mini|Hagia Sophia – im Mittelalter weltweit größte Kirche – in osmanischer Zeit Moschee und von Republikgründung bis ins Jahr 2020 Museum mini|Die bulgarisch-orthodoxe Kathedrale Sankt Stefan im heutigen Istanbul Das Christentum verbreitete sich vor fast 2000 Jahren im Gebiet der heutigen Türkei. In den letzten 900 Jahren hat sich das zuvor fast ausschließlich von Christen besiedelte Gebiet nach Jahrhunderten des Zusammenlebens beider Religionen zu einem fast ausschließlich von Muslimen bewohnten Gebiet gewandelt.
Aufgrund historischer Belastungen wie des Völkermords an den Armeniern und Assyrern (auch bekannt als Aramäer oder Chaldäer) sowie der Vertreibung der Griechen machen sie heute als religiöse Minderheit nur noch 0,2 % der Bevölkerung aus. Vor allem der Völkermord an den Armeniern hatte sich in dem kollektiven Gedächtnis der Christen derart verfestigt, dass dieser Genozid der entscheidende Auslöser für viele Christen war, aus der Türkei zu flüchten.Christoph Leonhardt: Der levantinische Krieg: Die islamistische Bedrohung und die Re-definierung politischer Allianzen im Libanon. Eine kritische Analyse zur Positionierung interviewter Rum- und Syrisch-Orthodoxer Christen. In: Martin Tamcke (Hrsg.): Das ist mehr als ein Beitrag zur Völkerverständigung. Zur Geschichte und Rezeption des Völkermordes an den Armeniern (= Göttinger Orientforschungen I.: Syriaca Band 52). Harrassowitz, Wiesbaden 2016, S. 185–232.
Insgesamt leben noch etwa 100.000 Christen in der Türkei, andere Quellen geben etwa 170.000 an. Rund 85 % leben in der Region um Istanbul, wo die Christen vor allem der armenischen Gemeinde angehören.
Geschichte Urchristentum Nach Darstellung des Neuen Testaments stammte der Apostel Paulus aus Tarsus im Gebiet der heutigen Türkei und führte dort auch einen Großteil seiner Missionstätigkeit durch. Auch in der Apostelgeschichte, den katholischen Briefen und der Offenbarung des Johannes spielen Gemeinden im Gebiet der heutigen Türkei eine zentrale Rolle. Das westliche Kleinasien war die bedeutendste Keimzelle des nichtjüdischen, durch missionierte „Heiden“ entstandenen Christentums.
Später lebten hier viele der bedeutendsten Kirchenväter. Alle sieben in Ost und West gemeinsam anerkannten Ökumenischen Konzilien fanden ebenfalls auf heute türkischem Boden statt. Dadurch wurde hier das gesamte Christentum des ersten Jahrtausends der christlichen Ära maßgeblich geprägt.
Römische und osmanische Herrschaft Das Gebiet der heutigen Türkei gehörte zur Zeit des Urchristentums zum Römischen Reich. Mit der Konstantinischen Wende wurde das bis dahin verfolgte Christentum zu einer erlaubten Religion und unter Theodosius I. am Ende des 4. Jahrhunderts gar zur Staatsreligion, der bald praktisch die gesamte Bevölkerung angehörte.
Nach der Schlacht bei Manzikert im Jahr 1071 gründeten türkische Seldschuken in einem Teil Kleinasiens Staaten, in denen der Islam Staatsreligion war. Langfristig setzte sich von diesen Staaten das Osmanische Reich durch, das nicht nur die übrigen seldschukischen Staaten eroberte, sondern auch das byzantinische oder oströmische Reich.
Ab 1461 beherrschte das Osmanische Reich alle Gebiete der heutigen Türkei. Allmählich wurden die Christen zur Minderheit im Land. Ihre Rechtsstellung wurde durch das Millet-System geregelt.
Verfolgung und Vertreibung der Christen im frühen 20. Jahrhundert Die türkischen Christen im anatolischen Teil des damaligen Osmanischen Reichs zählten Ende des 19. Jahrhunderts noch mehr als zwei Millionen und machten damit ein Viertel der Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Türkei aus. Anatolien hatte im 19. Jahrhundert hunderttausende muslimischer Flüchtlinge (Muhacir) aufgenommen – Albaner, Bosniaken und Balkantürken, die aus den Balkanländern nach deren Lossagung vom osmanischen Reich geflüchtet waren. Das führte zunächst zum demographischen Absinken des christlichen Bevölkerungsanteils im anatolischen Teil der späteren Türkei. Allein 850.000 muslimische Flüchtlinge wurden in den von armenischen Christen bewohnten Gegenden angesiedelt.Wolfgang Gust: Eigene Buchbesprechungen: Taner Akçam: A shame ful Act, The Armenian Genocide and the Question of Turkish responsibility – „Taner Akçam erinnert nicht nur an die vielen christlichen, sondern auch an die vielen muslimischen Opfer des Untergangs des Osmanischen Reichs in Europa – von der türkischen Historiographie der Gegenwart besonders hervorgekehrt, von der westlichen weitgehend verschwiegen –, um zumindest die Empörung mancher Jungtürken zu erklären. Schon nach 1840 waren viele Muslime nach Massakern aus Europa geflohen. In den Jahren 1855 bis 1866 waren es in der Folge des Krimkriegs eine Million. Hunderttausende flohen aus Serbien und Kreta und nochmals Tausende nach dem russisch-osmanischen Krieg. Und nun gab es die Massaker an Muslimen in den verbliebenen Balkangebieten. Besonders an den Kriegsakademien nistete sich der Geist der Revanche für diese Verluste ein.“ „Die Ankunft der rumelischen Flüchtlinge nach Ende 1912“, schrieb der englische Historiker Arnold Toynbee, der das Land zu jener Zeit besuchte, „schaffte eine beispiellose Gefühlsspannung in Anatolien und einen Wunsch nach Revanche.“ „Der letzte Punkt ist entscheidend für den folgenden Völkermord an den Armeniern“, schreibt Akçam, „denn es waren genau diese Leute, gerade selbst von Massakern davongekommen, die eine zentrale und direkte Rolle bei der Säuberung Anatoliens von nicht-muslimischen Elementen spielten. Die Dimension dieser Migration und ihre Ergebnisse werden klarer, wenn wir daran erinnern, daß zwischen 1878 und 1904 etwa 850000 Flüchtlinge allein in den vorherrschend von Armeniern bewohnten Gebieten angesiedelt wurden.“
Ab Mitte des 19. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Christen aus dem Gebiet der heutigen Türkei vertrieben oder getötet. Die Vertreibung und teilweise Massenermordung von Minderheitsgruppen erfolgte in einzelnen Schritten:
1843 wurden durch den kurdischen Stammesführer Bedirxan Beg bei Massakern mindestens 10.000 Armenier und Bergnestorianer in Aşita (Hoşut) im Sandschak Hakkâri ermordet. Frauen und Kinder wurden z. T. in die Sklaverei verkauft. 1894–1896 wurden bei ersten antiarmenischen Pogromen 80.000 bis 300.000 armenische Christen ermordet.Taner Akçam: A Shameful Act: The Armenian Genocide and the Question of Turkish Responsibility. Metropolitan Books, New York 2006, ISBN 0-8050-7932-7, S. 42.Samuel Totten, Paul R. Bartrop, Steven Leonard Jacobs: Dictionary of Genocide. Greenwood Press, Westport (Connecticut) 2008, ISBN 978-0-313-32967-8, S. 23.Charles King: The Black Sea: A History. Oxford University Press, New York 2004, ISBN 0-19-924161-9, S. 210.Omer Bartov, Eric D. Weitz: Shatterzone of Empires: Coexistence and Violence in the German, Habsburg, Russian, and Ottoman Borderlands. Indiana University Press, Indiana 2013, ISBN 978-0-253-00635-6, S. 184.Sara Cohan: A Brief History of the Armenian Genocide. Social Education 69(6), National Council for the Social Studies, 2005, S. 333–337. Das Massaker richtete sich hauptsächlich gegen die armenische Bevölkerung, wandelte sich im Verlauf jedoch zu allgemein antichristlichen Pogromen, bei dem nach einer zeitgenössischen Quelle etwa 25.000 Assyrer ermordet wurden.Michael Angold: Cambridge History of Christianity: Volume 5, Eastern Christi. Cambridge University Press, 2006, ISBN 978-0-521-81113-2, S. 512. 1909 wurden bei pan-islamischen, antiarmenischen Pogromen in Adana und der Provinz Kilikien 30.000 armenische Christen ermordet.Anahid Ter Minassian: L'Arménie et l'éveil des nationalités (1800–1914). In: Gérard Dédéyan (Hrsg.): Histoire du peuple arménien. Editions privat, Toulouse 2007, ISBN 978-2-7089-6874-5, S. 518. Bis 1910 forderten die anschließenden Epidemien und eine Hungersnot unter den schlecht versorgten Überlebenden der Massaker weitere 20.000 Opfer.Grégoire Tafankejian: Mémoire en images. L'Arménie et les Arméniens. Alan Sutton, Saint-Cyr-sur-Loire 2010, ISBN 978-2-8138-0125-8, S. 106. Während des Zweiten Balkankrieges 1913 wurden die orthodoxen und katholischen Bulgaren aus Ostthrakien und die Bulgaren aus den anatolischen Gebieten vertrieben. Schätzungen der Vertriebenenorganisationen und der bulgarisch-orthodoxen Kirche belaufen sich auf zwischen 60.000 und 400.000 Flüchtlinge. 1915–1917 wurden nach unterschiedlichen Schätzungen 300.000 bis 1.500.000 armenische Christen im Osmanischen Reich ermordet. Hunderttausende wurden nach Mesopotamien und Arabien deportiert,Diese Gebiete verlor die Türkei nach den Verträgen von Sèvres und Lausanne. zahlreiche starben bei den Deportationen, einige flohen in den russischen Teil Armeniens, weniger als 100.000 lebten nach 1922 im Land.David Marshall Lang: The Armenians: A People in Exile. London: George Allen & Unwin, 1981, S. 37. Ebenso war ab 1915 die Volksgruppe der Assyrer/Aramäer von einem Völkermord betroffen, ein ähnliches Schicksal traf die Pontosgriechen.Tessa Hofmann (Hrsg.): Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich 1912–1922. LIT, Münster 2004, ISBN 3-8258-7823-6.
mini|Handelsflagge der orthodoxen Christen im Osmanischen Reich 1922–1923 wurden ca. 1.250.000 griechisch-orthodoxe Christen im Zuge der griechischen Niederlage im griechisch-türkischen Krieg und gemäß dem anschließend vereinbarten Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei nach Griechenland vertrieben.S. 1. (PDF; 252 kB) – A convention signed at the same time provided for a compulsory exchange of populations: about a million and a quarter Greeks left Turkey for Greece, and about half a million Turks returned to Turkey from Greece Ausgenommen waren lediglich die griechisch-orthodoxen Gemeinden in Istanbul und auf den Inseln Bozcaada und Gökçeada. Beim Bevölkerungsaustausch wurden auch 500.000 muslimische Türken aus Griechenland in den neuen türkischen Nationalstaat vertrieben. Zehntausende Christen wurden nach der Eroberung der griechischen Gebiete oder bei den Vertreibungen ermordet.Naimark, Norman M.: Fires of Hatred. Ethnic Cleansing in Twentieth-Century Europe. Harvard 2001, ISBN 0-674-00313-6, S. 55. 1955 verließen nach dem vor allem gegen Griechen gerichteten Pogrom von Istanbul Tausende griechisch-orthodoxe Einwohner die Stadt.S. 8. (PDF; 350 kB) – Wide-scale violence against the Greek community of Istanbul, believed to have been engineered by the Turkish government of then Prime Minister Adnan Menderes, destroyed an estimated 3-4,000 shops and precipitated the exodus of thousands of ethnic Greeks from the city in 1955. Von 110.000 Griechen im Jahr 1923 – With regards to the Greek population in Turkey […] they have declined from about 110,000 at the time of the signing of the Lausanne Treaty in 1923 waren zehn Jahre nach dem Pogrom nur noch 48.000 geblieben. – Ten years after the so-called „Istanbul Pogrom“, the Greek population of Istanbul was only 48,000.
Die Nachkommen der verbliebenen Christen leben vorwiegend in Istanbul (griechisch-orthodoxe und armenische Christen), im Tur Abdin (meist syrisch-orthodoxe Christen) sowie im Südosten in der Provinz Hatay um die altkirchliche Patriarchenstadt Antiochien, dem heutigen Antakya. Diese Provinz war bis in die 1920er Jahre syrisches Gebiet. Auch in Izmir gibt es noch kleine christliche Gemeinden, die allerdings seit dem Brand von Smyrna 1922 nur noch marginale Bedeutung haben.
Lage und Entwicklung Menschenrechtsorganisationen wie die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) beurteilen die Behandlung und Situation der türkischen Christen negativ.Tessa Hofmann: Entgegen der in der Türkei nach Artikel 24 der türkischen Verfassung geltenden Religionsfreiheit gibt es zahlreiche Beeinträchtigungen, so das staatliche Verbot, Pfarrer und Religionslehrer auszubilden und Behinderungen beim Bau von christlichen Kirchen. Insgesamt nahm die Intoleranz der türkischen Regierung gegenüber religiösen Minderheiten in den letzten Jahren zu.