Die Blaue Heckenkirsche (Lonicera caerulea), auch Blaue Doppelbeere oder Sibirische Blaubeere, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Heckenkirschen (Lonicera) innerhalb der Familie der Geißblattgewächse (Caprifoliaceae). Sie ist zirkumpolar verbreitet.
Sie ist die einzige Heckenkirschen-Art, die für den Menschen genießbare Früchte ausbildet, wobei nordostasiatische Vorkommen deutlich wohlschmeckendere Beeren ausbilden als nordamerikanische und europäische Vorkommen. Daher wurden aus ihren östlichen Verbreitungsgebieten die Bezeichnungen Kamtschatka-Beere (russische Halbinsel), Gimolost (russischer Name der Beere) und Haskap (Name der Beere bei den kurilischen und nordjapanischen Ainu-Ureinwohnern) entlehnt und insbesondere als Sammelbegriffe für ihre Zuchtsorten, aber auch verallgemeinert auf die gesamte Art etabliert. Weitere häufige Bezeichnungen sind (mit Bezug auf den sehr frühen Erntezeitraum, teilweise markenrechtlich geschützt) Maibeere, Erstbeere sowie Honigbeere.
Beschreibung Vegetative Merkmale mini|Zweig mit gegenständigen einfachen Laubblättern mini|Blühende Zweige mini|Blüten im Detail mini|Früchte mini|Rinde Die Blaue Heckenkirsche ist ein kahler bis mehr oder weniger behaarter Strauch, der Wuchshöhen von 60 bis 80, selten bis über 150 Zentimetern erreicht. Die nicht windenden Äste und Zweige enthalten ein volles, weißes Mark, ihre Rinde ist anfangs rötlich- bis dunkelbraun sowie teilweise bereift und später graubraun sowie abblätternd.
Die Winterknospen sind braun-rot, teilweise bläulich bereift. Die Endknospen sind bei einer Länge von neun Millimetern kugelig mit einer ausgezogenen Spitze. Die Seitenknospen sind eilänglich, abstehend und besitzen gekielte Knospenschuppen. Häufig kommen seriale (nach oben kleiner werdende) Beiknospen vor.
Die gegenständig angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und -spreite gegliedert. Der behaarte Blattstiel ist bis zu fünf Millimeter lang. Die einfache, spitze bis rundspitzige Blattspreite ist bei einer Länge von bis zu sieben Zentimetern elliptisch oder eiförmig bis verkehrt-eiförmig und ganzrandig; sie ist matt mit bläulichgrüner, locker behaarter Oberseite und hellerer, vor allem auf den Nerven behaarter Unterseite; der Rand ist bewimpert.
Generative Merkmale Die Blütezeit kann je nach lokalem Klima und Höhenlage bereits im März beginnen. Die zwittrigen, fünfzähligen und gelblich-grünen, schwach zygomorphen (fast radiärsymmetrischen) Blüten mit doppelter Blütenhülle hängen zu zweit in den Blattachseln an einem gemeinsamen Stiel (Hypopodium), der kürzer als die Blüten ist. Sie sind von verschiedenen Deckblättern begleitet, die zwei längeren äußeren sind behaart. Der Kelch ist nur sehr klein mit minimalen Zipfeln. Die behaarte, etwa einen Zentimeter lange Krone ist röhrig verwachsen mit kürzeren Zipfeln. Die fünf Staubblätter sind leicht vorstehend. Der zweikammerige Fruchtknoten ist unterständig. Die beiden Fruchtknoten mit schlanken Griffeln eines Blütenpaares sind fast vollständig frei in den inneren verwachsenen Deckblättern. Es sind in einer Aussackung unten in der Kronröhre Nektarien vorhanden.
Aus diesen zwei Fruchtknoten entstehen, falls eine Befruchtung erfolgt, bis über 1,5 (bei Kultivaren bis 4) Zentimeter lange, wenigsamige, schwarzblaue, rundliche bis ellipsoide, „bereifte“ Doppelbeeren in den fleischigen inneren Deckblättern (Scheinfrucht, Pseudocarp) mit beständigen äußeren Deckblättern. Die abgeflachten, bräunlichen Samen sind bis zwei Millimeter lang.
Die Chromosomenzahl beträgt je nach Varietät 2n = 18 oder 36.
Systematik, Etymologie, Verbreitung mini|Illustration aus dem Jahr 1802 Die Erstveröffentlichung von Lonicera caerulea erfolgte 1753 durch Carl von Linné in seinem Werk Species Plantarum, Tomus I, Seite 174. Der Gattungsname Lonicera ehrt den deutschen Mathematiker, Arzt und Botaniker Adam Lonitzer (1528–1586, latinisiert als Lonicerus). Das Art-Epitheton caerulea ist die lateinische Vokabel für „blau“.
Die zirkumpolar verbreitete Art wird in den taxonomisch maßgeblichen botanischen Datenbanken hinsichtlich der Einstufung ihrer verschiedenen Sippen als Varietäten oder Unterarten unterschiedlich beschrieben.
Nach Plants of the World Online (POWO), einem 2017 von den Royal Botanic Gardens (Kew) initiierten internationalen Kooperationsprogramm, wird die Art in fünf Unterarten und eine Varietät untergliedert:
Lonicera caerulea subsp. altaica : Das Unterart-Epitheton altaica verweist auf die zentralasiatische Altai-Gebirgsregion als eines ihrer Verbreitungsgebiete. Sie ist darüber hinaus im nord- und osteuropäischen Russland, Sibirien, Kasachstan und der Mongolei weitverbreitet. Lonicera caerulea subsp. borbasiana : Das Unterart-Epitheton borbasiana ehrt den ungarischen Botaniker Vincze von Borbás (1844–1905); ihr Verbreitungsgebiet ist der Nordwesten der Balkanhalbinsel. Lonicera caerulea subsp. caerulea: Diese Unterart als nominotypisches Taxon ist weitverbreitet in zahlreichen europäischen Ländern (jedoch nicht Portugal, Benelux-Länder, Britische Inseln, Dänemark, Polen, Griechenland), in der östlichen Hälfte Nordasiens und in weiten Teilen Ostasiens (ohne Südost-China). In Zentralasien und in der Westhälfte Nordasiens kommt sie nicht vor. In Deutschland sind ihre Vorkommen auf den äußersten Süden beschränkt. POWO listet für diese Unterart 38 Synonyme auf, darunter die bei GRIN als Varietäten geführten Subtaxa dependens, edulis, emphyllocalyx und kamtschatica. Lonicera caerulea var. cauriana : Sie ist ausschließlich im Nordwesten Nordamerikas verbreitet, und zwar in den kanadischen Provinzen Alberta, British Columbia und Manitoba sowie in den US-Bundesstaaten Kalifornien, Idaho, Montana, Nevada, Oregon, Washington und Wyoming. Das Unterart-Epitheton cauriana ist abgeleitet von der lateinischen Bezeichnung „caurus“ für Nordwestwind. Lonicera caerulea subsp. pallasii : Sie ist in Schweden, den baltischen Staaten, Kasachstan und in weiten Teilen Russlands (ohne den äußersten Südosten) verbreitet. Das Unterart-Epitheton pallasii ehrt den preußischen Naturforscher, Geographen und Entdeckungsreisenden Peter Simon Pallas. Lonicera caerulea subsp. stenantha ex : Diese Unterart kommt in Afghanistan, Kasachstan, Kirgisistan, Pakistan, Tadschikistan, Usbekistan und im westlichen Himalaya vor. Das Unterart-Epitheton stenantha leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „schmalblütig“.
In der taxonomischen Systematik nach GRIN (Germplasm Resources Information Network), einer Datenbank des Agricultural Research Service (ARS) des US-Landwirtschaftsministeriums (USDA), wird die Art in neun Varietäten untergliedert:
Lonicera caerulea var. altaica : Bei POWO ist diese Varietät als Synonym der gleichnamigen Unterart geführt. Lonicera caerulea var. caerulea: nominotypische Varietät, bei POWO als Unterart. Lonicera caerulea var. cauriana : wie bei POWO (s. o.) Lonicera caerulea var. dependens ex : Das Epitheton dependens ist die lateinische Vokabel für „herabhängend“. Bei POWO ist diese Varietät als Synonym der nominotypischen Unterart geführt. Lonicera caerulea var. edulis ex : Das Epitheton edulis bedeutet „essbar“ (vom lateinischen edere für „essen“). Bei POWO ist diese Varietät als Synonym der nominotypischen Unterart geführt. Lonicera caerulea var. emphyllocalyx : Das Epitheton emphyllocalyx ist aus dem Griechischen entnommen und bedeutet „beblätterter Kelch“, weist also auf besonders ausgeprägte oder eng mit dem Kelch verbundene Hochblätter hin. Bei POWO ist diese Varietät als Synonym der nominotypischen Unterart geführt. Lonicera caerulea var. kamtschatica : Das Epitheton kamtschatica verweist auf die russische Halbinsel Kamtschatka. Bei POWO ist diese Varietät als Synonym der nominotypischen Unterart geführt. Lonicera caerulea var. pallasii : Bei POWO ist diese Varietät als Synonym der gleichnamigen Unterart geführt. Lonicera caerulea var. villosa : Das Epitheton villosa ist die lateinische Vokabel für „behaart“ oder „zottig“ und bezieht sich auf die charakteristische Behaarung der jungen Triebe und oft auch der Blätter dieser Varietät. Sie ist vom östlichen Kanada bis zu den nordwestlichen und nördlich-zentralen USA verbreitet. Bei POWO ist sie als eigenständige Heckenkirschen-Art Lonicera villosa geführt.
Vorkommen in Europa In Europa kommen nach dem taxonomischen Konzept von POWO neben der nominotypischen Unterart caerulea noch die Subspezies borbasiana und pallasii vor, insbesondere in Hochgebirgsregionen und in kühlen, nordischen Gebieten. Ein Hauptvorkommen liegt in den Alpen und dem Alpenvorland. In Deutschland kommt sie nur in Baden-Württemberg und Bayern vor, in Österreich in allen Bundesländern außer Wien und Burgenland, in der Schweiz in den Alpen, am Alpenrand des Mittellandes und im Jura. Weitere Populationen finden sich in den Pyrenäen, im Bayerischen Wald sowie in Gebirgen Südosteuropas (z. B. Bulgarien, Rumänien) und Italiens. Weitere natürliche Bestände erstrecken sich von Skandinavien (Schweden, Finnland) über das Baltikum und weite Teile des nördlichen Russlands bis in die Ukraine.
Die Blaue Heckenkirsche wächst in feuchten Wäldern, Gebüschen, in der Krummholzregion und in Hochmooren. Sie besiedelt vor allem feuchte bis nasse, nährstoff- und kalkarme Rohhumus-Böden und kommt von der subalpinen bis zur montanen Höhenstufe bis in Höhenlagen bis zu 2100 Metern vor. In den Allgäuer Alpen steigt sie im Tiroler Teil auf der Mutte nahe der Jöchelspitze bis in eine Höhenlage von 2010 Meter auf. In Mitteleuropa ist sie eine Charakterart der Ordnung der Fichtenwälder (Piceetalia abietis), kommt aber auch in den Gesellschaften der Ordnung der Schlehen-Hecken (Prunetalia spinosae) und der Grau-Weiden-Gebüsche (Salicion cinereae) vor.
Die Zeigerwerte nach Ellenberg weisen sie als subkontinentale, subalpine oder boreale Halbschattenpflanze sowie als Kühlezeiger, Feuchte- bis Nässezeiger, Starksäure- bis Säurezeiger und salzintoleranten Nährstoffarmut-Zeiger aus. Die Zeigerwerte nach Landolt ergeben für die Schweiz ein weitgehend übereinstimmendes Bild. Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3 (mäßig feucht), Lichtzahl L = 3 (halbschattig), Reaktionszahl R = 2 (sauer), Temperaturzahl T = 2 (subalpin), Nährstoffzahl N = 2 (nährstoffarm), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental). Die Blaue Heckenkirsche gehört damit zu den Pflanzen, deren Wuchsbedingungen an ihren natürlichen Vorkommensschwerpunkten sehr stark abweichen von ihrem physiologischen Idealbereich und entsprechenden Kultivierungsansprüchen.
Ökologie Die Blaue Heckenkirsche gehört zu den vorwiegend insektenbestäubten Pflanzen; ihre Blüten sind einfach und für die meisten Insekten leicht zugänglich aufgebaut. Die Ergiebigkeit der Blüten wird angegeben mit einem Wert von 2 (mittel) sowohl für den Pollenwert wie auch den Nektarwert. Die Blüten erscheinen je nach lokalem Klima und Höhenlage bereits ab März und stellen mit ihrer sehr frühen Blütezeit eine besonders wichtige Nahrungsquelle für entsprechend früh im Jahr aktive Insekten (z. B. überwinternde Schmetterlingsarten, Hummelköniginnen und Wildbienen) dar. Aufgrund der zu dieser Zeit oft noch niedrigen Temperaturen spielen Honigbienen bei der Bestäubung nur selten eine Rolle.
Nicht nur die Blüten, sondern auch das Blattwerk hat einen sehr hohen ökologischen Wert für die Insektenwelt: Bislang wurde für mindestens 27 verschiedene tag- und nachtaktive Schmetterlingsarten (z. B. Heckenkirschen-Scheckenfalter und Hummelschwärmer) nachgewiesen, dass sie die Blaue Heckenkirsche als Raupenfutterpflanze angenommen haben; acht Arten davon wurden auch beim Blütenbesuch beobachtet.
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