Karcsa ist eine Gemeinde () im Nordosten von Ungarn im Kreis Cigánd, der zum Komitat Borsod-Abaúj-Zemplén gehört. Die Gemeinde mit 1820 Einwohnern (Stand 2015)Magyarország közigazgatási helynévkönyve 2015. január 1. Központi Statisztikai Hivatal Hungarian Central Statistical Office, Budapest 2015, S. 44. an der Grenze zur Slowakei ist für eine romanische Kirche bekannt, die der reformierten Glaubensgemeinschaft gehört. Die im 11. Jahrhundert erbaute Rundkirche mit ursprünglich sechs Konchen wurde Anfang des 13. Jahrhunderts um ein Kirchenschiff erweitert und 1970 restauriert.
Lage und Verkehr mini|links|Typische Wohnhäuser mit den Giebeln zur Straße auf langgestreckten Grundstücken Karcsa liegt in der Großregion Nordungarn südlich des Flusses Bodrog und nördlich der Theiß, die in den Waldkarpaten entspringt und Nordungarn von Osten nach Westen durchquert. Die geographische Region zwischen beiden Flüssen wird Bodrogköz genannt. Das Gebiet, das auch auf slowakischer Seite hauptsächlich von Magyaren bewohnt wird, ist weitgehend flach bis leicht hügelig, ähnlich der östlich angrenzenden Großen Tiefebene, der auch die 96 Meter Meereshöhe des Ortes ungefähr entsprechen.Elevation of Karcsa, Kun Béla u. 27, Hungary. elevation.maplogs.com Der Karcsa-Kanal (Karcsa-csatorna) fließt von Norden durch die Ortsmitte, wo er an einem Damm aufgestaut wird, nach Süden bis in die Theiß. Der rund 2,5 Kilometer lange Karcsa-Stausee ist ein ökologisch wertvolles Gebiet für Vögel und Fische.Karcsa-tó. karcsa.hu Beim Nordende des Sees, 3 Kilometer von Karcsa entfernt, verläuft die slowakische Grenze. Ein größeres Feuchtgebiet ist das Naturschutzgebiet Tiszatelek-Tiszaberceli am Ufer der Theiß, benannt nach dem Dorf Tiszatelek (Tiszatelek-Tiszaberceli Ártér Természetvédelmi Terület) einige Kilometer südlich von Karcsa. Ansonsten ist die Umgebung von unregelmäßig angelegten, meist kleinparzellierten Feldern und wenigen kleinen Waldinseln geprägt.
Die nächstgelegene Stadt ist Sárospatak im Westen am Ufer des Bodrog. Die 20 Kilometer lange Nebenstrecke (Landstraße Nr. 3805) von Sárospatak verläuft durch die Dörfer Vajdácska und Karos (an der Landstraße 381), sechs Kilometer von Karcsa entfernt. Diese Straße führt nach Nordosten zum drei Kilometer entfernten Nachbardorf Pácin (mit einem Burgschloss im Stil der Spätrenaissance an der Straße) und nach Nagyrozvágy (insgesamt zehn Kilometer). Straßen in andere Richtungen gibt es nicht. Weitere Nachbarorte sind Bodroghalom (elf Kilometer westlich) und Alsóberecki (elf Kilometer nordwestlich).
Mehrmals täglich verkehrt ein Bus von Sárospatak teilweise mit einem Umweg über Alsóberecki nach Karcsa und weiter bis Nagyrozvágy. Eine weitere Busverbindung existiert zur etwa 20 Kilometer entfernten Stadt Sátoraljaújhely. Das abgelegene Karcsa ist nicht an das Eisenbahnnetz angeschlossen.
Geschichte Aus dem 11. Jahrhundert liegen keine schriftlichen Quellen vor. Im 12. Jahrhundert erwähnt Papst Urban III. in einem Dokument vom 22. Juni 1187, in welchem er den Mitte des 12. Jahrhunderts gegründeten Ritterorden des heiligen Johannes in Ungarn unter seine Oberhoheit stellt, erstmals die Kirche. Demnach unterstand die Ecclesia S. Margarethae de Charca dem Ordenszentrum in Esztergom und die Gemeinde Karcsa dürfte zum ältesten Landbesitz des Ordens gehört haben. In einem 1238 datierten Dokument bestätigt König Béla IV. die Zugehörigkeit der Ländereien von Karcsa und das „Karcsa-Kloster“ (monasterii de Harcha) zu den Besitztümern des Ritterordens. Einem Dokument von 1282 zufolge verkaufte ein Großmeister des Haupthauses in Esztergom namens Dominik seinen Anteil an den Ländereien von „Carcha“ für sechs Silbermark an den Grafen Thomas, der zur Baksa-Familie gehörte. Über ein Kloster der Baksa-Familie, in dessen Zentrum die Kirche von Karca stand, ist ansonsten nichts bekannt.Veronika Gervers, 1968, S. 44.
Ortsbild mini|Szabadság utca von der zentralen Kreuzung nach Süden Die Gemeindefläche beträgt 4370 Hektar und die 1820 Einwohner des Jahres 2015 leben in 659 Wohnungen. Im Jahr 1960 lag die Einwohnerzahl noch bei 2640.Veronika Gervers, 1986, S. 45. Karcsa ist ein weitläufiges Haufendorf mit der zentralen Kreuzung an der Durchgangsstraße Petőfi Sándor utca, von der die Szabadság utca nach Süden und die Táncsics utca nach Norden abgeht. Hier wird der Karcsa-Kanal gestaut. In der Nähe dieser Kreuzung befinden sich eine Bushaltestelle, ein Lebensmittelladen, ein Restaurant und ein Postamt. Die Gemeindeverwaltung (Polgármesteri Hivatal) ist in einem Neubau 200 Meter westlich an der Durchgangsstraße untergebracht. Die Wohnhäuser stehen zum Teil nach traditionellem Bauplan mit dem Giebel zur Straße auf langrechteckigen Grundstücken, in deren hinterem Bereich Gemüse und Obstbäume gedeihen. Andere Wohnhäuser kleinstädtischen Typs wurden nach der Mitte des 20. Jahrhunderts erbaut.
Die reformierte Kirche befindet sich rund 300 Meter nördlich der Kreuzung. Ferner gibt es in Karcsa ein Heimatmuseum (tájház), eine römisch-katholische Kirche (Avilai Szent Teréz) und im zwei Kilometer nordwestlich an der Straße 381 gelegenen Ortsteil Becskedtanya mit gut 50 Häusern eine römisch-katholische Kapelle (Kisboldogasszony).
Reformierte Kirche Die reformierte Dorfkirche von Karcsa (Karcsai református templom) gehört zu den ungewöhnlichsten romanischen Gebäuden in Ungarn und ist das bedeutendste Kunstdenkmal in der Umgebung von Sárospatak. Die in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts von einem Fürsten gestiftete Sippenkirche war ursprünglich eine Rundkirche mit einem Sechspass-Grundplan im Innern. Hiervon sind drei Konchen übriggeblieben, die den Chor eines später angebauten Kirchenschiffs bilden.
Im 10. und 11. Jahrhundert entstanden im östlichen Europa zahlreiche Rundkirchen, vor allem in Polen, Böhmen und im einst größeren Ungarn bis nach Siebenbürgen.Vgl. Ioan-Cosmin Ignat: Romanesque Ecclesiastical Architecture on the Periphery of the Catholic World. Round Churches and Basilicas in Transylvania. In: Sorin Radu (Hrsg.): Studia Universitatis Cibiniensis. Series Historica, Band 13 Supplement, “Lucian Blaga” University of Sibiu Publishing House, 2016, S. 169–199, hier S. 178f. Der Bau christlicher Kirchen in Ungarn insgesamt hängt mit der Ausbreitung des Katholizismus von Westeuropa während der Dynastie der Árpáden zusammen, nachdem Stephan I. (reg. 1000–1038) der erste christliche König seines Landes geworden war und die Missionierung förderte. Die zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert in Ungarn entstandenen romanischen und frühgotischen Kirchen werden von Kunsthistorikern dem Zeitalter der Árpád-Dynastie zugeordnet.Béla Zsolt Szakács: The research on Romanesque architecture in Hungary: a critical overview of the last twenty years. In: Estratto dalla rivista Arte Medievale nuova serie anno. Band IV, Nr. 2, 2005, S. 31–44, hier S. 32.
mini|Chor und Kirchenschiff von Nordosten Im Mittelalter, vom 11. Jahrhundert bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, bildeten dörfliche Rundkirchen in Ungarn eine Sonderform der ansonsten dreiteiligen Sippenkirchen der Kleinadligen, die aus einem Langhaus mit einem Chor im Osten und einem angebauten Turm im Westen bestehen. Die Vorbilder der dörflichen Rundkirchen waren meist Palastkapellen, die wiederum letztlich auf die karolingische Pfalzkapelle im Aachener Dom zurückgehen. Die älteste ungarische Rundkirche, die möglicherweise als direktes Vorbild der späteren diente, ist die Palastkapelle von Fürst Géza (reg. 971–997) in Esztergom, die 970 bis 990 erbaut wurde.Veronika Gervers-Molnar: Origins of Romanesque Rotundas in East-Central Europe. In: Canadian-American Review of Hungarian Studies. Band 2, Nr. 2, Herbst 1975, S. 123–129, hier S. 123, 125.
Die mittelalterlichen ungarischen Rundkirchen, von denen es einst über 60 gab,Veronika Gervers, 1968, S. 37. bilden nach ihrem Grundriss zwei verschiedene Typen. Überwiegend westlich der Donau entstanden unter böhmischem und mährischem Einfluss innen und außen annähernd kreisrunde Kirchengebäude, von denen die Rundkirche von Öskü, die Sankt-Anna-Rundkirche von Kallósd (Ende 13. Jahrhundert, mit halbrunder Apsis im Osten und ringsum Wandnischen) sowie außerhalb Ungarns die Rotunde St. Katharina in Znojmo (Tschechien), die Georgs-Rotunde von Skalica (Slowakei), die Margaretakirche von Šivetice (Slowakei) und die Sankt-Nikolai-Kirche in Selo (Slowenien, 13. Jahrhundert) erhalten geblieben sind.
Die ursprüngliche Rundkirche von Karcsa repräsentiert den zweiten Typ von Zentralbauten östlich der Donau, deren als Vierpass- oder Sechspassanlage gestalteter Innenraum mutmaßlich von armenischen Vorbildern beeinflusst wurde.Anneliese Keilhauer: Ungarn. Kultur und Kunst im Land der Magyaren. DuMont Buchverlag, Köln 1990, S. 55; Veronika Gervers, 1968, S. 39. Zu diesem Typ gehören des Weiteren die Dorfkirchen von Pápoc (bei Sárvár, um 1220) und die Pfarrkirche von Kiszombor (11. Jahrhundert), die neben Karcsa als einzige Rundkirche in Ungarn mit einem Sechspassgrundriss geplant wurde und erhalten blieb. In der früheren ungarischen Gemeinde Gerény (heute ein Teil von Uschhorod, Ukraine) ist eine griechisch-katholische Rundkirche aus dem 11./12. Jahrhundert, die ursprünglich sechs halbrunde Nischen besaß, als Altarraum eines später angebauten rechteckigen Kirchenschiffs erhalten.The Greek Catholic Church – Horjani. (Route of Medieval Churches) templomut.hu/uk Sie stellt eine der wenigen weiteren Parallelen zur Kirche von Karcsa auf dem Gebiet des mittelalterlichen Ungarn dar.Veronika Gervers, 1968, S. 38.
Eine Besonderheit prägt die Rundkirche von Szalonna im Nordosten Ungarns vom Ende des 11. Jahrhunderts, die eine nach außen gebaute halbkreisförmige Apsis besitzt. Ihre Entwicklung lässt sich mit derjenigen von Karcsa vergleichen, denn die bald zu klein gewordene Kirche wurde Ende des 13. Jahrhunderts im Westen um einen wesentlich größeren rechteckigen Saal erweitert und von der Rundkirche blieb ein Dreikonchenchor erhalten.Dezső Dercsényi, Balázs Dercsényi: Kunstführer durch Ungarn. Corvina Kiadó, Budapest 1974, S. 139.
Die Rundkirche mit ihrem Sechspass-Grundplan wurde von einem offenbar mächtigen Fürsten gestiftet und könnte die Pfalzkapelle in Sárospatak zum Vorbild gehabt haben. Die Architektur verweist mutmaßlich auf armenische Vorläufer. In Armenien wurden ab dem 7. Jahrhundert Zentralbauten mit vier bis acht Konchen in der Nachfolge der Rundkirche von Zoravar errichtet. Es gibt im Kaukasus ebenso einige zeitgenössisch zu den ungarischen entstandenen Rundkirchen und ihr Einfluss ist auch vereinzelt in anderen osteuropäischen Nachbarländern erkennbar. Da architektonische Parallelen zu städtischen Kirchen in Ungarn fehlen, sind keine Spekulationen über die eventuell vorhandene symbolische Bedeutung der Sechskonchenanlage von Karcsa möglich. Weder die Stileinflüsse aus dem Westen noch aus dem Osten wurden bei den romanischen Kirchen Ungarns ungefiltert übernommen. Erzsébet Tompos (1978) weist darauf hin, dass alle Konchen bei den armenischen Zentralbauten üblicherweise gleich groß waren, während in Kiszombor und Karcsa die östlichen Konchen etwas weiter in die Außenmauer eingetieft sind, was auch auf georgische Vorbilder verweisen könnte.Erzsébet Tompos, 1978, S. 159.
mini|links|Kirchenschiff und Herrschaftsempore an der Westseite mini|Chor und ehemalige Rundkirche