Fethullah Gülen [ɡyˈlɛn] (* 27. April 1941 in Korucuk, Provinz Erzurum, TürkeiQuellen:
Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages: Die Fethullah-Gülen-Bewegung in Deutschland WD 1-3000-072/08: 1938 Bülent Aras: , in: Middle East Quarterly (1998): 1938 Bilir Ünal: Biographie Gülens (in einer Dissertation): 1938 Fethullah Gülen, Ercan Karakoyun: Was ich denke, was ich glaube. Verlag Herder, 2014, ISBN 978-3-451-33274-6; S. 29: 1938 Cemil Sahinöz: Die Nurculuk Bewegung (2009) S. 109, benennt den 10. November 1938, den Todestag Atatürks. Im Gegensatz dazu gibt die Homepage von Fethullah Gülen als „offizielles“ Geburtsjahr 1941 an. Vgl. oder 11. November 1938Wir trauern vom 5. November 2024: Traueranzeige des Verbandes engagierte Zivilgesellschaft in NRW e. V., abgerufen am 5. November 2024.; † 20. Oktober 2024 in Pennsylvania, Vereinigte StaatenFethullah Gülen: Erzfeind Erdogans ist tot, 21. Oktober 2024, Berliner Zeitung) war der geistliche Vordenker der Gülen-Bewegung, die als Neo-Nurcu-Bewegung in der Nachfolge Said Nursîs gilt.. Er lebte seit dem 21. März 1999 im selbstgewählten Exil in Saylorsburg, Pennsylvania, USA. Gülens Bewegung wurde in der Türkei von der AKP-Regierung zur Terrororganisation FETÖ erklärt. Der Chef des deutschen Bundesnachrichtendienstes, Bruno Kahl, widersprach der Einschätzung der türkischen Regierung, die Gülen-Bewegung sei islamisch-extremistisch oder gar terroristisch: „Die Gülen-Bewegung ist eine zivile Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung.“ Ansprechpartner in Deutschland für Werte und Positionen Gülens ist die Stiftung Dialog und Bildung, deren Hauptsitz in Berlin ist.Yuriko Wahl-Immel: Gülen-Bewegung: Wie Erdogan Einfluss auf Schulen nimmt. welt.de, 31. Juli 2017, abgerufen am 5. August 2017; Website der Stiftung.
Leben Werdegang
Gülens Vater lehrte ihn Arabisch, seine Mutter Rafia unterrichtete ihn bis zur Grundschule zu Hause. Später wurde er in einer religiösen Privatschule in Hasankale unterrichtet. Nach seiner theologischen Ausbildung nahm er als Angestellter des Diyanet İşleri Başkanlığı bis 1958/59 in Edirne eine Stelle als Prediger an. Schon in jungen Jahren wurde er auch als aktiver Antikommunist bekannt; er schloss sich der Nurculuk-Bewegung an und leitete den Türkischen Verband für den Kampf gegen den Kommunismus in Erzurum.Y. Aktai: Diaspora and Stability. In: Turkish Islam and the Secular State: The Gülen Movement. Syracuse University Press, Syracuse NY 2003.
Während seines Militärdienstes erlebte er den Militärputsch in der Türkei 1960 mit, danach kehrte er als Prediger nach Edirne zurück.
1966 wurde Gülen an die Kestanepazarı-Moschee nach Izmir versetzt. Hier begann er Said Nursîs Lehren um sozialkonservative und nationalistische Elemente zu erweitern, dabei griff er vor allem auf die Schriften von Intellektuellen wie Necip Fazıl Kısakürek, Nurettin Topçu und Sezai Karakoç zurück. Auch durch Predigtreisen wuchs seine Anhängerschaft in der Folge stark, insbesondere unter Ober- und Hochschülern, die er inhaltlich verstärkt ansprach. So zeigt sich Gülen als eine Art moderner Wanderprediger.Wolfgang Günther Lerch: Muhammads Erben. Patmos Verlag, Düsseldorf 1999, S. 136.
Seine Predigten fanden weite Verbreitung durch Audio- und Videokassetten.. Gülens religiöse Ansichten bewegen sich nach eigener Aussage im sunnitischen Mainstream, sie tendieren auch zum Sufismus.
Bewegung und Aufstieg Gülen beendete 1981 seine Predigertätigkeit im Staatsdienst, um sich ganz der neuen Bewegung zu widmen. Durch Öffentlichkeitsarbeit und gute Beziehungen zur Regierung von Turgut Özal, der aufgrund seiner neoliberalen Orientierung den Bau von privaten Bildungseinrichtungen und Medienunternehmen Gülens (Zeitschrift, Zeitung, Nachrichtenagentur, Fernsehsender) seit 1982 unterstützte,Helen Rose Ebaugh: Die Gülen-Bewegung: Eine empirische Studie, Freiburg 2012, S. 61, 64. erreichte er seit den späten 1980er Jahren eine weite Öffentlichkeit. Seine Predigten wurden landesweit als Video verbreitet. Als 1996 die islamistische Partei Necmettin Erbakans an die Macht gelangte, hielt sich Gülen von dieser Partei und ihren Thesen eines islamischen Staates fern. Dafür hob er hervor, dass er den laizistischen Staat respektiere, und erlangte damit das Wohlwollen führender türkischer Politiker wie des laizistischen Links-Politikers Bülent Ecevit, der sich als Erz-Laizist verstand.vgl. hierzu: Wolfgang Günther Lerch: Muhammads Erben. Patmos Verlag, Düsseldorf 1999, S. 137. 1997 knüpfte Gülens Hizmet-Bewegung Kontakte zu Hansjörg Bitterlich, dem Sohn der Gründerin des römisch-katholischen Engelwerkes.Heinz Gstrein: Erdoğan an der Macht – in der Türkei wird es Nacht. Tiroler Tageszeitung vom 3. Juni 2016. Gülen setzte sich für die Förderung der Bildung ein und gründete mehrere hundert Privatschulen und Studentenheime in den Turkstaaten der ehemaligen Sowjetunion und später weltweit, so in Pakistan und Malaysia. Damit schuf er für seine Ideen eine breite Öffentlichkeit. mini|Fethullah Gülen trifft Papst Johannes Paul II. (1998)
Gülens drei Hauptanliegen seien Bildung, Dialog und Medien, so der FAZ-Redakteur Rainer Hermann im Oktober 2008.Frankfurter Allgemeine ArchivRainer Hermann: . . Die Ideologie einer gebildeten und mit dem Westen konformen Gesellschaft scheine auch im Westen viel Sympathie zu erwecken, jedoch erschrecke die weite Ausbreitung der Bewegung Kritiker. Hermann fasste 2008 weiter zusammen:
Gülen lehnte ab, der Nachfolger von Said Nursî zu sein. Es sei nie seine Absicht gewesen, aus der Menge herauszuragen, geschweige denn eine führende Persönlichkeit zu werden.Prediger Fethullah Gülen im F.A.Z.-Gespräch FAZ vom 6. Dezember 2012. Gülen traf hochgestellte politische und religiöse Persönlichkeiten aus aller Welt zum Dialog der Religionen, darunter Papst Johannes Paul II.
Wirtschaftliche Bedeutung Zur Gülen-Bewegung gehörten zahlreiche Unternehmen, viele Institutionen wurden von ihm beeinflusst.Helen Rose Ebaugh: Die Gülen-Bewegung. Eine empirische Studie. Freiburg 2012, S. 152ff. Zu diesen gehörten neben Privatschulen und -universitäten wie die Fatih-Universität in Istanbul Bildungsvereine, Radio- und Fernsehsender – unter anderem Samanyolu TV und bis zur Einstellung des Sendebetriebs dessen außertürkischer Ableger QLAR (zuvor Ebru TV), eine Nachrichtenagentur, die Bank Asya, Versicherungen wie die Işık Sigorta, Medienunternehmen wie die World Media Group, Verlage und Tageszeitungen wie die auflagenstärkste Zeitung der Türkei Zaman, zwei Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen, Hochschulvorbereitungsklassen, Wohnheime, ein Unternehmerverband sowie Gewerkschaften. Es sei abzusehen, dass die „radikal-islamistische Gülen-Bewegung demnächst die entscheidende Medienmacht“ in der Türkei sei, kommentierte Detlef Kleinert 2011 in Die Presse.
Die Zahl der Mitglieder der Gülen-Bewegung ist schwer zu schätzen. Die Soziologin Helen Rose Ebaugh vermutete 2008, dass in der Türkei 10–15 % der Bevölkerung eine Nähe zur Bewegung empfinden. Ebaugh zufolge existierten etwa 1000 Schulen in mehr als 100 Ländern.Helen Rose Ebaugh (Universität Houston): The Gülen Movement. A Sociological Analysis of a Civic Movement Rooted in Moderate Islam. Springer Verlag Niederlande, Houston 2009, S. 15. Möglicherweise hat er weltweit zwischen acht und zehn Millionen Sympathisanten.
Lehre „Erneuerung der Religion aus den traditionellen Quellen des anatolischen Volksislams“, so charakterisiert die amerikanische Soziologin Helen Rose Ebaugh Gülens Denken.Prediger, Dichter, Seelenführer. FAZ, 9. Aug. 2010. Gülens Lehre, die sich über die letzten 40 Jahre einem gewissen Wandel unterzogen hat, unterscheidet sich von anderen Nurcu-Gruppen dadurch, dass er einen modernen türkischen Nationalismus, freie Marktwirtschaft und die Bedeutung der Bildung betont. Gülen erweitert dabei die soziale Basis der Nurculuk-Bewegung, indem er die ghazawāt betont und versucht, den türkischen Nationalismus stärker zu islamisieren.. Sein Nationalismus ist dabei mehr ein umfassend religiöser, weniger ein ethnischer oder rassischer. In seiner Inklusivität umfasst er zwischen Bosniaken und Kasachen fast alle Muslime des Osmanischen Reichs.. Allerdings verwendet er perser- und araberfeindliche Untertöne.
Der Prediger verwirft die Evolutionstheorie Darwins, geißelt den Atheismus und stellt den Islam über die Demokratie. Ein Urteil über „weltliche Systeme“ sei immer „relativ“, sagt Gülen im Internet. Auch die Wissenschaft müsse an ihrer Übereinstimmung mit den Lehren des Islams gemessen werden: „Koran und Hadith sind wahr und absolut. Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie aber eine andere Position einnehmen oder von der Wahrheit von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft. Selbst zweifelsfrei etablierte wissenschaftliche Fakten können nicht die Säulen sein, auf denen die Wahrheiten des iman (Glaubens) ruhen.“Fethullah Gülen: „Wie sollen wir uns verhalten, wenn darauf hingewiesen wird, dass moderne Wissenschaft und wissenschaftliche Fakten mit dem Koran übereinstimmen?“, 9. Mai 2004 Die Demokratie solle „ihren Horizont erweitern“ und „das Leben des Menschen nach dem Tode in Betracht ziehen“.
Unglaube und Abfall vom Glauben Gülen betrachtete bis in die 1980er Jahre die Apostasie im Islam als Hochverrat; islamrechtlich ist dafür die Todesstrafe vorgesehen.Johann Hafner: Abfall vom Islam und vom Christentum: Fethullah Gülen und der Ernstfall der Religionsfreiheit, in: Walter Homolka, Johann Hafner, Admiel Kosman, Ercan Karakoyun (Hrsg.): Muslime zwischen Tradition und Moderne. Die Gülen-Bewegung als Brücke zwischen den Kulturen. Freiburg 2010, S. 158.
Nach Gülen war demnach Unglaube ein Verbrechen:
Bülent Uçar weist jedoch darauf hin, dass sich die Meinung Gülens sowie anderer zeitgenössischer Theologen zur Apostasie in den letzten Jahrzehnten gewandelt habe und dass er seine Position revidiert habe. Uçar verweist dabei auf ein Interview aus dem Jahre 2014, in dem Gülen diese Ansicht revidiere und sage, er habe in dem oben zitierten Artikel lediglich die gängige Lehrmeinung wiedergegeben, jedoch auch betont, dass es sich hierbei um ein politisches Urteil handle und nicht um ein theologisches.Bülent Ucar: Betrachtung einer islamwissenschaftlichen Gewichtung der Argumente am Beispiel der Apostasie bei zeitgenössischen türkischen Theologen. In: HIKMA 7 (2016) 2, S. 159–169, hier S. 165 ff. Online verfügbar unter hikma-online.com, abgerufen am 20. Februar 2019. In diesem Interview führt Gülen seine Ansicht wie folgt aus:
Rolle der Frau Fethullah Gülen verlangte zwar von Frauen nicht, sich zu verschleiern bzw. Kopftuch zu tragen, doch verhalten sich die meisten seiner Anhängerinnen so. Necla Kelek schreibt, nach außen vertrete er „eine Art Islam light“, während er „nach innen […] einen machtbewussten islamischen Chauvinismus“ propagiere.Necla Kelek: Türkischer Islamismus: Die Anhänger des Fethullah Gülen. In: FAZ. 21. Juli 2008. Fethullah Gülen selbst sieht das Schlagen der Frau als im Islam verboten an. Abgerufen am 28. Oktober 2011. In einem Interview mit der FAZ hielt Gülen zur Rolle der Frau im Islam fest, dass Frauen nahezu alle Rollen, auch die einer Richterin oder eines Staatsoberhauptes, übernehmen können.Fethullah Gülen im F.A.Z.-Gespräch FAZ vom 6. Dezember 2012
In diesem Interview führte Gülen seine Haltung folgendermaßen aus:
Bewertung und Kontroversen Seine Anhänger sehen in ihm einen wichtigen islamischen Gelehrten mit liberalen Ideen und interreligiösen Dialogabsichten, während ihm Kritiker vorwerfen, die laizistische türkische Republik zu unterminieren und durch einen islamischen Staat ersetzen zu wollen. Außer Nationalismus wird seiner Bewegung auch Islamismus vorgeworfen.Daniel Steinvorth: Engel und Dämon. In: SPIEGEL special. 6/2008 vom 30. September 2008.Eberhard Seidel, Claudia Dantschke, Ali Yıldırım: S. 69. (pdf; 4,3 MB) (Archiv) (PDF; 4,3 MB).