Das Taktische Luftwaffengeschwader 74 (TaktLwG 74; bis Oktober 2013 Jagdgeschwader 74) ist ein fliegender Kampfverband der deutschen Luftwaffe. Es ist das erste Einsatzgeschwader und einer von vier Verbänden innerhalb der Bundeswehr, die das Flugzeugmuster Eurofighter erhielten. Das NATO-assignierte Geschwader ist auf dem Fliegerhorst Neuburg in Neuburg an der Donau stationiert und stellt die Alarmrotte für den südlichen Luftraum; als Ausweichplatz fungiert der Fliegerhorst Lechfeld. Das TaktLwG 74 stellte in der Vergangenheit wiederholt Ehreneskorten für ausländische Staatsgäste und wurde u. a. mit dem Fahnenband des Freistaates Bayern geehrt. Sieben Mal war es bereits an den deutschen Kontingenten NATO Air Policing Baltikum beteiligt; zuletzt übernahm das TaktLwG 74 2024 diese Aufgabe.
Auftrag Der Kernauftrag des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 in Friedenszeiten ist das Stellen und in Übung halten der NATO-Alarmrotte, sprich Quick Reaction Alert „Interceptor“ (QRA „I“), zum Schutz des südlichen Luftraums der Bundesrepublik Deutschland (vgl. Taktisches Luftwaffengeschwader 71 „Richthofen“ in Wittmund für den nördlichen Luftraum).
Eine Alarmrotte besteht aus jeweils zwei aufmunitionierten Kampfflugzeugen vom Typ Eurofighter. Außerdem stellt das Geschwader gegebenenfalls Kräfte für die NATO Response Force (NRF) und andere Auslandseinsätze der Bundeswehr. Wichtige Aufgaben des Geschwaders sind dann: Luftüberlegenheit, Eskorte von Flugzeugen und Patrouillenflüge.
Geschichte
Sabre mini|F-86K Sabre des JG 74
Das Taktische Luftwaffengeschwader 74 im oberbayerischen Neuburg an der Donau ging ursprünglich aus dem Jagdgeschwader 75 (JG 75) in Oldenburg bzw. Leipheim bei Ulm hervor, welches 1960 gemäß Luftwaffenaufstellungsbefehl Nr. 155Jagdgeschwader 74 „Mölders“ (Hrsg.): 35 Jahre Jagdgeschwader 74 „Mölders“, Neuburg an der Donau. Illertissen 1996, S. 9. „inoffiziell“Kai Müller: 50 Jahre Deutsche Luftwaffe. In: Rüdiger Hulin (Hrsg.): 50 Jahre Bundeswehr. German Defense Mirror, Bonn 2005, ISBN 3-9809680-1-4, S. 126. aufgestellt wurde und damit das vierteHans-Werner Jarosch (Hrsg.): Immer im Einsatz. 50 Jahre Luftwaffe. Mittler, Hamburg 2005, ISBN 3-8132-0837-0, S. 29. zu den LuftverteidigungskräftenMartin Rink: Die Bundeswehr 1950/55–1989 (= Militärgeschichte kompakt. 6). De Gruyter Oldenbourg, München 2015, ISBN 978-3-11-044096-6, S. 63. zählende Jagdgeschwader der Luftwaffe der Bundeswehr war.Heinz Rebhan: Aufbau und Organisation der Luftwaffe 1955 bis 1971. In: Bernd Lemke, Dieter Krüger, Heinz Rebhan, Wolfgang Schmidt: Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration (= Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2). Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57973-4, S. 581f. Dieses erste Allwetterjagdgeschwader war mit dem AWX-JägerBernd Lemke: Konzeption und Aufbau der Luftwaffe. In: Bernd Lemke, Dieter Krüger, Heinz Rebhan, Wolfgang Schmidt: Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration (= Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2). Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57973-4, S. 324, Fn. 3. F-86K „Sabre“ („Sabre Dog“) ausgestattet. Die Aufstellung des ursprünglich geplanten Jagdgeschwaders 74 wurde somit zunächst nicht verwirklicht. Im April 1961 verlegteBarbara Zeitelhack: Von der „arg bedrängten“ Stadt zum Mittelzentrum: Neuburg vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. In: Thomas Götz, Markus Nadler, Marcus Prell, Barbara Zeitelhack: Kleine Neuburger Stadtgeschichte. Pustet, Regensburg 2012, ISBN 978-3-7917-2469-0, S. 151. man das JG 75 endgültig auf den neugebauten Fliegerhorst Zell bei Neuburg an der Donau und benannte es auch aus Ressourcengründen zum 1. Mai 1961 in Jagdgeschwader 74 (JG 74) um.
Unter Anwesenheit des ersten Inspekteurs der Luftwaffe, Generalleutnant Josef Kammhuber, und des Oberbefehlshabers der United States Air Forces in Europe, General Frederic H. Smith, Jr., wurde das Jagdgeschwader 74 am 5. Mai 1961 offiziell in Dienst gestellt.Thomas Schmitz (Verantw.): Jagdgeschwader 74 in Dienst gestellt. geschichte.luftwaffe.de, 5. Mai 1961. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß weihte im Herbst das neue Wirtschaftsgebäude ein.Jagdgeschwader 74 „Mölders“ (Hrsg.): 35 Jahre Jagdgeschwader 74 „Mölders“, Neuburg an der Donau. Illertissen 1996, S. 12. Neben den Amerikanern ist es insbesondere Kammhuber und Strauß zu verdanken, dass sich zu jener Zeit „wichtige Luftwaffenstandorte“ im südbayerischen Raum etablieren konnten.Martin Rink: Die Bundeswehr 1950/55–1989 (= Militärgeschichte kompakt. 6). De Gruyter Oldenbourg, München 2015, ISBN 978-3-11-044096-6, S. 59. Der mexikanische Militärattaché verlieh der 2. Staffel den Namen „Zapata“, benannt nach dem Revolutionär Emiliano Zapata. Seit dem 1. Juli 1962 ist das JG 74 der NATO assigniert; im Kalten Krieg wurde es in den sogenannten „HAWK-Gürtel“ der NATO aufgenommen.Heinz Rebhan: Aufbau und Organisation der Luftwaffe 1955 bis 1971. In: Bernd Lemke, Dieter Krüger, Heinz Rebhan, Wolfgang Schmidt: Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration (= Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2). Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57973-4, S. 593. Von den ursprünglich sechs geplanten JGs der Luftwaffe wurde 1964 die Planzahl auf zwei, nämlich das JG 74 und das JG 71, reduziert; ergänzt wurden diese um die leichten Kampfgeschwader.Bernd Lemke: Konzeption und Aufbau der Luftwaffe. In: Bernd Lemke, Dieter Krüger, Heinz Rebhan, Wolfgang Schmidt: Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration (= Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2). Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57973-4, S. 304f.
Starfighter mini|Vier F-104G Starfighter des JG 74 „M“ im Formationsflug
Am 12. Mai 1964 erreichte die erste Maschine vom Typ F-104G „Starfighter“ des Geschwaders Neuburg. Ab dem 1. Juli 1964 erfolgte die UmrüstungHeinz Rebhan: Aufbau und Organisation der Luftwaffe 1955 bis 1971. In: Bernd Lemke, Dieter Krüger, Heinz Rebhan, Wolfgang Schmidt: Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration (= Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2). Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57973-4, S. 613. – acht weitere Jagd-, Jagdbomber- und Aufklärungsgeschwader wurden durch den Hersteller bis 1966 ausgestattet.Heinz Rebhan: Aufbau und Organisation der Luftwaffe 1955 bis 1971. In: Bernd Lemke, Dieter Krüger, Heinz Rebhan, Wolfgang Schmidt: Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration (= Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2). Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57973-4, S. 614. Wegen der bestehenden NATO-Assignierung betrieb das JG 74 achtzehn Monate parallel zwei Flugzeugmuster. Die bis Anfang Januar 1966 ausgemusterten und ins Oberpfaffenhofener Depot bei München überführtenJagdgeschwader 74 „Mölders“ (Hrsg.): 35 Jahre Jagdgeschwader 74 „Mölders“, Neuburg an der Donau. Illertissen 1996, S. 13. Maschinen vom Typ F-86K „Sabre“ wurden 1966 an Venezuela verkauft. Bereits im April 1965 wurde die neue Truppenfahne in München übergeben. Beim Staatsbesuch des japanischen Kaiserpaares (Tennō Hirohito und Kōjun) in der Bundesrepublik Deutschland im Oktober 1971 stellte das JG 74 die Eskorte.
Phantom mini|Drei F-4F Phantom des JG 74 „M“ im Jahr 1998
Im Jahre 1974 wurde der in die Jahre gekommene allwetter- und nachtkampfunfähigeStefan Schuler, Florian Hofer: Transatlantische Kooperation. In: Rüdiger Hulin (Hrsg.): 50 Jahre Bundeswehr. German Defense Mirror, Bonn 2005, ISBN 3-9809680-1-4, S. 110. Starfighter im Geschwader ausgemustert:Kai Müller: 50 Jahre Deutsche Luftwaffe. In: Rüdiger Hulin (Hrsg.): 50 Jahre Bundeswehr. German Defense Mirror, Bonn 2005, ISBN 3-9809680-1-4, S. 122. Nachdem am 26. September 1974Jagdgeschwader 74 „Mölders“ (Hrsg.): 35 Jahre Jagdgeschwader 74 „Mölders“, Neuburg an der Donau. Illertissen 1996, S. 17. die ersten vier Maschinen vom Typ F-4F „Phantom II“ in Neuburg gelandet waren, setzte von Juni 1975 bis April 1976René J. Francillon: McDonnell Douglas aircraft since 1920. Band 2, Naval Institute Press, Annapolis 1990, ISBN 1-55750-550-0, S. 234f. in den Jagdgeschwadern 71 und 74, die jeweils dreißig Exemplare erhalten sollten, sowie in den Jagdbombergeschwadern 35 (ehemals Leichtes Kampfgeschwader 42) und 36 die Umrüstung ein,Bernd Lemke: Konzeption und Aufbau der Luftwaffe. In: Bernd Lemke, Dieter Krüger, Heinz Rebhan, Wolfgang Schmidt: Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration (= Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2). Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57973-4, S. 375. sodass im Jahre 1975Heiner Möllers: 50 Jahre Luftwaffe. Von Himmerod zum Hindukusch. In: Klaus-Jürgen Bremm, Hans-Hubertus Mack, Martin Rink (Hrsg.): Entschieden für Frieden. 50 Jahre Bundeswehr. 1955 bis 2005. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Rombach, Freiburg im Breisgau 2005, ISBN 3-7930-9438-3, S. 163. der Flugbetrieb aufgenommen werden konnte. Mit dem neuen US-amerikanischen Flugzeugmuster als Attack/Air Superiority Fighter, d. h. Abfangjäger und Mehrzweck-Jagdbomber, wurde das Aufgabenspektrum des JG 74 zwischenzeitlich erweitert. Die Entwicklung stand im Kontext der „zunehmenden Auflösung“ der ursprünglichen Unterteilung in Luftangriff und -verteidigung in der deutschen Luftwaffe.Manfred Görtemaker, Rüdiger Wenzke: Zwischen Konfrontation und Entspannung – Militärgeschichte von 1969/70 bis zur Wiedervereinigung. In: Karl-Volker Neugebauer (Hrsg.): Grundkurs deutsche Militärgeschichte. Drei Bände mit interaktiver DVD. Band 3: Die Zeit nach 1945: Armeen im Wandel. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Oldenbourg, München 2008, ISBN 978-3-486-58100-3, S. 245.
Am 20. Jahrestag des JG 74 (5. Mai 1981) führten erstmals seit Gründung der Bundeswehr acht Maschinen F-4F Phantom des Verbandes einen 7-stündigen Nonstopflug mit Luftbetankung von Neuburg an der Donau zur CFB Goose Bay in Kanada mit dem Ziel einer Tiefstflugausbildung durch.Bernd Lemke, Dieter Krüger, Heinz Rebhan, Wolfgang Schmidt: Die Luftwaffe 1950 bis 1970. Konzeption, Aufbau, Integration (= Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 2). Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-57973-4, S. 817. Es folgten Besuche in Neuburg des Bundespräsidenten Karl Carstens (1981), des Generalstabschefs der Schweizer Armee, Korpskommandant Jörg Zumstein, bzw. des Generalinspekteurs der Bundeswehr, General Jürgen Brandt (1982) und des Inspekteurs der Luftwaffe, Generalleutnant Eberhard Eimler (1983). Nach dem NATO-Beitritt Spaniens kam es 1983 zum Staffelaustausch mit den spanischen Luftstreitkräften.Jagdgeschwader 74 „Mölders“ (Hrsg.): 35 Jahre Jagdgeschwader 74 „Mölders“, Neuburg an der Donau. Illertissen 1996, S. 19. Im gleichen Jahr konnten erstmals vier Maschinen Starts und Landungen auf dem Autobahn-Behelfsflugplatz bei Ahlhorn üben.Jagdgeschwader 74 „Mölders“ (Hrsg.): 35 Jahre Jagdgeschwader 74 „Mölders“, Neuburg an der Donau. Illertissen 1996, S. 19ff. 1986 stellte das JG 74 die Ehreneskorte für das spanische Königspaar (Juan Carlos I. und Sophia von Griechenland) und den italienischen Staatspräsidenten (Francesco Cossiga) bei den Staatsbesuchen in Deutschland.Jagdgeschwader 74 „Mölders“ (Hrsg.): 35 Jahre Jagdgeschwader 74 „Mölders“, Neuburg an der Donau. Illertissen 1996, S. 21. Zum Tag der offenen Tür anlässlich des 25. Jubiläums des JG 74 kamen ca. 150.000 Besucher zum Fliegerhorst.