mini|Der Anfang des Philebos in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39) Der Philebos (, latinisiert ) ist ein in Dialogform verfasstes Werk des antiken griechischen Philosophen Platon. Wiedergegeben wird ein fiktives Gespräch von Platons Lehrer Sokrates mit den beiden jungen Athenern Philebos und Protarchos. Das Hauptthema ist die ethische Bewertung der Lust.

Philebos und Protarchos sind Hedonisten, sie betrachten die Lust als höchsten Wert und setzen sie mit dem schlechthin Guten gleich. Sokrates vertritt die Gegenposition, für ihn haben Vernunft und Einsicht Vorrang. Die Berechtigung und den Wert der Lust bestreitet er zwar nicht, doch zeigt er die Verschiedenartigkeit der Lüste auf und tritt für eine differenzierte Beurteilung ein. Er verwirft manche Arten der Lust, da sie schädlich seien, und billigt den übrigen, den „reinen“ Lüsten, nur einen untergeordneten Rang in der hierarchischen Wertordnung zu. Die Unterscheidung zwischen den Lustarten führt zu allgemeinen Überlegungen über die Einheit und Vielheit von Arten, die unter einem Oberbegriff zusammengefasst werden, und über die Gattungen, in die sich alles Seiende aufteilen lässt.

Lust und Unlust treten im menschlichen Leben in verschiedenen Erscheinungsformen und Mischungsverhältnissen auf. Sokrates untersucht die Ursachen, die Entstehung und die Beschaffenheit dieser Faktoren und ihrer wechselnden Kombinationen, die verschiedenartige Gemütszustände ergeben. Die Besonderheiten der einzelnen Lustformen werden herausgearbeitet und die Gründe für deren unterschiedliche Bewertung dargelegt. Am Ende des Dialogs präsentiert Sokrates eine universale Wertordnung. Darin nimmt das richtige Maß, die Verhältnismäßigkeit, den obersten Platz ein und die Lust – soweit sie berechtigt ist – den untersten. Schädliche Lüste sind zu meiden. Die rechte Mischung der erwünschten Faktoren soll ein gelungenes Leben ermöglichen und einen ausgeglichenen Gemütszustand herbeiführen. Protarchos sieht das ein, Philebos äußert sich nicht mehr.

Der Philebos, in dem neben dem Kernthema eine Reihe weiterer philosophischer Fragen zur Sprache kommt, gilt als einer der anspruchsvollsten Dialoge Platons. In der modernen Forschung findet besonders die von Sokrates vorgenommene Einteilung alles Seienden in vier Klassen viel Beachtung. Erörtert wird unter anderem das Verhältnis dieser Klassifizierung zu Platons Ideenlehre und zu seiner „ungeschriebenen Lehre“ oder Prinzipienlehre.

Ort, Zeit und Teilnehmer mini|Sokrates (römische Büste, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris)

Im Gegensatz zu manchen anderen platonischen Dialogen ist der Philebos nicht als Erzählung eines Berichterstatters gestaltet. Das Dialoggeschehen ist nicht in eine Rahmenhandlung eingebettet, sondern setzt unvermittelt ein. Über Ort, Zeit und Anlass des Gesprächs erfährt man nichts. Als Schauplatz kommt jedenfalls nur Athen, die Heimatstadt des Sokrates, in Betracht. Außer den drei Gesprächspartnern Sokrates, Protarchos und Philebos ist noch eine Schar von jungen Männern anwesend, die aber nur schweigend zuhören. Es sind offenbar Bewunderer des Philebos, dessen Schönheit in dem homoerotisch geprägten Milieu geschätzt wird.Platon, Philebos 16a–b. Philebos spielt nur eine unwesentliche Nebenrolle, obwohl der Dialog nach ihm benannt ist. Die Debatte findet zwischen Sokrates und Protarchos statt.

Sokrates ist wie in den meisten platonischen Dialogen die Hauptfigur, der sachkundige Philosoph, der die Debatte lenkt und dominiert und den anderen zu Erkenntnissen verhilft. Im Unterschied zu den frühen Dialogen, wo er sich mit seiner eigenen Ansicht zurückhält und seine Gesprächspartner mit zielführenden Fragen auf neue Gedanken bringt, entwickelt er hier eine eigene Theorie. Da der Dialog eine literarische Fiktion ist, darf das Konzept, das Platon Sokrates in den Mund legt, nicht als Position des historischen Sokrates aufgefasst werden, wenngleich die ethische Einstellung der Dialogfigur der Grundhaltung ihres realen Vorbilds ungefähr entsprechen dürfte.Siehe zur Figur des Sokrates und ihrer Rolle Thomas A. Szlezák: Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie, Teil 2: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, Berlin 2004, S. 210–217; Reginald Hackforth: Plato’s Examination of Pleasure, Cambridge 1958 (Nachdruck der Ausgabe von 1945), S. 7 f.; Dorothea Frede: Platon: Philebos. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 1997, S. 387–389; Georgia Mouroutsou: Die Metapher der Mischung in den platonischen Dialogen Sophistes und Philebos, Sankt Augustin 2010, S. 199 f.

Philebos ist jung, eher ein Jugendlicher als ein junger Mann.Alfred Edward Taylor: Plato: Philebus and Epinomis, Folkestone 1972 (Nachdruck der Ausgabe von 1956), S. 11 f. Für die Existenz eines historischen Bekannten des Sokrates namens Philebos gibt es außerhalb des Dialogs keinen Beleg. Es ist gut möglich, dass es sich um eine frei erfundene Gestalt handelt. Dafür spricht, dass kein historischer Träger dieses Namens bekannt ist und es sich um einen sprechenden Namen handelt, der zu der Figur passt („Jugendliebhaber“ oder „Freund der Jugendlust“). Weitere Indizien für Fiktionalität sind, dass der Name seines Vaters nicht genannt wird und Platon ihm kein Profil gegeben hat, das eine historische Einordnung ermöglichen könnte.Dorothea Frede: Platon: Philebos. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 1997, S. 95; Richard Goulet: Philèbe. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 5, Teil 1, Paris 2012, S. 302. Auffällig ist, dass Philebos zwar die Titelgestalt ist und die Ausgangsthese aufstellt, aber die Verteidigung der These Protarchos überlässt, während er selbst sich ausruht und zuhört.Siehe zur Rolle des Philebos Thomas A. Szlezák: Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie, Teil 2: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, Berlin 2004, S. 203 f. Nur selten und kurz ergreift er das Wort, und am Schluss nimmt er die Widerlegung seiner These kommentarlos hin. Er ist träge und nur an Genuss interessiert und scheut die gedankliche Anstrengung einer Debatte. Seine Weltanschauung ist einfach. Mit seinem Auftreten und seiner ganzen Haltung entspricht er dem negativen Bild eines untüchtigen, selbstzufriedenen und unbelehrbaren Hedonisten, das der Autor dem Leser vor Augen stellen will. Möglicherweise hat ihm Platon Züge des Mathematikers und Philosophen Eudoxos von Knidos verliehen. Eudoxos, ein jüngerer Zeitgenosse Platons, war Hedonist, und die Hedonismuskritik im Philebos war einer Forschungshypothese zufolge gegen seine Lehre gerichtet. Allerdings zeigt Platons Philebos weniger Intelligenz und Interesse am Gedankenaustausch, als man von einem fähigen Wissenschaftler wie Eudoxos erwarten würde.Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 254–256. Vgl. Reginald Hackforth: Plato’s Examination of Pleasure, Cambridge 1958 (Nachdruck der Ausgabe von 1945), S. 4–7; Justin C. B. Gosling, Christopher C. W. Taylor: The Greeks on Pleasure, Oxford 1982, S. 157–164; Maurizio Migliori: L’uomo fra piacere, intelligenza e Bene, Milano 1993, S. 352–357; Dorothea Frede: Platon: Philebos. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 1997, S. 390–394. Wiederholt wird seine Schönheit hervorgehoben.Platon, Philebos 11c, 26b. Zu seiner erotischen Attraktivität passt sein besonderes Verhältnis zur Liebesgöttin Aphrodite, der er den Namen der Lust (Hedone) gibt; offenbar ist er der Ansicht, mit seinem Bekenntnis zum Hedonismus im Sinne der Göttin zu handeln.Platon, Philebos 12b, 22c. Vgl. Hans-Georg Gadamer: Die Idee des Guten zwischen Platon und Aristoteles. In: Gadamer: Gesammelte Werke, Bd. 7, Tübingen 1991, S. 128–227, hier: 187. Der Umstand, dass sich Philebos nicht an der philosophischen Untersuchung beteiligt, deutet darauf, dass er ein irrationales Prinzip verkörpert, das als solches nicht Rechenschaft gibt.Paul Friedländer: Platon, Bd. 3, 3., überarbeitete Auflage, Berlin 1975, S. 288 f.; Reginald Hackforth: Plato’s Examination of Pleasure, Cambridge 1958 (Nachdruck der Ausgabe von 1945), S. 6; Hans-Georg Gadamer: Die Idee des Guten zwischen Platon und Aristoteles. In: Gadamer: Gesammelte Werke, Bd. 7, Tübingen 1991, S. 128–227, hier: 186 f.; Sylvain Delcomminette: Le Philèbe de Platon, Leiden 2006, S. 34 f.

Bei Protarchos wird in der Forschung die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine historische Person handelt, höher eingeschätzt als bei Philebos, doch bestehen auch in diesem Fall Zweifel.Luc Brisson: Protarque. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 5, Teil 2, Paris 2012, S. 1708; Michel Narcy: Platon. Philèbe. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 5, Teil 1, Paris 2012, S. 713–719, hier: 714; Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 257; Dorothea Frede: Platon: Philebos. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 1997, S. 95; Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 255. Im Dialog nennt ihn Sokrates „Sohn des Kallias“.Platon, Philebos 19b. Ob damit der reiche Athener gemeint ist, der in der Forschungsliteratur „Kallias III.“ genannt wird, ist umstritten.Für diese Identifizierung plädiert Dorothea Frede: Platon: Philebos. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 1997, S. 95; dagegen sind Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 257 und Luc Brisson: Protarque. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 5, Teil 2, Paris 2012, S. 1708. Dorothea Frede glaubt, dass Protarchos einer der beiden Söhne Kallias’ III. war, die in Platons Apologie erwähnt werden.Platon, Apologie 20a–c; vgl. Dorothea Frede: Platon: Philebos. Übersetzung und Kommentar, Göttingen 1997, S. 95. Sie wurden, wie Platons dortigen Angaben zu entnehmen ist, von dem Sophisten Euenos von Paros unterrichtet. Im Philebos spricht Protarchos respektvoll von dem berühmten Rhetoriklehrer Gorgias und gibt sich als dessen eifriger Schüler zu erkennen.Platon, Philebos 58a–b. Möglicherweise ist Platons Protarchos mit einem Autor – offenbar einem Rhetor – dieses Namens zu identifizieren, den Aristoteles zitiert.Aristoteles, Physik 197b. Vgl. William David Ross (Hrsg.): Aristotle’s Physics, Oxford 1936, S. 522.

Als Dialogfigur ist Protarchos ebenso wie Philebos ein Vertreter der Athener Oberschicht, in der zur Zeit des Sokrates Bildungsbemühungen Wertschätzung fanden und auch philosophische Themen auf Interesse stießen. Im Gegensatz zu Philebos erweist sich Protarchos als lernwillig und flexibel. Er tritt bescheiden auf und ist bereit, seine hedonistische Weltanschauung einer unvoreingenommenen Prüfung unterziehen zu lassen, während Philebos schon zu Beginn verkündet, dass er seine Meinung keinesfalls ändern wird. Schließlich lässt sich Protarchos von Sokrates überzeugen, nachdem er längere Zeit versucht hat, seine Position zu verteidigen.Siehe dazu Thomas A. Szlezák: Platon und die Schriftlichkeit der Philosophie, Teil 2: Das Bild des Dialektikers in Platons späten Dialogen, Berlin 2004, S. 204–209.

Inhalt Die Erarbeitung der Voraussetzungen Die Ausgangssituation