mini|Joachim Ehlers, Foto von seinem Sohn Caspar Ehlers, 2013 Joachim Ehlers (* 31. Mai 1936 in Leipzig) ist ein deutscher Historiker, der die Geschichte des frühen und hohen Mittelalters erforscht.
Nach einer Professur für Geschichte des Mittelalters an der Universität Frankfurt am Main bekleidete er Lehrstühle für Geschichte des Mittelalters an der Technischen Universität Braunschweig (1980–1989) und der Freien Universität Berlin (1989–2001). Ehlers ist ausgewiesener Experte für Heinrich den Löwen, Hugo von St. Viktor und das westeuropäische Mittelalter. Er hat wiederholt Fragen nach dem Zusammenhang zwischen der Entstehung eines Zusammengehörigkeitsgefühls in mittelalterlichen Königreichen und den Anfängen eines nationalen Selbstverständnisses untersucht und damit die Forschung zur Frühgeschichte europäischer Nationalstaaten entscheidend mitgeprägt. Seine Forschungen lassen das „Volk“ nicht mehr als Voraussetzung, sondern als Ergebnis der Nationsbildung erscheinen. Ehlers hat dadurch wesentlich zur Rationalisierung der Nationenforschung beigetragen.
Leben Joachim Ehlers wuchs als Sohn des Landwirts und Wehrmachtsbeamten Walter Ehlers und dessen Ehefrau Hildegard Ehlers, geborene Hoffmann,Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 257. in seiner Geburtsstadt Leipzig auf.Oliver Jungen: Anti-Plessner. Zum siebzigsten Geburtstag des Historikers Joachim Ehlers. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Mai 2006, Nr. 125, S. 36. Er legte 1957 das Abitur am Alten Gymnasium in Oldenburg ab und studierte anschließend von Sommersemester 1957 bis Wintersemester 1963/1964 an der Universität Hamburg Geschichte, Philosophie und Germanistik. Ehlers wurde 1964 am dortigen Historischen Seminar mit einer von Walther Lammers und Otto Brunner betreuten Arbeit zur Wehrverfassung der Stadt Hamburg im 17. und 18. Jahrhundert zum Doktor der Philosophie promoviert.Joachim Ehlers: Die Wehrverfassung der Stadt Hamburg im 17. und 18. Jahrhundert. Boppard 1966. Im Jahr 1964 war er Assistent des Rektors der Universität Hamburg zur Koordination des wissenschaftlichen Betreuungsprogramms der Hamburger Studentenwohnheime. An der Goethe-Universität Frankfurt am Main war er von 1964 bis 1971 Wissenschaftlicher Assistent bei Lammers. Dort habilitierte er sich 1972 mit einer Arbeit über Hugo von St. Viktor und wurde im selben Jahr zum Professor (C 2) ernannt. Es folgte ein Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte an der Technischen Universität Braunschweig, den er von 1980 bis 1989 innehatte. Von 1989 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2001 lehrte Ehlers als Professor für Geschichte des Mittelalters an der Freien Universität Berlin. Er war dort 1994/1995 Dekan des Fachbereichs Geschichtswissenschaften. Bedeutende akademische Schüler von Ehlers sind Martin Kintzinger, Ekkehart Rotter und Bernd Schneidmüller.
Ehlers ist Mitglied der Frankfurter Historischen Kommission (seit 1974), der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft (seit 1983), der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen (seit 1986) und des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte (seit 1995). Er wurde 1997 Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Deutschen Historischen Instituts in Paris.
Joachim Ehlers ist evangelisch und war seit 1963 mit Barbara Ehlers, geborene Budde, verheiratet.Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 257. Seine Frau starb 2015.Traueranzeige. Sein 1964 in Hamburg geborener Sohn Caspar Ehlers ist ebenfalls Historiker mit dem Schwerpunkt Mittelalter.
Forschungsschwerpunkte Ehlers’ Forschungsschwerpunkte sind die Nationenbildung, die mittelalterliche Geschichte Frankreichs und Sachsens sowie Braunschweig und die Welfen mit einem Schwerpunkt auf Heinrich dem Löwen. Von 1966 bis 2013 legte er über 150 Veröffentlichungen vor. Seine Dissertation widmete sich noch der hamburgischen Geschichte der Frühen Neuzeit.Vgl. dazu die Besprechungen von Erich von Lehe in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 53 (1967), S. 86–88 (Digitalisat); M. Ewald in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 5 (1969), S. 189–194. In dieser Studie wollte er die „Möglichkeiten und Grenzen der Bildung bewaffneter Gruppen“ nicht isoliert, sondern in Beziehung zu der jeweiligen Verfassungsstruktur behandeln.Joachim Ehlers: Die Wehrverfassung der Stadt Hamburg im 17. und 18. Jahrhundert Boppard 1966, S. XII–XIV. So untersuchte er die Bürgerwache und ihr Führungskollegium, die Bürgerkapitäne, nicht nur als militärischen Faktor, sondern berücksichtigte auch ihre Rolle im Verfassungs- und Verwaltungsleben der Stadt. Mit diesem Ansatz ging er weit über die früheren Arbeiten von Cipriano Francisco Gaedechens über das hamburgische Militär bis 1811 und Hamburgs Bürgerbewaffnung hinaus. In seiner Habilitationsschrift wählte er hingegen die Geschichtsschreibung im Hochmittelalter zum Untersuchungsgegenstand. In Deutschland haben nur wenige Historiker Thema und Epoche von der Dissertation zur Habilitation so grundlegend geändert.Michel Parisse in: Francia 26/1 (1999), S. 243–245 (Digitalisat). Schneidmüller und Kintzinger gaben 19 von Ehlers zwischen 1972 und 1992 veröffentlichte Aufsätze 1996 in einem Sammelband heraus.Joachim Ehlers: Ausgewählte Aufsätze. Herausgegeben von Martin Kintzinger und Bernd Schneidmüller. Berlin 1996. Vgl. dazu die Besprechungen von Michel Parisse in: Francia 26/1 (1999), S. 243–245 (Digitalisat); Hans-Werner Goetz in: Zeitschrift für historische Forschung 24 (1997), S. 761–762; Gerd Mentgen in: Das Historisch-Politische Buch 45 (1997), S. 451–452.
Forschungen zum mittelalterlichen Westeuropa Nach der Habilitationsschrift über Hugo von St. Viktor veröffentlichte Ehlers zahlreiche Studien zum französischen Früh- und Hochmittelalter. Im Jahr 1985 steuerte er die Abschnitte für das Hoch- und Spätmittelalter von 987 bis 1498 zum Frankreich-Ploetz bei.Wilfried Loth (Hrsg.): Frankreich-Ploetz. Französische Geschichte zum Nachschlagen. Freiburg u. a. 1985. Nach über zwei Jahrzehnten Forschungstätigkeit zum mittelalterlichen Frankreich legte er 1987 eine Darstellung zur Geschichte Frankreichs im Mittelalter vor, die er in zehn Kapiteln vom ausgehenden 9. Jahrhundert bis zur Heirat des französischen Königs Karl VIII. mit Anne von Bretagne (1491) schildert. Sein Ziel ist es, „Grundlagen für die Beurteilung des mittelalterlichen Frankreich unter dem Gesichtspunkt seiner besonderen Lebensbedingungen [zu] liefern“. Das Werk will „weder Handbuch noch theoretische Reflexion ersetzen, sondern sich auf halber Höhe zwischen Einzelforschung und Komparatistik“ bewegen.Joachim Ehlers: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. Stuttgart u. a. 1987, S. 11. Ehlers stellt dabei die Entstehung des französischen Staates und der französischen Nation in den Mittelpunkt. Im Einzelnen befasst er sich mit dem Königtum und Fürstentum im Kampf um die Francia (898–987), dem Aufstieg der Kapetinger (987–1108), der Konsolidierung (1108–1180), den Wegen zur Großmacht (1180–1270), dem geordneten Reich (1270–1328), den Anfängen der Valois (1328–1364), Krieg und Krise in den Jahren 1364–1414, Burgund (1361–1420), dem „König von Bourges“ (1422–1453) und der Monarchie als Staat (1453–1483), wobei er gesellschaftliche, kulturelle und ökonomische Aspekte berücksichtigt.Vgl. dazu die Besprechungen von Heribert Müller in: Historische Zeitschrift 249 (1989), S. 151–155; Philippe Contamine in: Francia 17/1 (1990), S. 224–225 (Digitalisat); Rolf Große in: Zeitschrift für historische Forschung 16 (1989), S. 470–471; Kurt Baldinger in: Zeitschrift für romanische Philologie 104 (1988), S. 538; Bernhard Töpfer in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 38 (1990), S. 260–261. Die Kapetinger „schufen gemeinsam mit ihrem geistlichen und weltlichen Anhang ein Milieu, in dem Königsnähe, politische Theologie, historische Kontinuität und die besondere Würde Frankreichs zu einem frühen Nationalbewußtsein verfestigt wurden, das an die Monarchie gebunden bleiben mußte“.Joachim Ehlers: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. Stuttgart u. a. 1987, S. 10. Diese Synthese hatte bis in das Spätmittelalter Gültigkeit. Das Buch war die erste deutschsprachige Darstellung der Geschichte des französischen Mittelalters als eigenständiges BuchVgl. dazu die Besprechung von Heribert Müller in: Historische Zeitschrift 249 (1989), S. 151–155, hier: S. 152. und gilt bis heute als Standardwerk. Im Jahr 2009 erschien es in einer überarbeiteten Neuauflage.
Mit Bernd Schneidmüller und Heribert Müller gab Ehlers 1996 einen Sammelband über die französischen Könige des Mittelalters heraus. Das Werk enthält 25 Herrscherbiographien von Odo bis Karl VIII. in der Zeit von 888 bis 1498.Joachim Ehlers, Heribert Müller und Bernd Schneidmüller (Hrsg.): Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888–1498. München 1996. In der Einleitung skizzieren die Herausgeber die Entwicklung des Landes von bescheidenen Anfängen hin „zum Königsstaat und schließlich zur Königsnation von unverwechselbarem Profil weit über das Mittelalter hinaus“. Die Beiträge wurden von ausschließlich deutschsprachigen Kennern verfasst. Dabei betreute Ehlers den Teil zum Hochmittelalter (1108–1328).Vgl. dazu die Besprechungen von Bertrand Schnerb in: Francia 25/1 (1998), S. 296–298 (Digitalisat); Michel Parisse in: Historische Zeitschrift 267 (1998), S. 747–750; Werner Maleczek in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 106 (1998), S. 533–534; Philippe Depreux in: Archiv für Kulturgeschichte 84 (2002), S. 243–244; Karl Schnith in: Das Historisch-Politische Buch 45 (1997), S. 458; Malte Prietzel in: Zeitschrift für historische Forschung 25 (1998), S. 429–431; Karl-Friedrich Krieger in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 45 (1997), S. 260–261; Hubertus Seibert in: Historisches Jahrbuch 118 (1998), S. 382–383; Sandra Dieckmann in: Zeitschrift für romanische Philologie 117 (2001), S. 664; Joseph Hanimann: Vom Königsstaat zur Königsnation. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. August 1996, Nr. 200, S. 35. Er verfasste für den Sammelband die Beiträge zu den französischen Königen Ludwig VII. und Philipp II.Joachim Ehlers: Ludwig VII. 1137–1180. In: Joachim Ehlers, Heribert Müller und Bernd Schneidmüller: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888–1498. München 1996, S. 138–154; Joachim Ehlers: Philipp II. 1180–1223. In: Joachim Ehlers, Heribert Müller und Bernd Schneidmüller: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888–1498. München 1996, S. 155–167.