mini|hochkant|Grabmal für as-Suyuti in Kairo, Ägypten Dschalāl ad-Dīn Abū l-Fadl ʿAbd ar-Rahmān ibn Abī Bakr al-Chudairī as-Suyūtī (; geb. 3. Oktober 1445 in Kairo; gest. 18. Oktober 1505) war einer der produktivsten und vielseitigsten muslimischen Gelehrten in Ägypten während der Mamlukenzeit. Er war zwar dem schafiitischen Madhhab verbunden, doch betrachtete er sich als absoluten Mudschtahid sowie als Mudschaddid des 10. islamischen Jahrhunderts,aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 50. das ungefähr dem 15. Jahrhundert entspricht. Im Jahre 1496 ernannte ihn der abbasidische Kalif von Kairo kurzzeitig zum obersten Qādī aller islamischen Länder. Die mehr als 500 von as-Suyūtī verfassten Schriften betreffen so unterschiedliche Felder wie Tafsīr, Hadith, Fiqh, arabische Sprachlehre, Sufismus, Geschichte und Adab. Die Beschäftigung mit Philosophie, Logik und Kalām hielt as-Suyūtī hingegen für verboten.

Herkunftsfamilie As-Suyūtī entstammte väterlicherseits einer persischen Familie, die ursprünglich in dem Bagdader Stadtviertel al-Chudairīya ansässig gewesen war, woher auch as-Suyūtīs Nisba al-Chudairī stammt. Neun Generationen zuvor war ein Ahn namens Humām ad-Dīn als Sufi in der Stadt Asyut heimisch geworden, von der die zweite Nisba as-Suyūtī kommt. Das Grab dieses Humām ad-Dīn wurde noch zu Zeiten Dschalāl ad-Dīn as-Suyūtīs in Asyut verehrt und war Ziel von Ziyāra-Besuchen. Die Nachkommen Humām ad-Dīns gehörten in Asyut zu den Vornehmen der Stadt, und einige von ihnen betätigten sich als Qādīs und Muhtasibs.aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 55. Andere waren als Händler zu Wohlstand gelangt, und einer von ihnen schloss Freundschaft mit dem mamlukischen Emir Schaichū (gest. 1357), der in Salība in der Nähe der Ibn-Tulun-Moschee als Madrasa den Schaichūnīya-Chanqāh erbauen ließ.Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 21.

Dschalāl ad-Dīns Vater Kamāl ad-Dīn ِAbū Bakr, der erste wirkliche Gelehrte der Familie, wurde 1402 in Asyut geboren. Nach Studien in seiner Heimatstadt wurde er dort stellvertretender Qādī, zog aber 1422/3 nach Kairo, wo er bei verschiedenen Gelehrten hörte, unter anderem bei dem berühmten Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī. Kamāl ad-Dīn vollzog die Wallfahrt nach Mekka und studierte dort eine Zeit lang bei verschiedenen Gelehrten. Im Jahre 1425/26 erhielt er von seinem Lehrer Schams ad-Dīn al-Qāyātī eine Lehrbefugnis für Fiqh, Usūl al-fiqh, Kalām, arabische Grammatik, Rhetorik und Logik. Er vertrat diesen Lehrer auch zeitweise im Qādī-Amt. Außerdem betätigte er sich als Fiqh-Lehrer an der von Schaichū erbauten Moschee sowie als Prediger an der Ibn-Tulun-Moschee.aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 56f. Eine enge Freundschaft verband ihn mit dem Kalifen al-Mustakfī II.aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 58. Die Lehrposition, die as-Suyūtīs Vater an der Schaichū-Moschee hatte, gehörte nicht zu der ursprünglichen Waqf des Emirs.Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 37. Über Dschalāl ad-Dīns Mutter ist nur bekannt, dass sie eine türkische oder tscherkessische Sklavin war.Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 22f.

Leben Kindheit As-Suyūtī wurde in der Nacht zum Sonntag, den 1. Radschab 849 (= 3. Oktober 1445), in Kairo geboren.as-Saḫāwī: aḍ-Ḍauʾ al-lāmiʿ fī aʿyān al-qarn at-tāsiʿ. 1935, Bd. IV, S. 65. Nach einer Anekdote, die verschiedene Autoren anführen, wurde er zunächst Ibn al-kutub (‚Sohn der Bücher‘) genannt, weil seine Mutter ihn zwischen den Büchern seines Vaters zur Welt gebracht hatte, nachdem dieser sie beauftragt hatte, ein Buch für ihn zu holen. Die Wehen setzen just in dem Augenblick ein, als sie sich in seiner Bibliothek befand.Siehe al-ʿAidarūs: an-Nūr as-sāfir ʿan aḫbār al-qarn al-ʿāšir. 2001, S. 90 und Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 24. Den Ism-Namen ʿAbd ar-Rahmān und den Laqab Dschalāl ad-Dīn verlieh ihm der Vater,aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 62. die Kunya Abū l-Fadl soll ihm hingegen der hanbalitische Ober-Qādī ʿIzz ad-Dīn Ahmad ibn Ibrāhīm al-Kinānī verliehen haben.aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 63, und al-ʿAidarūs: an-Nūr as-sāfir ʿan aḫbār al-qarn al-ʿāšir. 2001, S. 90.

Noch als as-Suyūtī ein kleines Kind war, nahm ihn sein Vater öfter in die Schaichūnīya mit, die direkt gegenüber Schaichū-Moschee war, in der er lehrte. So begleitete er seinen Vater zum Beispiel in ein Lehrkolleg von Zain ad-Dīn Ridwān al-ʿAqabī und bei anderer Gelegenheit in den Unterricht des schafiitischen Rechtsgelehrten Sirādsch ad-Dīn ʿUmar ibn ʿĪsā al-Warwarī. Als er erst drei Jahre war, brachte ihn sein Vater außerdem ein Mal in das Lehrkollegium von Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī (gest. 1449). Deswegen listet as-Suyūtī diesen Gelehrten auch unter seinen Lehrern.Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 26.

Am 9. März 1451, als as-Suyūtī gerade fünfeinhalb Jahre alt war, verstarb sein VaterSartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 24. an einer Pleuritis.aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 60. Der Knabe war zu dieser Zeit mit der Memorierung des Korans gerade bis zur 66. Sure gekommen. Die Vormundschaft für ihn hatte der Vater einer Gruppe von Männern anvertraut, zu denen der hanafitische Gelehrte Kamāl ad-Dīn Ibn al-Humām (gest. 1457) gehörte, der mit ihm befreundet war. Dieser soll ihn bei dieser Gelegenheit auch im Lehramt seines Vaters in der Schaichūnīya-Moschee bestätigt haben.aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 64. Ibn al-Humām schickte der Mutter as-Suyūtīs jeden Monat einen seiner Studenten vorbei, der ihr Geld für die Fürsorge des Jungen überbrachte. Dieses Geld, so beteuert es as-Suyūtī in einer seiner Schriften, stammte nicht von Ibn al-Humām selbst, sondern von seinem Vater, der es ihm anvertraut hatte. Nach Ibn al-Humāms Tod kam as-Suyūtī unter die Obhut von dessen Schüler Ibn Musaifah, der ihn auch in seinem Lehramt in der Schaichūnīya-Moschee vertrat,aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 69. Als auch Ibn Musaifah im November 1458 starb, übernahm der Gelehrte Dschalāl ad-Dīn al-Mahallī (gest. 1459), der an der Schaichūnīya lehrte, seine Betreuung.Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 25. Die Vertretung von as-Suyūtīs Lehrposition übernahm Fachr ad-Dīn ʿUthmān ibn ʿAbdallāh al-Maqsī.

Ausbildung Für ein Jahr lang besuchte as-Suyūtī an zwei Tagen der Woche den Unterricht seines Betreuers Dschalāl ad-Dīn al-Mahallī. Noch bevor er acht Jahre alt war, schloss er die Memorierung des Korans ab. Danach lernte er die Hadith-Sammlung ʿUmdat al-aḥkām von ʿAbd al-Ghanī al-Maqdisī (gest. 1203), die beiden schafiitischen Rechtsbücher Minhāǧ aṭ-ṭālibīn von an-Nawawī (gest. 1277) und Minhāǧ al-wuṣūl von al-Baidāwī (gest. 1290), sowie die Alfīya von Ibn Mālik (gest. 1274) auswendig. Ende 1459 wurde er über die ersten drei Werke von den Professoren ʿAlam ad-Dīn Sālih al-Bulqīnī, Scharaf ad-Dīn al-Munāwī, ʿIzz ad-Dīn Ahmad ibn Ibrāhīm al-Kinānī und Amīn ad-Dīn al-Aqsarā'ī geprüft, die ihm darüber eine Idschāza verliehen.Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 27.

mini|Das Innere der Schaichūnīya-Moschee um 1907 Kurz danach begann as-Suyūtī mit wissenschaftlichen Studien.Ibn al-ʿImād: Šaḏarāt aḏ-ḏahab fī aḫbār man ḏahab. 1993, Bd. X, S. 75. Zu seinen wichtigsten Lehrern gehörten der Imam der Schaichūnīya Schams ad-Dīn Muhammad ibn Mūsā as-Sīrāmī und der Bibliothekar der Schaichūnīya Schams ad-Dīn al-Marzubānī, die beide Hanafiten waren, und Schihāb ad-Dīn asch-Schārimsāhī. Bei as-Sīrāmī las er den größten Teil des Ṣaḥīh von Muslim ibn al-Haddschādsch, aš-Šifāʾ fī taʿrīf ḥuqūq al-Muṣṭafā von al-Qādī ʿIyād und die Alfīya von Ibn Mālik, die er bereits für seine Prüfung memoriert hatte. Anfang 1461 stellte as-Sīrāmī seinem Schüler eine Idschāza aus, in der er bestätigte, dass as-Suyūtī bei ihm die Alfīya und andere mittelgroße Werke zur arabischen Grammatik gelesen hatte, und as-Suyūtī die Erlaubnis zum Unterricht erteilte. Bei al-Marzubānī studierte as-Suyūtī unter anderem die Einführung zur arabischen Version der Isagoge des Porphyrios mit dem Kommentar von Hasan al-Kātī und einen Teil von Sibawaihs Kitāb. Bei asch-Schārimsāhī, der zu dieser Zeit schon sehr bejahrt war, erhielt er Unterricht in islamischer Erbanteilslehre (farāʾiḍ) und Arithmetik (ḥisāb).Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 27f. In dieser Zeit begann as-Suyūtī auch schon mit der Niederschrift eigener Kommentare zu verschiedenen Werken, doch wusch er bei ihnen die Tinte wieder ab, so dass sich nichts davon erhalten hat.aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 67f.

Im Juli 1461 begann as-Suyūtī den Unterricht im schafiitischen Fiqh bei dem Ober-Qādī ʿAlam ad-Dīn Sālih al-Bulqīnī zu besuchen. Bei ihm hörte er Ausschnitte aus mehreren Fiqh-Werken. Außerdem verfasste as-Suyūtī in dieser Zeit ein Buch zur Erklärung der Formel aʿūḏu bi-l-Llāh („Ich nehme meine Zuflucht bei Gott“) und zur Basmala sowie ein weiteres zur Erklärung der Hauqala, zu denen al-Bulqīnī ein lobendes Vorwort schrieb. Im Schauwāl 866 (= Juli 1462) erhielt as-Suyūtī von al-Bulqīnī die Idschāza zur Erteilung von Fatwas und Unterricht.aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 68f.

Nach Erteilung der Idschāza durch al-Bulqīnī übernahm as-Suyūtī offiziell seine Lehrposition an der Schaichūnīya-Moschee. Am 9. Dhū l-Qaʿda 867 (= 26. Juli 1463) hielt er in Anwesenheit von al-Bulqīnī und dessen Angehörigen und Schülern seine Antrittsvorlesung.Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 38. Allerdings besuchte as-Suyūtī auch danach weiter al-Bulqīnīs Unterricht. Dies machte er gewöhnlich an drei Tagen in der Woche (samstags, montags und donnerstags) vom frühen Morgen bis kurz vor Mittag. Danach besuchte er bis zum Nachmittag den Unterricht von Taqī ad-Dīn asch-Schumunnī, bei dem er Bücher zu Hadith, arabischer Sprache und Rhetorik studierte.as-Suyūṭī: Kitāb at-Taḥaddūṯ bi-niʿmat Allāh. 1975, S. 242–47, und Sartain: Jalāl al-dīn al-Suyūṭī. Vol. 1 Biography and background. 1975, S. 28f. Sonntags und dienstags dagegen besuchte er vormittags den Unterricht von Saif ad-Dīn Muhammad Ibn Qutlubughā, bei dem er den Kaššāf von az-Zamachscharī, arabische Grammatik, Rhetorik und Dogmatik studierte. Die Nachmittage an den beiden Tagen und am Mittwoch verbrachte er bei Muhyī d-Dīn al-Kāfiyadschī, bei dem er den Talwīḥ von at-Taftāzānī, den Korankommentar von al-Baidāwī und weitere Bücher zu Koranexegese, Hadith, arabische Sprache und Rhetorik studierte.aš-Šāḏilī: Bahǧat al-ʿābidīn bi-tarǧamat Ǧalāl ad-Dīn. 1998, S. 71.

Weitere Lehrer as-Suyūtīs waren Scharaf ad-Dīn al-Munāwī, der ihn in schafiitischem Recht und Koranexegese unterrichtete, und der hanbalitische Ober-Qādī ʿIzz ad-Dīn Ahmad ibn Ibrāhīm al-Kinānī (gest. 1471), bei dem er unter anderem einen Ausschnitt aus Tādsch ad-Dīn as-Subkīs Ǧamʿ al-ǧawāmiʿ las.al-Ġazzī: al-Kawākib as-sāʾira. 1997, Bd. I, S. 228. As-Suyūtīs Schüler ad-Dāwūdī (gest. 1539) bietet in seiner Biographie seines Lehrers eine alphabetisch geordnete Liste von 51 Scheichen, bei denen dieser gehört hat, bzw. die ihm eine Idschāza erteilt haben.Ibn al-ʿImād: Šaḏarāt aḏ-ḏahab fī aḫbār man ḏahab. 1993, Bd. X, S. 76.

Abwendung von Logik und Philosophie