miniatur|hochkant=1.5|Römisches Reich und Han-China miniatur|hochkant=1.5|Die beiden Reiche lagen an den gegensätzlichen Enden von Eurasien Die römisch-chinesischen Beziehungen waren im Verlauf ihrer Geschichte stets indirekter bzw. informeller Natur. Das Römische Reich und Han-China näherten sich im Zuge der römischen Expansion in den Nahen Osten und gleichzeitiger chinesischer Einfälle in Zentralasien allmählich einander an. Die Existenz starker, dazwischenliegender Reiche – wie das Partherreich, das Sassanidenreich und das Kuschanareich – verhinderte aber jedes direkte Aufeinandertreffen der eurasischen Flankenmächte, so dass die gegenseitige Wahrnehmung insgesamt gering und verschwommen blieb, auch wenn es ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. vereinzelt zu Reisen römischer Händler nach China kam.
Nur wenige Versuche der direkten Kontaktaufnahme lassen sich antiken chinesischen Aufzeichnungen entnehmen: Im Jahr 97 n. Chr. sandte der chinesische General Ban Chao erfolglos einen Botschafter gen Rom.Hill (2009), S. 5.Pulleybank (1999), S. 77f. Die Anwesenheit mehrerer angeblich römischer Abgesandter wurde in chinesischen Hofannalen festgehalten; die erste offizielle diplomatische Mission, die von den römischen Kaisern Antoninus Pius oder Marcus Aurelius ausgegangen sein könnte, soll 166 n. Chr. am chinesischen Hof erschienen sein.Hill (2009), S. 27.Pulleybank (1999), S. 78 Wahrscheinlich handelte es sich bei diesen Römern aber in Wahrheit um Privatleute (siehe unten). Römische Quellen berichten nichts von diplomatischen Kontakten mit China.
Der in aller Regel über zahlreiche Zwischenhändler – vor allem Parther und Sassaniden – abgewickelte Güteraustausch zu Lande (der Chinahandel über die sogenannte Seidenstraße) und über den Seeweg (Indienhandel) hatte vor allen Dingen chinesische Seide und römisches Glas und Qualitätsstoffe zum Gegenstand.J. Thorley: The Silk Trade between China and the Roman Empire at Its Height, 'Circa' A. D. 90-130. In: Greece & Rome, Bd. 18 (1971), S. 71–80
Bei der Auswertung der römischen Quellen ergeben sich zudem Interpretationsschwierigkeiten durch die Mehrdeutigkeit des lateinischen Namens „Seres“, der sich auf eine ganze Reihe asiatischer Völker in einem großen Bogen von Indien (Römisch-indische Beziehungen) über Zentralasien bis China beziehen kann. In chinesischen Quellen war das Römische Reich als „Daqin“ (Großes Qin) bekannt und wurde als eine Art Gegen-China am anderen Ende der Welt aufgefasst, dessen Verständnis von Anbeginn durch die Dominanz mythologischer Vorstellungen über den Fernen Westen erschwert wurde.Pulleybank (1999), S. 71, 78
Erst in der Spätantike lässt sich unter geänderten Namen eine reale gegenseitige Kenntnis der beiden inzwischen aber geteilten Großreiche nachweisen. Während das nordchinesische Reich der Wei-Dynastie, die aus dem Nomadenvolk der Tabgatsch hervorgegangen war, und seine Nachfolger in spätantiken oströmisch-byzantinischen Quellen als Taugast (nach den Tabgatsch) bezeichnet werden, werden das Oströmische Reich bzw. seine Hauptstadt Konstantinopel, etwa in der nestorianischen Stele von Xi’an, als Fulin bezeichnet.Da im 7. Jahrhundert auch ein „Patriarch von Fulin“ erwähnt wird, vermutet man, dass sich hinter Fulin Konstantinopel verbirgt, das umgangssprachlich oft schlicht als Polis bezeichnet wurde; vgl. Otto Franke: Geschichte des chinesischen Reiches. Band 1, Berlin 1961 (ND), S. 370. Daqin bezeichnet auf dieser Stele nunmehr hingegen die sassanidische Hauptresidenz Ktesiphon.Otto Franke: Die Spuren der Nestorianer in China. In: Orientalistische Literaturzeitung, Bd. 42 (1939), S. 201 ff., 206 Zudem finden sich in China spätrömische Goldmünzen aus dem 5. Jahrhundert n. Chr.
Indirekte Handelsbeziehungen Chinesische Seide im Römischen Reich miniatur|hochkant|Mänade in Seidenkleid, Nationalmuseum Neapel
Der Handel Roms mit China begann im 1. Jahrhundert v. Chr. (Han Wudi), verstärkt durch die hohe Nachfrage der Römer nach chinesischer Seide. Obwohl die Römer bereits die Koische Seide kannten, hielten sie die chinesische Seidenfaser zunächst für ein pflanzliches Produkt:
„Die Serer (Chinesen) sind berühmt für die wollartige Substanz, die sie aus ihren Wäldern gewinnen; nach dem Einweichen in Wasser schaben sie das Weiße von den Blättern ab […] So vielfältig ist die angewandte Arbeit und so weit entfernt ist die Weltregion, auf die man sich stützt, um den römischen Mädchen zu ermöglichen, in der Öffentlichkeit mit durchsichtiger Kleidung zu protzen.“ (Plinius der Ältere, Naturalis historia VI, 54)
An anderer Stelle klagt Plinius über die hohen Kosten des Seidenimports: „Niedrig geschätzt nehmen Indien, die Serer und die arabische Halbinsel jährlich 100 Millionen Sesterzen durch unser Reich ein: So viel kosten uns unser Luxus und unsere Frauen.“ (Plinius der Ältere, Naturalis historia XII, 84)
Der römische Senat erließ (wenn auch mit wenig Erfolg) mehrere Edikte, um das Tragen von Seide aus den oben genannten wirtschaftlichen sowie aus moralischen Gründen zu verbieten. Seidenkleider wurden als dekadent und unsittlich angesehen:
„Ich kann Seidenkleider sehen, sofern Stoffe, die weder Körper noch Anstand verbergen, überhaupt Kleider genannt werden können. […] Ganze Mädchenscharen bemühen sich, dass die Ehebrecherin durch ihr dünnes Kleid sichtbar ist und dass ein Ehemann nicht mehr Kenntnis vom Körper seiner Frau hat als irgendein Fremder.“ (Seneca, de beneficiis 7, 9)
Ganz ähnlich lässt Senecas Zeitgenosse Petronius seinen Neureichen Trimalchio die neue Seidenmode beschreiben: „Roms Burg zerbirst im breiten Schlund des Luxus. […] Schickt sich für Ehefraun ein Hauch von Kleid, nach feiler Dirnen Art ein Florkostüm?“ (Petronius, Satyricon 55, 6)luxuriae rictu Martis marcent moenia […] aequum est induere nuptam ventum textilem, / palam prostare nudam in nebula linea?; Übers. W. Ehlers 1965. und: „Die jedem vertrauten Genüsse reizten nicht mehr, […] um die Wette im Erdenschacht suchte man schimmernde Schätze und Purpurschnecken im Meere. Marmor kam aus Numidien hier, dort Seide aus China […].“ (Petronius, Satyricon 119, 7f. u. 10f.)non vulgo nota placebant / gaudia […] in ima / quaesitus tellure nitor certaverat ostro / hinc Numidae †accusatius,† [Scaliger: crustas,] illinc nova vellera Seres,; Übers. W. Ehlers 1965.
Der römische Geschichtsschreiber Florus beschreibt den Besuch zahlreicher Gesandtschaften, darunter auch Serer (vielleicht Chinesen), beim ersten römischen Kaiser Augustus, der zwischen 27 v. Chr. und 14 n. Chr. regierte:
„Jetzt, da all die Völker des Westens und Südens unterworfen waren und auch die Völker des Nordens, […] sandten die Skythen und die Sarmaten Botschafter, um unsere Freundschaft zu ersuchen; die Serer und auch die Inder, die unmittelbar unter der Sonne leben, betrachteten, obwohl sie Elefanten sowie kostbare Steine und Perlen als Geschenke brachten, ihre lange Reise, für deren Bewältigung sie 4 Jahre verbrachten, als größten Tribut, den sie leisteten, und in der Tat bewies ihre Gesichtsfarbe, dass sie unter einem anderen Himmel wohnen.“ (Florus, Epitomae II, 34)
Wahrscheinlich im 1. Jahrhundert n. Chr. öffnete sich eine Schifffahrtsroute von den römisch kontrollierten Häfen in Ägypten und in Nabatäa an der Nordostküste des Roten Meeres über Häfen an den Küsten von Indien und Sri Lanka bis zum chinesisch-kontrollierten Jiaozhi (im heutigen Vietnam, nahe Hanoi).
In der ehemaligen Küstenstadt Óc Eo im Mekong-Delta wurden in den 1940er Jahren hunderte römische Münzen entdeckt. Óc Eo könnte auch identisch sein mit dem bei Claudius Ptolemäus erwähnten Hafen „Kattigara“.
Römische Exporte nach China miniatur|Römisches Glas aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.
Hochwertiges Glas aus römischen Manufakturen in Alexandria und Syrien wurde zu vielen Orten in Asien exportiert, darunter auch nach Han-China. Weitere römische Luxusartikel, die von chinesischen Kunden hochgeschätzt wurden, waren goldbestickte Teppiche und goldfarbige Stoffe, Asbest-Stoffe und Byssus, ein Stoff von den seidenähnlichen Haaren bestimmter im Mittelmeer lebender Muscheln.J. Thorley: The Silk Trade between China and the Roman Empire at Its Height, 'Circa' A. D. 90-130. In: Greece & Rome, Bd. 18, Nr. 1 (1971), S. 71–80 (77)
Gesandtschaften und Reisen mini|hochkant|Chinesische Vorstellungen eines Römers im Sancai Tuhui, 1607
Die Expedition von Ban Chao
Im Jahr 97 n. Chr. überquerte Ban Chao mit einer Armee von 70.000 Mann bei einem Feldzug gegen die Xiongnu, die die Handelsroute attackierten, die heute als Seidenstraße bekannt ist, das Tianshan und den Pamir. Der westlichste Punkt, den er erreichte, war die einstige griechische Polis Antiochia Margiana (Merw), nahe dem parthischen Reich. Von hier aus schickte er angeblich einen Gesandten namens Gan Ying nach Daqin (Rom). Gan Ying hinterließ einen detaillierten Bericht der westlichen Länder, obwohl er nur bis Mesopotamien kam. Er beabsichtigte, durch das Schwarze Meer nach Rom zu segeln, aber einige geschäftstüchtige parthische Händler, die ihre lukrative Rolle als Mittelsmann beim Handel zwischen Rom und China aufrechterhalten wollten, erzählten ihm, die Reise würde noch mindestens zwei Jahre dauern. (Gan Ying war zu diesem Zeitpunkt keine zwei Monate von der Stadt Rom und nur wenige Tage von der römischen Grenze entfernt.) Entmutigt kehrte Gan Ying 98 n. Chr. nach Hause zurück. Er hinterließ aber einen Bericht über Rom (chinesisch Daqin), der sich auf Quellen aus zweiter Hand verlassen haben dürfte. Er lokalisierte es im Westen des Meeres:
„Sein [Roms] Gebiet erstreckt sich über mehrere tausend Li [ein „Li“ entspricht ungefähr einem halben Kilometer] und hat über 400 von Mauern umgebene Städte. Die äußeren Mauern der Städte sind aus Stein. Sie haben Poststationen aufgebaut. […] Es gibt auch Pinien und Zypressen.“ (Hou Hanshu)
Außerdem beschreibt er vielleicht das Adoptivkaisertum (möglicherweise waren aber auch die Konsuln oder Statthalter gemeint) der Kaiser Nerva bzw. Trajan, das Aussehen der Römer und ihre Produkte:
„Was den Herrscher betrifft, so ist er keine dauerhafte Institution, sondern der ehrenwerteste Mann wird erwählt. […] Die Menschen in diesem Land sind groß und haben regelmäßige Gesichtszüge. Sie ähneln den Chinesen, und darum wird das Land Da Qin (das „große“ Qin) genannt. […] Die Erde bringt viel Gold, Silber und seltene Steine hervor, dazu gehört ein Stein, der nachts leuchtet. […] Sie nähen mit Goldfäden gestickte Gewebe, um Wandteppiche und vielfarbigen Damast herzustellen, und sie fertigen einen goldfarbenen Stoff und einen Stoff, der ‚im Feuer gewaschen wird‘ (Asbest).“ (Hou Hanshu)
Schließlich beschreibt er das Imperium Romanum korrekterweise als die Hauptwirtschaftsmacht am westlichen Ende Eurasiens:
„Aus diesem Land kommen all die verschiedenen wunderbaren und seltenen Dinge der ausländischen Staaten.“ (Hou Hanshu)
Die Ostreisen des Maës Titianus
mini|Maës Titianus kam bis Tashkurgan (in der Antike bekannt als die „Steinstadt“), der Pforte nach China (blau). Der erste antike Reisende aus dem römisch-hellenistischen Kulturraum, der entlang der Seidenstraße von der Welt des Mittelmeeres aus bis in den Fernen Osten vordrang, war, soweit bezeugt (Claudius Ptolemaios, Geographika 1,11,7), der Kaufmann Maës (Maesius?) Titianus. Um das Jahr 100 n. Chr., während einer Pause in den immer wieder aufflammenden Kämpfen Roms mit den Parthern, erreichte seine Gruppe die berühmte Steinstadt Tashkurgan im Pamir, im äußersten Westen Chinas.Max Cary: Maes, qui et Titianus. In: The Classical Quarterly 6 (1956), S. 130 ff. Ptolemaios, die einzige Quelle, bemerkt zudem knapp, Titianus sei nicht selbst bis ins „Land der Serer“ gelangt, habe aber Männer dorthin entsandt.
Die erste römische „Gesandtschaft“ mini|Die Weltkarte des Ptolemäus, aus Ptolemäus Geographia (um 150 n. Chr.) zeigt „Sina“ (China) am äußersten rechten Rand, jenseits der Insel „Taprobane“ (Sri Lanka) und der „Aurea Chersonesus“ (Südostasiatische Halbinsel).