Abū l-Hasan ʿAlī ibn Ismāʿīl al-Aschʿarī (, geboren 873/874 in Basra; gestorben zwischen 932 und 941 in Bagdad) war ein islamischer Theologe. Er ist der Namensgeber der aschʿaritischen Kalām-Schule und gilt als einer der Begründer des sunnitischen Kalām. Ursprünglich gehörte er der Muʿtazila an, brach dann jedoch mit dieser Lehre, wandte sich der Lehre Ibn Kullābs zu und verfasste Schriften gegen die Muʿtazila. Später wurde die kullābitische Schule, der al-Aschʿarī nur zugehörte, nach ihm umbenannt. Sunnitische Gelehrte betrachten al-Aschʿarī als denjenigen, der das Zeitalter der Dominanz der Muʿtazila im Kalām beendete. Hinsichtlich der Definition des Glaubens orientierte sich al-Aschʿarī an murdschiitischen Positionen.

Al-Aschʿarī stammte in der neunten Generation von Abū Mūsā al-Aschʿarī ab. Seine theologischen Gegner bezweifelten allerdings seine Abstammung von diesem bekannten Prophetengefährten und enthielten ihm deswegen die Nisba „al-Aschʿarī“ vor. Wenn sie von ihm sprachen, nannten sie ihn nach der Kunya seines Großvaters Ibn Abī Bischr.Allard: “Un pamphlet contre al-Ašʿarī”. 1970, S. 150f.

Leben Familie und Lehrer Über al-Aschʿarīs Leben ist nur wenig bekannt. Al-Chatīb al-Baghdādī vermerkt, dass er einen Mann aus Basra hatte sagen hören, dass al-Aschʿarī im Jahre 260 der Hidschra (= 873/874 n. Chr.) geboren worden sei. Nach Ibn ʿAsākir hatte sein Vater, ein sunnitischer Hadith-Gelehrter, vor seinem Tod den schafiitischen Hadith- und Fiqh-Gelehrten Zakarīyā ibn Yahyā as-Sādschī (gest. 920) als Vormund für ihn eingesetzt.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 35. Nach einem Bericht, der auf den Diener al-Aschʿarīs in Basra zurückgeht, soll al-Aschʿarī von den Erträgen eines Landguts gelebt haben, das sein Großvater Bilāl ibn Abī Burda al-Aschʿarī für seine Nachkommen gestiftet hatte. Seine jährlichen Ausgaben sollen 17 Dirham betragen haben.

Zu seinen Lehrern im Hadith gehörten Abū Chalīfa al-Fadl ibn al-Habbāb al-Dschumahī, Sahl ibn Nūh al-Basrī, Muhammad ibn Yaʿqūb al-Muqrī, ʿAbd ar-Rahmān ibn Chalaf ad-Dabbī und sein Ziehvater as-Sādschī.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 400. In Basra wurde al-Aschʿarī auch Schüler von Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī (gest. 915), dem führenden muʿtazilitischen Kalām-Gelehrten der Zeit.al-Ḥākim al-Ǧušamī: Šarḥ al-ʿuyūn. Ed. Fuʾād Saiyid. Tunis 1986. S. 392. Digitalisat Nachdem er mehrere Jahrzehnte sein Schüler gewesen war, soll er ihn auch bei öffentlichen Disputationen vertreten haben.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 35. Die Beziehung zu Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī ist auch durch Aussagen von al-Aschʿarī selbst bezeugt, denn an mehreren Stellen in Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn verwendet er Phrasen wie „Das ist die Lehre von al-Dschubbā'ī. Das hat er mir selbst gesagt“Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 84, Zeile 2. oder „im Verlauf einer Diskussion zwischen mir und ihm“.Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. 1963, S. 419, Zeile 7f. Spätere Quellen wie Abū l-Fidā' (geb. 1331) geben an, dass al-Aschʿarīs Mutter nach dem Tod seines Vaters al-Dschubbā'ī geheiratet habe.Abū l-Fidāʾ: al-Muḫtaṣar fī tārīḫ al-bašar. Kairo 1907. Bd. II, S. 90. Digitalisat

Seine Bekehrung zur Sunna Das wichtigste Ereignis in al-Aschʿarīs Leben war sein Bruch mit der muʿtazilitischen Schule. Ibn ʿAsākir erklärt unter Berufung auf Ibn Fūrak, dass dieser irgendwann nach dem Jahr 300 (= 912/913 n.Chr) erfolgte.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 56. Über seine Konversion gibt es eine Anzahl verschiedener Berichte. Der früheste davon stammt von Ibn an-Nadīm (gest. 995/8). Er berichtet, al-Aschʿarī sei an einem Freitag in der Freitagsmoschee von Basra auf einen Schemel gestiegen und habe laut ausgerufen:

Ibn ʿAsākir führt über den Grund, der al-Aschʿarī dazu brachte, mit der Muʿtazila zu brechen, fünf verschiedene Berichte an. Nach dem ersten von ihnen stellte al-Aschʿarī seinen beiden Lehrern verschiedene Fragen, auf die er keine befriedigende Antwort fand, was ihn ratlos machte. Eines Nachts, als ihn ein dogmatisches Problem beschäftigte, sei er aufgestanden, habe zwei Zyklen gebetet und dann Gott gebeten, ihn auf den rechten Weg zu führen. Im Schlafe habe er dann den Gottesgesandten gesehen, der ihm gesagt habe: „Halte Dich an meine Sunna (ʿalaika bi-sunnatī)!“ Danach habe er die Kalām-Probleme mit dem verglichen, was er im Koran und in den Berichten über den Propheten fand, und nur das behalten, was mit ihm übereinstimmte, während er alles anderes wegwarf.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 38, Zeile 17 bis S. 39, Zeile 5. Nach dem zweiten Bericht erfolgte al-Aschʿarīs Konversion, nachdem er 40 Jahre lang der muʿtazilitischen Lehre gefolgt war und sich dann für 15 Tage in sein Haus zurückgezogen hatte.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 39, Zeile 10 bis S. 40, Zeile 4. Der dritte Bericht ähnelt demjenigen von Ibn an-Nadīm.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 40, Zeile 4 bis Zeile 10. Nach dem vierten Bericht, der sehr stark narrativ ausgearbeitet ist, erfolgte sein Bruch mit der Muʿtazila nach einer Folge von drei Träumen im Monat Ramadan, in denen er jeweils Gespräche mit dem Gottesgesandten führte.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 40, Zeile 10 bis S. 41, Zeile 20. In dem fünften Bericht werden ebenfalls die drei Traumvisionen des Propheten erwähnt, allerdings ist die Schilderung des ersten Traums stärker ausgestaltet, und es wird erzählt, dass der Prophet al-Aschʿarī in diesem Traum speziell aufforderte, sich zur Schau Gottes im Jenseits zu bekennen, was den Auftakt dazu bildete, dass er auch die anderen muʿtazilitischen Glaubenslehren in Zweifel zog und sich nach dem dritten Traum zur sunnitischen Lehre bekannte.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 42, Zeile 1 bis S. 43, Zeile 12.

William Montgomery Watt meinte, dass diese Berichte „in völliger Übereinstimmung mit den Ansichten der modernen Psychologie“, und es keinen Grund gebe, „warum sie, abgesehen von geringfügigen Abweichungen, nicht authentisch sein sollten“.Watt: Islamic Philosophy and Theology. 1962, S. 84. Michel Allard hingegen äußerte, dass „allein schon aufgrund ihrer Unterschiede“ es schwierig sei, „diesen Berichten uneingeschränktes Vertrauen zu schenken“.Allard: Le problème des attributs divins dans la doctrine d'al-Ašʿarī et de ses premiers grands disciples. 1965, S. 39.

Einige Quellen erwähnen einen weiteren Faktor bei al-Aschʿarīs Bekehrung, nämlich eine Reihe öffentlicher Debatten mit seinem Lehrer al-Dschubbā'ī, die al-Aschʿarī gewann. Die bekannteste dieser Debatten war diejenige, die sich mit den Konzepten der göttlichen Gerechtigkeit (ʿadl) und der göttlichen Verpflichtung, stets für das größtmögliche Wohl (al-aṣlaḥ) der Menschheit zu sorgen, befassten. Im Laufe dieser Debatte bemühte er sich zu zeigen, dass das muʿtazilitische Konzept, dass Gott verpflichtet ist, seinen Kreaturen das größtmögliche Wohl zu liefern, ungültig ist.Anwārī: “Ašʿarī”. 2000, S. 51a. Watt vermutete, dass die Rivalität mit Abū ʿAlī al-Dschubbā'īs intelligentem Sohn Abū Hāschim, der seinem Vater in der Leitung der basrischen Muʿtazila folgte, ein Faktor gewesen könnte, der dazu beitrug, dass al-Aschʿarī die Muʿtazila verließ.Watt: Islamic Philosophy and Theology. 1962, S. 82.

Leben nach der Bekehrung Nach seiner Konversion verfasste al-Aschʿarī verschiedene Bücher gegen die Muʿtazila. In einem davon, das sich mit den göttlichen Attributen befasste und sein größtes war, widerlegte er ein Buch, dass er selbst früher aus muʿtazilitischer Sicht zu demselben Thema verfasst hatte.Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 131. In den Quellen finden sich auch viele Geschichten über seine Debatten mit der Muʿtazila.Anwārī: “Ašʿarī”. 2000, S. 51. Von Ibn Fūrak (gest. 1015) wird die Aussage zitiert, dass al-Aschʿarī nach seiner Konversion im Jahr 300 (= 912/13 n. Chr.) bekannt geworden sei und sich seine Bücher verbreitet hätten.Zitiert bei Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 127.

Zu einer unbekannten Zeit zog al-Aschʿarī nach Bagdad, wo er bis zu seinem Lebensende lebte. Nach Duncan Black MacDonald verstärkte sein Umzug nach Bagdad, in ein von hanbalitischen Einflüssen dominiertes Umfeld, seinen noch zögerlichen Anti-Muʿtazilismus.Duncan Black MacDonald: Development of Muslim Theology, Jurisprudence and Constitutional Theory. Charles Scribner’s Sons, New York 1903. S. 190f. Digitalisat Nach Al-Chatīb al-Baghdādī besuchte al-Aschʿarī in Bagdad an den Freitagen den Unterricht des schafiitischen Rechtsgelehrten Abū Ishāq al-Marwazī (gest. 951) in der al-Mansūr-Moschee. Al-Aschʿarī benennt in seinen Schriften mehrfach eine Gruppe von Gelehrten als „unsere Gefährten“ (aṣḥābunā). Damit war wahrscheinlich die Anhängerschaft Ibn Kullābs gemeint,Montgomery Watt: The formative period of Islamic thought. 1973, S. 311 unter der ihn auch Ibn Nadīm in seinem Fihrist aufführt. Spätere Autoren wie Ibn Taimīya waren sich sicher, dass al-Aschʿarī nach seiner Abwendung von der muʿtazilitischen Lehrrichtung „den Weg von Ibn Kullāb beschritten hat“ (salaka ṭarīqat Ibn Kullāb).Ibn Taimīya: Darʾ taʿāruḍ al-ʿaql wa-n-naql. Ed. Muḥammad Rašād Sālim. 2. Aufl. Ǧāmiʿat al-Imām Muḥammad ibn Saʿūd, Riad 1991. Bd. II, S. 16. Online-Version Ibn al-Dschauzī schreibt, al-Aschʿarī habe nach Formulierung seiner eigenen Lehrposition in ständiger Furcht gelebt, weil diese gegen die sunnitische Position verstieß. Um der Tötung zu entgehen, habe er schließlich in dem Haus von Abū l-Hasan at-Tamīmī Schutz gesucht.Ibn al-Ǧauzī: al-Muntaẓam fī tārīḫ al-mulūk wa-l-umam. 1992, S. 29.

Die Angaben zu al-Aschʿarīs Todesdatum variieren. Ibn FūrakZitiert nach Ibn ʿAsākir: Tabyīn kaḏib al-muftarī. 1929, S. 127, Zeile 19 und S. 135, Zeile 4. und Ibn Hazm geben an, dass er 324 (= 935/936 n. Chr.) gestorben sei. Al-Chatīb al-Baghdādī hörte dagegen den Mann aus Basra sagen, dass er erst nach 330 gestorben sei (= nach 941 n. Chr.), und ein Mann namens Abū l-Qāsim ʿAbd al-Wāḥid ibn ʿAlī erzählte ihm, dass al-Aschʿarī zwischen 320 und 330 (= zw. 932 und 941 n. Chr.) in Bagdad gestorben und in Maschraʿat ar-rawāya auf dem Friedhof einer Moschee in der Nähe eines Bades begraben sei. Maschraʿat ar-rawāya („Kai der Krüge“) war ein Stadtteil im Südwesten Bagdads.Allard: Le problème des attributs divins dans la doctrine d'al-Ašʿarī et de ses premiers grands disciples. 1965, S. 47.

Werke Ibn ʿAsākir führt in seinem Buch Tabyīn kaḏib al-muftarī fī-mā nusiba ilā ʾl-imām Abī ʾl-Ḥasan al-Ašʿarī („Erläuterung der Lügen des Verleumders darüber, was man dem Imam Abū l-Hasan al-Aschʿarī zur Last gelegt hat“) eine Liste von 105 Werken al-Aschʿarīs auf.Vgl. McCarthy: The Theology of al-Ash'ari. 1953, S. 211–231. Von diesen haben sich nur die sechs nachfolgenden Werke erhalten:

Maqālāt al-islāmīyīn

Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn („Die dogmatischen Lehren der Anhänger des Islam und der Dissens der Betenden“) ist ein doxographisches Werk, in dem die Lehrmeinungen der verschiedenen muslimischen Denker dargestellt werden. Das Werk wurde von Hellmut Ritter ediert.Abu-l-Ḥasan ʿAlī Ibn-Ismāʾīl al-Ašʿarī: Kitāb Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn. hg. v. Hellmut Ritter. Maṭbaʿat ad-daula, Istanbul 1. Aufl. 1929–1933 (=Bibliotheca Islamica 1), 3 Bände, 2. Aufl. 1963, 3. Aufl. 2003 in MENAdoc. Rudolf Strothmann widmete dem Werk einen längeren Aufsatz.R. Strothmann: “Islamische Konfessionskunde und das Sektenbuch des Aś`arī” in Der Islam 19 (1931) 193–243.