mini|Abdülmecid I. thumb|Tughra von Abdülmecid I Abdülmecid (geb. 25. April 1823 in Istanbul; gest. 25. Juni 1861 ebenda; auch ʿAbd al-Madschīd, Abdulmedjid) war vom 1. Juli 1839 bis zu seinem Tod Sultan des Osmanischen Reiches. Er war Sohn Mahmuds II., erhielt eine islamische und westliche Erziehung und folgte seinem Vater mit 16 Jahren auf den Thron. Nach der Thronbesteigung nahm er auch den Kalifentitel für sich in Anspruch. Während seiner Herrschaft fand ein Großteil der als Tanzimat bezeichneten Reformen statt, die den administrativen, rechtlichen, wirtschaftlichen und Bildungsbereich des Osmanischen Reichs neu ordneten. Hierbei stand er unter dem Einfluss des reformfreudigen Staatsmanns Mustafa Reşid Pascha, der ihm zunächst als Außenminister und später als Großwesir diente. Zu den größten außenpolitischen Herausforderungen während seiner Herrschaft gehörten die Orientkrise und der Krimkrieg. Abdülmecid war der erste osmanische Sultan, der eine westliche Sprache (Französisch) sprach. Er verließ den Topkapı-Palast und zog in den Dolmabahçe-Palast ein, den er zwischen 1843 und 1856 am Bosporusufer in europäischem Stil errichten ließ. Abdülmecid war auch ein begabter Kalligraf.
Eltern Abdülmecid war der älteste Sohn von Sultan Mahmud II. und dessen zweiter Frau Bezm-i Âlem (gest. 1853).Deny: ʿAbd al-Madjīd I. 1960, S. 74b. Sie war ursprünglich eine georgische Sklavin und Anhängerin des mekkanischen Naqschbandī-Scheichs Muhammad Dschān. Abdülmecid war ihr einziger Sohn.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 82.
Erziehung Abdülmecid wurde 1825 nach dem Tod seines einzigen überlebenden älteren Bruders zum Kronprinzen (veliahd şehzade) ernannt.Georgeon: “Abdülmecid Ier”. 2015, S. 34a. Sein Vater unterzog ihn einer strengen Erziehung und ließ ihn die islamischen Fächer lernen, die für einen zukünftigen Sultan notwendig sind.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 101. Wie alle Jungen seines Alters wurde er zunächst dazu angehalten, den gesamten Koran auswendigzulernen. Als er diese Leistung vollbracht hatte, fand ein Fest statt, und es wurden zahlreiche Geschenke verteilt, um das Ereignis zu würdigen.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 55.
Drei bedeutende ʿUlamā' Istanbuls waren seine Privatlehrer: 1. Akşehirli Ömer Efendi, ein zu seiner Zeit hoch angesehener Gelehrter, den der Historiker Lutfī als Ustāẕ ul-küll („Lehrer aller“) bezeichnete, 2. Mehmed Zeyn-ül Abidin Efendi, der erste Imam seines Vaters in dessen späteren Jahren, und 3. der Naqschbandī-Scheich Mehmed Emin Şehri Hafiz Efendi, der Abdülmecid auch nach dessen Thronbesteigung noch viele Jahre relativ nahestand.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 80, 101. Butrus Abu-Manneh meint, dass Abdülmecid durch seinen Tutor Şehri Hafiz einerseits und seine Mutter andererseits schon in jungen Jahren mit dem Glauben der Naqschbandīya-Mudschaddidīya in Berührung kam und die Ideale des orthodoxen Islams das Fundament seiner Überzeugungen und seiner soziopolitischen Weltanschauung bildeten, die sich nach seinem Aufstieg und noch einige Jahre später in seinem Handeln widerspiegelten.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 83. Auch Abdülmecids Lehrer in der Koranrezitation Eyubi Abdullah Efendi (gest. 1836) gehörte der Naqschbandīya-Mudschaddidīya an.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 107.
Neben der traditionellen Ausbildung, die auch Arabische Kalligrafie umfasste, erhielt Abdülmecid aber auch, ähnlich wie ein europäischer Prinz, westliche Bildung. Er lernte Französisch so gut, dass er es fließend sprechen und verstehen konnte, verfolgte aufmerksam europäische Publikationen und diskutierte mit Ausländern, mit denen er in Kontakt kam, über verschiedenste Themen.Küçük: “Abdülmecid”. 1988, S. 259a. Auch besuchte er Kurse in westlicher klassischer Musik.
Herrschaft
Abdülmecid trat am 1. Juli 1839 die Nachfolge seines Vaters an, wobei er auch den Kalifentitel für sich in Anspruch nahm.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 86. Drei Tage nach der Thronbesteigung richtete er ein imperiales Edikt (ḫaṭṭ-i Humayūn) an seinen Großwesir Hüsrev Mehmed Pascha, in dem er verkündete, dass „der imperiale Thron des Kalifats durch Erbschaft und berechtigten Anspruch“ auf ihn übergegangen sei.Ahmet Lutfî: Tarih-i Lutfi. Mahmud Bey Matbaası, Istanbul 1302h (= 1884 n. Chr.). Bd. VI, S. 39. Digitalisat
Überwindung der Orientkrise und Londoner Vertrag von 1840 Das Osmanische Reich befand sich zur Zeit von Abdülmecids Thronbesteigung auf dem Höhepunkt der sogenannten Orientkrise. Der Generalgouverneur von Ägypten Muhammad Ali Pascha hatte sich während der Herrschaft seines Vaters Mahmud II. aufgrund von dessen Zentralisierungspolitik und despotischer Herrschaft gegen seinen Oberherrn gewandt und Syrien besetzt.Butrus Abu-Manneh: “Abdülmecid I” in Encyclopaedia of Islam Three Online Brill, Leiden 2017. doi:10.1163/1573-3912 ei3 COM 23817 Eine Woche zuvor, am 24. Juni 1839, hatte die osmanische Armee bei Nizip durch die Muhammad Alis Armee unter dem Kommando von dessen Sohn Ibrahim Pascha eine vernichtende Niederlage erlitten.
Noch bevor der Sultan von der Niederlage bei Nizip erfuhr, versuchte er, die Angelegenheit durch eine Begnadigung Muhammad Ali Paschas beizulegen. Dafür entsandte er Köse Akif Efendi als Gesandten zu Muhammad Ali, der die Vergebung und Begnadigung des Sultans sowie die Zusage überbrachte, ihm Ägypten auf erblicher Basis zu gewähren. Allerdings hatte der osmanische Admiral Ahmed Fevzi Pascha, der den Aufstieg seines Rivalen Hüsrev Pascha zum Großwesir fürchtete, bereits am 3. Juli die osmanische Flotte nach Ägypten geführt und sie Muhammad Ali Pascha übergeben. Deshalb hielt Muhammad Ali das versöhnliche Angebot des Sultans für unzureichend. Er forderte Syrien auf erblicher Basis sowie die Entlassung seines lebenslangen Feindes Hüsrev Mehmed Pascha aus dem Amt des Großwesirs.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 94.
Unterdessen forderten England, Frankreich, Russland, Österreich und Preußen am 27. Juli 1839 in einer gemeinsamen Note, dass die Ägyptenfrage nicht ohne ihre Konsultation gelöst werden dürfe. Die Annahme dieser Note markierte den Beginn einer neuen Ära in der osmanischen Geschichte. Mit ihr geriet das Osmanische Reich gewissermaßen unter die Vormundschaft europäischer Staaten.Küçük: “Abdülmecid”. 1988, S. 259c. Indem sich Abdülmecid auf Verhandlungen mit den europäischen Mächten einließ, die dann zum Londoner Vertrag vom 15. Juli 1840 führten, konnte er aber den Bestand seines Reiches sichernHuart: “ʿAbd al-Madjīd” in Enzyklopaedie des Islam. Brill, Leiden 1913, S. 50a. Die Statthalterschaft über Ägypten wurde zwar Muhammad Ali Pascha erblich übertragen, aber die besetzten Gebiete sowie die osmanische Marine wurden zurückgegeben. Am 13. Juli 1841 unterzeichneten dieselben Mächte in London den Meerengenvertrag, der die Souveränität des Osmanischen Reiches über die Meerengen und das Verbot der Durchfahrt ausländischer Kriegsschiffe anerkannte.
Edikt von Gülhane Seit seinem Regierungsantritt Anfang Juli 1839 verfolgte Sultan Abdülmecid einen Kurs, dessen Ideale sich deutlich von denen seines Vaters unterschieden. Während Mahmud II. die Wiederherstellung der sultanischen Macht zum Ziel hatte, legte Abdülmecid Wert darauf, als tugendhafter Herrscher zu gelten und arbeitete daran, Missstände zu beheben und Unterdrückung und Machtmissbrauch zu beseitigen.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 80. In der Proklamation, die er anlässlich seiner Thronbesteigung veröffentlichte, äußerte er den Wunsch, dass „die erhabene Scharia“ in allen Angelegenheiten Anwendung finden und „alle Einwohner, Arme und Schwache sowie freie Bürger“ (kāffe-yi ehālī ve fuqarā ve ʿaceze ve beraya) Ruhe und Sicherheit genießen mögen. Außerdem rief er darin die Muslime zur Verrichtung der fünf täglichen Gebete auf und forderte die Staatsbeamten auf, „Männer, die nicht in die Moschee gegangen sind, auf der Straße nach dem Grund zu fragen“. Darüber hinaus ordnete Abdülmecid anlässlich seiner Thronbesteigung an, Hunderte von Weinflaschen aus dem Weinkeller seines Vaters, des verstorbenen Mahmud II., in den Bosporus zu schütten.Charles White: Three Years in Constantinople or, Domestic Manners of the Turks in 1844. 3 Bde. Henry Colborn, London 1846. Bd. III, S. 100–101. Digitalisat
Zwei Wochen später, am 17. Juli 1839, verkündete Abdülmecid eine Irade, in denen er die Minister ermahnte, „in allen Angelegenheiten dem Gesetz der Gerechtigkeit und Billigkeit zu folgen“ und „die Anwendung der verehrten Scharia in allen Angelegenheiten des erhabenen Sultanats“ stets zu beachten. Dieser Erlass wurde seinen Ministern wahrscheinlich im Amt des Şeyhülislam verlesen.Zitiert nach Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 86. Abu-Manneh meint, dass dieser Erlass das Vorspiel für das Edikt bildete, das der Sultan am 3. November 1839 proklamierte.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 87.
Dieses Edikt, das die Tanzimat-Reformen einleitete, ist unter dem Namen Hatt-i şerif von Gülhane bekannt geworden.Deutsche Übersetzung bei Andreas Meier (Hrsg.): Der politische Auftrag des Islam. Programme und Kritik zwischen Fundamentalismus und Reformen. Originalstimmen aus der islamischen Welt. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-616-1, S. 54–60. Deutsch zuerst Wien 1919. Darin gelobte der Sultan, die Willkürherrschaft zu beenden, die Vorherrschaft der Scharia und des Rechts im Staat zu stärken und die Gerechtigkeit zu gewährleisten.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 12. Der Sultan verpflichtete sich darin auch, im Saal der heiligen Reliquien einen Eid abzulegen, nicht entgegen den Bestimmungen des Edikts zu handeln, eine Handlung, die vor ihm noch kein osmanischer Sultan vorgenommen hatte.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 89. Er äußerte zudem den Wunsch, dass niemand ohne Gerichtsverfahren, Urteil und seine Zustimmung hingerichtet werden solle. Abu-Manneh vermutet, dass das Edikt von Gülhane mit dem Versprechen seiner hohen moralischen und rechtlichen Ideale dazu beitrug, die Sympathie der Menschen für Sultan Abdülmecid zurückzugewinnen, die von den Taten und der Politik seines Vaters, Sultan Mahmud II., enttäuscht waren.Abu-Manneh: Studies on Islam and the Ottoman Empire in the 19th century (1826–1876). 2001, S. 96.
Reformpolitik mini|Bruststern des Mecidiye-Ordens 1. Klasse In den folgenden Jahren trieb Abdülmecid verschiedene Reformmaßnahmen voran. Hierzu gehörten zunächst einmal verschiedene Vorkehrungen für eine effizientere Verwaltung des öffentlichen Dienstes und für die Förderung des Handels sowie die Neuorganisierung der Armee. Das 1843 erlassene Militärgesetz regelte den Militärdienst nach einem Losverfahren neu und schuf fünf Regionalarmeen (mit einer sechsten, die 1848 ergänzt wurde). 1846 wurde die Polizeibehörde (zaptiye müşirliği) gegründet und die öffentliche Sicherheit in Istanbul und den Provinzen diesem Amt übertragen.Küçük: “Abdülmecid”. 1988, S. 261b. 1851 stiftete Abdülmecid den Mecidiye-Orden für Verdienste um das Reich.'