Als Proto-Keilschrift wird dasjenige Schreibsystem definiert, mit dessen Hilfe die archaischen Texte aus der späten Uruk-Zeit (also Uruk IV und Uruk III) bis hin zur beginnenden frühdynastischen Zeit (fDyn I) geschrieben wurden, also die Schrift der sumerischen Texte um ca. 3200 v. Chr. bis ca. 2700 v. Chr. Damit gilt die Proto-Keilschrift nach heutigem Stand der Wissenschaft als ältestes Schriftsystem der Welt. Es sind bisher 5820 archaische Texte bekannt, die meist auf Ton-, aber auch auf Stein- und Gipstafeln zu finden sind.
Fundorte der Proto-Keilschrift-Texte Uruk Das südmesopotamische Uruk, am Euphrat zwischen Fara und Ur gelegen, bildet den Hauptfundort der Proto-Keilschrift-Texte. Gemäß den Zählungen des Projekts Archaische Texte aus Uruk (Berlin-Los Angeles) stammen 5410 Exemplare der Proto-Keilschrift-Texte aus Uruk. Gut 5000 davon wurden im religiösen Bezirk (Eanna-Distrikt) gefunden. Die Ausgrabungen begannen 1912, wurden aber aufgrund des Ersten Weltkrieges für lange Zeit unterbrochen und erst 1928, finanziert durch die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, wiederaufgenommen.
Die Bedeutung dieser Texte wurde den Ausgräbern sofort klar. Aufgrund paläographischer Kriterien schienen sie älter als die kürzlich von Langdon publizierten Jemdet-Nasr-Texte zu sein und waren damit die ältesten bekannten Schriftfunde in Mesopotamien. Die stratigraphische Situation und der archäologische Kontext der Funde sind teilweise problematisch.
Jemdet Nasr Um die 180 Proto-Keilschrift Texte wurden hauptsächlich von den Ausgräbern E. Mackay und S. Langdon in den Jahren 1925–1928 bei Jemdet Nasr (ca. 30–40 km N-NO von Babylon) gefunden. Die archäologische Struktur, in der die Tafeln gefunden wurden, beschreibt Langdon als den ältesten bekannten Palast aus dem Alten Orient. Viele der Tafeln tragen Siegelabdrücke und datieren in die Uruk-III-Zeit. Die genauen Fundpositionen innerhalb der Räume wurden leider nicht aufgenommen. Die Räume, in denen Tafelfunde gemacht wurden, markierte man einfach mit einem „T“. Die Tafeln sind bekannt für die Themenbreite, die sie abdecken. Sie befassen sich mit der Verwaltung von Feldern, Getreideernten, Speicherung und Redistribution. Aber auch Personenlisten sind bekannt. Auffällig ist, dass sich nur sehr wenige Dokumente mit Klein- und/oder Großvieh beschäftigen, ganz im Gegensatz zu den Tafeln, die aus Uruk bekannt sind. Ein bis zwei Schultexte wurden ebenfalls ausgegraben, die Zeugnis davon ablegen, dass in Jemdet Nasr Ausbildungsstätten zum Erlernen der Proto-Keilschrift existiert haben.
Uqair Vor den in Jemdet Nasr erstmals ausgegrabenen Proto-Keilschrift-Texten gelangten die ersten Exemplare dieser Schriftstufe durch den Antiquitätenhandel in den Besitz des Berliner Staatsmuseums. Diese 35 Tafeln gerieten jedoch schnell in Vergessenheit, bis A. Falkenstein 1931, an den über 700 archaischen Tafeln aus Uruk arbeitend, von P. Jensen auf diese aufmerksam gemacht wurde. Aufgrund der Ähnlichkeit einiger Siegelabdrücke mit den aus Jemdet Nasr bekannten Texten gelangte Falkenstein zu der Ansicht sie müssten auch aus Jemdet Nasr stammen. Aufgrund der Zeichenformen und dem Format der Tafeln wurden sie jedoch später von J. Friberg und M. W. Green dem Fundort Uqair, ca. 60 km südlich von Baghdad und 10–20 km N-NW von Jemdet Nasr aus, zugerechnet. Die Texte geben jedoch kaum Aufschluss über die vorherrschende Wirtschaftsform während der archaischen Besiedlungsphase von Uqair zu. Sie behandeln jedoch die gesamte Bandbreite der Wirtschaftsurkunden (Getreideverwaltung, Kleinvieh, frischer und getrockneter Fisch, Tierprodukte, Textilien und Metallobjekte, Sklaven usw.).
Larsa? Die Herkunft einer aus 27 Exemplaren bestehenden Gruppe besonders gut erhaltener Proto-Keilschrift-Texte ist nicht ganz geklärt. Sie wurden ausnahmslos über den Antiquitätenhandel bezogen, also illegal aus dem Land ausgeführt. Die frühesten Bearbeiter rechneten sie, aufgrund der vorkommenden Titel und Personennamen, den Texten aus Jemdet Nasr zu. Falkenstein jedoch war der Ansicht sie wurden aus Uruk, wo er zu dieser Zeit grub, entwendet. Einer der Verkäufer behauptete jedoch, sie aus Larsa zu haben. Nun kann man den Informationen von Raubgräbern nicht trauen, jedoch war Larsa ein überaus bedeutendes Zentrum jener Zeit und kam in den lexikalischen Listen an dritter Stelle, gleich nach Ur und Nippur. Des Weiteren wissen wir von Plünderungen aus diesem Gebiet während der Ausgrabungen, die so massiv gewesen sein mussten, dass der damalige Ausgräber A. Parrot glücklich war, seine Arbeit dort zu beenden. Larsa kann daher als möglicher Fundort von Proto-Keilschrift-Texten nicht ausgeschlossen werden.
Andere Als weiterer außerurukäischer Fundort gilt Tell Asmar im Diyala Gebiet. Dort wurden zwei kleinere Texte gefunden, die zeigen, dass auch im Diyala Gebiet der späten Uruk-Zeit es eine (Schreiber-)Elite gab. Darüber hinaus sind noch weitere 85 ebenfalls besonders gut erhaltene Exemplare bekannt. Diese stammen aus der früheren Erlenmeyer-Kollektion und befassen sich hauptsächlich mit Brauerei und Bierherstellung. Schwäbische Alb In Deutschland wurden in Höhlen der Schwäbischen Alb Proto Keilschriften gefunden. Vor etwa 40 000 Jahren haben unsere Vorfahren Schilder auf Werkzeugen und Skulpturen graviert. Diese Zeichenfolgen zeigen die gleiche Komplexität und Dichte.Steinzeit
Vorgänger der Proto-Keilschrift Es wurde gelegentlich argumentiert, dass die Proto-Keilschrift aufgrund ihres schon sehr standardisierten und hoch entwickelten Schriftsystems piktographische Vorgänger gehabt haben muss, die entweder noch nicht ausgegraben oder schon zerstört sind, da sie auf einem Material geschrieben worden sein könnten, das nicht so haltbar ist wie Ton. Dieses argumentum ex silencio ist zu verwerfen. Es konnte verschiedentlich gezeigt werden, dass die Vorläufer der Proto-Keilschrift in den Stempeln, Zylindersiegeln, den Token, den Tonbullen, numerischen und numero-ideographischen Tafeln und anderen administrativen Zählvorrichtungen zu finden sind.
Siegel Die Siegel tauchen kurz vor den ersten beschrifteten Tafeln auf. Sie ersetzen die einfachen Stempel, die vor diesen benutzt wurden. Roll- bzw. Zylindersiegel sind zylinderförmige Artefakte aus Stein oder anderen „harten“ Materialien die eine Perforation entlang ihrer vertikalen Achse aufweisen, durch die vermutlich eine Schnur gezogen wurde. Die eingravierten Motive auf diesen Siegeln reichen von einfachen geometrischen Mustern bis hin zu komplexen Abbildungen von Menschen und Tieren (z. B. Darstellungen von Wildschweinjagden, gefangenen Feinden usw.). Gesiegelt wurde in weicheres, formbares Material wie z. B. Ton, indem man das Siegel auf letzterem abrollte.
Der Akt des Siegelns war Ausdruck der Autorität einer Person oder Körperschaft über das Gesiegelte. Die siegelnde Person bzw. Körperschaft (z. B. Tempelwirtschaft) übernimmt damit die Verantwortung für ein Gut oder eine Transaktion, solange das Siegel intakt ist. Die Siegel musste daher die eindeutige Identifikation des Siegelnden ermöglichen, weshalb es keine zwei gleichen Siegel geben durfte.
Der sprunghafte Anstieg der Siegelfunde in der späten Uruk-Zeit deutet auf verstärkte wirtschaftliche Bewegung zu dieser Zeit hin.
Tokens Siegel speichern Informationen über die Aktanten einer Transaktion oder den Besitzer eines Gutes, sie geben jedoch keine Auskunft über das Gut und dessen Quantität selbst. Um diese Informationen zu speichern, wurden sog. Tokens benutzt. Das sind kleine Objekte aus Ton, die man in allen urukzeitlichen Ausgrabungsstätten finden kann. Ob jedoch alle als Tokens bezeichneten Objekte dieselbe Aufgabe erfüllt haben, ist umstritten.
Es gibt zwei verschiedene Arten von Tokens, unterschieden nach ihrem Aussehen, nicht nach ihrer Funktion. (1) Plain Tokens: Diese sind in Mesopotamien schon in Ausgrabungsschichten nachzuweisen, die auf 8000 Jahre v. Chr. zurückdatiert werden können. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich um Tonartefakte, die keinerlei Zeichnung bzw. Gestaltung und dergl. aufweisen. (2) Complex Tokens: Der Form nach ähnlich den Plain Tokens, jedoch durch verschiedene Ritzungen und Perforation von Ersteren leicht zu unterscheiden.
Viele Ritzungen auf den dekorierten Tokens haben eine starke Ähnlichkeit mit den ersten Proto-Keilschriftzeichen. Es wird daher von einigen Forschern (D. Schmandt-Besserat) angenommen, dass es sich bei diesen Tokens um die direkten, dreidimensionalen Vorgänger der Proto-Keilschriftzeichen handele. Diese Überzeugung war in der Forschung umstritten, nicht zuletzt, weil die zitierte Arbeit methodologisch sehr zu wünschen übrig lässt, wird aber mehr und mehr angenommen. Der archäologische Kontext, in dem diese Tokens gefunden wurden, war selten ein administrativer, ja scheint diesen von vornherein auszuschließen (s. Funde von Tokens in Kindergräbern). Nur die in Tonbullen (siehe nächsten Abschnitt) gefundenen Token können funktional eindeutig bestimmt werden.
Tonbullen In den Schichten direkt vor der Uruk-IV-Zeit finden sich die ersten Tonbullen. Bei diesen handelt es sich um Tonklumpen, meist in Form von hohlen Kugeln, in deren Inneres Plain Tokens eingeschlossen wurden. Anschließend wurde die Oberfläche gesiegelt. Diese Tonbullen wurden in administrativem Kontext, aufgebrochen und noch verschlossen gefunden. Fundort sind vor allem Uruk und die Susiana.
Dass es sich bei ihnen um eine Zählvorrichtung handelt, steht außer Frage. Offen ist jedoch noch die Natur des Zählsystems. Ob es sich dabei um das bekannte Sexagesimalsystem oder Korn-Hohlmaß-System handelt, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht gesagt werden.
Numerische Tafeln Aus den Tonbullen entwickelten sich die numerischen Tafeln. Eine Vorstufe bilden Tonbullen, auf deren Oberfläche sich Formabdrücke finden lassen, die die eingeschlossenen Token in Form und Anzahl repräsentieren und dann gesiegelt wurden. So war zusätzliche Kontrolle gewährleistet. Die Abdrücke wurden entweder mit den Tokens selbst, mit Riedstängeln oder auch den Fingern selbst gemacht. Mit der Zeit ging man dazu über – u. U. aus Gründen der Handhabbarkeit – die Tonklumpen, unter Verzicht auf die Tokens, flach zu drücken und mit einer numerischen Notation zu versehen. Danach wurden diese gesiegelt.
Nur zu dieser Zeit war es gebräuchlich, das runde Ende des Griffelschaftes zur Abtrennung diskreter Notationen zu benutzen. Rasch ging man dazu über, mit dem flachen Ende eines Griffels die Spalten und Kolumnen abzutrennen.
Numero-ideographische Tafeln Numero-ideographische Tafeln finden sich in Uruk und der Susiana. Sie haben mit den numerischen Tafeln gemeinsam, dass es sich bei ihnen um flachgedrückte Tonklumpen handelt, deren Oberfläche mit einer numerischen Notation versehen ist. Im Unterschied zu Letzteren besitzen sie jedoch ein, höchstens zwei Piktogramme bzw. Piktogrammgruppen, die den konkreten Gegenstand der Notation (z. B. Bier, Schafe, Sklaven) anzeigen.
Zu dieser Zeit schien der urukäische Einfluss auf die Nachbargebiete jedoch im Rückgang begriffen, was sich u. a. dadurch ausdrückt, dass sich im Norden keine numero-ideographischen Tafeln finden (sie wurden erst frühdynastisch III dahin importiert) und sich im Osten eine eigene, bisher nicht entzifferte Schrift, das Proto-Elamische, herausbildet.
Interessant ist in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass die Zeichen der proto-elamischen Schrift völlig verschieden sind von denen der Proto-Keilschrift und dass sich bei ihnen starke Gemeinsamkeiten mit den sog. Complex Tokens finden, die zu einem guten Teil auch aus der Susiana stammen. Einige Zeichen des Proto-Elamischen weisen jedoch eine starke Ähnlichkeit mit ihren Äquivalenten in der (späteren) Proto-Keilschrift auf und es erscheint der Verdacht begründet zu sein, dass diese aus dem Proto-Elamischen übernommen wurden. Das Proto-Elamische bietet daher den besten Hinweis auf einen begrenzten Transfer von auf Complex Tokens basierenden Zeichen in die Keilschrift.