Christine von Diez (* 22. August 1571 in Siegen; † 1637 in Benfeld) war die jüngste Tochter der Anna von Sachsen (1544–1577). Als ihr Vater gilt der flämische Rechtsgelehrte Jan Rubens. Somit ist Christine von Diez die Halbschwester des berühmten Malers Peter Paul Rubens.
Die Frage der Vaterschaft wurde in zwei Veröffentlichungen der deutsch-australischen Autorin Maike Vogt-LüerssenMaike Vogt-Lüerssen: Anna von Sachsen. Book on Demand, 2008. und des sächsischen Heimatforschers Hans-Joachim BöttcherHans-Joachim Böttcher: Anna Prinzessin von Sachsen 1544-1577. Eine Lebenstragödie. Dresdner Buchverlag, 2013. ISBN 978-3-941757-39-4. kritisch hinterfragt. Unter Historikern und Archivaren ist es jedoch unstrittig, dass Jan Rubens, der zur Zeit der Empfängnis eine Affäre mit Anna von Sachsen hatte, als Vater angesehen werden muss und nicht Annas damaliger Mann Wilhelm von Oranien. Zuletzt wurde dies in der umfangreichen Biographie Anna of Saxony. The Scarlet Lady of Orange, die die US-Historikerin Ingrun Mann 2016 vorlegte, bestätigt.Siehe auch Anna von Sachsen (1544–1577)#Debatte über Ehebruch – Fakt oder „nassauische Verschwörung“? Leben
Kindheit
mini|Die nassauische Residenz Schloss Siegen, später Oberes Schloss genannt Christine kam am 22. August 1571 auf Schloss Siegen zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Mutter bereits des Ehebruchs mit ihrem engen Berater und Freund Jan Rubens angeklagt und unter Hausarrest gestellt worden.
mini|Schloss Beilstein im Westerwald Aufgrund eines sich rapide verschlechternden sozialen Klimas auf dem Schloss, wo Anna unter anderem durch heftiges Fluchen gegen die Familie ihres Mannes Wilhelm von Oranien, übermäßiges Trinken und Gewalttätigkeiten gegen ihr Personal auffiel, wurde sie am 1. Oktober 1572 durch eine gemeinsame Entscheidung von Sachsen, Hessen und Nassau auf Schloss Beilstein, eine nassauische Nebenresidenz, gebracht, wo ihr Hausarrest fortdauerte. Christine lebte dort mit ihrer Mutter, bis sie vier Jahre alt war. Für das Mädchen war hier eine eigene Magd zuständig.
Anna von Sachsen erwähnte in ihren vielen Briefen, die sie von Siegen und Beilstein aus schrieb, ihre Tochter Christine nur ein einziges Mal. Auch ihre anderen Kinder, die sie nicht mehr bei sich hatte, kamen in ihrem lebenslang geführten Schriftverkehr nur sehr selten vor. Anna machte in Beilstein immer mehr den Eindruck eines körperlich und psychisch schwer kranken Menschen.
Als Wilhelm von Oranien sich 1575 von Anna wegen ihres Ehebruchs scheiden ließ, wurde diese auf Anordnung ihres Onkels, Kurfürst August von Sachsen, in ihre Heimat zurückgeholt, wo sie 1577 unter jämmerlichen Umständen, quasi lebendig eingemauert, starb. Angebote ihres Schwagers, des Grafen Johann VI. von Nassau-Dillenburg, wieder zu ihm in seine Residenz zu kommen, hatte sie wiederholt abgelehnt.Literatur für diesen Abschnitt: Mann, S. 189–246, 300; Kruse, Ehetragödie, S. 84–132; Kruse, Christine, S. 135–136; Wolf, S. 104.
mini|Dillenburg um 1575 Während ihre Mutter nach Dresden gebracht wurde, kam Christine 1575 nach Dillenburg. Dort erhielt sie den Beinamen „von Diez“, denn die Grafschaft Nassau-Diez war ursprünglich als Bestandteil der Witwenversorgung ihrer Mutter vorgesehen. Auf Schloss Dillenburg wuchs sie unter der Obhut der Hofdame Magdalena Kreutzer (der „alten Kreutzin“) heran, gemeinsam mit den jüngeren Kindern von Graf Johann VI. (dem Bruder Wilhelms von Oranien) und seiner Frau Elisabeth von Leuchtenberg, Juliane, Maria, Anna Sibylla, und „war besonders befreundet mit Philipp“.Lück, S. 108 Die Erziehung von Kindern bei verwandten Familien wurde in jener Zeit vom Haus Nassau und den mit ihm in engeren Beziehungen stehenden Dynastien häufig praktiziert, teils umständebedingt, teils auch um strategische Verbindungen zu stärken.Broomhall / van Gent, S. 67 In diese Praktik wurden auch illegitime Nachfahren einbezogen. Christine wurde von Johann VI. und seiner Frau mit Unterstützung der Großmutter Juliane von Stolberg „um Christi Barmherzigkeit willen“Barton, S. 100 wie ein eigenes Kind behandelt – nicht gerade selbstverständlich für einen Bastard.
Die glücklichen Kindheitsjahre waren vorbei, als Christine 10 Jahre alt war. 1579 starb Elisabeth von Leuchtenberg, kurz darauf die Kreutzerin und 1580 die betagte Juliane von Stolberg. Daraufhin ließ Johann das „Frauenzimmer“ im Schloss auflösen. Die anderen Kinder wurden an befreundeten Grafenhöfen untergebracht, für Christine kam jedoch nur das Stift Keppel in Frage.Literatur für diesen Abschnitt: Mann, S. 300; Kruse, Christine, S. 135–136; Wolf, S. 104–105; Lück, S. 108–109; Barton, S. 100.
Keppel
mini|Stift Keppel Stift Keppel bei Hilchenbach, etwa 20 km nördlich von Siegen, war ursprünglich ein Kloster der Prämonstratenser gewesen, welches Wilhelm der Reiche während der Reformation aufgelöst und in ein evangelisches Stift umgewandelt hatte.Isenberg, Beziehungen. Neben „20 aufzunehmenden Jungfrauen“Kruse, Christine, S. 136, die sich ganz für ein religiöses Leben entschieden hatten, wurde eine Schule für minderjährige Mädchen eingerichtet. Hier sollten sie entsprechend der protestantischen Arbeitsethik auf ein tatkräftiges, bürgerliches Leben vorbereitet werden,
Es kann keine Rede davon sein, Christine sei nach Keppel abgeschoben worden. Die Nassauer Grafen Wilhelm der Reiche und Johann VI. sowie etwa die Grafen von Sayn-Wittgenstein, Solms und Wied vertrauten Töchter dem Stift an, das als „erste Adresse“ zur Aufnahme von „Edelfräulein“ galt.Isenberg, Collegium.Isenberg, Beziehungen, hier S. 27–28. Auf dem Unterrichtsplan standen dementsprechend neben der religiösen Erziehung sowie Lesen, Schreiben und Rechnen alle handwerklichen Fähigkeiten, einen Haushalt zu führen, angefangen bei Spinnen, Nähen und Stricken über Destillieren und Kochen bis hin zu Gartenarbeit und Versorgung des Viehs.Kruse, Christine, S. 136 Diese Fertigkeiten, die ihrer Mutter Anna so verpönt gewesen waren, sollten Christine in ihrem späteren Leben noch enorm zugutekommen.
Der Aufenthalt in Keppel dauerte aber viel länger als zunächst geplant und schon in den Jahren 1586/87 mahnte die Vorsteherin erstmals, ihr Zögling aus Dillenburg habe bald das Ende seiner Studien erreicht.Mann, S. 302 Beschrieben wird die junge Frau als „feine Person“ mit „Gottesfurcht, Wohlverhalten, sonderbar gutem Verstand und Unschuld“.Wolf, S. 106
mini|Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg Während Christine in Keppel verblieb, entfachte Johann VI., der sich nach wie vor für sie verantwortlich fühlte, eine nie nachlassende Betriebsamkeit, um die anderen betroffenen Parteien, nämlich Hessen, Sachsen und die Oranier in den Niederlanden, dazu zu bewegen, für den Unterhalt des Kindes etwas beizutragen und auch für eine stattliche Aussteuer zu sorgen, so dass eine Heirat in den Adel möglich wurde. Er verwies darauf, dass „dies arm unschuldig weißlin von jedermann allerdings verlassen ist“.Kruse, Christine, S. 137–138 Er selbst war aufgrund des Freiheitskrieges der Niederlande gegen Spanien, den er bis zum Rande des Staatsbankrotts unterstützte,die Gesamtsumme, die Nassau-Dillenburg für die Niederlande aufbrachte, wird auf für die kleine, schon vorher hochverschuldete Grafschaft auf unfassbare 1,5 Millionen Gulden geschätzt mit seinen finanziellen Möglichkeiten am Ende. In der Korrespondenz wurde die Angelegenheit nach wie vor als so delikat empfunden, dass Christines Name chiffriert wurde. Meist war die Rede von „dem Kind“ oder „Christinus“.
Auch Christine selbst schrieb unentwegt Briefe an ihre Verwandten, fand jedoch ebenso wenig Resonanz. Hessen und Sachsen fühlten sich nicht zuständig und den Prinzen von Oranien, der gerade um sein Leben und die Existenz der Niederlande kämpfte, wagte niemand auf das uneheliche Kind seiner zweiten Frau anzusprechen.
Mehrere Heiratspläne, die man von der Dillenburger Residenz aus lancierte, versandeten aus den unterschiedlichsten Gründen wieder, obwohl man vom zukünftigen Ehemann keinen großen Besitz erwartete. Aber ein „feiner, frommer, junger Geselle“ sollte es schon sein.
Ähnlich wie ihrer Mutter Anna von Sachsen wurde Christine in dieser Phase klar, dass Johann VI., regierender Graf von Nassau-Dillenburg und einziger noch lebender Bruder von Wilhelm von Oranien, der einzige war, auf den sie bauen konnte. Umso mehr hatte sie Angst, dass sie völlig alleine wäre, wenn Johann sterben würde. An Wilhelm von Oranien konnte sie nicht mehr appellieren, denn dieser war 1584 ermordet worden. Je älter Christine wurde, desto kritischer empfand sie ihre Lage. Sie selbst wusste seit dem Jahre 1590 über ihre wahren Eltern Bescheid, „worauf sie sich zum höchsten bekümmert und beklagt“ habe.Wolf, S. 106 Mehr noch, auch im Stift drang ihre Herkunft durch, woraufhin sie sich beobachtet und geschnitten fühlte.
Im Jahre 1595, als sie 24 Jahre alt, der schulischen Ausbildung längst entwachsen war und insofern auch wegen ihrer äußeren Erscheinung sofort auffiel, berichtete Johann über sie:
Hinzu kamen materielle Nöte. Einmal schrieb Christine an den Grafen, sie habe nicht mal mehr Geld für einen neuen Unterrock. Der alte sei nach zwei Jahren ständigen Flickens nicht mehr zu gebrauchen.
mini|Prinz Moritz von Oranien Die Dinge änderten sich, als Christine das tat, was sie eigentlich nicht sollte: sie schrieb im Mai 1595 direkt an Moritz von Oranien. Moritz war der erstgeborene Sohn von Christines Mutter Anna und Wilhelm von Oranien. Er hatte die Rolle seines Vaters im Unabhängigkeitskampf gegen Spanien eingenommen und sollte sich im Gegensatz zu diesem auch als bedeutender und erfolgreicher militärischer Führer erweisen.
Moritz entschied, Christine eine jährliche Rente von 594 Gulden auszuzahlen sowie im Falle ihrer Heirat eine Aussteuer von 16.000 Gulden zu zahlen. Als Garantie dafür verpfändete er die Einnahmen einer kleinen Herrschaft bei Den Haag. Als Gegenleistung musste Christine auf alle weiteren Ansprüche verzichten und sich bereit erklären, nicht mehr mit weiteren Eingaben an das Haus Oranien-Nassau heranzutreten. 16.000 Gulden waren eine durchaus beachtliche Summe. Der Historiker Hellmuth Gensicke bezeichnete sie als „recht reiche Abfindung“,Gensicke, S. 225Literatur zu diesem Abschnitt: Mann, S. 300–306; Kruse, Christine, S. 135–138; Wolf, S. 104–107; Lück, S. 108–109; De Dijn, S. 94–97; Barton, S. 99–102. die Christine eine Eheschließung erlaubte.
Ehemann Johann Wilhelm von Welschenengsten genannt Bernkott
Christine heiratete am 3. Dezember 1597 Johann Wilhelm von Welschenengsten genannt Bernkott (* um 1570; † 1636), der einer im Grenzgebiet zwischen Wildenburg, Nassau und Sayn lebenden Familie entstammte. Die Hochzeit fand auf Schloss Dillenburg statt, wo das Ehepaar zunächst auch lebte. Hier wurden wahrscheinlich auch ihre drei Kinder geboren.
Die als Junker dem niederen Adel angehörige Familie von Welschenengsten nannte sich nach ihrer ursprünglichen Herkunft aus dem Ort Welschen Ennest bei Olpe in Westfalen. Zunächst dienten sie den Wildenburger Grafen, hatten aber seit Mitte des 14. Jahrhunderts den Hauptwohnsitz nach Hachenburg in der Grafschaft Sayn verlegt. Der älteste Bruder Heinrich Balthasar, saynischer Hofrat, erbte den Großteil des Familienbesitzes bei Hachenburg, Johann Wilhelm das wertvolle „Haus Andernach“ am Rhein sowie einige Höfe in den Grafschaften Sayn und Wied. Der jüngste Bruder Hermann blieb ledig und lebte bis zu seinem frühen Tod im Haushalt von Johann Wilhelm.