4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage (Originaltitel: 4 luni, 3 săptămâni și 2 zile) ist ein rumänisches Filmdrama von Cristian Mungiu. Es wurde am 17. Mai 2007 bei den Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt. Angesiedelt im späten kommunistischen Rumänien unter Diktator Nicolae Ceaușescu, handelt es von der Angst und Erniedrigung, die mit dem Leben in einer Diktatur einhergehen. Als erster rumänischer Film wurde das Werk mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und erhielt zudem den Europäischen Filmpreis und den Grand Prix de la FIPRESCI. Ebenso fand es große Zustimmung bei der Kritik, weil es mit einem nüchternen formalen Stil eine außerordentliche, fast unerträgliche Spannung entwickle. Mungiu veranstaltete in Rumänien, wo es 2008 kaum Kinos gab, eine Tournee mit einer mobilen Projektionsanlage, um das Werk dort auf die Leinwand zu bringen.

Inhalt Geschichtliche Ausgangslage: Rumänien unter Ceaușescu Der historische Hintergrund, vor dem sich die Handlung abspielt, wird im Film nicht direkt erläutert. Im kommunistischen Rumänien kam 1965 Nicolae Ceaușescu an die Macht, der sich Moskau nicht unterordnete, das Land auf einen nationalen Sonderweg führte und einen extremen Führerkult pflegte. Die Bespitzelung der Bevölkerung durch den Geheimdienst Securitate war total, die Wirtschaftslage miserabel. Im Unterschied zu anderen mitteleuropäischen Volksrepubliken, in denen sich eine freiheitliche Sexualmoral und Familienpolitik durchsetzte, griff Ceaușescus Ideologie vom nationalen Bevölkerungswachstum mit strengen Vorschriften (Dekret 770) tief ins Privatleben hinein. Verhütungsmittel wurden nicht angeboten, und auf Schwangerschaftsabbruch standen mehrere Jahre Gefängnis. Dennoch wurde er weithin von Laien im Verborgenen unter prekären Bedingungen durchgeführt, was zum Tod von etwa 10.000 Frauen geführt haben soll.Gail Kligman: Controlling reproduction in Ceausescu’s Romania. Berkeley 1988, zit. in: Vincent Marie, Nicole Lucas: . In: Innover dans la classe: Cinéma, Histoire et représentations, Editions Manuscrit Université, 2007; vgl. auch Hanns-Georg Rodek: Filmwunder aus Rumänien In: Die Welt, 21. November 2007, S. 27 Bei unerwarteten Komplikationen kam es vor, dass die Polizei der Frau den Zugang zum Krankenhaus verwehrte, solange sie die Beteiligten nicht nannte.Cristian Mungiu im Gespräch mit L’Avant-Scène Cinéma: Entretien avec Cristian Mungiu, Nr. 563, Juni 2007, ISBN 978-2-84725-057-2, S. 3–8 Nach Ceaușescus Sturz 1989 war eine der ersten Gesetzesänderungen die Aufhebung des Abtreibungsverbots.

Handlung Die Filmfachzeitschrift Positif gab dem Leser die – in solchen Zeitschriften sonst selten ausgesprochene – Empfehlung, vor dem Kinobesuch nichts über den Film zu lesen. So könne er beim Ansehen des Films denselben Überraschungseffekt erleben wie das Festivalpublikum in Cannes.Positif: Cristian Mungiu. Nr. 559, September 2007, Einleitung S. 14

Eine rumänische Universitätsstadt 1987. Die Studentinnen Găbița und Otilia teilen sich ein Zimmer im Studentenwohnheim, wo ein reger Schwarzhandel mit Kosmetika und Zigaretten stattfindet. Für den Abend haben sie etwas vor, über das sie nicht offen reden. Während Găbița zaudert, treibt Otilia die Vorbereitungen voran. An der Uni leiht sich Otilia noch etwas Geld von ihrem Freund Adi, der darauf besteht, dass sie am Abend zu der Geburtstagsfeier seiner Mutter mitkommt. Sie windet sich, ohne ihren mit Găbița verfolgten Plan offenzulegen, und verspricht dem beharrlichen Adi schließlich, zu kommen. Weil sich eine von Găbița vorgenommene Zimmerreservierung im von ihr vorgesehenen Hotel als gescheitert erweist, muss Otilia in einem anderen Hotel bei der Empfangsdame mühsam ein Zimmer erbetteln. Anschließend holt sie den ihr unbekannten Herrn Bebe ab, mit dem eigentlich Găbița verabredet ist. Diese ist inzwischen im Hotelzimmer eingetroffen, wo sich nun die zentrale Sequenz des Films abspielt.

Găbița ist schwanger und will trotz des strengen Verbots abtreiben. Bei der ersten Untersuchung stellt der illegale Abtreibungen vornehmende Bebe fest, dass sie nicht wie behauptet im zweiten, sondern schon im vierten Monat schwanger ist. Die Studentinnen haben weniger Geld dabei, als Bebe erwartet. In einem erpresserischen, erniedrigenden Feilschen erreicht der Mann, dass zusätzlich zur finanziellen Vergütung beide Frauen mit ihm schlafen. Als er sich im Bad aufhält, entdeckt Otilia in seinem Koffer ein Klappmesser und nimmt es an sich. Bebe sterilisiert seine mitgebrachten Utensilien und führt Găbița eine Sonde ein. Bis zur Ausstoßung des Fötus muss sie im Bett liegen bleiben, was zwei Stunden, aber auch zwei Tage dauern könne. Nachdem Bebe gegangen ist, bricht Otilia zur Geburtstagsfeier der Mutter ihres Freundes auf und lässt Găbița allein zurück. Die Rezeptionistin weist sie darauf hin, dass Bebe seinen Ausweis im Hotel vergessen hat. Bei Adis Eltern und deren Freunden findet sie keine innere Ruhe, da sie Găbița telefonisch nicht erreicht, und verlässt die Feier vorzeitig.

Als sie wieder im Hotel bei Găbița ankommt, hat diese die Ausstoßung schon hinter sich. Găbița liegt im Bett und der Fötus im Bad auf dem Boden. Die vom Anblick entsetzte Otilia packt ihn in ihre Tasche und bricht in die Nacht auf, um ihn irgendwo in einen Müllschlucker zu werfen. Zurück im Hotel, klopft sie vergeblich an die Zimmertür. Vor dem Hotel steht ein Krankenwagen, wie sich herausstellt wegen einer Schlägerei und nicht wegen Găbița, die im Hotelrestaurant sitzt. Otilia schlägt vor, über das Vorgefallene nie wieder zu reden.

Themenkreise Leben in der Diktatur Der Film thematisiert nicht Einzelheiten der Politik Ceaușescus, sondern das entstandene Klima.Rupert Koppold: Blick zurück im Zorn In: Stuttgarter Zeitung, 22. November 2007, S. 33 Statt auf eine große, aber unpersönliche Geschichtserzählung zu setzen, schildert Mungiu präzise den Alltag aus subjektiver Perspektive. Der Name Ceaușescu fällt nie, das Konterfei des Diktators ist nie zu sehen. Seine Ära sollte gemäß Mungiu den Hintergrund der Erzählung bilden, nicht aber deren Thema,Cristian Mungiu im französischen Presseheft: Dossier de presse. Note du réalisateur. um den üblichen Klischees politischer Filme auszuweichen.Cristian Mungiu im Gespräch mit Positif: Entretien avec Cristian Mungiu. Une façon franche de filmer, Nr. 559, September 2007, S. 17–21 Es herrscht eine stickige Atmosphäre in einer verlogenen, polizeilichen, kleinbürgerlichen und burlesk machistischen Gesellschaft.taz, 20. November, S. 15 Die graue, freudlose Stimmung im Land geht auch vom Verhalten der Menschen aus. In der Öffentlichkeit fühlt man sich beobachtet und bemüht sich, kein Aufsehen zu erregen – kein Lachen, kein Scherzen, keine auffällige Kleidung. Weil Missbräuche nicht geahndet werden können, gehören sie zum Leben. Die Erzählung veranschaulicht, wie sehr der Einzelne den totalitären Strukturen ausgeliefert ist.Anke Westphal: Erinnerung an eine kalte Heimat In: Berliner Zeitung, 21. November 2007, S. 23 Das System beruhte nicht allein auf der Geheimpolizei, sondern auch auf jenen Bürgern, denen es ein Stück Autorität über andere überließ. Der Alltag und die zwischenmenschlichen Verhältnisse sind fast vollständig von Abhängigkeiten, Korruption und Erpressung geprägt, und jene, die ein Stückchen Macht besitzen, kosten es aus, um die anderen zu erniedrigen.Hanns-Georg Rodek: Filmwunder aus Rumänien In: Die Welt, 21. November 2007, S. 27 Das führt beispielsweise dazu, dass Otilia der Rezeptionistin als Autoritätsperson ihr Kommen und Gehen zu melden und ihre persönlichen Angelegenheiten zu erklären hat.

Mungiu selbst sieht eine Mehrzahl möglicher Interpretationen seines Films – Systemmetapher, Überlebensgeschichte, existenzielles Gleichnis – keine sei falsch. Für ihn sind die persönlichen Entscheidungen wesentlich. Die meisten Menschen sehen nicht über den Tag hinaus und bedenken nicht die Folgen ihres Handelns. Das treffe noch heute auf viele Rumänen zu. Weil der Staat das Kindergebären verordnet hatte, fassten die Rumänen die Abtreibung nicht als persönlichen, moralischen Entscheid auf und waren lediglich besorgt, nicht erwischt zu werden. „Das Schlimmste, was das Regime in uns bewirkt hat, war die Beeinflussung unseres Denkens dahin, dass wir bei Entscheidungen die moralische Dimension nicht erwägen. Das ist eine unterschwellige, schädliche Vereinnahmung. Ich brauchte Jahre, um mir bewusst zu werden, dass der Kampf gegen den Kommunismus nicht nur ein Kampf um die Freiheit selbst war, sondern auch um frei denken zu lernen.“

Dass eine Deutung des Films in parteilichen Begriffen der Abtreibungsfrage falsch wäre, befanden mehrere Rezensenten des Films. Die Beweggründe, die zahlreiche Rumäninnen zum Schwangerschaftsabbruch führten, lagen in der prekären Wirtschaftslage und Lebensmittelversorgung, hatten mithin nichts mit persönlicher Entscheidungsfreiheit zu tun. Mungiu zählt sich selbst zu jenen „Dekretkindern“, die ohne die repressiven Gesetze nicht auf die Welt gekommen wären. Er wollte sein Werk nicht als Anti-Abtreibungsfilm verstanden wissen und betonte, dass er sich der Stellungnahme enthalte. Sein Film sei vielmehr eine Hommage an jene Frauen, die trotz der Repression den Mut hatten, eine Schwangerschaft abzubrechen; viele fassten es als Akt des Widerstandes gegen das Regime auf.

Eine Frauenfreundschaft und herablassende Männer Obwohl es Găbița ist, die schwanger ist, nimmt Otilia die Sache an die Hand – in ihr stecken Antrieb und Schwung, sie ist es, die Angst erträgt und Mut hat, Risiken eingeht, für Găbița denkt und redet, „an die Front geht wie ein kleiner Soldat, während der andere in Deckung bleibt.“ Găbița ist unselbständig, weltfremd, unzuverlässig, verantwortungslos und anspruchsvoll.Direktzitat aus Stéphane Delorme: Un bon petit soldat In: Cahiers du cinéma, Nr. 626, September 2007, S. 26; Hans Jörg Marsilius: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage In: film-dienst Nr. 24/2007, S. 20–21; Silvia Hallensleben: 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage In: epd Film Nr. 11/2007, S. 38; Christoph Egger: Das Gefühl latenter Bedrohung In: Neue Zürcher Zeitung, 15. November 2007, S. 49; Eithne O’Neill: 4 mois, 3 semaines et 2 jours. Lame de couteau. In: Positif, Nr. 559, September 2007, S. 16; Emma Wilson: An „abortion movie“? In: Film Quarterly, Jg. 61, Nr. 4, S. 19–20 Sie neigt zu bequemen Lügen und ist ansonsten nicht im Stande, außerhalb der vom Regime vorgegebenen Muster zu agieren. Ein Kritiker stellte fest, dass sie genau wisse, wie sie von Otilia Mitleid erheischen kann, ein anderer fand sie sehr unsympathisch und von seltener Niedertracht.Stéphane Delorme: Un bon petit soldat In: Cahiers du cinéma, Nr. 626, September 2007, S. 26–27 Der Filmtitel trägt eine zu denkende Fortschreibung in sich, die 1 Stunde lauten müsste. Als Otilia zur Geburtstagsfeier aufbricht, verspricht sie Găbița, in einer Stunde zurück zu sein. In dieser Stunde ist Găbița in Einsamkeit einer existenziellen Erfahrung ausgesetzt, bei der sie sterben könnte. Dass sie sich zuletzt selbstständig ins Restaurant begibt, wirft die Frage auf, inwieweit sie sich entwickelt hat. Nach Mungiu hat sie nach dem Durchgemachten Energie und Appetit bekommen.