mini|Boualem Sansal (2018)
Boualem Sansal (; * 15. Oktober 1944 gibt 1949 als Geburtsjahr an (Zugriff am 28. März 2025). in Theniet El Had, Provinz Tissemsilt, Algerien) ist ein algerisch-französischer Schriftsteller.
Leben Sansal kam in der nordalgerischen Provinz Tissemsilt zur Welt. Er durchlief eine gymnasiale Ausbildung mit den Fächern Latein und Altgriechisch. In den 1970er Jahren studierte er Ingenieurswesen sowie Ökonomie und promovierte in Volkswirtschaftslehre. Ab 1992 arbeitete er als hochrangiger Beamter im algerischen Industrieministerium und veröffentlichte zwischen 1992 und 1994 zwei technische Fachbücher. Die Erfahrungen des algerischen Bürgerkriegs prägten seinen Weg zum Schreiben: In den 1990er Jahren konnte er aus Angst vor bewaffneten Islamisten monatelang sein Haus nicht verlassen; das Schreiben wurde in dieser Situation zu einer Form der Verarbeitung der Gewalt.
2012 wurde er in die Wettbewerbsjury der 62. Internationalen Filmfestspiele von Berlin berufen. 2016 war er Jurymitglied der Auszeichnung Das außergewöhnliche Buch des Kinder- und Jugendprogramms des Internationalen Literaturfestivals Berlin.
2024 nahm er zusätzlich die französische Staatsbürgerschaft an. Sansal lebte bis 1986 mit seiner tschechischen Frau bei Algier. Sie haben zwei gemeinsame Töchter.Jürg Altwegg: Kein Frühling in Algerien, in: FAZ, 11. März 2019, S. 11. Diese leben heute in Prag. Seit 1986 ist Boualem Sansal in zweiter Ehe mit einer Algerierin verheiratet.
Schriftstellerisches Wirken Im Jahr 1999 erschien in Paris sein erster Roman Le serment des barbares (deutsch: Der Schwur der Barbaren), für den er zwei Auszeichnungen, den Prix Tropiques und den Prix du premier roman, erhielt. Der Roman kritisierte islamischen Fundamentalismus und staatliche Repression und gab damit die politische Tonlage vieler späterer Texte Sansals vor. Bis 2006 folgten vier weitere Romane, die alle ins Deutsche übersetzt wurden, und 2003 das Journal intime et politique, Algérie 40 ans après (deutsch: Persönliches und Politisches Tagebuch, Algerien, 40 Jahre danach). Nach der Veröffentlichung seines ersten Romans wurde Sansal 2003Jürg Altwegg: Kein Frühling in Algerien, in: FAZ, 11. März 2019, S. 11. aus dem Staatsdienst entlassen.
Seitdem er ausschließlich als Schriftsteller tätig ist, beschäftigte sich Sansal mehrfach mit historischen Stoffen. So ist das 2007 in Paris erschienene Petit éloge de la mémoire ein episches Erzählwerk über die Epoche der Berber-Herrschaft. Der 2008 herausgekommene Roman Le village de l’allemand ou Le journal des frères Schiller (deutsch: Das Dorf des Deutschen)Roland Kaufhold: Das Dorf des Deutschen. Ein großes Werk des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal. Buchbesprechung auf hagalil vom 19. September 2011. Abgerufen am 20. September 2011. erzählt von der Beteiligung eines früheren deutschen Nazis an der Ausbildung der Befreiungsbewegung FLN im algerischen Unabhängigkeitskrieg und beschreibt die Auswirkungen des Bürgerkrieges der 1990er Jahre auf ein Dorf. Für seinen Roman 2084. La fin du monde erhielt er 2015 den Grand Prix du Roman.
Sein Roman Leben. Ein Countdown (2024) erzählt im Gewand einer globalen Dystopie zugleich von der Diktatur in Algerien.
2026 übernimmt Boualem Sansal die Schirmherrschaft über das 26. Internationale Literaturfestival Berlin. Im selben Jahr kündigte er nach 27 Jahren beim Verlag Gallimard einen Wechsel zu Grasset an, einem Verlag der Hachette-Gruppe, die zum Medienimperium des rechtsextremen Unternehmers Vincent Bolloré gehört. Der Wechsel wurde im Rahmen der Feier zum 200-jährigen Bestehen Hachettes bekanntgegeben und löste in Frankreich eine Debatte über Sansals politische Positionierung und die Rolle Bollorés im französischen Verlagswesen aus. Anlass der Auseinandersetzung war auch Sansals angekündigtes Buch über seine Haft in Algerien, das Grasset für den 2. Juni 2026 ankündigte, während Gallimard eine Überarbeitung und eine spätere Veröffentlichung im Herbst angestrebt hatte.
Politisches Wirken Sansal wuchs in einem islamischen Umfeld auf.Warum "2084" nicht auf der Shortlist ist, Deutschlandradio Kultur, 28. Oktober 2015. Allerdings stuft er sich als säkular ein und hat wiederholt den Islamismus scharf kritisiert. Generell betrachtet er jede Form von Religion, besonders den Islam, kritisch: „Die Religion erscheint mir sehr gefährlich wegen ihrer brutalen, totalitären Seite. Der Islam ist ein furchteinflößendes Gesetz geworden, das nichts als Verbote ausspricht, den Zweifel verbannt und dessen Eiferer mehr und mehr gewalttätig sind. Er muss seine Spiritualität, seine wichtigste Kraft, wiederfinden. Man muss den Islam befreien, entkolonisieren, sozialisieren.“Boualem Sansal: « Il faut libérer l’Islam », Interview mit Marianne Payot im L’Express vom 14. August 2011. Nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 in Paris äußerte er, er sei darüber nicht überrascht. Der Islamismus strebe nach der Weltherrschaft.Interview. FAZ.net. Als Zeuge vor Gericht in Paris sagte er 2017, der Antisemitismus sei Teil der islamischen Kultur, er werde im Koran, in den Moscheen und in den Familien verbreitet.F.A.S. Nr. 49, 10. Dezember 2017, S. 5. Seine Bereitschaft, Israel zu besuchen, seine Kritik am Islamismus und seine politische Offenheit führten wiederholt zu heftigen Reaktionen in Algerien und Frankreich.
Sansal widersprach im März 2011 in der Debatte zu einem militärischen Eingreifen in den Bürgerkrieg in Libyen Bernard-Henri Lévy. Dass die Verhinderung eines Massakers am libyschen Volk das Ziel des französischen Militäreinsatzes in Libyen sei, glaube er „nicht wirklich“. Der Grund sei seiner Meinung nach, dass Sarkozy ein „Imageproblem in der arabischen Welt“ habe, weil sein Premierminister Fillon und seine Außenministerin sich Urlaube von Diktatoren finanzieren ließen und weil er selbst Mubarak und Gaddafi in Paris hofiert hatte. Sarkozy versuche lediglich, seine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen. Sansal kritisierte die europäische Doppelmoral und sagte: „Es wäre großartig, wenn die arabische Revolution auch zu einer Revolution in Europa führen würde. Europa und seine Führer müssen sich eingestehen: Wir haben uns geirrt.“Kathrin Moser: Was kommt dann? Boualem Sansal zum Krieg in Libyen. In: 3sat/Kulturzeit vom 30. März 2011. Abgerufen am 22. Juni 2011.
In einem Interview mit dem rechtsextremen französischen Medienportal Frontières, in dessen Redaktionskomitee Sansal sitzt, gab er zu verstehen, dass der heutige Westen Algeriens vor der Kolonialisierung marokkanisch gewesen sei. Marokko wiederum erhebe seine Ansprüche auf gewisse rohstoffreiche Teile der Westsahara zu Recht. Diese Aussagen galten vor dem Hintergrund des andauernden Konflikts zwischen Algerien und Marokko um die Westsahara, in dem Algerien auf Seiten der Westsahara-Befreiungsfront Polisario steht, als brisant.Wie Boualem Sansal zwischen die Fronten geriet, Tagesschau, 23. Dezember 2024. Die späteren strafrechtlichen Vorwürfe wurden international mit solchen Äußerungen zur kolonialen Grenzziehung zwischen Marokko und Algerien und zur Westsahara-Frage in Verbindung gebracht.
Nach seiner Freilassung rückten in Frankreich 2026 erneut Vorwürfe einer politischen Annäherung an rechte Milieus in den Vordergrund, insbesondere nach seinem Wechsel zu Grasset und seinen Auftritten im Umfeld rechter Medien. Sansal wies die Einstufung als rechtsextrem zurück und erklärte, die extreme Rechte habe seine in Algerien geprägte Kritik am Islamismus auf Frankreich übertragen. Zugleich bezeichnete er den Islamismus als gefährliches soziales und kulturelles Phänomen und warf der französischen Linken vor, Debatten über Islam, Islamismus und Einwanderung aus wahltaktischen Gründen zu vermeiden. Sansal beschrieb sich in dieser Debatte weiterhin als links, kritisierte aber die zeitgenössische Linke als entwurzelt und mitverantwortlich für den Aufstieg sowohl des Islamismus als auch der Islamophobie.
Festnahme, Inhaftierung und Begnadigung mini|Unterstützung für Boualem Sansal in Paris (Juni 2025). Sansal wurde nach seiner Rückreise aus Frankreich am 16. November 2024 am Flughafen Algier verhaftet. Konkrete Anklagepunkte oder offizielle Erklärungen für das Vorgehen der Behörden wurden in den Wochen nach der Verhaftung nicht bekannt. Die staatlich kontrollierten algerischen Medien warfen ihm indirekt vor, sich in Kreisen zu bewegen, die sie als gegen Algerien gerichtet und zugleich auf bestimmte internationale Interessengruppen ausgerichtet interpretieren; zudem stellten sie seine intellektuelle Glaubwürdigkeit in Frage. Sansals kritische Haltung gegenüber politischen und religiösen Entwicklungen in Algerien sowie seine Äußerungen zu geopolitischen Themen, etwa im Kontext der Westsahara-Frage, wurden von Beobachtern als möglicher Grund für das harte Vorgehen der algerischen Behörden angesehen.
Sein Anwalt François Zimeray teilte mit, Sansal würden „Vergehen gegen die Staatsgewalt“ nach Artikel 87 des algerischen Strafgesetzbuches vorgeworfen, konnte aber ebenfalls keine Details nennen. Ihm drohte eine mehrjährige Haftstrafe; seine Arbeiten konnten in Algerien nicht offen rezipiert werden. Das PEN-Zentrum Deutschland und andere literarische Organisationen sowie bekannte Kulturschaffende setzten sich für seine Freilassung ein. Im Laufe des Verfahrens appellierten auch international bekannte Autorinnen und Autoren wie Salman Rushdie, Annie Ernaux und Wole Soyinka für seine Freilassung.
Ende Februar 2025 trat der an Krebs erkrankte Sansal in einen Hungerstreik. Sein Anwalt Zimeray beklagte, dass ihm der persönliche Zugang zu Sansal verwehrt werde.Warum „Emissäre“ einem politischen Gefangenen raten, sich einen nicht-jüdischen Anwalt zu nehmen, Die Welt, 20. Februar 2025. Sansal wurde am 27. März 2025 wegen Untergrabung der territorialen Integrität Algeriens zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.
Am 10. November 2025 bat der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune, Sansal angesichts seines hohen Alters und seiner Erkrankung an Prostatakrebs zu begnadigen. Steinmeier verwies dabei auf Sansals literarische Leistungen, sein hohes Alter, seinen fragilen Gesundheitszustand, seine persönlichen Beziehungen zu Tebboune sowie die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Algerien. Tebboune kam der Bitte zwei Tage später nach und begründete die Begnadigung als humanitäre Geste gegenüber dem „befreundeten“ Deutschland. Nach algerischer Darstellung sollte Deutschland Sansals Überstellung und medizinische Behandlung übernehmen. Zuvor hatte Tebboune Bitten um Begnadigung vonseiten der französischen Regierung mehrfach abgelehnt. Sansal reiste daraufhin nach Deutschland aus. Das Flugzeug mit Sansal landete nach Angaben des Bundespräsidialamts am Abend des 12. November 2025 in Berlin. Am 18. November 2025 kehrte er nach Frankreich zurück, wo er von Staatspräsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast empfangen wurde.
Der Fall stand im Zentrum einer angespannten Phase der Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien, die sich zu einer diplomatischen Auseinandersetzung ausweitete. Im Umfeld des Falls wirkten weitere Konflikte belastend auf die französisch-algerischen Beziehungen, darunter Spannungen um die französische Position zur Westsahara, die Inhaftierung des französischen Sportjournalisten Christophe Gleizes sowie ein Streit um die Festnahme eines algerischen Konsulatsmitarbeiters in Frankreich; die Beziehungen galten als so angespannt wie seit der algerischen Unabhängigkeit 1962 nicht mehr. Die Entscheidung, Sansal nach deutschem Ersuchen freizulassen und zunächst nach Deutschland statt nach Frankreich ausreisen zu lassen, wurde als Möglichkeit gedeutet, den Konflikt mit der früheren Kolonialmacht Frankreich gesichtswahrend zu entschärfen. Macron erklärte am Tag der Begnadigung, die deutsche Vermittlung habe entscheidend zu dem Ergebnis beigetragen, das zugleich auf Frankreichs anhaltende Bemühungen zurückgehe.