mini|Titelblatt der Erstausgabe 1840
Ein Held unserer Zeit () ist ein Roman des russischen Schriftstellers Michail Lermontow aus dem Jahr 1840. Lermontows einziges zu Lebzeiten vollendetes Prosawerk gilt als erster psychologischer Roman der russischen Literatur. Sein Protagonist Petschorin trägt deutlich Züge der Byron’schen Helden und wurde, gemeinsam mit Puschkins Eugen Onegin, für Generationen russischer Schriftsteller zum Urbild des „überflüssigen Menschen“.
Inhalt Langfassung (linear) Auf dem Weg vom georgischen Tiflis ins russische Wladikawkas schließt der Ich-Erzähler, ein junger Reiseschriftsteller, Bekanntschaft mit dem wesentlich älteren Maxim Maximowitsch, Stabshauptmann in Diensten der russischen Besatzungsmacht. Maxim, mit Land und Leuten vertraut, übernimmt die Führung auf dem schwierigsten Teilstück über den Kaukasus. In einer Zwangspause lässt er sich auch eine außergewöhnliche Geschichte entlocken, die fünf Jahre zurückliegt. Ausgangspunkt war eine muslimische Hochzeit im Hause eines kaukasischen Fürsten; hauptbeteiligt dessen jüngste Tochter, die 16-jährige Bela, und der rund zehn Jahre ältere Offizier Grigorij Alexandrowitsch Petschorin, gemeinsam mit Maxim zu Gast. Bei einem Solotanz machte Bela Petschorin schöne Augen, er fing Feuer und stiftete ihren Bruder an, sie in Abwesenheit des Vaters zu rauben und ihm zuzuführen. Im Gegenzug versprach er dem Heißsporn das weit und breit begehrteste Pferd; es seinem nicht minder heißblütigen Besitzer Kasbitsch zu entwenden galt als undurchführbar. Dennoch gelang der Doppelraub. Petschorin gelang es in der Folgezeit sogar, die Gunst des gefangen gehaltenen Mädchens zu gewinnen. Er selbst hingegen verlor das Interesse an ihr. Vollends tragisch endete die Geschichte dadurch, dass Kasbitsch sich rächte, indem er seinerseits Bela raubte und ihr, als seine Ergreifung unabwendbar bevorstand, eine Verletzung zufügte, an der sie nach zweitägiger Agonie verstarb.
Der Zufall führt die Reisegefährten, nachdem sie sich schon voneinander verabschiedet hatten, in Wladikawkas noch einmal zusammen. Beiderseits hocherfreut, gerät Maxim regelrecht aus dem Häuschen, als er erfährt, dass auch Petschorin gerade vor Ort ist. Er erwartet, einem guten Freund wiederzubegegnen, hat doch ihr gemeinsames Jahr tiefe Spuren in ihm hinterlassen. Die oft unvorhersehbaren Entschlüsse Petschorins mit ihren teils gravierenden Folgen hatte er zwar mitunter missbilligt, letztlich aber alle mitgetragen und als militärischer Vorgesetzter des strafversetzten Offiziers sogar mitverantwortet, wie eben die Entführung Belas. Das verbindet, glaubt Maxim. Doch er täuscht sich. Petschorin lässt ihn erst warten und fertigt ihn dann freundlich-unverbindlich ab, bevor er nach Persien weiterreist. Seine „Papiere“, die Maxim verwahrt hatte, überlässt er ihm zur freien Verfügung; der namenlos bleibende Ich-Erzähler, Zeuge ihres kurzen Wiedersehens, bietet sich an, sie an sich zu nehmen; als ihn die Kunde von Petschorins Tod erreicht, entschließt er sich zur Herausgabe eines Teils von ihnen, bestehend aus drei Erzählungen – diese komplettieren den Roman.
In der ersten Erzählung strandet Petschorin, als „reisender Offizier“, für einige Tage in Taman, in seinen Augen die „ekelhafteste aller russischen Seestädte“. Er bezieht Quartier im einzig verfügbaren Haus; es gilt als verrufen und wird von einem sonderbaren Trio bewohnt: eine angeblich taube Alte, ein Junge, der sich als blinder Waise ausgibt, und ein „rassiges“ Mädchen, das Petschorin bezirzt, eine „Undine“ seinem Empfinden nach. Er hat gute Gründe, sich an diesem Ort unsicher zu fühlen, aber weniger gute, den Bewohnern heimlich nachzustellen, und gar keine, ihnen mit einer Anzeige zu drohen. So bringt er sich selbstverschuldet in Gefahr: Von „Undine“ zu einem nächtlichen Stelldichein in ein Boot gelockt, entgeht er ihrem Tötungsversuch auf offener See mit knapper Not. Der Fehlschlag hat existenzielle Folgen für das Trio: Sie verlieren ihre Erwerbsquelle. Schuldbewusst hält Petschorin im Tagebuch fest, er habe die „friedliche Gemeinschaft“ von „ehrlichen Schmugglern“ gestört.
Der Hauptschauplatz der zweiten Tagebuch-Erzählung, Pjatigorsk, ist ein Ort, an dem Petschorin sich auf Anhieb wohlfühlt; die Schönheit der Landschaft bringt ihn regelrecht zum Schwärmen. Auch ist er hier unter seinesgleichen: wohlhabenden Russen, die gekommen sind, um sich eine Kur zu gönnen, die keineswegs alle nötig haben. Ihre Hauptbeschäftigung ist daher, sich in Gesellschaft zu „zeigen“ und sich darüber auszutauschen, wie dies den Anderen gelingt, vornehmlich per Klatsch und Tratsch. Petschorin hält sich ein wenig abseits – mit der Absicht, bei passender Gelegenheit umso schärfer zu schießen, wenn es darum geht, jemanden zu treffen, der es seiner Ansicht nach „verdient“. Hauptkandidat ist sein Regimentskamerad Gruschnizkij, dessen affektiertes Werben um „Prinzessin“ Mary, eine reizende junge Moskauerin, ihn abstößt und die er ihm mühelos ausspannt, ohne genau zu wissen, ob er sich selbst in sie verliebt hat oder über sie Zugang sucht zu seiner Geliebten Vera, die ihm in Begleitung ihres Gatten nachgereist ist und ein Wiedersehen wünscht. Währenddessen wird, mit Gruschnizkij als Speerspitze, ein Komplott gegen Petschorin geschmiedet, um ihm einen „Denkzettel“ zu verpassen. Durch Zufall belauscht er, was auf ihn zukommt: Ein zum Schein ernstes Duell soll ihm Angst einjagen. Er dreht den Spieß um und macht aus dem abgekarteten Spiel seinerseits Ernst. Das Resultat ist ein veritabler Scherbenhaufen: ein getöteter Duellant, ein gebrochenes Herz, eine zerrüttete Ehe und ein strafversetzter Offizier.
Ein Streitgespräch unter Offizieren bildet den Auftakt zur letzten Erzählung; sie tauschen sich darüber aus, inwieweit sie als Christen den im Islam tief verwurzelten Glauben an eine Vorherbestimmung des menschlichen Schicksals teilen. Wulitsch, einer der angesehensten Männer, macht dem Disput ein Ende, indem er anbietet, die Frage durch ein Spiel auf Leben und Tod zu entscheiden. Petschorin, für einige Tage aus Maxims Aufsicht entlassen, schlägt ihm eine Wette vor, bei der er darauf setzt, dass es keine Vorsehung gibt; der Fatalist Wulitsch hält dagegen. Während er die Anwesenden darauf vorbereitet, dass er den Beweis durch eine Art russisches Roulette zu führen gedenkt, meint Petschorin auf dessen Gesicht Anzeichen seines bevorstehenden Todes wahrzunehmen… Wulitsch gewinnt die Wette; Petschorin räumt seine Niederlage ein, ist allerdings ein wenig irritiert ob seiner Sinnestäuschung… Noch vor Anbruch des Morgens jedoch erreicht ihn die Nachricht von Wulitschs gewaltsamem Tod: Auf dem nächtlichen Heimweg sei er seinem Mörder in die Arme gelaufen, einem Kosaken, der im Zustand der Trunkenheit stets Amok laufe und nicht rechtzeitig eingefangen werden konnte. „…Es wird ihm wohl so bestimmt gewesen sein“, schließt Maxim seinen Kommentar, nachdem Petschorin ihm von dem Vorfall berichtet hat.
Kurzfassung (chronologisch) Ordnet man die Eckpunkte der Handlung der Chronologie nach, ergibt sich daraus folgende Fabel (in Klammern die Positionierung innerhalb der linearen Erzählung):
Den aus Petersburg stammenden Protagonisten Petschorin lernt man im Alter von etwa 25 kennen. Er hat eine militärische Laufbahn eingeschlagen. Als reisender Offizier gerät er in Taman unter Schmuggler und nicht ganz schuldlos in Lebensgefahr (4). Nach Beteiligung an einem Feldzug weilt er einige Zeit in den Kurorten Pjatigorsk und Kislowodsk, wo er sich in alte und neue Liebesbeziehungen verstrickt und ein Duell austrägt (5), was eine einjährige Strafversetzung in eine entlegene Festung im Kaukasus nach sich zieht, unter Aufsicht von Stabshauptmann Maxim. Dort lässt er die 16-jährige Tscherkessin Bela entführen, gewinnt ihre Zuneigung und vernachlässigt sie dann (1). Zwischenzeitlich kann er die Festung für zwei Wochen verlassen, geht mit dem Fatalisten Wulitsch eine Wette ein und erlebt dessen gewaltsamen Tod (6). Fünf Jahre danach kommt es auf der Reise von Petersburg nach Persien durch Zufall zu einer kurzen Wiederbegegnung mit Maxim (2). Unbestimmte Zeit später stirbt Petschorin auf dem Rückweg von Persien; woran, bleibt offen (3).
Entstehung mini|Auch später wurden einzelne Erzählungen separat publiziert, hier Taman 1941. Ein Held unserer Zeit ist das einzige Prosawerk, das Lermontow abgeschlossen hinterließ, bevor er 26-jährig in einem Duell – seinem zweiten – den Tod fand. Die Schwierigkeiten, die er zu bewältigen hatte, um den Roman zu vollenden, waren formaler Natur. Inhaltlich bewegte er sich auf vertrautem Terrain; viele seiner zuvor entstandenen Poeme kreisten um das Thema des „zerrissenen Helden“; nicht wenige gerade der bedeutenderen Dichtungen verarbeiteten Stoffe, die den Kaukasus zum Hintergrund hatten – eine Welt, die der gebürtige Petersburger schon als Kind kennengelernt und die ihn tief geprägt hatte.
An zwei Romanen hatte sich Lermontow schon versucht. Sein zweiter, der Gesellschaftsroman Die Fürstin Ligowskaja (1836), spielte bereits in der Gegenwart und enthielt „alle Keime der sozialen und psychologischen Thematik des kommenden russischen Realismus“. Adolf Stender-Petersen: Die Prosa Puschkins und Lermontows. In: Geschichte der russischen Literatur. Zweiter Teil. C.H. Beck, München 1993, S. 152 Obwohl er unvollendet blieb, bildete er den Grundstein für Prinzeß Mary, die längste Erzählung von Ein Held unserer Zeit. Drei andere – Bela, Der Fatalist und Taman – wurden schon vorab in der Zeitschrift Otetschestwennyje Sapiski publiziert, was ihre Eigenständigkeit unterstreicht. Ergänzt durch die noch fehlenden Teile und in die von Lermontow vorgesehene Ordnung gebracht, erschien der Roman dann 1840 in der von ihm autorisierten Fassung.
Das Problem, das ihm zuvor am meisten zu schaffen gemacht hatte, war, die geeignete Sprache zu finden. Begonnen hatte er, wie die meisten Schriftsteller, als Lyriker. Den „hohen Ton“, den Gedichte in der Regel gut vertragen, nahm er kurzerhand mit, als er sich der Prosa zuwandte. So war sein erster Roman(versuch), Wadim (1832), „bis zum Rand mit grellen, melodramatischen, pittoresken Mitteln gefüllt […] gefühlsmäßig bewegt, rhetorisch und deklamatorisch, voller Vergleiche und Metaphern, voller Fragen und Ausrufe“. Adolf Stender-Petersen: Die Prosa Puschkins und Lermontows. In: Geschichte der russischen Literatur. Zweiter Teil. C.H. Beck, München 1993, S. 150 An dieser Überfrachtung scheiterte er.
In Erstaunen versetzt die „atemberaubend kurze Zeit“, in der es Lermontow dann doch gelang, sich den Stil zu erarbeiten, den seine Prosa in Ein Held unserer Zeit auszeichnet: seine „Klarheit des Ausdrucks, die Genauigkeit und Einfachheit, Kürze und Dynamik der Erzählung, die Durchsichtigkeit und Gliederung des Satzes“. – „Ich kenne keine bessere Sprache als die Lermontows“, sagte kein Geringerer als Anton Tschechow ausgangs des für die russische Literatur so reichen 19. Jahrhunderts, das mit Puschkin, Gogol und Lermontow begann.Michail Lermontow: Ein Held unserer Zeit. Friedenauer Presse, Berlin 2006. Nachwort von Peter Urban, S. 250 und 253
Form + Formmerkmale der Erzählungen Titel (Sub)Genres Erzählinstanz ChronologieBela RomantischeLiebesgeschichte Ich-Erzähler(und Maxim) TamanMaximMaximowitsch CharakterskizzePrinzeß MaryVorbemerkung zuP.s Tagebuch – BelaTaman RomantischeSchauergeschichte Petschorin Der FatalistPrinzeß Mary Gesellschaftsromanin TagebuchformMaximMaximowitschDer Fatalist PhilosophischeErzählung Vorbemerkung Länge der Erzählungen Bela M.T. Prinzeß Mary F.