miniatur|hochkant|Eduard Heimann

Eduard Magnus Mortier Heimann (* 11. Juli 1889 in Berlin; † 31. Mai 1967 in Hamburg) war ein deutscher Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler.

Er zählte zu den führenden religiösen Sozialisten um den Theologen Paul Tillich. In den Anfangsjahren der Weimarer Republik konzentrierte sich Heimann auf Sozialisierungsfragen. Nachdem er sich 1922 in Köln habilitiert hatte, erhielt er 1925 einen Ruf an die Universität Hamburg. Dort befasste er sich bis 1933 mit Fragen der Sozialökonomie. Dabei interessierte ihn vor allem die Entwicklung einer Theorie der Sozialpolitik. 1933 zwangen ihn die Nationalsozialisten zur Aufgabe seiner akademischen Tätigkeiten. Im selben Jahr ging er ins Exil. Heimann verbrachte drei Jahrzehnte in den Vereinigten Staaten und lehrte dort an der New School for Social Research in New York Wirtschaftswissenschaft und Soziologie. Auch nach seiner Rückkehr nach Hamburg im Jahr 1963 widmete er sich weiterhin der Frage, wie zwischen Kapitalismus und Kommunismus ein „dritter Weg“ gefunden werden könne. Das publizistische Werk Heimanns umfasst zirka 200 Abhandlungen.Zahl nach Ulrich Heyder, Art. Heimann, Eduard. In: Internationales Soziologenlexikon, Band 1, Beiträge über bis Ende 1969 verstorbene Soziologen, hrsg. von Wilhelm Bernsdorf und Horst Knospe. 2., neubearbeitete Auflage, Enke, Stuttgart 1980, S. 172–174, hier S. 173. ISBN 3-432-82652-4.Der Artikel stützt sich stark auf den in der Literaturliste genannten Beitrag von Heinz Rieter. Wo dies nicht der Fall ist, ist das gesondert gekennzeichnet.

Familie Heimann entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Sein Vater Hugo Heimann war ein erfolgreicher und wohlhabender Verleger und Politiker der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), der über viele Jahre im Stadtparlament von Berlin, im preußischen Abgeordnetenhaus sowie im Reichstag als Abgeordneter tätig und mit den Parteiführern August Bebel und Paul Singer befreundet war. Auch andere führende Sozialdemokraten wie Karl Kautsky oder Clara Zetkin waren häufig Gäste im Hause Heimann.

Studium Eduard Heimann bestand 1908 am Französischen Gymnasium Berlin das Abitur und studierte anschließend Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Heidelberg, Wien und Berlin bei führenden klassisch bzw. marxistisch orientierten Nationalökonomen seiner Zeit. So hörte er beispielsweise bei Eugen Böhm von Bawerk und Franz Oppenheimer. Zugleich besuchte er Lehrveranstaltungen der so genannten Kathedersozialisten Gustav Schmoller und Adolph Wagner. 1912 wurde er bei Alfred Weber in Heidelberg promoviert. Als seinen eigentlichen Lehrer bezeichnete er später Franz Oppenheimer.Rainer Nicolaysen, Heimann, Eduard Magnus Mortier, S. 159.

In Heidelberg fand er Anschluss an die Freideutsche Jugend, deren Romantik sein Denken beeinflusste.

Berufliche Tätigkeiten Heimann arbeitete im Anschluss an seine Promotion mehrere Jahre in der Privatwirtschaft.Angaben zu privatwirtschaftlichen Tätigkeiten Heimanns nach Ulrich Heyder, Gesamtgesellschaftliches Denken, S. 61. Dabei war er in den Bergmann Elektrizitätswerken, im Bankhaus Jaquiers und SecuriusDie Deutsche Bank eignete sich diese Bank im Rahmen der Arisierung an, Siehe hierzu kurz , sowie in der der Reichsregierung unterstehenden Zentral-Einkaufsgesellschaft (ZEG) tätig.Zur ZEG siehe kurz Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939. C.H. Beck/dtv, München 1998, S. 88, ISBN 3-423-30765-X. Während des Ersten Weltkrieges wurde er aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Militär eingezogen. 1919 übernahm er das Amt des Generalsekretärs der ersten Sozialisierungskommission, die sich mehrheitlich für die Vergesellschaftung der Montanindustrie aussprach. Auch in der zweiten Sozialisierungskommission arbeitete er als Sekretär. Während seiner Arbeit für diese Kommissionen, die im Reichswirtschaftsministerium angesiedelt waren, lernte er Walther Rathenau näher kennen.

Seine Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Kommissionsarbeit fasste er in der Studie Mehrwert und Gemeinwirtschaft zusammen, mit deren erstem Teil er sich 1922 in Köln habilitierte. Noch 1922 erfolgte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg seine Umhabilitation. Dort lehrte er anschließend als Privatdozent Finanzwissenschaft und Sozialpolitik. Die Universität Hamburg berief ihn 1925 auf den Lehrstuhl für Theoretische und praktische Sozialökonomie. Von September 1927 an war Siegfried Landshut dort sein Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter (Assistent).

Im Rahmen seiner Tätigkeit beteiligte sich Heimann an verschiedenen zeitgenössischen Debatten in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Bereits zwischen 1923 und 1925 hatte er wie viele führende Sozialwissenschaftler an der Diskussion über die kritischen Thesen von Heinrich Herkner zur Sozialpolitik der Nachkriegszeit teilgenommen. Dass Heimann in seinem Fach ein anerkannter Experte war, zeigt auch die Tatsache, dass er zusammen mit Adolf Weber auf der Tagung des Vereins für Socialpolitik im Jahr 1930 über die theoretischen Grundlagen der Sozialpolitik referierte.Ludwig Preller: Sozialpolitik in der Weimarer Republik. Kronberg, 1978. ISBN 3-7610-7210-4, S. 208 und S. 212 f.

Die nationalsozialistische Machtergreifung beendete Heimanns Lehrtätigkeit, die Nationalsozialisten betrachteten ihn auf Grund seiner jüdischen Herkunft und seiner seit 1926 bestehenden SPD-Mitgliedschaft als Gegner. Einige seiner Schriften wurden Opfer der Bücherverbrennung. Mit seiner Frau und seinen Zwillingstöchtern emigrierte Heimann 1933 über die Niederlande in die Vereinigten Staaten. Dort lehrte er bis 1958 Wirtschaftswissenschaften und Soziologie an der University in Exile bzw. der Graduate Faculty of Political and Social Science der New School for Social Research in New York City. In den USA studierte er überdies Christliche Theologie und lehrte am Union Theological Seminary in the City of New York Christliche Soziallehre. Er bemühte sich zudem, zur Rettung von Menschen beizutragen, die in Europa durch den Nationalsozialismus bedroht waren. Auch seinen eigenen Eltern konnte er auf diese Weise den Weg in die Vereinigten Staaten ebnen. Seine Schwester beging Ende 1942 Selbstmord, als sie deportiert werden sollte.Siehe die Todesanzeige (PDF; 449 kB) in der deutsch-jüdischen Zeitung Aufbau vom März 1946.

Ab 1948 hielt Heimann häufig Gastvorlesungen in Europa, zumeist in Deutschland, aber auch in Frankreich und der Schweiz. Ein Ruf, am Wiederaufbau Deutschlands mitzuwirken, ist an Heimann allerdings nie ergangen, der sich hinsichtlich der Erfolgsaussichten des Reeducation-Programms skeptisch zeigte.Zum ausbleibenden Ruf und zur Skepsis Heimanns siehe kurz Gerhard Besier, No longer a „German Patriot“?, S. 175. 1963 kehrte er mit seiner Familie nach Hamburg zurück, wo er bis zu seinem Tod lebte. Er dozierte als Emeritus an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg, der Akademie für Gemeinwirtschaft sowie als Honorarprofessor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

Geistige Einflüsse Für Heimanns Schriften war eine Reihe von Einflüssen von Bedeutung. Dazu gehörten das Gedankengut des Marxismus und der Sozialdemokratie, die Romantik der deutschen Jugendbewegung, zeitgenössische Wirtschaftstheorien sowie genossenschaftliche Wirtschaftskonzeptionen. Schon früh hatte Heimann seine Ablehnung des orthodoxen Marxismus zum Ausdruck gebracht. Bereits 1920 erschien ein Aufsatz, der sich kritisch mit der Mehrwerttheorie von Karl Marx auseinandersetzte. Verbunden war dies mit dem Entwurf einer im Kern planwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung mit eingebauten marktwirtschaftlichen Elementen sowie einem Konzept einer dynamisierten Sozialpolitik und einer allmählichen Sozialisierung der Wirtschaft. Diese Ideen, die sein Werk prägten, blieben allerdings innerhalb der SPD eine Minderheitenmeinung.Helga Grebing Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Von der Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert, Berlin 2007. ISBN 978-3-86602-288-1, S. 92.

Die zentrale Prägung erfuhr sein Werk durch Gedanken des führenden religiösen Sozialisten Paul Tillich. Der Kontakt zu Tillich bestand seit den Anfangsjahren der Weimarer Republik. Neben Tillich und dem Sozialpädagogen Carl Mennicke gehörte Heimann zu den führenden Personen des so genannten Tillich-Kreises. In der Pfingstwoche des Jahres 1928 waren Heimann und Tillich neben 80 weiteren sozialistisch gesinnten Personen – unter ihnen Martin Buber oder Gustav Radbruch – Teilnehmer einer Tagung in Heppenheim, die das Ziel verfolgte, das „lebendige sozialistische Erkennen von den Schlacken erstarrender Tradition zu reinigen und die sozialistische Bewegung in ihrer gegenwärtigen Situation durch junge Antriebe im Willen und im Handeln zu stärken.“ Heimann sprach neben anderen über die Begründung des Sozialismus, während Tillich über Sozialismus und persönliche Lebensgestaltung referierte.Franz Osterroth, Dieter Schuster: Chronik der deutschen Sozialdemokratie. Bd. 2: Vom Beginn der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Verlag J.H. Dietz Nachf., Hannover, 1963, ISBN 3-8012-1084-7. Online hier.

Seit 1930 gab Heimann zusammen mit Fritz Klatt und Tillich die Zeitschrift Neue Blätter für den Sozialismus – Zeitschrift für geistige und politische Gestaltung heraus. In diesem Organ publizierten nicht nur religiöse Sozialisten, sondern auch eine Reihe jüngerer, dem Sozialismus nahestehender Intellektueller. Zu ihnen gehörten beispielsweise Theodor Haubach, Emil Lederer, Adolf Löwe, Hendrik de Man, Carlo Mierendorff, Adolf Reichwein, Hugo Sinzheimer, Wilhelm Sollmann, Walter Dirks, Hermann Heller, Carl Landauer, Gustav Radbruch und Otto Stammer.Zum Personenkreis der Beiratsmitglieder und Autoren dieser Zeitschrift siehe Heinz-Dietrich Ortlieb, Eduard Heimann, S. 11, Anm. 18. Die Zeitschrift, die in den Worten Tillichs „den Sozialismus neu wagen“ wollte,Zu diesem Anspruch kurz Heinz-Dietrich Ortlieb, Eduard Heimann, S. 11 f. wurde von den Nationalsozialisten im Juni 1933 verboten.Franz Osterroth/Dieter Schuster, Chronik, Bd. 2, S. 213, S. 316.

Der Kontakt zu Tillich blieb auch im Exil erhalten, da auch dieser Gelehrte in die USA emigriert war. Wie eng der Kontakt war, zeigt der Umstand, dass Heimann sich 1944 im Alter von 55 Jahren von Tillich taufen ließ. Tillich bezeichnete Heimann im kleinen Kreis zudem als seinen „Petrus“.

Sozialwissenschaftliches Werk Heimann stellte die Gemeinschaft, die sich ethisch am Christentum orientieren und auf diese Weise die verbreitete Entfremdung überwinden sollte, über den Einzelnen. Den Kapitalismus seiner Gegenwart lehnte er ab, ohne die Effizienz seiner Wirtschaftsform zu verwerfen. Er plädierte dafür, diese Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung nach und nach mit sozialistischen Gedanken zu verändern. Entscheidende Bedeutung hatte für Heimann eine umfassend angelegte und kontinuierlich ausgebaute Sozialpolitik. In dieser Hinsicht suchte er nach einem „dritten Weg“ zwischen Sozialismus und Kapitalismus, nach einer sozialistischen Marktwirtschaft. Kommunistische Gesellschafts- und Politikvorstellungen lehnte Heimann dagegen ab. Grundlegende gesellschaftliche Veränderungen seien nicht durch Revolutionen herbeizuführen, sondern auf dem Weg der Erziehung und Willensbildung. Im Unterschied zu orthodoxen marxistischen Positionen hielt Heimann darüber hinaus die Vernachlässigung der bäuerlichen und der mittelständischen Bevölkerungsgruppen für einen entscheidenden theoretischen und politischen Fehler der Arbeiterbewegung.Siehe zu diesem Urteil kurz Heinz-Dietrich Ortlieb, Eduard Heimann, S. 10 f. sowie August Rathmann, Eduard Heimann (1889–1967), S. 132.