mini|Wappen am Schulgebäude in Kirchmöser mini|Verwaltungsgebäude der ehemaligen Pulverfabrik Kirchmöser ist ein Stadt- und Ortsteil im Westen der Stadt Brandenburg an der Havel. Sein Industriegebiet spiegelt die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre wider.

Geographie Der Kern des Ortsteils liegt auf einer Halbinsel in den Havelseen im Westen der Stadt Brandenburg und ist gegliedert in die Bereiche Kirchmöser West, Kirchmöser Ost und den historischen Ortskern Kirchmöser Dorf. Außerdem gehören die Siedlungen Bergenhof und Gränert zum Ortsteil. Ein Kranz von Seen umgibt den Ort: der Wusterwitzer See, der Wendsee, der Plauer See und der Möserscher See. Auf der Halbinsel selbst nimmt der Heilige See eine beachtliche Fläche ein. Die eiszeitlich gebildete Hochfläche der Karower Platte reicht an Kirchmöser Dorf heran. Zu dieser gehört der Kirchmöseraner Mühlenberg.

Der Ortsteil Kirchmöser hatte 2022 rund 3.600 Einwohner. Ein großer Teil des Ortes besteht aus Industrie- und Gewerbefläche. Im Zuge des Niedergangs nach 1990 verlor dieser Standort massiv an wirtschaftlicher Substanz. Er wird derzeit schrittweise wieder aktiviert.

Einwohnerzahlen

Jahr Einwohner 1842 232 1900 286 1916 600 1933 4.593 1939 5.314 1946 6.826 1952 5.402 2006 4.300 2008 4.156 2014 3.930 2020 3.794

Geschichte mini|Erlass von 1916 Anfangs war Möser ein kleines und abgelegenes Bauerndorf im Jerichower Land. Am 11. April 1916 wurde es nach vorheriger Genehmigung im königlichen Erlass vom 22. März in Kirchmöser umbenannt. Dann entwickelte es sich – der Krieg war Motor der Entwicklung – schnell zu einem Industrierevier mit wechselvoller Geschichte.

mini|Titel und Inhalts- und Autoren-Verzeichnis der Ortschronik von 1926 mini|Dorfkirche

Etymologie Der Name Möser ist slawischer Herkunft und bedeutet Moor. 1358 wird der Ort als Moser erwähnt.Reinhard E. Fischer: Die Ortsnamen der Länder Brandenburg und Berlin. Alter – Herkunft – Bedeutung. be.bra Wissenschaft, Berlin 2005, ISBN 3-937233-30-X, S. 118. Möglicherweise ist er verwandt mit Masuren.Jürgen Udolph: Orts-, Gewässer- und Flurnamen des Wendlandes und der Altmark in: Friedhelm Debus (Hrsg.): Deutsch-slawischer Sprachkontakt im Lichte der Ortsnamen, mit besonderer Berücksichtigung des Wendlandes Neumünster 1993, S. 147 Digitalisat Friedrich Hasse, 1926 als erster evangelischer Pfarrer in Kirchmöser eingesetzt, nennt in seiner Chronik die Namen Moser, Kirchmosern und Möser, die er bei seinen Recherchen in historischen Quellen entdeckte. Den heute amtlichen Ortsnamen Kirchmöser erhielt der Ort erst nach Fertigstellung des Bahnhofs im März 1916. Damit sollten Verwechslungen zum Ort Möser in Sachsen-Anhalt vermieden werden, der ebenso wie Kirchmöser an der Bahnstrecke Berlin–Magdeburg liegt.

Das Bauerndorf Möser

Die erste bekannte Erwähnung von Möser ist in einer Urkunde von Großwusterwitz aus dem Jahr 1387 zu finden, in der die Verhandlung über "die Trennung des Großwusterwitzer Sees zwischen Großwusterwitz und Kirchmöser verhandelt wird". In der Amtszeit von Albrecht III. (IV.) von Querfurt als Erzbischof von Magdeburg wurden "der See zu Wusterwitz und Möser und das Holz, das da heißet der Grenre (Gränert) mit allen Fischereien groß und klein ... mit Grase und Acker vor anderthalbhundert Mark Brandenburger Silbers und Gewichts an die ehrhaftigen geistlichen Herren, den Probst und Kapittel und Gotlihuse zu Brandenburg verkauft." 1446 verkaufte ein Herr von Werder Möser und Gränert an das Kloster Lehnin. 1542, nach Auflösung des Klosters, wurde der Kurfürst Besitzer von Dorf und Gut Gränert. Dieser verkaufte es 1560 an den kurfürstlichen Kämmerer Matthias von Saldern. 1577 wurden die Herrn auf Schloss Plaue, die der Familie von Arnim angehörten, Besitzer des Dorfes.

Das Dorf gehörte weiter zum Besitz des Städtchens Plaue, das 1620 Eigentum der Familie von Görne war. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Dorf schwer zerstört.

1680 erhielt Adam von Görne das Dorf von seinem Vater Christoph von Görne. Östlich der Kirche von Möser baute sich Adam von Görne seinen Herrensitz.

1819 verkaufte die Familie von Görne das Dorf für 42.000 Reichstaler an 18 ansässige Bauern, die eine Gemeinde bildeten und einen Gemeindevorsteher bestellten.

Am 15. September 1832 vernichtete ein Großfeuer einen erheblichen Teil des Dorfes.

Seit dem 12. Juli 1846 fährt eine Eisenbahn durch Möser. Aber erst am 1. Mai 1905 wurde in der Nähe des Dorfes der Haltepunkt Gränert eingerichtet.

Die Pulverfabrik

Am 2. November 1914 fiel der Beschluss, zwischen dem Dorf Möser und der Stadt Plaue auf der abgelegenen Halbinsel eine Pulverfabrik zu errichten. Das Gelände wurde abgesteckt und am 9. November 1914 wurde der Grundstücksübergang, insgesamt 550 Hektar, im Katasteramt Genthin besiegelt.

mini|Der Wasserturm, 65 m hoch

Die Königlich-Preußische Pulverfabrik bei Plaue Havel entstand in einem besonderen Bautempo. 400 Fabrikbauten und 172 Wohnungen wurden in etwa einem Jahr aus dem Boden gestampft; als Bauleiter fungierte dabei Bruno Taut, um dem Kriegsdienst zu entgehen. 1916 wurde der Wasserturm, 65 Meter hoch und bis heute Wahrzeichen Kirchmösers, fertig. 4000 Arbeiter und Beamte sowie zusätzlich 2000 Kriegsgefangene arbeiteten in der Fabrik.

mini|Bahnhofsgebäude

1916 wurde auch der noch heute bestehende Bahnhof eingeweiht. Dabei erhielt das Haveldorf bei Plaue nun den Namen Kirchmöser im Unterschied zu Möser an derselben Strecke.

1918 wurde die Pulverproduktion eingestellt. Auf der Halbinsel Wusterau wurden die Sprengstoffvorräte der preußischen Pulverfabriken vernichtet.

mini|Das erste Beamtenwohnhaus in Kirchmöser-West von 1916 mini|Hochbunker der Bauart Winkel

Die Reichsbahnzeit ab 1920

Bereits ab Oktober 1919 wurden das Gelände und die Gebäude der Pulverfabrik durch die Deutschen Werke genutzt, um dort Güterwagen und Lokomotiven aufzuarbeiten. Am 23. Februar 1920 wurde die ehemalige Pulverfabrik dann offiziell der Reichseisenbahnverwaltung übertragen und firmierte nun zunächst als Reichsbahnwerk Plaue und ab Mai 1921 unter der Bezeichnung Eisenbahnwerk Brandenburg-West. Neben dem Gelände und den sich darauf befindlichen Gebäuden übernahm die Reichsbahn auch den Großteil der 500 Beschäftigten der einstigen Pulverfabrik, so dass direkt mit der Arbeit begonnen werden konnte. Gleichzeitig begann auf dem Gelände der Bau eines Werkes für die Instandhaltung von Lokomotiven, welches 1924 als europaweit modernstes seiner Art den Betrieb aufnahm. Darüber hinaus entstanden ein Instandhaltungswerk, eine Weichenwerkstatt, eine Chemische Versuchsanstalt und weitere Werkstätten auf dem weitläufigen Gelände. Außerdem brachte die Reichsbahn im ehemaligen Feuerwerkslaboratorium ihre zentrale Schulungseinrichtung unter. mini|Die kleine Dorfkirche im Ortsteil Mahlenzien im April 2010 mini|Rathaus Am 1. November 1924 wurde das neue Rathaus in der Nähe des Bahnhofs eingeweiht.

Ab 1926 hieß die Anlage Reichsbahnausbesserungswerk Brandenburg-West. 2.500 Mitarbeiter wurden hier beschäftigt. Lokomotiven und Waggons wurden hier nach modernsten Methoden, teilweise am Fließband, gewartet und instand gesetzt. Kirchmöser wurde selbstständiger Amtsbezirk.

In den 1920er Jahren ließ die Reichsbahn viele Wohnungen in einem zeit-typischen Eisenbahnstil als Wohnsiedlung Kirchmöser-West und -Ost errichten.

Kirchmöser im Dritten Reich

Der Ort wurde trotz der gewaltigen Eisenbahnanlagen zu einem Naherholungsort. 1942 kam es zu wesentlichen Änderungen. Das Lokwerk wurde komplett demontiert und auf 276 Waggons Richtung Ukraine abtransportiert. Dort wurde es allerdings nie wieder aufgebaut. Die Brandenburger Eisenwerke GmbH übernahmen die verbliebenen Anlagen. Kriegsgefangene und Fremdarbeiter wurden hier zur Produktion von Panzerteilen und Panzern eingesetzt.

Nachkriegszeit und DDR

Die Fertigungsanlagen des Panzerwerkes wurden sofort nach Kriegsende demontiert und in die UdSSR verbracht. Die sowjetische Besatzungsmacht richtete auf dem Gelände nun ein Panzerreparaturwerk ein.

Parallel dazu nahm die Reichsbahn in den Resten des ehemaligen Werkes die Arbeit wieder auf. Seit 1946 erreichte die Produktion im RAW Brandenburg-West wieder ein normales Niveau.

In der Halle des Panzerwerkes der Sowjetarmee wurde das Walzwerk Willy Becker eingerichtet, das 1954 Teil des Stahl- und Walzwerks Brandenburg wurde.

1950 wurde Kirchmöser, bisher zum Landkreis Jerichow II gehörig, dem Landkreis Westhavelland und damit dem Land Brandenburg zugeordnet. Seit 1952 ist Kirchmöser ein Ortsteil der kreisfreien Stadt Brandenburg an der Havel.

1952 begann das Weichenwerk Kirchmöser mit der Herstellung von Weichen für Bahnen in aller Welt.

1957 wurde das ehemalige Verwaltungsgebäude der Pulverfabrik zu einer Klinik umgebaut. Die Augenklinik und die Orthopädie der Städtischen Klinik Brandenburg an der Havel waren bis 2003 hier ansässig.

Zwischen 1965 und 1990 hieß das RAW Werk für Gleisbaumechanik Brandenburg-Kirchmöser. Sämtliche Gleisbaumaschinen und Krane der Reichsbahn wurden hier gewartet.

Das Klubhaus der Eisenbahner, ein 1915/16 als Offizierskasino errichteter Bau, war in der Zeit der DDR ein wichtiger Ort für kulturelle Veranstaltungen. Der Gebäudekomplex verfiel nach der deutschen Wiedervereinigung.

Neustart 1990

Recht schnell nach der Wende löste die Rote Armee das Panzerreparaturwerk auf. Die Deutsche Bahn organisierte viele Dinge neu und privatisierte in den Folgejahren das Werk für Gleisbaumechanik (wurde von Spezialtechnik Dresden übernommen) und das Weichenwerk (wurde von der Butzbacher Weichenbau Gesellschaft übernommen, die 1998 in die VOEST-Alpine Eisenbahntechnik übergingEin ‚Alter Bekannter" bei der Betriebsbesichtigung Teilnehmende aus den Projekten PerjuF Friedberg und Büdingen zu Gast bei voestalpine BWG Butzbach, auf bwhw.de, abgerufen am 21. Mai 2025). 1992 wurde das Walzwerk abgewickelt. In der Halle des Lok- bzw. Panzerwerks ist nun eine Feuerverzinkerei und eine Leitplankenproduktion angesiedelt.

Zum 1. Januar 2003 übernahm die Stadt Brandenburg an der Havel einen Großteil des Geländes, insgesamt rund 400 Hektar, mit dem Ziel der Revitalisierung des Industriestandortes. Zudem erfolgte im Jahre 2003/2004 die Übernahme von rund 10 Hektar ehemaliger NVA-Fläche durch die Stadt. Seitdem wird aufgeräumt, nicht mehr brauchbare Bauten werden abgerissen und neue Verkehrswege entstehen. Eine Mammutaufgabe ist die Beseitigung von Altlasten. Rund 285.000 Tonnen belastetes Erdreich sind zu beseitigen. Die noch in großer Anzahl vorhandenen brauchbaren Bauten werden renoviert und neuen Nutzungen zugeführt.

Die Anbindung an die Eisenbahnstrecke Magdeburg-Berlin macht den Standort besonders attraktiv für Produzenten von Eisenbahnmaterial. Einrichtungen der Deutschen Bahn, das Weichenwerk und die Gleisbaumechanik sind Kristallisationskerne für diesen Wirtschaftszweig.

mini|Seegartenbrücke Kirchmöser - Plaue

2006 wurde der erste Teil des Revitalisierungsprogramms für den traditionellen Bahnstandort abgeschlossen.

Eingemeindungen Am 30. September 1928 wurde der Gutsbezirk Gränert mit der Landgemeinde Kirchmöser vereinigt.

Kirchmöser wurde am 1. Juli 1950 aus dem Kreis Genthin im Land Sachsen-Anhalt in den Landkreis Westhavelland in das Land Brandenburg umgegliedert. Am 25. Juli 1952 wurde die Gemeinde in die Stadt Brandenburg an der Havel eingemeindet.

Religion mini|Westkirche mini|Heilig-Geist-Kirche Das Gebiet von Kirchmöser, das zum Bistum Brandenburg gehörte, wurde im 16. Jahrhundert durch die Reformation protestantisch geprägt.