mini|James Levine (2013) James Lawrence „Jimmy“ Levine [] (* 23. Juni 1943 in Cincinnati, Ohio; † 9. März 2021 in Palm Springs, Kalifornien)James Levine, Former Met Opera Maestro, Is Dead at 77. In: New York Times, 17. März 2021; abgerufen am 17. März 2021. war ein US-amerikanischer Dirigent und Pianist, der von 1970 bis 2016 an der Metropolitan Opera als Dirigent wirkte. Mit einer zweijährigen Unterbrechung (2013–2015) war er dort auch langjähriger künstlerischer Leiter. Er galt als einer der führenden Dirigenten der USA.
Künstlerischer Werdegang James Levine wurde 1943 als ältestes von drei Kindern des wohlhabenden TextilhändlersJulian Caskel: Levine, James. In: Julian Caskel, Hartmut Hein (Hrsg.): Handbuch Dirigenten. 250 Porträts. Bärenreiter, Kassel 2015, ISBN 978-3-7618-2174-9, S. 256–258, hier: S. 256. Lawrence Miller Levine und der kurzzeitig als Schauspielerin am Broadway tätig gewesenen Helen Adele Levine, geb. Goldstein (Künstlername „Helen Golden“), in Cincinnati, Ohio geboren. Sein Vater, bekannt als „Larry Lee“, trat in den 1930er Jahren als Bandleader und Schlagersänger im Hotel Beverly Wilshire auf. Einer seiner Großväter, Morris Goldstein, war als Kantor und Komponist jüdischer liturgischer Musik, zuletzt im Rockdale Temple in Cincinnati, tätig.Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 7. Die Familie Levine besuchte die reformierte Synagoge, ohne das Jiddische und Hebräische zu erlernen. James Levine feierte keine Bar Mitzwa und blieb zunehmend der jüdischen Sonntagsschule fern.Robert C. Marsh: James Levine. München 1999, S. 30.
Er erhielt im Alter von vier Jahren seinen ersten Klavierunterricht bei Gertrude Englander und galt schon bald als „klavierspielendes Wunderkind“: Mit zehn trat er im Rahmen eines Jugendkonzertes öffentlich als Solopianist in Erscheinung. Unter der Leitung von Thor Johnson spielte er gemeinsam mit dem Cincinnati Symphony Orchestra Mendelssohns 2. Klavierkonzert (d-Moll).Ingo Harden: James Levine. In: Ingo Harden, Gregor Willmes: Pianistenprofile: 600 Interpreten: ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Kassel 2008, S. 435 f. Später trat er auch unter dem Dirigenten Max Rudolf auf und musizierte bei mehreren Veranstaltungen in Cincinnati.Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 8.
Ab dem zehnten Lebensjahr wurde er von Walter Levin,Roderick L. Sharpe, Jeanne Koekkoek Stierman: Maestros in America: Conductors in the 21st Century. Lanham 2008, S. 133–137, hier: S. 133. dem Primarius des LaSalle String Quartets, in Musiktheorie, Harmonielehre, Kontrapunkt, Partiturstudium und Kammermusik ausgebildet.Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 12. Jenő TakácsJenő Takács: Erinnerungen, Erlebnisse, Begegnungen. Eisenstadt 1990, S. 58 f. unterwies ihn in Klavier. Levine besuchte ab 1956 Sommerkurse beim Marlboro Music Festival in Marlboro, Vermont, wo er Klavierunterricht vom künstlerischen Leiter des Festivals Rudolf Serkin erhielt. Außerdem wurde er von Claude Frank in Kammermusik und Martial Singher im Kunstlied weitergebildet. Ab 1957 besuchte er das Aspen Music Festival and School in Colorado, wo er später selbst unterrichten sollte. Dort erhielt er Unterricht bei Rosina Lhévinne (Klavier), Jennie Tourel,Jane Prendergast: James Levine. In: Lee Stacey, Lol Henderson (Hrsg.): Encyclopedia of Music in the 20th Century. London 1999, S. 370. Mack Harrel, Adele Addison und Hans Hotter (Gesang) und Wolfgang Vacano (Dirigieren).Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 14. 1960 gewann er in Aspen einen Instrumentalwettbewerb. Während seiner Schulzeit an der Walnut Hills High School flog er in regelmäßigen Abständen nach New York, um dort Analyse und Komposition zu studieren. Seine Klavierlehrerin war Rosina Lhévinne. Nach seinem High School Diploma 1961Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 16. studierte er bis 1964 (ohne AbschlussRobert C. Marsh: James Levine. München 1999, S. 33.) an der Juilliard School in New York Klavier bei Lhévinne und Dirigieren bei Jean Paul Morel. Morel, der an der Met tätig war, ließ Levine in den 1960er Jahren einige Opern dirigieren.
Nachdem Levine bereits 1963 Träger der John Erskine Scholarship gewesen war, wurde er 1964 Finalist beim American Conductors Project der Ford Foundation.Roderick L. Sharpe, Jeanne Koekkoek Stierman: Maestros in America: Conductors in the 21st Century. Lanham 2008, S. 133–137, hier: S. 133 f. Die Förderung beinhaltete einen mehrwöchigen Unterricht am Peabody ConservatoryGudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 18. in Baltimore u. a. bei Alfred Wallenstein, Max Rudolf und Fausto Cleva. Er trat in diesem Rahmen auch mit dem Baltimore Symphony Orchestra in Erscheinung. Levine wurde durch den Juror George Szell entdeckt, der ihn zum Cleveland Orchestra holte. Unterstützung erhielt Levine von der Kulas Foundation.Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 146. 1967 wurde Levine offiziell AssistenzdirigentGudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 23. und debütierte mit Strauss’ Don Juan.Robert C. Marsh: James Levine. München 1999, S. 35. In Cleveland begann auch sein Einsatz für die Neue Musik, so spielte er 1967 unter Anwesenheit von Pierre Boulez dessen Sonate Nr. 1.Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 22. Zwei Jahre zuvor, 1965, war er Gründungsdirigent des University Circle OrchestraRoderick L. Sharpe, Jeanne Koekkoek Stierman: Maestros in America: Conductors in the 21st Century. Lanham 2008, S. 133–137, hier: S. 134. am Cleveland Institute of Music, als dessen Musikdirektor er bis 1972 fungierte. Weiterhin wurde er Chairman für Orchesterausbildung am Musikinstitut. An der in der Nähe von Detroit befindlichen Meadow Brook School of Music der Oakland University unterstützte er Robert Shaw, seinerzeit zweiter assistierender Dirigent und Chorleiter Szells, als Co-Dirigenten und übernahm 1968 und 1969 als Musikdirektor die Sommerakademie.Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 24.
Im Jahr 1970 debütierte er mit Verdis Aida an der Welsh National Opera in Cardiff (Wales) und mit Puccinis Tosca an der San Francisco Opera. Ein Jahr später dirigierte er das Chicago Symphony Orchestra mit Mahlers 2. Sinfonie („Auferstehungssinfonie“) beim Ravinia Festival in Highland Park, Illinois. Von 1973 bis 1993 war er Musikdirektor des Festivals. Von 1973 bis 1978 leitete er außerdem das Chorfestival Cincinnati May Festival. Bei den Big Five (New York, Boston, Chicago, Philadelphia und Cleveland) und anderen führenden Sinfonieorchestern der USA konnte er als Gastdirigent in Erscheinung treten. So stand er 1972 zum ersten Mal am Pult des New York Philharmonic Orchestra.
Nach dem Tod Szells 1970 wechselte er zur Metropolitan Opera (Met) in New York City, die seinerzeit von Rudolf Bing geleitet wurde. Dort feierte er 1971 mit der Oper Tosca (mit Grace Bumbry in der Hauptrolle) sein Debüt. 1972 ernannte ihn der General Manager der Met, Göran Gentele, zum Chefdirigenten (Principal Conductor). 1974 debütierte er mit Strauss’ Rosenkavalier am Royal Opera House in Covent Garden, London. Mit der Saison 1976/77 wurde Levine als Nachfolger des 1974 zurückgetretenen Rafael Kubelík Musikdirektor (Music Director) an der Met. Levine gründete 1980 das Lindemann Young Artists Development Program, das Nachwuchssänger fördert.Roderick L. Sharpe, Jeanne Koekkoek Stierman: Maestros in America: Conductors in the 21st Century. Lanham 2008, S. 133–137, hier: S. 135. 1982 oblag ihm die Jubiläumsinszenierung von Wagners Parsifal. Im Zuge seines regen Engagements an der Met – er setzte sich u. a. für eine Erneuerung ein und beteiligte sich an nationalen Fernsehproduktionen – wurde ihm 1986 die eigens für ihn geschaffene künstlerische Leitung (Artistic Director) des Hauses übertragen. Er dirigierte in den Jahrzehnten seiner künstlerischen Tätigkeit an der Met ungefähr 2000 Vorstellungen von 75 Opern, darunter viele Erstaufführungen des Orchesters. Auch leitete er dort Uraufführungen von John Corigliano, Philip Glass und John Harbison. Nach 50-jähriger Pause holte er 1989 Wagners Ring des Nibelungen zurück an die Met. Ein Unfall 2006 führte zu zunehmenden gesundheitlichen Problemen; ab 2011 wurde er interimistisch von Fabio Luisi vertreten. Nachdem er sich 2012 kurzzeitlich zurückgezogen hatte, trat er von 2013 bis zu seinem endgültigen Rückzug 2016 erneut auf das Podium der Met. Levines Nachfolger wurde 2018 Yannick Nézet-Séguin.
Im Konzertsaal dirigierte Levine die bedeutendsten Orchester der Welt. 1973 stand er erstmals am Pult des London Symphony Orchestra.Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 64. Über Kontakt mit dem Opernregisseur Jean-Pierre Ponnelle und den Wiener Philharmonikern kam er 1975 zu den Salzburger Festspielen, wo er bis 1993 regelmäßig als Konzert- und Operndirigent gastierte. Mehrfach wurde er zu den Bayreuther Festspielen (1982–1998) eingeladen, er war dort an Inszenierungen von Götz Friedrich, Wolfgang Wagner und Alfred Kirchner beteiligt. Nach dem Rücktritt von Herbert von Karajan sprang er im Mai 1989 kurzfristig bei einem Gastkonzert der Berliner Philharmoniker im Schauspielhaus Berlin (Ost) ein. Dieses Orchester hatte er erstmals bei einem Abonnementskonzert im Jahr 1978 geleitet.Gudrun Haas-Regnemer: James Levine. Frankfurt am Main 1988, S. 72. 1996 war er mit den drei Tenören (José Carreras, Plácido Domingo und Luciano Pavarotti) auf Welttournee.
1999 wurde Levine zusätzlich zu seiner Tätigkeit in New York als Nachfolger von Sergiu Celibidache Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Auslandstourneen führten ihn und das Orchester durch Europa und in die USA. 2002 debütierten sie bei den Londoner Proms. Die Münchner Philharmoniker wurden durch den Deutschen Musikverleger-Verband für das „Beste Konzertprogramm der Saison 2002/2003“ ausgezeichnet. mphil.de; abgerufen am 25. März 2018. In München brachte Levine auch Pendereckis 6. Sinfonie zur Uraufführung (2003). Im Sommer 2004 wechselte er als Music Director zum Boston Symphony Orchestra. Er brachte Werke von u. a. Charles Wuorinen und Gunther Schuller zur Uraufführung. Am Tanglewood Music Center, der Sommerakademie des Boston Symphony Orchestra, arbeitete er mit Studentenorchestern. Seine Verpflichtung in Boston gab er zunächst 2011 aus gesundheitlichen Gründen auf. Ab 2013 dirigierte er – im Rollstuhl sitzend – wieder an der Met. Er war Music Director und Conductor Laureate des 2000 gegründeten UBS Verbier Festival Orchestra.UBS Verbier Festival Orchestra. In: Tagesspiegel. 3. September 2008. Nach dem Ende seiner Dirigentenkarriere 2016 trat er als Liedbegleiter hervor.
Ab 1972 hat er mehr als 200 Tonträgeraufnahmen (u. a. bei EMI, RCA, Deutsche Grammophon) produziert. Levine konzentrierte sich auf Mozart bis Mahler, die Perioden von Wiener Klassik bis zur Spätromantik. Er legte Gesamtaufnahmen der Sinfonien von Mozart, Schumann und Brahms vor und spielte Wagners Ring des Nibelungen ein. 1999 war er am Soundtrack zum Disney-Zeichentrickfilm Fantasia 2000 beteiligt.Douglas McLennan: James Levine. In: Baker’s Biographical Dictionary of Popular Musicians Since 1990. Detroit 2004, S. 380. Bei seinen Aufnahmen arbeitete er u. a. mit Christa Ludwig und Kathleen Battle sowie Jennie Tourel, Lynn Harrell, Kiri Te Kanawa und Cecilia Bartoli zusammen. Der profilierte Pianist spielte auch kammermusikalische Werke auf CD ein.
Vorwurf des sexuellen Missbrauchs