Gratifikationskrise bezeichnet ein von Johannes Siegrist postuliertes Modell der Krankheitsentstehung aufgrund einer mangelnden Entschädigung für erbrachte Leistungen.
Modell Nach dem Modell der Gratifikationskrise erkrankt eine Person dann, wenn sie sich stark verausgabt und dafür nicht in angemessener Weise entschädigt wird. Wenn der eigene Einsatz (etwa in Form von Engagement, Wissen, Zeit, Identifikation, Leistung und Persönlichkeit) nicht durch entsprechende Belohnung (etwa in Form von ausbildungsadäquater Beschäftigung, Lohngerechtigkeit, Arbeitsplatzsicherheit, Weiterbildungs-, Karriere- und Einflussmöglichkeiten) kompensiert wird, so entstehe dadurch das als „Gratifikationskrise“ bezeichnete Krankheitspotential.
Forschung und Anwendung Das von Johannes Siegrist 2015 veröffentlichte Buch Arbeitswelt und stressbedingte ErkrankungenJohannes Siegrist: Arbeitswelt und stressbedingte Erkrankungen. Forschungsevidenz und präventive Maßnahmen. München: Elsevier 2015. gibt eine umfassende Übersicht über die internationalen Studien zu den möglichen Auswirkungen beruflicher Gratifikationskrisen auf die Gesundheit von Beschäftigten. Das Modell wird anhand eines psychometrisch getesteten Fragebogens gemessen, der in vielen Sprachen verfügbar ist. auf: uniklinik-duesseldorf.de
Das Modell wird vor allem auf die Arbeitswelt angewendet. Hier sind insbesondere Arbeitnehmer in Berufen, die nur einer geringen Qualifikation bedürfen, betroffen. Diese verausgaben sich stark, erhalten jedoch nur geringe gesellschaftliche Belohnungen wie Geld oder Prestige. Die Prävention von Gratifikationskrisen ist daher auch ein Aspekt des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Als Gründe, warum berufliche Gratifikationskrisen über längere Zeiträume von den Betroffenen hingenommen werden, nennt Siegrist eine Abhängigkeit auf Grund fehlender Alternativperspektiven auf dem Arbeitsmarkt, eine strategische Entscheidung mit dem Ziel der Verbesserung künftiger Karrierechancen oder eine übersteigerte Verausgabungsneigung als ein motivationsbezogenes Muster exzessiver Leistungsbereitschaft.
Gesundheitliche Folgen Gratifikationskrisen sind eine starke psychische Belastung. Dies führt laut Siegerist zur Entstehung von psychischen und psychosomatischen Erkrankungen.Johannes Siegrist: Arbeitswelt und stressbedingte Erkrankungen. Forschungsevidenz und präventive Maßnahmen. Elsevier, München 2015.
Man kann das Modell der Gratifikationskrise auch auf nichtberufliche Situationen beziehen. So sind alleinerziehende Mütter oft betroffen. Dieser Personenkreis wird trotz seiner Verausgabung von der Gesellschaft nur wenig mit Geld oder Prestige belohnt. Tatsächlich gehören alleinerziehende Mütter zur Personengruppe, die am häufigsten an psychischen Krankheiten erkrankt.S. Sperlich, S. Arnhold-Kerri, J. Siegrist, S. Geyer: The mismatch between high effort and low reward in household and family work predicts impaired health among mothers. In: European Journal of Public Health. 23, 2013, S. 893–898. Darüber hinaus ist dieses soziologische Modell auf weitere Formen erbrachter nützlicher Leistungen angewandt worden, bei denen das Fehlen angemessener Anerkennung die Gesundheit beeinträchtigt, so z. B. Pflege oder Ehrenamt.Johannes Siegrist: Arbeitswelt und stressbedingte Erkrankungen. Forschungsevidenz und präventive Maßnahmen. Elsevier, München 2015.
Personen in der Gratifikationskrise verhalten sich weniger gesundheitsbewusst als andere Personen. Die Gratifikationskrise fördert das Stresstrinken und das Rauchen.Johannes Siegrist: Arbeitswelt und stressbedingte Erkrankungen. Forschungsevidenz und präventive Maßnahmen. Elsevier, München 2015.Helmert u. a. (Hrsg.): Müssen Arme früher sterben? Juventa, Weinheim/München 2000, ISBN 3-7799-1192-2. Es ist nachweisbar, dass Personen aus der Unterschicht weit häufiger rauchen als Personen aus anderen Schichten. tabakkontrolle.de Dies wird von Helmert und anderen auf die Gratifikationskrise zurückgeführt.
Es gibt eine Reihe von Krankheiten, die in der Unterschicht häufiger auftreten als in der Mittelschicht oder Oberschicht. Dazu zählen unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die meisten Krebsarten, Lebererkrankungen, Diabetes mellitus sowie psychische und Suchterkrankungen. Dies wird unter anderem auf Gratifikationskrisen zurückgeführt.A. Mielck (Hrsg.): Krankheit und soziale Ungleichheit. Leske + Budrich, Opladen 2012, ISBN 978-3-322-95905-8; J. Winkler, H. Stolzenberg: Der Sozialschichtindex im Bundesgesundheitssurvey. Gesundheitswesen 61. Sonderheft 2, 1999.
Studien zeigen auf, dass Ungleichgewicht zwischen Verausgabung und Belohnung mit bestimmten Biomarkern in Verbindung gebracht werden können.
Siehe auch Effort-reward-imbalance-Modell (ERI-Modell) Equity-Theorie Sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen relative Armut Diagnose Boreout
Weblinks Fragebogen zur Erfassung beruflicher Gratifikationskrisen in der Verfahrensdatenbank beim iqpr – Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation GmbH
Einzelnachweise
Kategorie:Gesundheitspsychologie Kategorie:Armut