sehen, diesmal unter dem Titel Ansicht des Eismeeres.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen. S. 103 und 107. Das Bild blieb bis zum Tod des Künstlers in dessen Besitz und wurde 1843 von seinem Freund Johan Christian Dahl (1788–1857) aus dem Nachlass gekauft. Es war im Nachlassverzeichnis unter der Nr. 101 als Eisbild. Die verunglückte Nordpol-Expedition ausgewiesen. Nach dem Tod von Dahl kam es 1859 in eine Versteigerung, der zugehörige Auktionskatalog führte es unter der Nr. 91 als Winterlandschaft mit großen Eisbergen oder die verunglückte Hoffnung im Polarmeer nach Perris Reise auf.Werner Hofmann (Hrsg.): Caspar David Friedrich 1774–1840. Kunst um 1800. S. 258 f. Es fand keinen Käufer und blieb im Eigentum des Sohns, Johann Siegwald Dahl (1827–1902). Dessen Witwe verkaufte es 1905 an Alfred Lichtwark (1852–1914), den damaligen Direktor der Hamburger Kunsthalle. Unter dem Titel Die gescheiterte Hoffnung wurde es zu einem der bekanntesten Werke der Sammlung.
Im Jahr 1965 wies der Kunsthistoriker Wolfgang Stechow (1896–1974) nach, dass es sich bei dem Titel um eine Verwechslung mit einem weiteren Polarbild Caspar David Friedrichs handelte, einem bereits 1822 entstandenen Gemälde mit der ursprünglichen Bezeichnung Ein gescheitertes Schiff auf Grönlands Küste im Wonne-Mond, das seit 1868 als verschollen gilt. Auf diesem stand ebenfalls ein von Eismassen begrabenes Schiff im Zentrum; im Gegensatz zu dem namenlosen Wrack in dem zweiten Bild trug es jedoch den Namen Hoffnung. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu einer teilweisen Übertragung von Titel, Motiv und Entstehungsgeschichte.Wolfgang Stechow: Caspar David Friedrich und der ‚Griper‘ S. 241 ff. Entsprechend den gewonnenen Erkenntnissen wird das Gemälde in der Hamburger Kunsthalle wieder Das Eismeer genannt, so wie es 1824 in Dresden ausgestellt war. Die Forschungen von Wolfgang Stechow brachten zudem mit sich, dass sowohl die Hintergründe der Entstehung wie die bis dato veröffentlichten Rezeptionen und Deutungen des Bildes hinterfragt wurden. Beide Gemälde sind seit 1973 in dem von Helmut Börsch-Supan und Karl Wilhelm Jähnig erstellten Werkverzeichnis Caspar David Friedrichs aufgeführt.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen. S. 376 f.: Ein gescheitertes Schiff auf Grönlands Küste im Wonne-Mond, datiert 1822, (auch: Mißlungene Nordpolexpedition oder Die zertrümmerte Hoffnung) unter der Nummer 295 (BS 295); und 386 f.: Das Eismeer, datiert 1823/1824, (auch: Die verunglückte Nordpolexpedition oder Die verunglückte Hoffnung) mit der Nummer 311 (BS 311).
Exkurs: Die gescheiterte Hoffnung mini|links|Johann Frenzel: Radierung nach dem Gemälde von Johann Martin von Rohden: Einsiedler bewirtet einen Pilger (um 1830)
Das im Jahr 1822 entstandene erste Polarbild hatte der Maler als Auftragsarbeit für den Dresdner Kunstmäzen Johann Gottlob von Quandt (1787–1859) geschaffen, der für seine Privatsammlung ein Pendantpaar mit den Motiven Süden und Norden wünschte. Die „südliche Natur in ihrer üppigen Pracht“ stellte der Maler Johann Martin von Rohden (1778–1868) in einem Landschaftsbild dar: zur Rechten eine Grotte unter bewachsenen Felsen, links eine weite Aussicht auf Bergketten und Ruinen, im Zentrum ein Einsiedler, der einen Pilger bewirtet. Auch dieses Gemälde ist verschollen, erhalten ist eine Abbildung als Radierung von Johann Gottfried Frenzel (1782–1855). Friedrich war vor die Aufgabe gestellt, ein Gegenstück zu schaffen:
Das Bild wurde nach seiner Fertigstellung in der Dresdner Akademie ausgestellt, es hat die Maße 95 × 130 cm, abgebildet sind laut Ausstellungskatalog „schwarze Felsenriffe, an denen sich geborstene, tauende Eisschollen auftürmen. Zwischen ihnen sind die Reste eines Schiffes eingeklemmt, auf dem man den Namen ‚Hoffnung‘ liest.“Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, S. 376. Helmut Börsch-Supan führt zudem an, dass die Maßangabe bei Wolfgang Stechow von 101 × 147 cm auf einer Umrechnung von rheinischen statt sächsischen Fuß basiert und nicht korrekt ist. Nach dem Tod Quandts wurde es 1868 aus dessen Nachlass versteigert und gilt seither als verschollen. Helmut Börsch-Supan bewertet dieses Gemälde, vor dem Hintergrund der Gegenüberstellung mit einer arkadischen Landschaft des irdischen Paradieses, als Gleichnis religiöser Überzeugung und „Sinnbild der Erlösung durch den Tod“, jedoch als gedanklich verschieden von dem zwei Jahre später entstandenen Eismeer.
Hintergründe der Entstehung mini|Das Wrack im Eismeer (1798) stammt vermutlich nicht von Friedrich
Das in der Tradition der Landschaftsmalerei stehende Thema Schiffbruch, hier zumal im Polarmeer, wurde von Caspar David Friedrich Anfang der 1820er Jahre aufgegriffen und in zwei Bildern umgesetzt. Er plante mindestens ein weiteres, doch dessen Ausführung ist nicht bekannt.So berichtete David d’Angers: „Er sagte mir, er hätte die Absicht, ein anderes Bild zu malen, in welchem man am Horizont einen Eisberg sehen würde, welcher ein Schiff erdrückt habe. Im Vordergrund wäre das Wasser klar und durchsichtig und eine Frühlingsvegetation erkennbar. (…) Welch große Idee für ein Bild.“ Pierre-Jean David d’Angers: Les Carnets de David d’Angers. Paris 1958, Bd. 1, S. 329; zitiert nach: Peter Rautmann: Caspar David Friedrich: Das Eismeer. Durch Tod zu neuem Leben. S. 19. Auch Carl August Böttiger erwähnt in einem Bericht 1825 über Friedrichs Polarbilder, dass noch ein drittes gemalt werden soll. Ein bereits 1798 entstandenes Bild Wrack im Eismeer, 31,4 × 23,6 cm, Öl auf Leinwand, 1951 von der Hamburger Kunsthalle erworben, galt lange Jahre als Jugendbild des Künstlers. Die Zuschreibung wird jedoch bezweifelt, auch konnte kein Bezug zu den späteren Polarbildern hergestellt werden.Helmut R. Leppien: Caspar David Friedrich in der Hamburger Kunsthalle. S. 54.