mini|Hagen Keller
Ruedi Hagen Keller (* 2. Mai 1937 in Freiburg im Breisgau) ist ein deutscher Historiker, der die Geschichte des frühen und hohen Mittelalters erforscht. Vor allem arbeitet er über das Zeitalter der Ottonen, die italienischen Stadtkommunen und die Schriftkultur im Mittelalter. Keller lehrte von 1982 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 als Professor für mittelalterliche Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Eine besonders fruchtbare Zusammenarbeit ergab sich dort mit seinem Kollegen Gerd Althoff. Mit ihren Arbeiten haben Keller und Althoff entscheidend zum Ansehen Münsters in der internationalen Mediävistik beigetragen. Kellers Forschungen üben seit den 1980er Jahren erheblichen Einfluss auf die deutsche und internationale Mediävistik aus und führten zu einer Neubeurteilung der früh- und hochmittelalterlichen Königsherrschaft.
Leben Herkunft und frühe Jahre Hagen Keller wurde im Mai 1937 in Freiburg im Breisgau geboren als Sohn des selbständigen Kaufmanns Rudolf Keller und dessen Frau Ruth, geb. Frankenbach. Er hat vier Geschwister, darunter den Vulkanologen Jörg Keller. Italien übte auf die ganze Familie eine besondere Anziehungskraft aus. Die Familie reiste erstmals 1952 nach Italien an den Lago Maggiore. Ab den 1950er Jahren knüpfte der Vater Geschäftsbeziehungen nach Italien. Er importierte italienische Holzbearbeitungsmaschinen. Kellers jüngere Brüder führten diesen Geschäftszweig fort. Kellers jüngere Schwester gab als Au-pair-Mädchen den Kindern einer italienischen Familie Deutschunterricht. Jörg Keller ging für das Studium zeitweilig nach Catania und befasste sich später als Vulkanologe mit Italien.Intervista a Hagen Keller / Interview mit Hagen Keller, a cura di Paola Guglielmotti, Giovanni Isabella, Tiziana Lazzari, Gian Maria Varanini. In: Reti Medievali Rivista. Bd. 9, 2008, S. 10 (online).
Nach der Bombardierung Freiburgs im Jahr 1944 lebte die Familie in Pfullendorf nördlich des Bodensees. 1950 kehrte sie nach Freiburg zurück. Während seiner Schulzeit beschäftigte sich Hagen Keller intensiv mit der Astronomie. Seit seiner Kindheit interessierte er sich weniger für historische Romane oder Biographien, seine historische Neugierde wurde vielmehr durch Denkmäler und konkrete Objekte angeregt. Ausgangspunkt für sein historisches Bewusstsein waren die unmittelbaren Erlebnisse aus seiner Kindheit, der Zweite Weltkrieg und der Nationalsozialismus.Intervista a Hagen Keller / Interview mit Hagen Keller, a cura di Paola Guglielmotti, Giovanni Isabella, Tiziana Lazzari, Gian Maria Varanini. In: Reti Medievali Rivista. Bd. 9, 2008, S. 3 ff. (online).
Keller legte 1956 das Abitur am Kepler-Gymnasium in Freiburg ab. Angeregt durch den Oberstufenunterricht in Mathematik und Physik wollte er zunächst diese Fächer studieren. Diesen Plan verwarf er jedoch kurz vor Beginn des Semesters. Keller entschied sich, Lehrer zu werden. Vom Sommersemester 1956 bis zum Sommersemester 1962 studierte er Geschichte, Lateinische Philologie, Wissenschaftliche Politik, Germanistik, Philosophie sowie Sport an den Universitäten Freiburg und Kiel. Das mediävistische Proseminar absolvierte er im ersten Semester bei Manfred Hellmann. Sein Interesse für das Mittelalter wurde in seinem dritten Semester im Sommer 1957 durch die Kieler Vorlesung von Hans Blumenberg über die Philosophie des 14. und 15. Jahrhunderts gefördert. Nach seiner Rückkehr nach Freiburg konzentrierte Keller sich vor allem bei Gerd Tellenbach auf diese Epoche.Hagen Keller: Überwindung und Gegenwart des „Mittelalters“ in der europäischen Moderne. In: Frühmittelalterliche Studien 37, 2003, S. 477–496, hier: S. 487 (abgerufen über De Gruyter Online). Vgl. außerdem zum Lebenslauf: Intervista a Hagen Keller / Interview mit Hagen Keller, a cura di Paola Guglielmotti, Giovanni Isabella, Tiziana Lazzari, Gian Maria Varanini. In: Reti Medievali Rivista. Bd. 9, 2008, S. 1 ff. (online).
Akademische Laufbahn Seit Anfang 1959 gehörte Keller zum „Freiburger Arbeitskreis“ zur mittelalterlichen Personenforschung, einer Gruppe junger Forscher um Gerd Tellenbach.Karl Schmid: ‚Der Freiburger Arbeitskreis‘. Gerd Tellenbach zum 70. Geburtstag. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. Bd. 122, 1974, S. 331–347. Dort lernte er Karl Schmid, Joachim Wollasch, Eduard Hlawitschka, Hansmartin Schwarzmaier und Wilhelm Kurze kennen. Der fachliche Austausch mit Karl Schmid hat ihn dabei in besonderem Maße dauerhaft geprägt. Als Schüler Tellenbachs befasste sich Keller zunächst mit Grundfragen der alemannisch-fränkischen Geschichte des Frühmittelalters. Im Jahr 1962 wurde er bei Tellenbach über das Thema Kloster Einsiedeln im ottonischen Schwaben promoviert.
In den Jahren 1962/63 war Keller wissenschaftlicher Assistent bei Tellenbach am Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Freiburg, anschließend von 1963 bis 1969 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Rom. Während seines Romaufenthaltes fand Keller in der Gesellschaftsstruktur Italiens im Mittelalter einen seiner künftigen Arbeitsschwerpunkte. In Italien verbrachte Keller auch die ersten Ehejahre mit Hanni Kahlert, die er 1964 heiratete.
Von 1969 bis 1972 arbeitete Keller wieder als wissenschaftlicher Assistent am Historischen Seminar der Universität Freiburg. Dort erwarb er 1972 mit einer Arbeit über Senioren und Vasallen, Capitane und Valvassoren. Untersuchungen über die Führungsschicht in den lombardischen Städten des 9.–12. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung Mailands die Lehrbefähigung für Mittlere und Neuere Geschichte. Die Habilitationsschrift wurde für den Druck wesentlich überarbeitet und erweitert.Hagen Keller: Adelsherrschaft und städtische Gesellschaft in Oberitalien. 9. bis 12. Jahrhundert. Tübingen 1979, Vorwort S. XI f. Seine Freiburger Antrittsvorlesung hielt er im Juli 1972 über Spätantike und Frühmittelalter im Gebiet zwischen Genfer See und Hochrhein.Hagen Keller: Spätantike und Frühmittelalter im Gebiet zwischen Genfer See und Hochrhein. In: Frühmittelalterliche Studien. Bd. 7, 1973, S. 1–26 (online).
Nach einem erneuten Aufenthalt am Deutschen Historischen Institut in Rom von 1972 bis 1973 war Keller als Universitätsdozent in Freiburg tätig. 1976 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt. 1978 erhielt er eine C3-Professur für mittelalterliche Geschichte an der Universität Freiburg. 1979/80 war er Dekan der Philosophischen Fakultät IV und Sprecher des Gemeinsamen Ausschusses der Philosophischen Fakultäten der Universität Freiburg. Keller leitete in den Jahren 1980 bis 1982 die Abteilung Landesgeschichte im Historischen Seminar.
1982 wurde er als Nachfolger von Karl Hauck an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster berufen, an der er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2002 Ordentlicher Professor für mittelalterliche Geschichte und Mitdirektor des Instituts für Frühmittelalterforschung war. Seine Antrittsvorlesung hielt er im Juni 1983 über das Bevölkerungswachstum und die Gesellschaftsorganisation im europäischen Hochmittelalter am Beispiel der oberitalienischen Agrargesellschaft während des 12. und 13. Jahrhunderts.Hagen Keller: Veränderungen des bäuerlichen Wirtschaftens und Lebens in Oberitalien während des 12. und 13. Jahrhunderts. Bevölkerungswachstum und Gesellschaftsorganisation im europäischen Hochmittelalter. In: Frühmittelalterliche Studien. Bd. 25, 1991, S. 340–372 (abgerufen über De Gruyter Online). In Münster war Keller einer der Gründer und langjähriger Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Träger, Felder, Formen pragmatischer Schriftlichkeit“ und des Graduiertenkollegs „Schriftkultur und Gesellschaft im Mittelalter“. Keller sorgte wesentlich dafür, dass sich Münster zu einem Zentrum der internationalen Mediävistik entwickelte.
Als akademischer Lehrer betreute er 25 Dissertationen und fünf Habilitationen. Zu seinen akademischen Schülern gehören Franz-Josef Arlinghaus, Marita Blattmann, Christoph Dartmann, Jenny Rahel Oesterle, Hedwig Röckelein, Thomas Scharff und Petra Schulte. Seine Nachfolge in Münster trat Martin Kintzinger an. Keller hielt seine Abschiedsvorlesung in Münster im Juli 2002 über die Überwindung und Gegenwart des „Mittelalters“ in der europäischen Moderne.Hagen Keller: Überwindung und Gegenwart des „Mittelalters“ in der europäischen Moderne. In: Frühmittelalterliche Studien. Bd. 37, 2003, S. 477–496 (abgerufen über De Gruyter Online). Darin versuchte er den gegenwärtigen Standort des Mittelalters zu definieren. Das verbreitete gesellschaftliche Selbstverständnis, sich vom Mittelalter abzugrenzen, sei seit dem 15. Jahrhundert feststellbar. Reform, Revolution, Rationalität und die technischen Erfindungen samt ihrer wirtschaftlichen und militärischen Nutzung hätten die Leitbilder und den Lebensrahmen gebildet, mit denen man sich vom Mittelalter habe absetzen wollen. Die Historiker der letzten drei Jahrzehnte hätten die Epochengrenze um 1500 jedoch immer weiter relativiert. Die fachwissenschaftliche Diskussion über Epochengrenzen und Epochenbezeichnungen verdeutliche ein neues Nachdenken über das Verhältnis der Gegenwart zu unserer langen Vergangenheit.Hagen Keller: Überwindung und Gegenwart des „Mittelalters“ in der europäischen Moderne. In: Frühmittelalterliche Studien. Bd. 37, 2003, S. 477–496, hier: S. 480 (abgerufen über De Gruyter Online). Angesichts eines immer unklareren Epochenbewusstseins verortet Keller Aufgabe und Aktualität der Mediävistik in der Selbstvergewisserung des Menschen, für die die Kenntnis der Vergangenheit erforderlich sei.Hagen Keller: Überwindung und Gegenwart des „Mittelalters“ in der europäischen Moderne. In: Frühmittelalterliche Studien. Bd. 37, 2003, S. 477–496, hier: S. 487 (abgerufen über De Gruyter Online).
Keller war von 1982 bis 1995 Mitherausgeber der Propyläen Geschichte Deutschlands und ist seit 1991 Mitherausgeber der Reihe Münstersche Historische Forschungen. Von 1988 bis 2011 war er Herausgeber der Frühmittelalterlichen Studien.Christel Meier: 50 Jahre Frühmittelalterliche Studien. In: Frühmittelalterliche Studien, Bd. 50, 2016, S. 1–13, hier: S. 12 f. Seit 1980 ist er Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, seit 1989 des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte und seit 1990 der Historischen Kommission für Westfalen. Keller lehrte als Gastprofessor am Istituto Italiano per gli Studi Storici in Neapel (1979), an der Universität Florenz (1997) und an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris (2001). Im Jahr 2002 wurde er in die British Academy aufgenommen und im selben Jahr Mitglied der Royal Historical Society in London.
Ihm wurde der 36. Band der Frühmittelalterlichen Studien gewidmet. Anlässlich seines 70. Geburtstags 2007 wurde ihm zu Ehren in Münster eine Tagung abgehalten,Vgl. Jenny Oesterle: Tagungsbericht: Zwischen Pragmatik und Performanz – Dimensionen mittelalterlicher Schriftkultur, 02.05.2007 – 04.05.2007 Münster. In: H-Soz-Kult, 3. Juni 2007 (online). deren Ergebnisse 2011 in dem Sammelband Zwischen Pragmatik und Performanz. Dimensionen mittelalterlicher Schriftkultur veröffentlicht wurden. Zum 80. Geburtstag wurde im Mai 2017 ein Kolloquium am Historischen Seminar der Universität Münster abgehalten. Dabei standen aktuelle Perspektiven einer Geschichte des Politischen im Mittelalter im Blickpunkt.Aktuelle Perspektiven einer Geschichte des Politischen im Mittelalter. Ein Kolloquium anlässlich des 80sten Geburtstags von Hagen Keller, 5. Mai 2017 Münster. In: H-Soz-Kult, 18. April 2017 (online).
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