Yimas ist eine Sprache in Papua-Neuguinea. Sie wird von etwa 300 Personen in einem Seitental des Karawari im Süden der East Sepik Province gesprochen und wird zunehmend durch Tok Pisin verdrängt. Yimas ist eine agglutinative Sprache, verwendet also hauptsächlich Affixe zur Bildung von Wortformen. Die Morphologie ist sehr reichhaltig, Verbformen können viele Affixe sowie inkorporierte Wörter enthalten.
Klassifikation Yimas gehört zur Sprachfamilie der Lower-Sepik-Sprachen, die auch Nor-Pondo-Sprachen genannt werden. Zusammen mit dem nördlich benachbarten Karawari bildet es eine Untergruppe, die wiederum mit dem Chambri die westliche Gruppe der Sprachfamilie bildet.
Inwieweit die Lower-Sepik-Sprachen mit anderen Sprachfamilien der Region verwandt sind, ist noch nicht vollständig geklärt. Einige Forscher behaupten die Existenz der Sepik-Ramu-Sprachfamilievgl. dazu die Arbeit von Donald Laycock: Sepik languages – checklist and preliminary classification. Pacific Linguistics B-25, Canberra 1973., zu der auch die Lower-Sepik-Sprachen gehören sollen, dies wird seit einigen Jahren jedoch zunehmend bestrittenvgl. William A. Foley: The Papuan Languages of New Guinea. Cambridge University Press, Cambridge MA 1986..
Geschichte Die Dörfer der Yimas liegen im Süden der East Sepik Province an einem Nebenfluss des Karawari, der seinerseits nördlich in den Sepik entwässert. In der Zeit vor den ersten Kontakten mit der westlichen Welt in den 1930er-Jahren lebten die Yimas als sesshafte Jäger und Sammler, die jedoch auch Handwerk und Handel zu anderen Völkern pflegten. Ackerbau und Viehzucht waren zwar bekannt, aber man tauschte lieber Handwerksprodukte gegen landwirtschaftliche Güter als diese selbst zu produzieren. Die intensiven Handelsbeziehungen, vor allem mit den Iatmul, den Alamblak und den Arafundi, finden auch Niederschlag in der Sprache. Für viele landwirtschaftliche Geräte und Produkte wurden Lehnwörter ins Yimas eingeführt.
Daneben gab es Pidgin-Sprachen, die mit den Handelspartnern gepflegt wurden. Diese Pidgins werden heute nicht mehr verwendet. Moderne Lehnwörter kommen vor allem vom Tok Pisin in die Sprache, das sich mittlerweile als Lingua franca in Papua-Neuguinea etabliert hat und zunehmend die indigenen Sprachen verdrängt. Nur wenige Kinder sprechen noch Yimas, wodurch die Sprache als vom Aussterben bedroht angesehen werden muss.
William Foley hielt sich von 1977 bis 1988 insgesamt 17 Monate bei den Yimas auf und erforschte in dieser Zeit intensiv die Sprache und Kultur des Volkes. Eine umfassende Grammatik, die auch einen Abschnitt zur Ethnologie der Yimas enthält, erschien 1991. Weitere Feldforschung ist seitdem nicht unternommen worden. Eine Verschriftlichung hat bisher nicht stattgefunden, es existiert lediglich die in der Grammatik von William Foley benutzte phonemische Orthografie.
Phonetik und Phonologie Konsonanten Das Phoneminventar des Yimas ist wie bei papuanischen Sprachen üblich, recht wenig umfangreich. Wie viele Sprachen der Region hat Yimas keine Frikativphoneme. Allerdings kommen Frikative als Aussprachevarianten der Verschlusslaute vor. Die folgende Tabelle beinhaltet die Phoneme der Sprache.
bilabial alveolar palatal velar stl. sth. stl. sth. stl. sth. stl. sth. Plosive Nasale Taps/Flaps laterale Approximanten Approximanten
Der phonemische Status der palatalen Konsonanten /c/, /ɲ/ und /ʎ/ (letzteres wird in den Beispielen als l geschrieben) ist nicht vollständig geklärt. In der Regel ist ihr Auftreten vorhersagbar, sie entstehen zumeist durch Palatalisierung aus den alveolaren Konsonanten /t/, /n/ und /r/. Es gibt jedoch auch einige wenige Wörter, in denen diese Konsonanten bereits als zugrunde liegend betrachtet werden müssen, wie bspw. akulɨm (Handgelenk), ɨɲcɨt (Urin) und andere, die jedoch historisch ebenfalls auf alveolare Konsonanten zurückgehen, wie man anhand der entsprechenden Wörter im Karawari, der am nächsten verwandten Sprache, sehen kann: awkurim (Handgelenk) bzw. sɨndi (Urin).
Treffen ein Nasal und ein Plosiv aufeinander, so werden sie meist an der gleichen Artikulationsstelle gesprochen. Andere Kombinationen wie mt, mk, np, ŋt usw. sind selten oder gar nicht bezeugt. Ein Beispiel ist pamki (Beine). Das Gleiche gilt, wenn am Wort- oder Silbenende Plosive vor Nasalen stehen. In diesem Fall wird der Nasal silbisch gesprochen, zum Beispiel in watn [] (eine Hartholzart).
Plosive werden nach Nasalen in der Regel stimmhaft gesprochen, /p/ auch vor u. Am Wortanfang und vor betonten Vokalen sind sie aspiriert und stimmlos. Beispiele: ɲct [] (Urin), pamki [] (Beine), tkay [] (Nase), kput [] (Regen). /p/ und /w/ verschmelzen zu einem stimmhaften Frikativ: ipwa [] (ihrPL). Steht /k/ zwischen zwei Vokalen, wobei der zweite unbetont ist, wird es als stimmhafter Frikativ realisiert: amanakn [] (mein). /c/ wird zwischen Vokalen als stimmloser Frikativ gesprochen: acak [] (schicken).
ʎ steht in freier Variation zwischen und [], r variiert in der Aussprache zwischen und .
Vokale vorne zentral hinten ung. ger. ung. ger. ung. ger. geschlossen offen
Die bei weitem am häufigsten auftretenden Vokale sind /a/ und /ɨ/. ɨ erscheint zudem als Einschubvokal, wenn ansonsten zu viele Konsonanten hintereinander stehen würden oder nicht erwünschte Konsonantengruppen entstünden. In der Umgebung von u, selten auch in anderen Kontexten, wird dabei ein u eingeschoben: mml [] (eine Schlangenart), ŋmkŋn [] (unterhalb), maŋkuml [] (zwei Adern).
Die Vokalphoneme (außer /i/) unterliegen zahlreichen phonologischen Änderungen.Näheres siehe Foley 1991, Seite 45.
Betonung Der Hauptakzent liegt in der Regel auf der ersten Silbe eines Wortes. Enthält die erste Silbe einen Einschubvokal, die zweite aber nicht, so wird die zweite Silbe betont. Wenn sowohl die erste als auch die zweite Silbe einen Einschubvokal enthalten, liegt die Betonung wiederum auf der ersten Silbe. In Wörtern mit mehr als drei Silben erhält die dritte Silbe zudem einen Nebenakzent.
Beispiele:
Wort Aussprache Übersetzung Bemerkungŋarwa [] Penis kcakk [] schneiden erste Silbe Einschubvokal → zweite Silbe betontmɲŋ [] Zunge erste beiden Silben mit Einschubvokal → erste Silbe betontyamparan [] aufstehen malcakwa [] unterer Rückenbereich yacɨrɨm [] ein Zubehörteil zum Betelnusskauen yawkawpunumprum [] gelbes Opossum Nebenakzent auf der dritten Silbe
Das Genitivsuffix -na, das an Personalpronomen verwendet wird, zieht die Hauptbetonung des Wortes auf sich: ama-na-kn [] (mein).
Grammatik Wortarten und Wortbildung Yimas verfügt über insgesamt zehn Wortarten, von denen nur zwei, Substantive und Verben, offene Klassen sind, d. h. durch neue Wörter ergänzt werden können. Die übrigen Wortarten umfassen Adjektive, von denen es nur fünf gibt, Numeralia, Orts- und Zeitadverbien, Pronomen, Demonstrativa, Konjunktionen und Interjektionen. Eine Ableitung von Substantiven aus Verbstämmen oder von Verben aus Substantivstämmen ist nicht möglich.
Die Ableitung neuer Wortstämme oder Bedeutungen erfolgt durch Affixe, durch Komposition, d. h. das Zusammensetzen mehrerer Stämme zu einem neuen, sowie durch Verbserialisierung, d. h. Verkettung von Verbstämmen, teilweise mit einem dazwischenstehenden Serialisierungssuffix: waraca-mpi-wa, wörtlich „zurückkehren-SEQ-gehen“, bedeutet bspw. „zurückkommen“. Der gesamte Komplex wird wie ein einzelner Verbstamm behandelt.
Morphologie Morphologie am Nomen Yimas verfügt über 19 Genera, die im Folgenden mit römischen Zahlen bezeichnet werden. Teilweise kann man am Nomen selbst erkennen, zu welchem Genus es gehört. Sechs der Genera bestehen nur aus einem einzigen Nomen. Die Genera sind teilweise semantisch motiviert, d. h. Nomen, die zum gleichen Genus gehören, haben in ihrer Bedeutung oft gemeinsame Eigenschaften. Daneben verhalten sich Nomen des gleichen Genus auch in Bezug auf die Numerusflexion oftmals ähnlich. Bei den Numeri werden Singular (SG), Dual (DU) und Plural (PL) unterschieden. Einige Substantive bilden die Numerusformen durch Suppletion, d. h. mit jeweils eigenen Stämmen für Dual und Plural.
Die Genuskongruenz innerhalb der Nominalphrase funktioniert ähnlich wie im Deutschen, was folgendes Beispiel verdeutlicht:
(1)namama-na-nmmpa-nmkpa-nmHaus(XII.SG)ich-Genitiv-XII.SGeins-XII.SGgroß-XII.SG„mein einziges großes Haus“
Genus semantische Klasse häufig auftretende Endungen Beispielnomen (DU, PL) (Übersetzung) Singular (SG) Dual (DU) Plural (PL) I männliche Personen versch. -rm versch. apwi (apwicrm, apwiam) (Vater) kalakn (kaymampan, kumpwi) (Junge) takul (takulɲcrm, takulct) (Schwager) apanwakn (apanwakntrm, apanwakntt) (alter Mann) II weibliche Personen -maŋ -mprum -mputŋay(u)k (ŋaykrm, ŋaykumpam) (Mutter) kaywi (kaywcrm, ŋaykumpn kumpwi) (Mädchen) marmaŋ (marmprum, marmput) (Schwägerin einer Frau) apanwaknmaŋ (apanwaknprum, apanwaknput) (alte Frau) III größere Tiere versch. -ntrm -(aw)i, -ŋkatyura (yurantrm, yuray) (Hund) kika (kikantrm, kikawi) (Ratte) wantat (wantatntrm, wantarŋkat) (buntes Opossum) IV Pflanzen -(u)m -mul -uŋiirpm (irpmul, irpuŋi) (Kokospalme) plum (plmul, pluŋi) (ein Sumpfbusch) tapukam (tapukamul, tapukaŋi) (ein Baum) V versch., enthält etwa die Hälfte aller Substantive versch. -(nt)rm -(ŋ)kat, -ra, -iawkp (awkpntrm, awkpŋkat) (wilde Sagopalme) awak (awakrm, awaki) (Stern) mpum (mpumtm, mpumkat) (großer Krebs) awn (awntm, awnra) (Pitpit-Vogel) irmpŋ (irmpŋtm, irmpŋkat) (eine Art Trommel) kapun (kapuntrm, kapuntt) (eine Süßwasserkrabbe) tkt (tktntrm, tkrŋkat) (Stuhl) mml (mmlcrm, mmlŋkat) (eine Schlange) tkay (tkaɲcrm, tkayŋkat) (Nase) VI versch. -ŋ -ŋkl -ŋkitrŋ (trŋkl, trŋki) (Zahn) akrŋ (akrŋkl, akrŋki) (grüner Baumfrosch) VII versch. -m -mpl -mpatakm (akmpl, akmpat) (eine Grasart) piam (piampl, piampat) (Pfeil) aprm (aprmpl, apra) (Teller) VIII versch. (nur etwa 20 Substantive) -i -(y)l -(y)ɲcmptkay (ka(y)l, ka(y)cmpt) (Kanu) arakwi (arakul, arakwɲcmpt / arakuɲcmpt) (eine Weinart) waŋki (waŋk(i)l, waŋkia) (Querbalken) IX versch. -wa -awl -uttrukwa (trukawl, trukut) (Knie) maywa (maywawl, maywut) (Seite des Unterleibs) X versch. -uk -ukul -ukwatantuk (antukul, antukwat) (Stimme) tpuk (tpukul, tpwi) (Pfannkuchen aus Sagomehl) XI versch. -uŋ -uŋkul -uŋkwiawŋ (awŋkul, awŋkwi) (Ei) mpnawŋ (mpnawŋkul, mpnawŋkwi) (Ellenbogen) XII Haus nam naml nampt enthält nur dieses Wort XIII Dorf num numul nmkat enthält nur dieses Wort XIV Nacht wut wutntrm wurŋkat enthält nur dieses Wort XV Wasser arm - - enthält nur dieses Wort, kommt nur im Singular vor XVI Feuer awt - - enthält nur dieses Wort, kommt nur im Singular vor XVII Kalk awi - - enthält nur dieses Wort, kommt nur im Singular vor XVIII Gesprochenes - - - keine Substantive, nur Kongruenz XIX Handlungen - - - keine Substantive, nur Kongruenz
Die beiden letzten Genera, XVIII und XIX, stellen einen Sonderfall dar, da es keine Substantive gibt, die diesem Genus angehören. Trotzdem treten die entsprechenden Kongruenzmorpheme häufig auf, um eine pronominale Kongruenz mit den genannten abstrakten Bedeutungen anzuzeigen:
(2)ma-mpwipia-ŋa-iandere-XVIIIXVIII-1.SG.Dativ-sagen„(Er) sagte mir etwas anderes.“ (ma- ist eines der fünf Adjektive im Yimas)
Das einzige Kasussuffix im Yimas, das direkt an das Nomen angefügt wird, ist -n, das im Singular nach -i, im Dual generell und im Plural nach den Pluralendungen -i, -mpt (VIII) sowie -ut (IX) zu -nan oder -ɲan wird. -ɲan entsteht dabei aus einer Verschmelzung der Endung -i mit -nan. Das Morphem bezeichnet einen Obliquus (OBL) und kann für Lokalangaben verwendet werden sowie für den Ausdruck des Mittels, des Ziels und ähnlichem.
(3)kaŋk-ɲanna-ka-warapa-kia-kMuschel(VI)-PL.OBL3.SG.Patiens-1.SG.Agens-schneiden-nachts-Irrealis„Ich schnitt ihn in der Nacht mit Muscheln.“ (instrumentale Verwendung)
(4)ŋaŋk-ɲanama-na-irm-nGras(VII)-PL.OBL1.SG.Subjekt-definit-stehen-Präsens„Ich stehe im Gras.“ (lokativische Verwendung)
Subjekte und Objekte werden nicht mit eigenen Kasusendungen markiert. Die Referenz wird durch die Verbkongruenz deutlich: