mini|Renoviertes typisches Gründerzeithaus in der Victoriastadt (Pfarrstraße)

Die Berliner Ortslage Victoriastadt, auch bekannt als Kaskelkiez nach der quer durch das Gebiet führenden Kaskelstraße, ist ein Wohngebiet im Ortsteil Rummelsburg im Südwesten des Bezirks Lichtenberg. Der Name „Victoriastadt“ ist ein Ausdruck der engen Verbindung, die Ende des 19. Jahrhunderts zum Vereinigten Königreich unter seiner Regentin Königin Victoria bestand.

Als historische Arbeitersiedlung hat die Victoriastadt das überlieferte Bild des alten Berlins der Gründerzeit stark geprägt. Der Dichter und Zeichner Heinrich Zille verbrachte hier fünf Jahre seines Lebens und nahm viele Eindrücke aus der Umgebung in seine Studien und Zeichnungen auf.

Ein Gutteil der Wohnbebauung, teilweise mit Remisen und kleinen Werkstätten in den Hinterhöfen, ist erhalten geblieben und bildet ein geschlossenes Ensemble. Nach 1990 wurde das gesamte Gebiet fast vollständig und denkmalgerecht saniert.(PDF)

Lage mini|Lageplan der Victoriastadt mit gelb markierten Baudenkmalen

Das Quartier hat 4218 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2020) und eine Fläche von 22,3 Hektar.

Die Victoriastadt ist vollständig von Bahnlinien umgeben, in deren Trassierung die Bebauung eingepasst wurde. Abgesehen von der Kynaststraße im Südwesten ist sie nur durch Unterführungen erreichbar. Die Trasse der Ostbahn teilt zudem die Nöldnerstraße im Süden vom Rest des Gebietes.

Zu den bekanntesten Straßen dieses Wohnquartiers zählen die Pfarrstraße, die Marktstraße und die Nöldnerstraße. Im Osten schließt sich der Weitlingkiez an die Victoriastadt an, im Westen der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Im Norden liegt das Wohngebiet Frankfurter Allee Süd, im Süden befinden sich weitere Teile von Rummelsburg.

Geschichte Im Jahr 1871 kauften die Brüder Anton und Albert Lehmann, Rummelsburger Woll- und Plüschwarenfabrikanten, das gesamte Gelände. Nachdem sie zusammen mit Albert Protzen, ebenfalls ein Fabrikbesitzer, 1871 die Cement Bau AG gegründet hatten, ließen sie das Gebiet parzellieren. Der Grundstein für die Colonie Victoria-Stadt wurde 1872 gelegt. Vom Kietzer Landweg (seit den 1950er Jahren: Nöldnerstraße) her begann eine rege Bautätigkeit, es mussten schnell und preisgünstig Wohnungen für die Arbeiter der in Rummelsburg und Friedrichsfelde entstehenden Fabriken geschaffen werden. Allerdings hatte man keine Investitionen in eine stadttechnische Erschließung getätigt, es gab also die ersten Jahre keine Wasser-, Elektrizitäts- oder Gasanschlüsse. Als Wasserspender diente lediglich eine Gemeinschaftszisterne.

Die Berliner Cement Bau AG erprobte wegen knapper Ziegelsteine neue Baugemische aus Zement, Sand und Schlacken zur Herstellung kompletter Hausteile, das Gussbeton-Verfahren. Der deutsche Bauingenieur Alexis Riese hatte diese monolithische Bauweise während eines Englandaufenthaltes kennengelernt. Die Cement-Bau AG nahm zunächst eine Probebebauung vor. Aus diesem Testbau entwickelte Türrschmidt unterschiedliche Haustypen mit neoklassizistischen Stilelementen, die dann hier zwischen 1871 und 1875 nach und nach errichtet wurden. Es waren zwei- oder dreigeschossige Bauten mit standardisierten Abmessungen bezüglich der Gebäudelängen und -tiefen, der Raumgrößen, Wandstärken, Raumhöhen, Fenster- und Türöffnungen, sogar der Schornsteine. Insgesamt sollen zwischen 48 und 70 solcher Häuser errichtet worden sein. Bei den Mietern waren diese Bauten nicht sehr beliebt, wahrscheinlich wegen der nicht ausreichenden sanitären Einrichtungen, die Gebäude mussten deshalb später modernisiert werden. Die meisten Häuser haben die Zeitläufte nicht überstanden, einige wurden farblich, gestalterisch oder im Inneren stark verändert. Im Jahr 1981 zählten die Architekten Armin Niemeyer und Ernst Kanow noch einen Bestand von 15 derartigen Häusern.Hans Erdmann: 100 Jahre alte Betonhäuser in Lichtenberg. In: Berliner Zeitung, 28./29. März 1981

mini|Victoriastadt im Jahr 1889

Nach der Erstanlage der Straßen erhielten diese Namen nach deutschen Dichtern, Philosophen oder Komponisten: Die Kaskelstraße hieß Kantstraße, das Stück der Pfarrstraße bis zur Marktstraße trug den Namen Schillerstraße, die Kernhofer Straße hieß Goethestraße, die Spittastraße (benannt nach dem deutschen Architekten Max Spitta) war auf den Karten mit Lessingstraße eingetragen und die Geusenstraße war die Mozartstraße.Die Victoriastadt auf einem Berliner Stadtplan von 1907 Die Türrschmidtstraße, benannt nach Albrecht Türrschmiedt (1821–1871), Keramiker und Bauwissenschaftler und maßgeblich an der Entwicklung der Betonhäuser beteiligt, trug von Anfang diesen Namen. Ursprünglich gab es noch eine Huberstraße, die in Verlängerung der Nordseite des heutigen Tuchollaplatzes nach Westen parallel zur Kaskelstraße verlief.

Ab 1876 entstanden neben diesen damals noch einzeln stehenden Häusern weitere Wohnbauten, jedoch herkömmlich gemauert, und bildeten schließlich geschlossene Straßenzüge. Bis Ende der 1880er Jahre beschränkte sich das bebaute Gebiet auf den Raum zwischen der heutigen Pfarrstraße (einschließlich der Grundstücke auf deren Westseite) bis westlich der heutigen Geusenstraße. Erst in den 1890er Jahren wurde der heutige Tuchollaplatz und der östliche Teil der Victoriastadt bebaut.

Das Gebiet der Colonie Victoriastadt kam 1889 zur Gemeinde Boxhagen-Rummelsburg. Die Grenze zur benachbarten Gemeinde Lichtenberg verlief am Kuhgraben nördlich der Kaskelstraße. Der Wassergraben beginnt in einem Quellwiesenbereich des Ortsteils Lichtenberg in Höhe der Wartenberger Straße und dem Bahndammbereich im Kietzer Weg. Der Kuhgraben, ein kleines Fließ, nahm die Abwässer der ersten Siedler auf und führte sie zum Rummelsburger See ab. 1897 erfolgte die Verlegung von Abwasserrohren und dieser Graben wurde zugeschüttet. Ende des 19. Jahrhunderts war das Gebiet auf Lichtenberger Flur nördlich des Kuhgrabens noch unbebaut,Karte von Berlin und Umgebung, Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig 1899 bei alt-berlin.info danach setzte auch dort die Bebauung ein.

Um 1900 wohnte fünf Jahre lang Heinrich Zille mit seiner jungen Familie erst an der Türrschmidt-, dann an der heutigen Geusenstraße.

Die umliegenden Bahnstrecken wurden 1902 auf Dämme verlegt und entsprechende Brücken und Viadukte gebaut. Im Jahr 1912 kam Boxhagen-Rummelsburg und damit auch die Victoriastadt zur Stadt Lichtenberg. Auf dem westlichen Teil des Gebiets entstand in den 1920er Jahren die Fabrik-Erweiterung des Unternehmens Knorr-Bremse.

Im Zweiten Weltkrieg wurden nur wenige Häuser der Victoriastadt zerstört. Dadurch ist ein weitgehend geschlossenes historistisches Bauensemble erhalten geblieben. Jedoch erfolgte in den Nachkriegsjahren eine systematische Entstuckung der Fassaden. Auf Beschluss der damaligen Lichtenberger Verwaltung begann 1982 eine erste komplexe Instandsetzung und Modernisierung der Wohnhäuser dieses Gebiets.Victoriastadt auf der grünen Wiese. In: Neues Deutschland vom 7. Januar 1982. Um den historischen Charakter weiterhin zu sichern, erließ die Bezirksverwaltung Lichtenberg im Jahr 2004 eine Erhaltungsverordnung Kaskelstraße / Victoriastadt, die detaillierte Vorgaben bei Umbaumaßnahmen enthält.Erhaltungsverordnung der BVV Lichtenberg Ab 2004 konnte mit Unterstützung durch das Bund-Länder-Sanierungsprogramm Städtebaulicher Denkmalschutz die Wiederherstellung der noch erhaltenen fünf Schlackebeton-Häuser vorgenommen werden, die an der Nöldnerstraße, der Türrschmidtstraße und der Spittastraße stehen.

Bemerkenswerte Straßen und Plätze (Auswahl)

Tuchollaplatz Der dreieckige Tuchollaplatz mit einer Fläche von 1150 Quadratmetern wurde bei seiner Anlage Victoriaplatz genannt. Er diente schon zeitig zur Abhaltung von Wochenmärkten und war deshalb nicht begrünt. Im Jahre 1951 wurde er nach den Widerstandskämpfern Felix und Käthe Tucholla umbenannt. Im Laufe der Jahrzehnte erfuhr er mehrfache Umgestaltungen, zuletzt 2001 nach Konzepten der Landschaftsarchitektin Regina Poly für 1,8 Millionen Mark. Auf dem Platz stehen ein Linienverzweiger, gusseiserne Kandelaber und eine Notwasserpumpe. Nur die Häuser an der Nordseite des Platzes haben Tuchollaplatz als Adresse, die Südseite gehört zur Türrschmidt- und die Westseite zur Geusenstraße.

Türrschmidtstraße Die Türrschmidtstraße trägt ihren Namen bereits seit 1873. Nach 1945 hatte die Verwaltung von Lichtenberg sie in Felix-Tucholla-Straße umbenannt. Das wurde jedoch durch den Berliner Magistrat nicht genehmigt.

mini|links|Ringstadien, von Jenny Brockmann

Um das Jahr 2000 ließ die Bezirksverwaltung an der Ecke Türrschmidt-/Kernhofer Straße einen Spielplatz anlegen; auf ihm wurde im Jahr 2002 als erstes öffentliches Kunstwerk des Wohngebietes die Plastik Ringstadien von Jenny Brockmann aufgestellt. Die aus unbehandeltem Stahl gefertigten drei Ringe stehen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.Tonnenschwere Kunst. In: Berliner Zeitung, 8. Oktober 2002.

mini|Wiederaufgestellte Hartungsche Säulen der alten Eisenbahnbrücke über die Stadthausstraße

An der Türrschmidtstraße 25/26 Ecke Stadthausstraße ist ein Flügel des ersten Rathauses von Rummelsburg erhalten. Es war schon vor der Verlegung der Eisenbahngleise auf Dämme fertiggestellt, sodass durch das Rathaus eine Passage angelegt werden musste, um die Verbindung zur späteren Nöldnerstraße aufrechtzuerhalten. Diese Passage wurde danach Rathausstraße genannt. Nach der 1912 erfolgten Eingemeindung von Boxhagen-Rummelsburg nach Lichtenberg verlor das Rathaus seine Funktion, die Straße heißt seitdem Stadthausstraße. Im Februar 1945 zerstörte eine Bombe den größeren Teil dieses Gebäudes, der verbliebene westliche Gebäudeteil wurde vereinfacht wieder hergerichtet. Im Jahr 1960 erhielt das Haus einen Anbau auf Resten der alten Grundmauern, aber vervollständigt wurde es nicht wieder. Diese Baukörper wurden 2003–2006 umfangreich restauriert und dienen seitdem als Quartier einiger Sozialprojekte und des Museums Lichtenberg im Stadthaus, das zuvor in der Parkaue nahe dem Stadtpark und dem Rathaus Lichtenberg sein Domizil hatte. bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

Zur Erinnerung an die durch einen Neubau ersetzte denkmalgeschützte Eisenbahnbrücke über die Stadthausstraße wurde im Jahr 2006 aus zwölf gusseisernen Brückenstützen der Bauart Hartungsche Säule auf der Grünfläche an der Ecke Stadthaus-/Türrschmidtstraße ein Denkmal errichtet.

Pfarrstraße mini|Gasthof mit Hinweis auf den historischen Standort

Der Name Pfarrstraße gehörte ursprünglich zu einer auf dem Gebiet der Gemeinde Lichtenberg befindlichen Straße in Nord-Süd-Richtung von der Frankfurter Allee bis zur Verwaltungsgrenze zu Boxhagen-Rummelsburg am Kuhgraben. Heute erinnern noch die Baulücken in der Straße und der Name eines in einer Remise eingerichteten Gasthofes an dieses Gewässer. Der südliche Teil der heutigen Pfarrstraße, ehemals zu Boxhagen-Rummelsburg gehörend, (bis 1938: Schillerstraße) wurde in die neue Pfarrstraße integriert. Nun reichte diese bis 1972 von der Frankfurter Allee bis zur Marktstraße.

Mit der Bebauung des Gebietes Frankfurter Allee Süd im Bereich des früheren Friedrichsberg wurde dann der nördliche (hinter den Bahnlinien verlaufende) Teil aufgehoben und als Schulze-Boysen-Straße weitergeführt. Es fehlen deshalb in der heutigen Pfarrstraße die Hausnummern 1–86.

In dieser dichtbebauten Straße stehen die meisten denkmalgeschützten Mietshäuser des Kiezes, mit abwechslungsreichen Stuckfassaden, unterschiedlichen Bauhöhen und häufig noch erhaltenen Bauten auf dem Hof.

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg trieb eine Räuberbande ihr Unwesen in dieser Gegend, speziell in der Pfarrstraße, die Gladow-Bande, die allerdings bald von der Polizei gefasst werden konnte.

In der Pfarrstraße drehte die DEFA im Jahr 1982 aus Anlass des 125. Geburtstages von Heinrich Zille den Musical-Film Zille und ick.Wo einst Zille zeichnete. In: BZ am Abend, 21. Oktober 1982