mini|Großdolmentypen
Die Großsteingräber bei Lancken-Granitz (auch Großsteingräber bei Lancken) waren ursprünglich acht megalithische Grabanlagen der jungsteinzeitlichen Trichterbecherkultur in der Umgebung der Gemeinde Lancken-Granitz im Landkreis Vorpommern-Rügen (Mecklenburg-Vorpommern), von denen heute nur noch vier existieren. Bei allen Gräbern handelt es sich um Großdolmen. Die erhaltenen Anlagen tragen die Sprockhoff-Nummern 501–504. 1969 wurden die vier Gräber unter Leitung von Ewald Schuldt ausgegraben. Zusammen mit den unmittelbar benachbarten Großsteingräbern bei Burtevitz stellen die vier Anlagen den größten auf Rügen zumindest teilweise erhalten gebliebenen megalithischen Gräberkomplex dar.
Die einzelnen Anlagen sind in unterschiedlichen Bauweisen errichtet. So sind die Gräber 1 und 2 in langgestreckte Hünenbetten eingebaut, die Gräber 3 und 4 hingegen in Rundhügel. Die eigentlichen Grabkammern wiederum weisen alle einen sehr ähnlichen Bauplan auf. In den Kammern wurden noch zahlreiche Grabbeigaben gefunden. Diese belegen, dass die Anlagen über längere Zeiträume kontinuierlich genutzt wurden. So fanden sich in den Gräbern neben Beigaben der Trichterbecherkultur (3500–2800 v. Chr.) auch Artefakte der endneolithischen Einzelgrabkultur (2850–2250 v. Chr.) und der älteren Bronzezeit (1800–1100 v. Chr.).
Forschungsgeschichte Auf den detaillierten Matrikelkarten der Gegend um Lancken-Granitz, die zwischen 1692 und 1709 im Zuge der schwedischen Landesaufnahme von Vorpommern angefertigt wurden, sind die Großsteingräber noch nicht explizit als solche verzeichnet, die Standorte einiger Gräber sind aber als kleine Baum- und Strauchinseln auf den Feldern eingetragen.GeoGREIF Geografische Sammlungen – Matrikelkarten der Landesaufnahme von Schwedisch-Pommern 1692-1709, Signatur AV 19GeoGREIF Geografische Sammlungen – Matrikelkarten der Landesaufnahme von Schwedisch-Pommern 1692-1709, Signatur BIX 30 Erstmals erwähnt wurden die Gräber 1730 von Ernst Heinrich Wackenroder in seinem Buch Altes und Neues Rügen:
Eine erste wissenschaftliche Beschreibung der Gräber unternahm Friedrich von Hagenow in den 1820er Jahren. Er stellte in Lancken-Granitz noch acht Anlagen fest und verzeichnete ihre Lage auf seiner 1829 erschienenen Special Charte der Insel Rügen. Das nördlichste Grab war zu dieser Zeit bereits in Zerstörung begriffen und ist auf der Karte als ausgegangen gekennzeichnet. Von Hagenows handschriftliche Notizen, die den Gesamtbestand der Großsteingräber auf Rügen und in Neuvorpommern erfassen sollten, wurden 1904 von Rudolf Baier veröffentlicht. Die Anlagen bei Lancken-Granitz wurden dabei nur listenartig aufgenommen.Rudolf Baier (Hrsg.): Vorgeschichtliche Gräber auf Rügen und in Neuvorpommern. Aufzeichnungen Friedrich von Hagenows aus dessen hinterlassenen Papieren. S. 12.
Eine erste ausführliche Dokumentation führte Ernst Sprockhoff durch, der 1931 die vier noch erhaltenen Gräber vermaß und in seinem Atlas der Megalithgräber Deutschlands veröffentlichte. Diese Anlagen waren zwischen Juli und November 1969 Gegenstand von Ausgrabungen unter der Leitung von Ewald Schuldt.Ewald Schuldt: Die Großsteingräber von Lancken-Granitz auf der Insel Rügen. S. 9 (mit falscher Jahreszahl). Die dabei gefundenen Skelettreste wurden von Hans Grimm anthropologisch untersucht und die Ergebnisse 1984 veröffentlicht.Hans Grimm: Anthropologische Bemerkungen zu den Skelettresten aus einigen Megalithgräbern in den mecklenburgischen Bezirken der DDR. S. 108–109. 2010 fanden im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts des Historischen Instituts der Universität Greifswald und des Deutschen Archäologischen Instituts in der Umgebung der Großsteingräber von Lancken-Granitz und Burtevitz geomagnetische Prospektionen und Feldbegehungen statt. Diese hatten unter anderem das Ziel, die genauen Standorte der als zerstört geltenden Anlagen zu ermitteln.Megalithlandschaft Südostrügen - Laufende Arbeiten
Die Gräber wurden von verschiedenen Autoren unterschiedlich benannt und nummeriert. Im Folgenden wird das System von Schuldt übernommen.
Sprockhoff SchuldtEwald Schuldt: Die Großsteingräber von Lancken-Granitz auf der Insel Rügen.Ewald Schuldt: Steinzeitliche Grabmonumente auf der Insel Rügen. BeierHans-Jürgen Beier: Die megalithischen, submegalithischen und pseudomegalithischen Bauten sowie die Menhire zwischen Ostsee und Thüringer Wald. Teil 2, S. 9. Lancken 1 (504) Lancken-Granitz 2 Lancken-Granitz 4 Lancken 2 (503) Lancken-Granitz 3 Lancken-Granitz 3 Lancken 3 (502) Lancken-Granitz 1 Lancken-Granitz 2 Lancken 4 (501) Lancken-Granitz 4 Lancken-Granitz 1
Lage mini|Lage der Großsteingräber bei Lancken-Granitz, Burtevitz, Dummertevitz, Preetz und Gobbin nach Friedrich von Hagenows Special Charte der Insel Rügen. Die erhaltenen Gräber bei Lancken-Granitz sind in Dunkelrot, die zerstörten in Hellrot hervorgehoben. Die vier erhaltenen Großsteingräber liegen 750 m südwestlich von Lancken-Granitz. Die Gräber 1 bis 3 liegen in einer ost-westlich verlaufenden Linie eng beieinander. Grab 3 ist das mittlere, Grab 1 liegt 30 m westlich und Grab 2 40 m östlich hiervon. 75 m südwestlich dieser Gruppe befindet sich Grab 4. In nur 120 m Entfernung schließen sich südwestlich drei der vier erhaltenen Großsteingräber bei Burtevitz (Burtevitz 1, 3 und 4) an.
Nur wenig südöstlich von Grab 4 ist auf von Hagenows Karte ein weiteres, heute zerstörtes Grab verzeichnet. Etwa 700 m östlich dieser Gruppe befand sich auf halber Strecke zwischen Lancken-Granitz und Burtevitz ein weiteres Grab. Ein drittes zerstörtes Grab lag etwa 550 m westlich von Lancken-Granitz und etwa 250 m nördlich der erhaltenen Gräbergruppe. Ein viertes lag etwa 250 m nordwestlich des dritten.Friedrich von Hagenow: Special Charte der Insel Rügen. Nach den neuesten Messungen unter Benutzung aller vorhandenen Flurkarten entworfen. 1829.
In der näheren Umgebung gibt es mehrere weitere Großsteingräber: So liegt 800 m südwestlich das vierte Großsteingrab bei Burtevitz (Burtevitz 2), 1,1 km südwestlich das Großsteingrab Dummertevitz und 1,8 km nordöstlich das Großsteingrab Garftitz.Ernst Sprockhoff: Atlas der Megalithgräber Deutschlands. Teil 2: Mecklenburg – Brandenburg – Pommern. S. 72.The Megalithic Portal: Lancken-Granitz Steingrab 1The Megalithic Portal: Lancken-Granitz Steingrab 4
Beschreibung Die erhaltenen Gräber Grab 1 mini|Das Großsteingrab Lancken-Granitz 1 miniatur|Der erhaltene Wächterstein Architektur Die Anlage besitzt ein rechteckiges, ost-westlich orientiertes und nach Westen hin abfallendes Hünenbett mit einer Länge von 20 m und einer Breite von 7 m. Von der Umfassung sind noch 17 der ursprünglich vermutlich 31 Steine erhalten, darunter der nordöstliche Wächterstein, der eine Höhe von 2,5 m aufweist. Die Hügelschüttung ist langoval und flach.Ewald Schuldt: Die Großsteingräber von Lancken-Granitz auf der Insel Rügen. S. 10.
Etwa in der Mitte des Hünenbetts liegt die Grabkammer, die zu diesem schräg orientiert ist. Sie hat eine Länge von 4,5 m, eine Breite von 2,2 m und eine Höhe von 1,5 m. Sämtliche Wand- und Decksteine sind erhalten. Die Kammer besitzt drei Wandsteine an der östlichen Langseite und zwei größere an der westlichen. An der Nordseite befindet sich ein einzelner großer Abschlussstein. Abgedeckt ist die Kammer durch drei Decksteine. Die Lücken zwischen den Wandsteinen und zwischen den Decksteinen sind mit Trockenmauerwerk aus Rotsandstein ausgefüllt. Im Süden der Kammer liegt der Eingang, der ausschließlich aus Rotsandsteinplatten gefertigt wurde. Die westliche Hälfte der Südseite wird von einer Abschlussplatte eingenommen, die westliche von einem Gang mit einer Länge von knapp 1 m, einer Breite von 0,6 m und einer Höhe von 0,8 m. Er besitzt zwei Wandplattenpaare und zwei Deckplatten, von denen die äußere sehr dick und die innere flach ist. Die Hohlräume zwischen den Wandplatten sowie zur Abschlussplatte und zu den Wandsteinen der Kammer hin sind mit Trockenmauerwerk ausgefüllt und mit Lehm verputzt. Am äußeren Ende des Ganges und in seinem Inneren, parallel zur Abschlussplatte, sind Schwellensteine angebracht.Ewald Schuldt: Die Großsteingräber von Lancken-Granitz auf der Insel Rügen. S. 10, 14–15.
Die Kammer war zu Beginn der Ausgrabung bis zur Decke verfüllt. Die oberste Schicht bestand aus lehmigem Sand, gefolgt von dünnen Lehmbädern und einer Schicht aus Rollsteinen und Rotsandsteinplatten. Der Kammerboden war mit Rotsandsteinplatten gepflastert, auf die zwei jeweils drei Zentimeter starke und durch Rotsandsteinsplitt voneinander getrennte Schichten aus Lehmestrich aufgebracht worden waren. Der Estrich wies starke Schäden auf, die auf den nachträglichen Einbau senkrecht stehender Platten zurückzuführen sind, mit denen die Kammer in Quartiere eingeteilt wurde. Nur eines dieser Quartiere an der westlichen Langwand wurde noch im Originalzustand vorgefunden. Durch die Schäden im Estrich konnte aber abgelesen werden, dass die Kammer ursprünglich drei Quartiere an der West- und ein quer liegendes an der Nordwand besessen hatte.Ewald Schuldt: Die Großsteingräber von Lancken-Granitz auf der Insel Rügen. S. 13.
Funde Während die hier ursprünglich einmal gebetteten menschlichen Gebeine weitgehend zerfallen waren, konnten noch diverse Grabbeigaben in der Kammer gefunden werden. So befand sich in der Kammer ein 35 cm mal 17 cm großer Stein aus Granit, der vermutlich als Reibstein zum Schärfen von Äxten etc. diente. Weiterhin fanden sich 30 Bernsteinperlen (davon viele in Doppelaxtform), 55 querschneidende Pfeilspitzen, eine Streitaxt, eine Nackenkammaxt, zwei dicknackige Beile, ein Flachbeil, 15 Klingen sowie Scherben mehrerer teils tiefstichverzierter, teils unverzierter Keramikgefäße. Während viele Funde trichterbecherzeitlich sind, stammt die Streitaxt von einer endneolithischen Bestattung. Andere Funde belegen eindeutig, dass das Grab noch bis in die ältere Bronzezeit hinein genutzt wurde. Hierzu zählen eine Bronzenadel mit eingerolltem Kopf, Teile einer bronzenen Kette und ein bronzener Fingerring aus geflochtenem Draht. Auch einige unverzierte Gefäße dürften der Bronzezeit zuzurechnen sein.Ewald Schuldt: Die Großsteingräber von Lancken-Granitz auf der Insel Rügen. S. 13, 15–31.
Grab 2 miniatur|Das Großsteingrab Lancken-Granitz 2 miniatur|Der Eingangsbereich Architektur Das östlichste Grab der Gruppe ist das größte und verhältnismäßig gut erhalten. Es besitzt ein ost-westlich orientiertes Hünenbett mit einer Länge von 30 m, das auf einem nach Norden hin steil abfallenden Hügel errichtet ist. Die Umfassung bestand ursprünglich aus 25 Steinen, von denen noch 14 erhalten sind.Ewald Schuldt: Die Großsteingräber von Lancken-Granitz auf der Insel Rügen. S. 32, 55 (Abb. 38).
Die Kammer des Großdolmen liegt am westlichen Ende des Hünenbetts und steht quer zu diesem, ist also nord-südlich orientiert. Sie hat eine Länge von 4,5 m, eine Breite von 2,3 m und eine Höhe von 1,6 m. Sie besitzt drei Wandsteinpaare an den Langseiten und einen Abschlussstein an der nördlichen Schmalseite. Von den ursprünglich drei Decksteinen sind nur der nördliche und der mittlere erhalten. Die Zwischenräume zwischen den Wandsteinen sind mit Mauerwerk aus Rotsandsteinplatten ausgefüllt.Ewald Schuldt: Die Großsteingräber von Lancken-Granitz auf der Insel Rügen. S. 38.