mini|hochkant=1.3|Dorfkirche Tempelhof, 2011 mini|hochkant=1.3|Dorfkirche Tempelhof, 1983
Die Dorfkirche Tempelhof ist die älteste von drei Kirchen der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Tempelhof und Michael. Sie befindet sich im Berliner Ortsteil Tempelhof des Bezirks Tempelhof-Schöneberg am Reinhardtplatz südlich der Straße Alt-Tempelhof, also in Randlage zur mittelalterlichen Dorfgründung Tempelhof. Der heutige Bau, nach Kriegszerstörungen mit veränderter Turmform renoviert, entstand im zweiten Drittel des 13. Jahrhunderts. Sein archäologisch gesicherter Vorgängerbau entstand um 1200 und zählt damit zu den ältesten fassbaren Steinbauten der Mittelmark.
Die Dorfkirche Tempelhof ist mit 235 m² die größte aller Dorfkirchen in Berlin. Sie war gleichzeitig und vermutlich sogar vorrangig die Komtureikirche eines Komturhofs der Tempelritter, der Komturei Tempelhof, entstanden um 1200 im Rahmen der deutschen Ostsiedlung.
Entstehungsgeschichte mini|hochkant=0.6|Kreuz des Templerordens mini|Lage der Dorfkirche im ehemaligen Komturhof, 1878 mini|Tempelhof um 1834 (gesüdet)
Die heutige Kirche lag von Anfang an abseits des Dorfkerns, in markanter Höhenlage innerhalb eines ummauerten Kirchhofs zwischen ursprünglich vier Seen.Eine ähnliche erhöhte Randlage zum Dorfkern, geschützt durch einen See, findet sich auch bei der Dorfkirche Britz. Nur noch zwei dieser Seen (Klarensee und Wilhelmsteich) sind heute im Alten Park und im Lehnepark vorhanden; der unter dem heutigen Reinhardtplatz gelegene Teich wurde um 1900 zugunsten einer Marktfläche zu- und aufgeschüttet. Es ist unklar, ob zunächst der Komturhof oder das Dorf oder beide gleichzeitig entstanden.
Nach Bombenangriffen 1943 und 1944 waren von der Dorfkirche nur die Umfassungsmauern übrig geblieben. Beim Wiederaufbau wurde das Innere 1952 archäologisch untersucht.Heinrich (siehe Literatur). Ungewöhnliche Funde waren ein Begräbnis in verrenkter Bauchlage, ein aufwendig gearbeiteter Mantel und Reste eines Glastropfenbechers, wohl ein Reliquienbehälter. Dabei konnten zur Baugeschichte, für die keine mittelalterlichen Schriftquellen überliefert sind, folgende Feststellungen getroffen werden: Die Kirche hatte einen Vorgängerbau, der bei sonst gleichem Grundriss über einen schiffsbreiten Westquerturm verfügte. Er wurde vom Ausgräber unter Vorbehalt auf die Zeit „um oder gar vor 1200“ datiert. Dort wurde ein Grab gefunden, was eine Weihe der Kirche voraussetzt; sie war also vermutlich vollendet. Die Kirche wurde möglicherweise durch einen (ersten) Brand zerstört, von dem sich aber nur schwache Spuren zeigten. Die (vermutlich brandzerstörte) Kirche war vollständig abgeräumt worden, einschließlich der Fundamente – ein ungewöhnlicher Vorgang, dessen Gründe nicht bekannt sind. Vermutlich um 1230 wurde auf demselben Grundriss mit nur ganz geringer Kantenänderung eine neue Kirche mit demselben Raumvolumen errichtet, allerdings ohne die Untergliederung in Saal und Turmbereich. Jene Kirche ging mit Sicherheit durch Brand zugrunde, möglicherweise während des Teltow-Krieges von 1239 bis 1245. Sie war schon nahezu vollständig eingedeckt und innen verputzt; allerdings fehlte noch der Altarblock. Ihre Wiederherrichtung wird in die Zeit um 1250 datiert.
Durch die Umwandlung der ursprünglichen Turmfläche in eine Verlängerung des Saals hat das Kirchenschiff mit 235 m² den größten Umfang aller Dorfkirchen in Berlin (Länge mit Apsis 27,2 Meter, Breite 12,1 Meter). Diese Sonderstellung dürfte sich auch durch die besondere Rolle als Komtureikirche erklären. Der Wiederaufbau fand nach dem Urteil des Ausgräbers „erst nach der Mitte des 13. Jahrhunderts“ statt.
Alle seine drei Datierungen beruhen nicht auf naturwissenschaftlichen Methoden, sondern lediglich auf Rückschlüssen aus der Siedlungsgeschichte, die aber ihrerseits auch nur in Grundzügen bekannt ist, sodass sie sich auf kunstgeschichtliche Datierungen stützt (Zirkelschluss).
Kirchliche Verfassung mini|Gutsschloss und Dorfkirche Tempelhof, 1793 mini|Amtsgebäude und Dorfkirche Tempelhof, um 1890 mini|Die baulich überformte Apsis der Dorfkirche Tempelhof, um 1930 mini|Die Toranlage der Dorfkirche
Tempelhof gehörte im Spätmittelalter zur SedesSedes = lat. wörtlich: ‚Sitz‘ bzw. ‚kirchlicher Verwaltungssitz‘; hier Untergliederung eines Archidiakonats Spandau (um 1500, 1527), aktuell zum Kirchenkreis Tempelhof. Es war ursprünglich selbstständige Pfarre mit Tochterkirchen in Rixdorf sowie 1541 in Mariendorf. Von 1693 bis 1893 gehörte Tempelhof als Mater VagansMutterkirche ohne eigenes Pfarramt, das hier also in Britz sitzt. zu Britz; seither ist es wieder selbstständige Kirchengemeinde. Tempelhof war mit nur einer Kirchenhufe ausgestattet (1450, 1480, 1541). Das Patronat besaß der Templer-, seit 1318 der Johanniterorden. 1546 kam es an die Städte Berlin-Kölln, die Tempelhof bereits 1435 von den Johannitern erworben hatten, und ab 1590 an Cölln allein. Seit 1601 hatten es die jeweiligen Gutsbesitzer: zunächst Kurfürst Joachim Friedrich bis zu seinem Tode 1608, ab 1716/1717 der Wirklich Geheime Kabinettsrat und Kriegssekretarius Levin von Scharden, seit 1749 der Geheime Finanzrat Carl Franz von Reinhardt (nach dem der Platz vor der Kirche benannt ist), seit 1776 Major von Schau, von 1796 bis 1804 Graf von Podewils, vor 1816 bis 1863 Fürst Otto Hermann von Schönburg und Erben, von 1863 bis 1871 der Bankier Friedrich Carl Heinrich Ferdinand Jacques. Sichere Nachweise für das wiederholt angenommene Katharinenpatrozinium gibt es nicht.
Baubeschreibung Das Gebäude ist ein Rechtecksaal mit Apsis von annähernd gleicher Traufhöhe. Der Grundrisstyp des Apsissaals ist in der Mittelmark eher selten (auf dem Barnim z. B. nur drei von 116 mittelalterlichen Dorfkirchen, darunter Berlin-Kaulsdorf). Da der etwa grundrissgleiche Vorgängerbau über einen schiffsbreiten, querrechteckigen Westturm verfügte, der beim Nachfolger entfiel, verfügt dieser über einen Saal von überdurchschnittlicher Größe. Das Alter des mehrfach veränderten Dachturms ist unbekannt. Das Feldsteinmauerwerk ist von außergewöhnlich sorgfältiger Quaderung, was aber heute teilweise auf eine technisch allzu perfekte Rekonstruktion der bis auf die Umfassungsmauern kriegszerstörten Kirche von 1954 bis 1956 zurückzuführen ist. Sämtliche „spätromanischen“ Rundbogenfenster sind überformt; nur noch das schmale Apsisfenster ist ursprünglich. Die Portale des Nachfolgerbaus waren von Anfang an spitzbogig. Bis 1848 waren Spitzbogenfenster erhalten, die auf einen spätgotischen Umbau zurückzuführen waren.
Im Jahr 1751 (Ersatz eines älteren Turms) und 1806 kam es zu Turmreparaturen an der 1760 während des Siebenjährigen Krieges geplünderten Kirche. Von 1847 bis 1848 gab es einen umfangreicheren Umbau sowohl innen als auch außen, bei dem ein südlicher Anbau entfernt wurde (1954–1956 ersetzt durch die heutige Sakristei). Nach zwei Bombenschäden 1943 und 1944 standen nur noch die Grundmauern, sodass das heutige Kircheninnere recht schlicht ist und die Ausstattung überwiegend aus Leihgaben besteht.
Innenausstattung Kurfürst Joachim II. führte 1539 die Reformation in Brandenburg ein. Damit wurde die Dorfkirche Tempelhof wie alle anderen Kirchen in Brandenburg eine protestantische Kirche. Dies betraf aber nur die Form des Gottesdienstes (Liturgie), nicht die äußere bauliche Gestalt. Aus dieser Zeit ist noch die 1596 gefertigte wertvolle Kopie des Katharinenaltars (1504) von Lucas Cranach erhalten (Original in Dresden). Sie war ein Geschenk der Kurfürstin Katharina, der Gemahlin des brandenburgischen Kurfürsten Joachim Friedrich, der im Jahre 1601 das Gut Tempelhof mit der Kirche übernommen hatte, allerdings schon 1608 starb. König Friedrich Wilhelm III. verfügte 1836 seine Restaurierung. Der massive romanische Taufstein befindet sich seit 1877 im Märkischen Museum (heute in der zur Stiftung Stadtmuseum Berlin gehörenden Nikolaikirche). Die fünf Holztafeln mit Motiven aus dem Alten Testament an der Nordwand der Kirche entstammen der Heiliggeistkapelle in Alt-Berlin, die 1906 in einen Hörsaal der Handelshochschule umgewandelt wurde. Bemerkenswert sind noch ein Altarkreuz aus dem 16. und eine Taufschale aus dem 17. Jahrhundert. Die Chorfenster wurden anlässlich des Wiederaufbaus 1956 von Paul Ohnsorge gestaltet. Im Bauwerk befand sich zu einer früheren Zeit eine Pietà aus dem 14. Jahrhundert, die einer Vorlage aus dem Magdeburger Dom nachempfunden war und sich heute ebenfalls im Märkischen Museum befindet.Peter Knüvener: Mitleiden und Andacht: Pietàs in Brandenburg durch die Jahrhunderte, veröffentlicht in Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Offene Kirchen 2026: jung und alt – alt und neu, S. 60–65.
Orgel Die Orgel des Orgelbauers Karl Schuke aus dem Jahr 1953 verfügt über 18 Register auf zwei Manualen und Pedal.
Heutiges Erscheinungsbild mini|Innenraum der Dorfkirche, 2025 mini|Dorfkirche Tempelhof im Jahr 2026
Ein Paradebeispiel für die zeitlichen Veränderungen unterliegenden Vorstellungen des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege ist die Rekonstruktion des Dachturms (1951):
Unter den 35 von Wohler 1834 gezeichneten Dorfkirchen in Berlin findet man nur vier Dorfkirchen mit unverbretterten Fachwerktürmen und elf, bei denen das Fachwerk durch eine Verbretterung abgedeckt ist, darunter auch Tempelhof.Petras, (siehe Literatur) S. 72–73. Man hat also 1954 im Interesse einer bestimmten Auffassung von Denkmalpflege, wie sie damals von den Entscheidungsträgern verstanden wurde, die historisch überlieferte Form durch eine andere, allerdings seltenere historische Form ersetzt. Der heutige Fachwerkturm trägt ein Pyramidendach. Die denkmalgeschützte Dorfkirche Tempelhof wird noch heute von der evangelischen Kirchengemeinde Alt-Tempelhof genutzt.
Auf dem Friedhof werden spätestens seit 1945 nur noch ehemalige Pfarrer beigesetzt. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet der Gedenkstein für die Berliner und Brandenburger Tsunami-Opfer von 2004 nahe der Apsis der Dorfkirche.
Kirchfriedhof Auswahl bekannter Persönlichkeiten und sehenswerte Grabstätten:Kirchhof an der Dorfkirche Tempelhof - Ein Rundgang, In: Faltblatt der Evangelischen Kirchengemeinde Alt-Tempelhof und Michael, abgerufen am 21. Juni 2026
Eduard Grewe, Mediziner, Politiker, Reichstagsabgeordneter Gräberfeld der Familie Dunkel; Gemeindevorsteher Gottlieb Dunkel, Namensgeber der Tempelhofer Gottlieb-Dunkel-Straße Wilhelm Lehne, Gutsbesitzer und Namensgeber des angrenzenden Lehnepark Grabstätte der Familie Berlinicke Pauline Kroll (von 1878); restauriert 2013 diverse Grabkreuze Gedenkstein in Form einer Riesenwelle für die Berliner und Brandenburger und weiterer Tsunami-Opfer von 2004
Sonstiges Fontane in Tempelhof