mini|Richard Mather.Dieser Holzstich von John Foster wird um 1670 datiert und ist das älteste bekannte Porträt, das in Nordamerika gedruckt wurde. Möglicherweise war er als Frontispiz für Increase Mathers The Life and Death of that Reverend Man of God, Mr. Richard Mather vorgesehen. 5 Exemplare haben sich erhalten, je eines verwahren die American Antiquarian Society, die Massachusetts Historical Society, die Princeton University, die Harvard University, und die University of Virginia.Richard Holman: Seventeenth-Century American Prints. In: John D. Morse (Hrsg.): Prints in and of America to 1850. University of Virginia Press, Charlottesville 1970, S. 25f.Sinclair Hamilton: Early American Book Illustrators and Wood Engravers, 1670-1870: A Catalogue of a Collection of American Books, Illustrated for the Most Part with Woodcuts and Wood Engravings, in the Princeton Library. Band I. Princeton University Press, Princeton 1968, S. 1f. Richard Mather (* 1596 in Lowton, Lancashire, England; † 22. April 1669 in Dorchester, Suffolk County, Massachusetts) war ein englischer Geistlicher, der nach seiner Emigration 1635 zu einem der bedeutendsten geistlichen Führer der ersten Puritanergeneration in Neuengland wurde. Als langjähriger Pfarrer von Dorchester prägte er die Geschichte der Massachusetts Bay Colony entscheidend mit.

Leben und Wirken England Richard Mather wurde 1596 in Lowton, einem Dorf nahe von Manchester, als Sohn von Thomas Mather und dessen Frau Margrett (geb. Abrams) in eine Familie wappentragenderHorace E. Mather: The Lineage of Rev. Richard Mather. Hartford CT, 1890. S. 27. Freibauern geboren. Auf der Schule von Winwick lernte er neben Latein auch Griechisch und erwies sich als so guter Schüler, dass er im Alter von nur fünfzehn Jahren auf eine Empfehlung seines Schulmeisters selbst eine Anstellung als Lehrer in der neu gegründeten Schule von Toxteth Park (heute ein Stadtteil von Liverpool) fand. In Toxteth zeigte sich Mather tief beeindruckt von der Frömmigkeit seines puritanischen Mietsherrn Edward Aspinwall und erfuhr im Jahr 1614 sein eigenes Bekehrungserlebnis, das ihn zu einem Anhänger der puritanischen Reformbewegung werden ließ.

mini|links|In der Alten Kapelle von Toxteth hielt Richard Mather am 30. November 1618 seine erste Predigt Er immatrikulierte sich 1617 am Brasenose College der Universität Oxford, zeigte sich von der profanen Lebenswelt des Universitätsumfelds jedoch abgestoßen.Robert Middlekauff: The Mathers, S. 15. Nachdem er nur wenige Monate studiert hatte, erreichte ihn ein Ruf der Kirchengemeinde von Toxteth, die ihn als Nachfolger für ihren in der Zwischenzeit verstorbenen Pfarrer auserkoren hatte. Nach einiger Bedenkzeit gab Mather dem Ansinnen statt und kehrte auf seinen Lehrerposten in Toxteth zurück. Seine erste Predigt hielt er im November des Jahres als Weihpredigt der gerade erst fertiggestellten neuen Kirche des Ortes. Die Pfarrwahl durch die Gemeinde ist ein deutliches Indiz, dass die Kirchengemeinde selbst mehrheitlich puritanischen Lehren zusprach.Michael G. Hall: The Last American Puritan, S. 6. Die amtskirchliche Ordination Mathers wurde kurz darauf in Anwesenheit von Thomas Morton, des Bischofs von Chester, vollzogen. In den folgenden Jahren wirkte Mather im Priesteramt, wie es ihm kraft seiner puritanischen Überzeugungen recht erschien, und verstieß so in einigen Punkten gegen die vorgeschriebene anglikanische Liturgie. Die ersten Jahre seines Wirkens verliefen dennoch recht reibungslos.Robert Middlekauff: The Mathers, S. 16. Allein als er 1624 um die Hand von Katherine Holt anhielt, verweigerte deren Vater zunächst angesichts Mathers nonkonformistischer Gesinnung die Zustimmung, gab dann aber schließlich nach, möglicherweise weil die Liebschaft zu einer vorehelichen Schwangerschaft geführt hatte: kaum siebeneinhalb Monate nach der Hochzeit wurde bereits der erste Sohn des Paars, Samuel Mather, geboren.R. B. Burg: Richard Mather, S. 10 Bis 1624 wirkte Mather vermutlich auch weiterhin als Lehrer; zu seinen Schülern gehörte möglicherweise auch der 1619 in Toxteth geborene Jeremia Horrocks, der später als Astronom berühmt werden sollte.

Der Konflikt zwischen den Puritanern und der anglikanischen Staatskirche eskalierte nach der Krönung Charles’ I., der mit getreuen Geistlichen wie Richard Neile, 1631 zum Erzbischof von York geweiht, und William Laud, ab 1633 Erzbischof von Canterbury, eine weitreichende Säuberung der Kirche von nicht konform gehenden Priestern anstrengte. Auch Mather wurde im August 1633 von einer Kommission des Bischofs von Chester überprüft und seines Amtes enthoben. Zwar konnten einflussreiche Freunde Mathers schon im November des Jahres einen Widerruf des Urteils erwirken. Im Dezember des Jahres musste er sich wiederum einem Verhör stellen, diesmal einer erzbischöflichen Kommission aus York. Auf seine Aussage, dass er in fünfzehn Jahren als Pfarrer zu keiner Zeit das als liturgisches Gewand vorgeschriebene Chorhemd getragen habe, soll einer der Kommissare ausgerufen haben, es wäre besser für Mather gewesen, wenn er stattdessen sieben Bastarde gezeugt hätte.Michael G. Hall: The Last American Puritan, S. 11. Mather wurde wiederum suspendiert.

Emigration nach Neuengland Wie tausende andere Puritaner der 1630er Jahre schloss sich Mather der „Great Migration“ an und wanderte 1635 mit seiner Familie in die 1628 gegründete Massachusetts Bay Colony aus. Für und Wider seiner Entscheidung hielt er in einer minuziösen Argumentation (The Removing from Old England to New) fest. Zum einen waren es grundsätzliche Erwägungen, die zu seinem Entschluss führten – die Unmöglichkeit, eine puritanische Kirchenführung in England auch nur auf Gemeindeebene zu verwirklichen und die damit verbundene Gefahr, die „Reinheit“ der Kirche fahrlässig zu gefährdenRobert Middlekauff: The Mathers, S. 21 ff. –, zum anderen eine zeittypische Endzeiterwartung, insbesondere die Sorge, dass England bald vom Zorn Gottes gestraft werden würde. folgend schloss er, dass es klüger sei, sich dem zu erwartenden Flächenbrand durch Emigration zu entziehen. Nicht zuletzt spricht aus seinen Zeilen aber die blanke Angst vor Folter.R. B. Burg: Richard Mather, S. 14. Von Briefen, die die bereits nach Massachusetts ausgewanderten Puritaner John Cotton und Thomas Hooker an ihre Glaubensbrüder gesendet hatten und von denen zahlreiche handschriftliche Kopien kursierten, wurde er in seinem Beschluss bestärkt.

Am Tag seiner Abreise begann Mather ein Tagebuch zu führen. Es stellt ein aufschlussreiches Zeugnis der Lebensbedingungen an Bord eines Atlantikseglers dar – insbesondere der drückenden Langeweile, die sich nach einiger Zeit unter den rund 100 Auswanderern breitmachte – und hält in einer Episode etwa auch das Erstaunen der Passagiere fest, als ihr Schiff von einer Schule Delfine begleitet wurde, ebenso die gute Stimmung (a marvellous merry sport), die aufkam, als eines dieser Tiere gefangen und an Bord ausgeweidet wurde – der Anblick erinnerte die Passagiere an das Schlachten eines Schweines und somit an ihr gewohntes Landleben. Nach vielen ereignislosen Wochen wurde das vor der Küste von Maine ankernde Schiff am 15. August von einem heftigen Sturm erfasst, erreichte aber nach zwei Tagen und vielen Stoßgebeten dennoch unbeschadet den Hafen von Boston.Robert Middlekauff: The Mathers, S. 18–19.

Anfänglich hatte Mather einige Probleme, sich mit dem in Massachusetts praktizierten Kongregationalismus zu arrangieren. Besonders auf Betreiben John Cottons waren unlängst die Beschränkungen zur Gemeindemitgliedschaft erheblich verschärft worden. Gemäß der kongregationalistischen Gemeindeverfassung mussten sich zur Gründung einer neuen Gemeinde ausreichend „sichtbare Heilige“ (englisch: visible saints) zum Bundesschluss untereinander und mit Christus zusammenfinden. Gottes „heimlichen Ratschluss“, also seine Entscheidung über Heil oder Verdammnis eines Menschen, glaubten die Puritaner von Massachusetts schon auf Erden, wenn nicht letztgültig, so doch mit einiger Wahrscheinlichkeit feststellen zu können. Als visible saints galten Christen, die in einer öffentlichen Anhörung durch eine Schilderung ihrer Bekehrungserfahrung hatten glaubhaft machen können, dass sie nicht nur rechtschaffen, sondern allem Anschein nach auch in der Gnade waren. Als Mather sich kurz nach seiner Ankunft um Aufnahme in die Bostoner Kirchengemeinde bewarb und sich dem Verhör stellte, wurde ihm die Mitgliedschaft zu seiner Überraschung zunächst verweigert – Stein des Anstoßes war seine amtskirchliche Ordination beziehungsweise Mathers Glaube, dass diese bereits ausreiche, um auch in Massachusetts für die und in der englischen Kirche wirken zu können. Erst nachdem er sich in einer Rechtfertigungsschrift (Some Objections Against Imposition in Ordination) über den symbolischen Gehalt der Handauflegung in der Ordinationsmesse von seinen vorigen Ansichten distanziert hatte, wurde er für mit hinlänglicher Wahrscheinlichkeit selig befunden und in die Bostoner Gemeinde aufgenommen.R. B. Burg: Richard Mather, S. 22–25.

Schon bald nach seiner Ankunft warben mehrere Siedlungen der Kolonie darum, Mather zu ihrem Pfarrer machen zu können.Cotton Mather: Magnalia Christi Americana: Or, The Ecclesiastical History of New-England. Silas Andrus & Son, Hartford 1853. Bd. I, S. 450. Er entschied sich schließlich für Dorchester südlich von Boston, wo die Siedler ihm mehr als 100 Acres Boden zusprachen. Dorchester war kurz zuvor fast entvölkert worden, als ein großer Teil der örtlichen Gemeinde Thomas Hooker folgend nach Connecticut abgewandert war.Michael G. Hall: The Last American Puritan, S. 17–21. Die ihnen allzu streng erscheinenden Aufnahmekriterien waren der Grund, warum die ursprüngliche Gemeinde nach Connecticut ausgewichen war, und sie erschwerte auch die vorbereitenden Anhörungen zur Gründung einer neuen Gemeinde. Im März hatten Cottons Vorstellungen zur Gemeindeverfassung Gesetzeskraft erlangt; der General Court der Kolonie verlangte nun, dass eine Gemeinde nur mit dem Placet der Magistrate wie der Geistlichen der Nachbarorte gegründet werden durfte. Als sich die Siedler von Dorchester am 20. April 1636 der vorgeschriebenen Glaubensprüfung unterzogen, konnte ein großer Teil von ihnen nicht glaubhaft machen, dass sie tatsächlich bekehrt und in der Gnade waren. Erst nachdem Mather seine Schäfchen über Monate in den Grundsätzen reformierter Theologie geschult hatte, konnten bei einer Wiederholung des Procederes im August des Jahres genug saints (Heilige) zur Gründung der Gemeinde ausfindig gemacht werden, und Mather trat sein Amt als Gemeindeoberhaupt an.Robert Middlekauff: The Mathers, S. 50–51.

mini|Titelblatt des Erstdrucks des Bay Psalm Book (1640) Zwar war Mather anders als John Cotton und Thomas Hooker kein innovativer Theologe und im gelehrten Streit um die Meinungsführerschaft der puritanischen Bewegung im Mutterland England kein prominenter Akteur, doch genoss er in Massachusetts hohes Ansehen und wurde oftmals mit Aufgaben betraut, die nicht nur Dorchester, sondern ganz Massachusetts betrafen. So trug er 1640 zur Neuübersetzung des Psalters im Bay Psalm Book bei, das 1640 als erstes Buch in Neuengland gedruckt wurde und fortan in allen Gemeinden Neuenglands in Gebrauch war. Auch das anonyme Vorwort wird von vielen Forschern Mather zugeschrieben. 1643 wurde ihm die Ehre zuteil, in Boston die Predigt zur alljährlichen Wahl des Gouverneurs zu halten.

Standpunkte zur Gemeindeverfassung