miniatur|Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1931) miniatur|Gustav von Bohlen und Halbach (links) 1900 als Legationssekretär in Peking Gustav Georg Friedrich Maria Krupp von Bohlen und Halbach (* 7. August 1870 als Gustav Georg Friedrich Maria Bohlen-Halbach in Den Haag, Niederlande; † 16. Januar 1950 in Schloss Blühnbach) war ein deutscher Diplomat und später, nach Heirat mit Bertha Krupp, Aufsichtsratsvorsitzender der Fried. Krupp Aktiengesellschaft.
Er gehörte zu den 24 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagten Personen. Er wurde in sämtlichen vier Anklagepunkten angeklagt, das Verfahren wurde jedoch aus gesundheitlichen Gründen eingestellt.
Studium, Diplomatenlaufbahn Gustav von Bohlen und Halbach wurde 1870 im niederländischen Den Haag geboren. Er besuchte das Großherzogliche Gymnasium in Karlsruhe und machte dort 1888 sein Abitur. Anschließend studierte er Rechtswissenschaften und promovierte 1893 an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg zum Dr. jur. Nachdem er zunächst im badischen Staatsdienst tätig gewesen war, wurde er 1897 Assessor im Auswärtigen Amt in Berlin. Zwei Jahre später ging er als Legationssekretär an die Botschaft nach Washington, D.C., Vereinigte Staaten, später nach Peking, Kaiserreich China. Ab 1904 war er als Legationsrat an der preußischen Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl.
Familie Gustav von Bohlen und Halbach war das fünfte von sieben Kindern des außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Ministers des Großherzogtums Baden im Königreich der Niederlande Gustav Bohlen-Halbach (1831–1890) und der Sophie Bohlen-Halbach, geb. Bohlen (1837–1915). Am 14. August 1871 wurde sein Vater (und mit ihm dessen Nachkommen) als „von Bohlen und Halbach“ in den erblichen Adelsstand erhoben.
Gustavs Cousine Caroline Gräfin von Wartensleben (1844–1905), Tochter des Grafen Leopold von Wartensleben und der Mathilde Halbach, war seit 1869 mit Graf Ernst zur Lippe-Biesterfeld (1842–1904) verheiratet, der von 1897 bis zu seinem Tod Regent des Fürstentums Lippe war und dessen ältester Sohn Leopold IV. 1905 regierender Fürst wurde. Die ursprünglich bürgerliche Familie Bohlen-Halbach war damit entfernt mit dem deutschen Hochadel verwandt.
Durch Vermittlung Kaiser Wilhelms II. heiratete Gustav 1906 Bertha Krupp, die Tochter Friedrich Alfred Krupps und Alleinerbin des Krupp-Unternehmens, mit der er acht Kinder hatte: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach (1907–1967), der letzte Firmeninhaber Arndt von Bohlen und Halbach (1938–1986), 1966 Erbverzicht zugunsten der Stiftung Arnold Gustav Hans von Bohlen und Halbach (1908–1909) Claus Arthur Arnold von Bohlen und Halbach (1910–1940) ⚭ 1938 Sita von Medinger (1912–1997) Irmgard Sophie Margarethe (1912–1998) ⚭ 1938 Johann (Hanno) Freiherr Raitz von Frentz (1906–1941) und ⚭ 1952 Robert Eilenstein (1920–1986) Berthold Ernst August von Bohlen und Halbach (1913–1987) ⚭ Edith von Maltzan, Freiin zu Wartenberg und Penzlin (1919–2009) Harald Georg Wilhelm von Bohlen und Halbach (1916–1983) ⚭ Doerte Hillringhaus (1934–2002) Waldtraut Elisabeth Mechthild von Bohlen und Halbach (1920–2005) ⚭ 1942–1961 Henry Thomas (1912–?) und ⚭ 1961 Walter Burckhardt Eckbert Wolfgang Eberhard von Bohlen und Halbach (1922–1945)
Durch königlich-preußischen Erlass wurde dem Paar und seinen Nachkommen gestattet, den Namen Krupp von Bohlen und Halbach zu führen, soweit und solange persönliche Inhaberschaft für das Unternehmen vorlag. Die 1943 von Adolf Hitler erlassene Lex Krupp schrieb diese Regelung ebenfalls fest. Der letzte direkte Erbe, Arndt von Bohlen und Halbach, hieß aus diesem Grunde nicht mehr Krupp von Bohlen und Halbach, weil er auf das Erbe und die Unternehmensleitung verzichtet hatte.
Der vorangestellte Namenszusatz Krupp wurde nur zu offiziellen Anlässen wie Empfängen und Sitzungen verwendet, die im Zusammenhang mit der Firma standen. Privat und auch innerhalb ihres Familiensitzes, der Villa Hügel, wurden sie von den zahlreichen Bediensteten lediglich Herr und Frau von Bohlen genannt, selbst der Zusatz und Halbach wurde weggelassen. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach trug innerhalb der Familie den Spitznamen Taffy. Das private Familienleben spielte sich im Sommer außerhalb Essens auf Schloss Blühnbach im Land Salzburg ab, das die Familie 1916 gekauft hatte. Dort widmete sich Gustav von Bohlen gern der Jagd, manchmal auch mit offiziellen Gästen der Firma Krupp.
Der Unternehmer mini|Krupp-Geschützwerke (um 1915) Nachdem Gustav Krupp von Bohlen und Halbach in die Unternehmensführung eingetreten war, baute er ab 1908 die Sozialeinrichtungen der Krupp AG aus. Hierdurch erwarb er sich den Ruf eines Unternehmers mit sozialem Verantwortungsbewusstsein für die Belegschaft und wurde sehr populär. 1909 wurde er Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens, 1910 Mitglied des Preußischen Herrenhauses und der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Von 1908 bis 1920 war er auch Mitglied des Provinziallandtages der Rheinprovinz.
1913 geriet er im Kornwalzer-Skandal unter öffentlichen Druck, da Beamte der Heeresverwaltung bestochen wurden, um an Informationen über die Konkurrenten der Fried. Krupp AG zu gelangen.
Nachdem der Beginn des Ersten Weltkrieges das Auslandsgeschäft zum Erliegen gebracht hatte, stellte Krupp von Bohlen und Halbach die Produktion des Unternehmens ganz auf Rüstung um. Dies führte dazu, dass das Unternehmen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 wegen des Verbots der Produktion von Rüstungsgütern (siehe Versailler Vertrag) in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet.
Bohlen zählte zur Gruppe der extremen Annektionisten unter den deutschen Industriellen. In seiner Kriegszieldenkschrift, die er im Juli 1915 an Rudolf von Valentini sandte, forderte er, Mitteleuropa mit Einschluss von Österreich-Ungarn, der Niederlande, der Schweiz, der Balkan- und der nordischen Staaten unter deutscher wirtschaftlicher und politischer Vorherrschaft neu zu ordnen. Belgien, die Gebiete östlich von Mosel und Maas und die Nordküste Frankreichs sollten dem Reich einverleibt werden. In Afrika sollte ein großes militärisch gesichertes deutsches Kolonialreich entstehen. Teile von Polen sollten dem Reich angegliedert werden, um landwirtschaftlichen Lebensraum im Osten zu erwerben. Hierin unterschied er sich von den Alldeutschen, denen eine Landnahme bis vor die Tore von Sankt Petersburg vorschwebte.Willi A. Boelcke: Krupp und die Hohenzollern in Dokumenten. Frankfurt am Main 1970, S. 232 ff. Ende 1914 schrieb Krupp an Karl Haniel:
Im Zuge der Ruhrbesetzung durch Frankreich im Jahre 1923 wurden Krupp von Bohlen und Halbach sowie acht Direktoren der Fried. Krupp AG im Zusammenhang mit den Vorfällen, die als Essener Blutsamstag in Erinnerung blieben, festgenommen. Am 4. Mai 1923 wurden sie in Werden vor ein französisches Militärgericht gestellt und angeklagt, zum Widerstand gegen die Besatzungsmacht aufgewiegelt und deren Anordnungen nicht befolgt zu haben. Nach einem Aufsehen erregenden Prozess verurteilte das Militärgericht am 8. Mai 1923 Krupp von Bohlen und Halbach zu einer Haftstrafe von 15 Jahren und zu einer Geldstrafe in Höhe von 100 Millionen Mark.Aus dem Urteil gegen Direktoren der Krupp-Werke vom 8. Mai 1923. In: Herbert Michaelis, Ernst Schraepler (Hrsg.): Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Eine Urkunden- und Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte, Bd. 5: Die Weimarer Republik. Das kritische Jahr 1923, Berlin 1961, Nr. 1045, S. 132–133. Er blieb sieben Monate inhaftiert, bis die Reichsregierung unter Reichskanzler Gustav Stresemann die Politik des passiven Widerstands aufgab. Durch die Ruhrbesetzung erlitt die ohnehin geschwächte Produktion der Fried. Krupp AG weitere schwere Beeinträchtigungen. Da Krupp von Bohlen und Halbach zudem Rationalisierungsmaßnahmen nur zögerlich umgesetzt hatte, traf die Weltwirtschaftskrise 1929 das Unternehmen besonders hart.
1924 wurde Krupp von Bohlen und Halbach Präsident des Aufsichtsrats der Bank für Deutsche Industrieobligationen, der sogenannten „Dawes-Bank“ (vgl. IKB Deutsche Industriebank). 1931 bis 1934 war er Präsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie. Von 1911 (also seit der Gründung der KWG) bis 1937 war er Mitglied des Senats der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), danach war er Ehrensenator. Im Jahr 1933 wurde er mit der Harnack-Medaille der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft ausgezeichnet, im gleichen Jahr wurde er Mitglied des Verwaltungsrats der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft.Alfred Gottwaldt: Die Reichsbahn und die Juden 1933–1939 – Antisemitismus bei der Eisenbahn in der Vorkriegszeit. Marix Verlag, Wiesbaden 2011, S. 38
Krupp und das Dritte Reich mini|Frackkette Krupp von Bohlen und Halbachs Gustav Krupp von Bohlen und Halbach hatte dem Nationalsozialismus zunächst distanziert gegenübergestanden. Im Januar 1932 war er einem Vortrag Hitlers vor den Rhein-Ruhr-Industriellen ferngeblieben und weigerte sich, der NSDAP Geld zu spenden. Er setzte sich zudem öffentlich für die Wiederwahl des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ein. Doch nach der Machtergreifung passte er sich der neuen Obrigkeit, also Hitler, mehr und mehr an. Er sagte zu seiner Tochter Irmgard: „Wir müssen mitmachen, um zu retten, was zu retten ist.“ Er war unter den Teilnehmern des geheimen Treffens Hitlers mit Industriellen am 20. Februar 1933, bei dem eine Wahlkampfhilfe von drei Millionen Reichsmark für die NSDAP und deren Koalitionspartner, die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot, zugesagt wurde; von ihm selbst eine Million Reichsmark.Manuskript von Golo Mann, in Teilen veröffentlicht in: Im gleichen Jahr finanzierte Krupp die Arbeitsstelle Schacht, welche ein Wirtschaftsprogramm für die Nationalsozialisten entwarf.
1933 wurde er Kuratoriumsvorsitzender der Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft und 1937 Wehrwirtschaftsführer. 1940 verlieh ihm Hitler das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP. Am 21. November 1940 beantragte Gustav Krupp die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. November desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 7.773.548).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/23670338 Zugleich setzten die Nationalsozialisten Krupp von Bohlen und Halbach und die Fried. Krupp AG zu propagandistischen Zwecken ein.
Zum Gauleiter Josef Terboven pflegte Krupp ein persönliches Verhältnis und führte für diesen ein Dispositions-Konto T, welches sich auf eine sechsstellige Summe belief.Gustav Luntowski: Hitler und die Herren an der Ruhr. Wirtschaftsmacht und Staatsmacht im Dritten Reich. Frankfurt am Main 2000, S. 294.
Krupp gehörte dem 15-köpfigen „Führerrat“ des Reichsbundes Deutscher Seegeltung an.Hartmut Rübner: Konzentration und Krise der deutschen Schiffahrt. Maritime Wirtschaft und Politik im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Bremen 2005, S. 29.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs nahm das Unternehmen durch die erhebliche Nachfrage nach Rüstungsprodukten einen weiteren rasanten Aufschwung. Neben regulären Beschäftigten wurden bei der Fried. Krupp AG zwischen 1940 und 1945 ca. 100.000 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge eingesetzt.
Gustav Krupp von Bohlen und Halbach war ab 1941 krank und konnte die Firmenleitung nur noch bedingt aufrechterhalten.
Am 20. April 1942 schenkte er Hitler den ersten produzierten Tiger-Panzer, den Hitler als „sein schönstes Geburtstagsgeschenk“ würdigte.Dietrich Eichholtz: Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft, Band 2. Berlin 1985, S. 544.
Nach einer Reihe von Schlaganfällen übertrug Gustav Krupp von Bohlen und Halbach Ende 1943 die Leitung des Unternehmens seinem ältesten Sohn Alfried. In diesem Zusammenhang erließ Hitler – auf Betreiben Krupps – die sogenannte „Lex Krupp“, die Krupp Abgaben und Steuern in Zusammenhang mit der Gründung und Vererbung bzw. Schenkung in Höhe von rund 400 Millionen Reichsmark ersparte.