mini|hochkant=1.3|Straßburger Münster

Das Münster Unserer Lieben Frau zu StraßburgDehio (1911), S. 384. (), kurz Straßburger Münster (Cathédrale de Strasbourg), ist ein römisch-katholischer Sakralbau in der elsässischen Stadt Straßburg. Es gehört zu den bedeutendsten Kirchengebäuden der europäischen Architekturgeschichte sowie zu den größten Sandsteinbauten der Welt. Die romanisch-gotische Basilika vereint deutsche und französische Kultureinflüsse.

Das Münster wurde 1176 bis 1439 aus rosa Vogesensandstein an der Stelle eines abgebrannten Vorgängerbaus aus den Jahren 1015 bis 1028 errichtet, der seinerseits ein 1007 abgebranntes Gotteshaus aus karolingischer Zeit ersetzt hatte. Das neue Gebäude wurde von Nordosten nach Südwesten errichtet und entstand zunächst im romanischen, dann im gotischen Stil. Von mindestens 1647 bis 1874 war das Münster mit seinem 142 Meter hohen Nordturm das höchste Bauwerk der Menschheit und das höchste im Mittelalter vollendete Gebäude. Zu den bekannten Architekten, die am Münster gewirkt hatten, zählen unter anderem Erwin von Steinbach und Ulrich Ensinger. Das Gebäude wurde in den Jahren 1870 und 1944 durch Bombardements beschädigt, der Figurenschmuck und die Innenausstattung wurden im Laufe des reformatorischen Bildersturms, der Rekatholisierung 1681 und der Französischen Revolution zum Teil erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Für den Bau und die Instandhaltung des Münsters ist seit spätestens 1281 offiziell das Frauenhaus (Œuvre Notre-Dame) verantwortlich (siehe auch Frauenhausmuseum).

Das Straßburger Münster ist mit seiner charakteristischen asymmetrischen Form (der Südturm wurde nie gebaut) bis heute das Wahrzeichen des Elsasses. Es ist auch vom drei Kilometer entfernten deutschen Rheinufer, von den Vogesen und dem Schwarzwald aus sichtbar. Vom Durlacher Turmberg oder der südpfälzischen Trifelsblick-Hütte bei Gleisweiler ist der Münsterturm in 80 bzw. 90 km Entfernung bei guter Fernsicht deutlich zu erkennen. Zu den berühmtesten Ausstattungsstücken des Münsters zählen die Astronomische Uhr und der „Engelspfeiler“. Auch die Kanzel, das Taufbecken, die Schwalbennestorgel sowie die Glasfenster und die Wandteppiche mit dem Marienleben gelten als hervorragende Beispiele abendländischer Kunst. Am Straßburger Münster, dem Mittelpunkt des geistlichen und religiösen Lebens der Stadt, wirkten zahlreiche bedeutende Prediger und Pfarrer sowohl des Katholizismus als auch verschiedener Strömungen der Reformation. Das Münster ist Bischofskirche des Erzbistums Straßburg.

Baugeschichte und Baumeister Vorgängerbauten mini|hochkant|Südliches Querhaus: roma­ni­sche Portale, früh­goti­sche Spitz­bogen­fenster, Rosetten feines Maßwerk Der zentral auf der Illinsel gelegene Hügel südlich der Schnittstelle von Cardo (heute: Rue du Dôme) und Decumanus (heute: Rue des Hallebardes) der römischen Garnisonstadt Argentoratum diente bereits in der Antike zunächst als Herkules-und-Mars-Tempel, noch früher vermutlich als druidisches Heiligtum.Anlage von Argentoratum im 4. Jahrhundert: Histoire de Strasbourg : quand Strasbourg était Argentorate. In: B&S Editions – Encyclopédie, 2010, (französisch). Bereits im 4. Jahrhundert soll an der Stelle der Tempelruine ein erstes christliches Heiligtum aus Holz errichtet worden sein. Um 510 ließ König Chlodwig I. ein steinernes Gebäude errichten, das 675 von Bischof Arbogast unter der Schirmherrschaft des Thronerben Dagobert vergrößert wurde. Um 775 wurde das Gotteshaus im karolingischen Stil erweitert, 873 jedoch zum großen Teil vom Feuer zerstört. Diese Vorgängerbauten des heutigen Münsters sind archäologisch nicht fassbar, der genaue Standort ist unbekannt.

Romanik und Frühgotik mini|Nordquerhaus: Spitzbögen an Stirn und Seiten; darüber Friese, Blend- und Zwerggalerien rundbogig 1007 schlug in die inzwischen wiederhergestellte Kirche ein Blitz ein. Der Schaden wurde wohl zunächst repariert, denn erst 1015 leitete Bischof Wernher den Bau einer überaus groß dimensionierten, dreischiffigen Basilika ein. Diese wurde von mehreren Bränden, zuletzt 1176, beschädigt. Das Wernher-Münster wurde renoviert und mit neuen Glasfenstern versehen. Im Sommer 2012 gruben Archäologen anlässlich von Bauarbeiten auf dem südlich vom Münster gelegenen Schlossplatz (Place du Château) in 3 Metern Tiefe einen Kalkofen von gewaltigen Ausmaßen (7 Meter Durchmesser) aus, der vermutlich beim Bau des Wernher-Münsters eingesetzt wurde, womöglich aber bereits aus dem 8. Jahrhundert stammt.Nicolas Hecquet: Les fouilles archéologiques enfin dévoilées. In: rue89strasbourg.com, 29. August 2012, (französisch); Benjamin Bouguignon: . In: lalsace.fr, 31. August 2012, (französisch).

Um 1190 begann man in spätromanischem Stil einen Neubau. Die Krypta wurde westwärts erweitert und es entstanden Apsis, Chor und Querschiff, allesamt noch dem Grundriss des Vorgängerbaus entsprechend. Aus dieser Übernahme der Fundamente des Vorgängerbaus ergeben sich Unregelmäßigkeiten wie die für eine Einwölbung nötig gewordenen Mittelpfeiler im Querhaus. Welche Bauteile außer den Fundamenten noch vom Bau Wernhers übernommen wurden, ist unklar. Sicher können nur ein Pilaster in der nördlichen Kapelle seitlich der Apsis sowie zwei Pilaster in der Krypta dem ottonischen Bau zugeordnet werden. Eine Datierung des gesamten östlichen Teils der Krypta in das 11. Jahrhundert wurde vielfach diskutiert und zuletzt in Frage gestellt.

Die Apsis ist zwar noch ein ungegliedertes Halbrund mit ungegliederter Halbkuppel, aber Spitzbogenfenster und spitzbogige Blenden sind schon gotische Elemente, die man etwa beim Wormser Dom bis zu dessen Weihe 1181 nicht verwendet hatte.

Die Erneuerung erfasste dann zunächst das Nord-, danach das Süd-Querhaus. Am Querhaus ist außer den Portalen unten und den Giebelkanten oben schon fast alles frühgotisch, nicht zuletzt die spitzbogigen Kreuzrippengewölbe im Inneren. Bemerkenswert ist das Ringelmaßwerk der beiden Rosenfenster im südlichen Querhausgiebel. So fein wie hier und an der etwa zehn Jahre vorher geschaffenen Westrose der nahe gelegenen Thomaskirche sind die Streben in nordfranzösischen Rosenfenstern aus der Zeit noch nicht.

Hochgotik mini|Straßburger Münster, Fernansicht mini|Rosette an der Westfassade von innen mini|Wimperg über dem Westportal: Maria mit dem Kinde, darunter König David, dessen Symbole die Löwen Um 1245 wurde der Bau des Langhauses im hochgotischen Stil unternommen. Die befensterten Triforien sind nach der französischen Phaseneinteilung der Gotik ein Kennzeichen des Rayonnantstils. Das Langhaus des Wernherbaus (und vielleicht auch einen bereits begonnenen spätromanischen Langhausneubau) riss man ab. 1275 war das neue Langhaus vollendet. Am 2. Februar 1276 legten die Bauleute die Fundamente und am 25. Mai 1277 den Grundstein der Westfront des Straßburger Münsters. Erwin von Steinbach begann im Auftrag des Bischofs Konrad III. von Lichtenberg mit dem Bau der Fassade, gefolgt nach seinem Tod am 17. Januar 1318 von seinem Sohn Johannes (sein anderer Sohn Gerlach arbeitete derweil an der Stiftskirche Niederhaslach). Die ursprünglich zweitürmig geplante Fassade wurde nur bis zur Fertigstellung des sogenannten Rosengeschosses in Anlehnung an den ursprünglichen Entwurf ausgeführt. Schon in der Art der Abgrenzung zwischen Eingangs- und Rosengeschoss sind Unterschiede zwischen Plan und Ausführung zu erkennen, ebenso bei den Turmfenstern. Die daraufgesetzten Turmgeschosse weichen noch stärker ab. 1365 waren die Türme bis zur Höhe der heutigen Plattform auf 66 Metern errichtet. Dann verband Meister Michael von Freiburg 1383–88 sie durch ein dazwischen gesetztes Glockengeschoss,Hans-Adalbert von Stockhausen: Der erste Entwurf zum Strassburger Glockengeschoss und seine künstlerischen Grundlagen. In: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, 11./12. Bd., (1938–1939), S. 579–618, online, (registrierungspflichtig). so dass ein gleichmäßig hoher, querriegelartiger Fassadenblock entstand. Die Gliederung der Fassade in neun große Rechtecke erinnert an Notre-Dame de Paris. während der Entwurf Steinbachs vertikaler und konischer war als die Fassade der Kathedrale von Amiens (Der Fassadenplan für den Kölner Dom wurde erst 1370 gezeichnet.). 1399 begann unter der Leitung von Ulrich Ensinger der Bau der achteckigen Freigeschosse des nördlichen Turms, auf die der Kölner Architekt Johannes Hültz 1429 bis 1439 den durchbrochenen Turmhelm setzte, der das Straßburger Münster zu einer Höhe von 452 Rheinischen Fuß (142 m) brachte.Fotoserie und Lageplan: Hültz-Denkmal in Straßburg (Statue de Jean Hultz) in: archi-wiki.org, (französisch) Wiederholt gab es Planungen für den Ausbau des Südturmes, die jedoch nie realisiert wurden.

Zwischen 1495 und 1505Christine Kratzke, Uwe Albrecht (Hrsg.): Mikroarchitektur im Mittelalter. Ein gattungsübergreifendes Phänomen zwischen Realität und Imagination. Beiträge der gleichnamigen Tagung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg vom 26. bis 29. Oktober 2005. Leipzig 2008, S. 53. entstand an der Nordseite des Querschiffs das Laurentiusportal, ein reich geschmücktes Werk der Spätgotik, erbaut von Jakob von Landshut und ausgestattet mit lebensgroßen Figuren von Hans von Aachen (1502–03).

18. bis 20. Jahrhundert mini|hochkant|Vierung 1851, Dach gleich über der Zwerggalerie Im Jahr 1835 erhielt das Straßburger Münster einen Blitzableiter. Bei der Verlegung der Ableitung wurde das Grab des Erbauers Erwin von Steinbach, in dem sich auch die Überreste seiner Frau und eines Sohnes befanden, angegraben und die zutage geförderten Knochen einer zeitgenössischen Zeitungsmeldung nach auf einen Spazierweg geworfen, wo sich achtsamere Menschen um sie kümmerten und den Frevel für ein würdiges Wiederbegräbnis bei den Behörden anzeigten.Vgl. Augsburger Postzeitung, Nro. 335, Dienstag, 1. Dezember 1835, S. 4, als Digitalisat, abgerufen am 28. Februar 2024.

Im 19. Jahrhundert ersetzte Dombaumeister Gustave Klotz den im Deutsch-Französischen Krieg durch preußisches Artilleriefeuer Ende August 1870 schwer beschädigten romanischen Vierungsturm durch den heutigen wesentlich größeren. 1875 erhielt das Chorgewölbe seine prächtige Ausmalung im neubyzantinischen Stil, gefertigt durch Eduard von Steinle.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Straßburger Münster bei den Luftangriffen der United States Air Force auf Straßburg am 11. August 1944 und am 25. September 1944 schwer beschädigt.Eugène Riedweg: Strasbourg, ville occupée 1939–1945. La vie quotidienne dans la capitale de l'Alsace durant la Seconde Guerre mondiale. Éditions du Rhin, Steinbrunn-le-Haut 1982, ISBN 2-86339-009-0, S. 131–132. Getroffen wurde der sogenannte Klotzturm auf der Rückseite. Das Dach des Querschiffs sowie alle Behelfsfenster wurden völlig zerstört.

Die an einen sicheren Ort gelagerten Buntglasfenster sowie die gut geschützte Westfassade mit ihrem reichen Figurenschmuck und der zwischen 1277 und 1439 entstandenen großen Rosette blieben dagegen unversehrt.Als Bomben fast ein „Weltwunder“ zerstörten Saarbrücker Zeitung vom 9. August 2019, abgerufen am 23. November 2023Bombardierung des Straßburger Münsters Domradio vom 11. August 2019, abgerufen am 23. November 2023

Restaurierungsmaßnahmen Nordturm