mini|Kernwaffentest „Operation Sandstone-X-Ray“ am 14. April 1948 auf dem Eniwetok-AtollAls ein Kernwaffentest (auch Atomwaffentest oder Nuklearwaffentest) wird klassischerweise die Zündung eines nuklearen Sprengsatzes zu Testzwecken, vor allem zur Messung und Dokumentation von Stärke und Auswirkungen einer Kernwaffenexplosion verstanden. Der jeweils erste erfolgreiche konventionelle Test eines Landes ist zugleich ein Nachweis dafür, dass ein Land in der Lage dazu ist, eine Atombombe zu bauen, oder dass es eine Atommacht ist. Moderne Kernwaffentests werden jedoch hauptsächlich in Rechenzentren bzw. durch Supercomputer simuliert.

Weltweit wurden knapp 2100 konventionelle Kernwaffentests durchgeführt, ein Teil davon oberirdisch in der Atmosphäre. Es wird angenommen, dass die bei diesen Tests freigesetzte Radioaktivität weltweit ca. 300.000 Todesfälle zur Folge hatte.Nicola Armaroli, Vincenzo Balzani: Energy for a Sustainable World – From the Oil Age to a Sun-Powered Future. Wiley-VCH 2011, S. 152.

Testorte mini|Zuschauer eines Kernwaffentests Aus Sicherheitsgründen (Gefahr durch die Druckwelle und insbesondere durch den radioaktiven Niederschlag (Fallout)) können Kernwaffentests nur in weiträumig abgesperrten militärischen Versuchsarealen stattfinden, wie der Nevada Test Site (NTS) in Nevada (über 1000 Tests). Auch wurden verschiedene abgelegene Inseln oder Atolle sowie unbesiedelte Wüstengebiete für Testzwecke benutzt: die Aleuteninsel Amchitka, Mururoa-Atoll, Fangataufa in Französisch-Polynesien (hier fand am 2. Juli 1966 unter dem Codenamen „Aldebaran“ der erste von 194 französischen Tests im Pazifik statt),Deutschlandfunk.de, Hintergrund, 1. Juli 2016, Suzanne Krause: Strahlende Altlasten in Polynesien (2. Juli 2016) Kiritimati (Vereinigtes Königreich), das Bikini-Atoll (hier fiel am 30. Juni 1946 unter dem Codenamen „Gilda“ die zweite amerikanische Test-Atombombe),Deutschlandfunk.de, Kalenderblatt, 30. Juni 2016, Dagmar Röhrlich: Vor siebzig Jahren begannen die amerikanischen Atombombentests (2. Juli 2016) sowie das Eniwetok-Atoll (Treuhandgebiet Pazifische Inseln, heute Marshallinseln) und Nowaja Semlja (Sowjetunion) im Arktischen Ozean. Pokhran in der Wüste Thar (Indien) Ras Koh Hills, Distrikt Chagai in der Charan-Wüste (Pakistan)

Zudem gab es zahlreiche Tests in besiedeltem Gebiet: 1960/61 führte Frankreich in besiedeltem Gebiet, in der algerischen Sahara nahe Reggane, vier oberirdische Atomwaffentests durch. Bis zu 30.000 Menschen erlitten dadurch in der Folgezeit Schäden.Thomas Schneider: ARD-Weltspiegel, 18. Januar 2009. A. Cowell: France to Pay Nuclear Test Victims. The New York Times, 24. März 2009.Kurt Andersen, Russell Leavitt: Atomic Test Case. Time Magazine, 26. April 2006

Großbritannien unternahm in den 1950er Jahren Kernwaffenversuche bei den Montebello-Inseln vor der australischen Westküste sowie auf dem Emu Field und im Maralinga in der australischen Wüste. China führte noch bis 1996 im Kernwaffentestgelände Lop Nor (östlich des Bosten-Sees im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang) insgesamt 45 Tests durch, davon 23 oberirdische (zuletzt am 16. Oktober 1980) Laut Analyse eines japanischen Wissenschaftlers starben durch die Folgen der chinesischen Tests bis zu 190.000 Menschen. Nordkorea führte zwischen 2006 und 2017 insgesamt 6 Kernwaffentests auf dem Testgelände Punggye-ri durch, das nur wenige Kilometer von bewohntem Gebiet entfernt liegt. die Sowjetunion auf dem Atomwaffentestgelände Semipalatinsk in der Nähe der Stadt Semipalatinsk in Kasachstanmini|Arten von Kernwaffentests:1. atmosphärischer Test2. unterirdischer Test3. Höhentest in der oberen Atmosphäre4. Unterwassertest Der radioaktive Niederschlag („Fallout“) ging nicht nur auf die Testgebiete nieder, sondern verteilte sich weltweit: die Kernwaffentests des 20. Jahrhunderts haben die Strahlenexposition weltweit messbar erhöht, in den heutigen Messdaten sind sogar viele einzelne Tests nachvollziehbar. Es wurden auch Kernwaffentests unter Wasser, in der Hochatmosphäre und im Weltraum (Starfish Prime) durchgeführt. Hierfür wurden unter anderem zwischen 1958 und 1962 einige Raketen vom Johnston-Atoll gestartet.

Bei unterirdischen Kernwaffentests ist die Gefahr des Austritts radioaktiven Materials relativ gering, aber doch stets vorhanden, insbesondere bei porösem Gestein. So kam es beispielsweise im Dezember 1970 bei dem Kernwaffentest Baneberry im Rahmen der Operation Emery auf der NTS zu einer erheblichen Freisetzung radioaktiven Materials, was sogar zu einem sechsmonatigen Moratorium aller US-Kernwaffentests führte. Für die Durchführung eines unterirdischen Kernwaffentests wird der Sprengsatz zusammen mit Messgeräten in ein Bohrloch hinabgelassen, das anschließend mit Beton versiegelt wird. Je nach Zielsetzung des jeweiligen Tests kann die Tiefe eines solchen Lochs von nur wenigen zehn Metern bis hin zu über 1.400 Metern variieren. Im Gegensatz zu einer oberirdischen Kernwaffenexplosion mit ihrem spektakulären Atompilz ist von einer unterirdischen zumeist nur ein Erdbeben zu spüren. Die seismischen Ereignisse werden von den weltweit über 300 seismologischen Messstationen des Internationalen Monitoring Systems IMS aufgezeichnet und analysiert.Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ZAMG: Standorte aller 321 Messstationen des IMS Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR: International Monitoring System (IMS) Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe BGR: Kernwaffentests

Messungen mini|Nachbauten japanischer Häuser zu Testzwecken mini|Test Upshot-Knothole Annie: kurz vor der Zündung wurden Rauchraketen abgefeuert, um mit ihren Streifen die Ausbreitung der Detonationswelle zu messen Bei Atombombentests werden zahlreiche Messungen zur Effektivität und zu Wirkungen der getesteten Waffe durchgeführt. Bei oberirdischen Tests wurden häufig Gebäude, Fahrzeuge und Tiere platziert, um die Wirkung der Explosion ausführlich studieren zu können. Auch militärische Ausrüstung, Waffen, Schützengräben und Soldaten (in vermeintlich sicherer Entfernung) wurden in die Tests einbezogen. Außerdem wurden mit Hochgeschwindigkeitskameras Fotos von der Explosion und physikalische Messungen durch Untersuchung der verschiedenen bei einer Nuklearwaffenexplosion auftretenden Strahlungen gemacht. Hierzu musste sich die Kernwaffe zum Zeitpunkt der Zündung teilweise an einem definierten Punkt befinden, so dass ein Abwurf derselben aus einem Flugzeug nicht möglich war. Deshalb wurde die Nuklearwaffe auf einem Bombenturm montiert, mit einem Fesselballon in Position gebracht oder in einer Baracke am Boden aufgestellt. Bei zahlreichen oberirdischen Kernwaffentests wurden auch Forschungsraketen zur Untersuchung des Atompilzes und der Hochatmosphäre gestartet. Die zahlreichen oberirdischen Tests hatten den sogenannten Kernwaffen-Effekt zur Folge, der die Altersbestimmung bei der Radiokohlenstoffdatierung beeinflusst.

Geschichte mini|Filmaufnahmen des „Trinity-Tests“ im US-Bundesstaat New Mexico am 16. Juli 1945 mini|Verlauf einer Kernwaffenexplosion Der erste Atombombentest fand am 16. Juli 1945 auf dem Gelände der White Sands Missile Range in der Nähe der Stadt Alamogordo (New Mexico, USA) unter dem Namen Trinity-Test (dt. Dreifaltigkeit) statt. Dabei wurde eine Implosionsbombe wie die Fat-Man-Nuklearwaffe, die später auf Nagasaki abgeworfen wurde, gezündet, da diese einen komplizierteren Zündvorgang benötigt als die Uranbombe. Man wollte sicher sein, dass dieses Konstruktionsprinzip funktioniert. Die erste Uranbombe, Little Boy genannt, wurde dagegen ohne vorangegangenen Test direkt beim Atombombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 1945 gezündet.

Im Juli 1946 fanden zwei Kernwaffentests auf dem Bikini-Atoll statt (Operation Crossroads); daran waren rund 42.000 Menschen beteiligt. Nach zwei erfolgreichen Tests unterblieb der ursprünglich für das Frühjahr 1947 geplante dritte Versuch Charlie. Der erste sowjetische Atombombentest fand am 29. August 1949 in Semipalatinsk (heute Kasachstan) statt; die Sprengkraft betrug 22 Kilotonnen. Bislang wurden weltweit etwa 2000 Kernwaffentests durchgeführt (davon 1030 durch die USA, 715 durch die SowjetunionVortrag H.R. Völkle vom BAG (Schweiz), Abteilung Strahlenschutz, vom Juni 2005), wobei eine Sprengkraft von etwa 34.000 Hiroshima-Bomben freigesetzt wurde.

Der erste unterirdische Test fand bereits am 29. November 1951 statt (Test „Uncle“ aus der Serie Operation Buster-Jangle, Nevada Test Site), insgesamt wurden aber 622 Nuklearexplosionen in der Atmosphäre durchgeführt. Durch den von diesen Tests verursachten radioaktiven Niederschlag gab und gibt es heute im Umfeld dieser Gebiete bei der dort lebenden Bevölkerung hohe Raten an Krebserkrankungen und Fehlbildungen. Die Strahlenbelastung ist weltweit höher als vor den ersten Nuklearwaffentests. Auch europäische Böden und Gewässer enthalten – nebst dem Tschernobyl-Fallout – auch heute noch Rückstands-Nuklide dieser oberirdischen TestsJahresbericht des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit BAG: Umweltradioaktivität und Strahlendosen in der Schweiz, 2003.

Von Mitte 1958 bis Mitte 1961 gab es ein durch Chruschtschow initiiertes Moratorium. In dieser Zeit gab es keine Nukleartests durch Großbritannien und die Vereinigten Staaten.

Der schnelle Anstieg der Strahlenbelastung führte 1963 (nachdem im Vorjahr mit rund 180 Tests die mit Abstand höchste jährliche Anzahl davon stattgefunden hatte) dazu, dass die verfeindeten Weltmächte, USA und das verbündete Großbritannien auf der einen und die UdSSR auf der anderen Seite, den Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser abschlossen. Die Kernwaffentests dieser Staaten fanden nun nur noch unterirdisch statt. Seither geht die weltweite Belastung durch den teilweisen radioaktiven Zerfall der freigesetzten Nuklide wieder zurück.mini|Zahl der weltweiten Nukleartests nach Jahren und Ländern|lang=deLetzte atmosphärische Tests: GB: 23. September 1958 USA: 9. Juni 1963 UdSSR: 25. Dezember 1962

Frankreich und China testeten oberirdisch weiterhin: Frankreich: 2. Juli 1966 bis 14. September 1974: 41 Tests, China: 16. Oktober 1964 bis 16. Oktober 1980: 22 Tests.

Der französische Staatspräsident Jacques Chirac erklärte am 29. Januar 1996 das Ende der französischen Kernwaffentests. Wenige Monate zuvor hatte er eine weitere Testserie auf dem Mururoa-Atoll durchführen lassen, die besonders im Pazifikraum internationale Proteste hervorrief., abgefragt am 28. Januar 2012

Seit 1996 liegt seitens der UNO ein internationaler Kernwaffenteststopp-Vertrag zur Ratifizierung bereit, der ein weltweites Ende aller Versuche mit Kernwaffen vorsieht. Indien, Pakistan und Nordkorea haben den Vertrag nicht unterschrieben. Israel, die USA und China haben den Vertrag unterschrieben. Indien und Pakistan führen weiterhin unterirdische Nuklearwaffentests durch. Nordkorea testete am 9. Oktober 2006, am 25. Mai 2009, am 12. Februar 2013 und am 6. Januar 2016 erfolgreich je eine Atombombe (für Details siehe Nordkoreanisches Kernwaffenprogramm). Zuvor kam es bereits am 9. September 2004 zu einer größeren Detonation in der Region Ryanggang-do (Nordkorea), dies wurde von einigen Quellen als Kernwaffentest interpretiert, was die nordkoreanische Regierung allerdings bestritt. Der Vela-Zwischenfall aus dem Jahr 1979 ist möglicherweise ein Atomtest von Südafrika und Israel gewesen.

Die USA führten ab 1998 eine Reihe subkritischer Tests („Stockpile Stewardship Program“) durch. Bei einem subkritischen Test werden 45 bis 450 Kilogramm chemische Explosivstoffe mit kleinen Mengen waffenfähigem Plutonium in circa 300 Meter Tiefe gezündet. Das Experiment mit weniger als der für eine atomare Kettenreaktion notwendigen kritischen Masse – deswegen „subkritisch“ – erforscht das Verhalten des Plutoniums. Die gewonnenen Daten sind für die Computersimulation gedacht und können der Waffenentwicklung dienen.