mini|Francesco Bagnara: Entwurf zum Bühnenbild für Akt 1, Szene 1 Beatrice di Tenda (in Deutsch früher auch Das Kastell von Ursino) Beatrice di Tenda, in: Alfred Loewenberg: Annals of Opera 1597–1940 (3. edition), John Calder, London, 1978, Spalte 750–751 (englisch; Abruf am 8. Dezember 2021) ist die vorletzte Oper (Originalbezeichnung: „tragedia lirica“) von Vincenzo Bellini. Das Libretto stammt von Felice Romani. Die Oper wurde am 16. März 1833 im Teatro La Fenice in Venedig mit der berühmten Sopranistin Giuditta Pasta in der Titelrolle uraufgeführt.

Historischer Hintergrund Die Oper verarbeitet das tragische Schicksal der Beatrice Lascaris di Ventimiglia (um 1372–1418), die von 1395 bis 1398 in erster Ehe mit dem Condottiere Facino Cane de Casale verheiratet war. Sie wurde in zweiter Ehe 1412 die Gemahlin des damals zwanzigjährigen Herzogs von Mailand, Filippo Maria Visconti, der sie 1418 unter dem Vorwurf des Ehebruchs mit einem Michele Orombelli auf der Burg Binasco hinrichten ließ. Historisch belegt ist auch der Name Agnese de Maino, über die jedoch nur bekannt ist, dass sie eine Mätresse Viscontis war.

Ort und Zeit Die Oper spielt zu Beginn des 15. Jahrhunderts auf der Burg Binasco im Umland von Mailand. Die Handlung der Oper erstreckt sich über zwei bis drei Tage.

Handlung Erster Akt Innenhof von Schloss Binasco

Höflinge treffen auf Herzog Filippo Maria Visconti, der keinen Hehl daraus macht, dass er seine Frau Beatrice hasst. Er hat es satt, ihr in ihren Ländereien die Herrschaft überlassen zu müssen. Die Höflinge bestärken Visconti, sich über Beatrice zu erheben. Von weitem hört man Agnese ein sehnsüchtiges Lied singen („Ah! non pensar“). Visconti schmilzt dahin und gesteht, in Agnese verliebt zu sein.

Gemächer der Agnese

Auch Orombello hat Agneses Gesang gehört und betritt neugierig ihre Gemächer. Als er vor Agnese steht, will er sich diskret zurückziehen. Die junge Frau hält ihn jedoch zurück, und es folgt eine Unterhaltung, die auf beiden Seiten von fatalen Missverständnissen geprägt ist. Agnese, die in Orombello verliebt ist, glaubt, dass ihre Gefühle erwidert werden, ergeht sich in Anspielungen und erwähnt seinen „regierenden Rivalen“. Daraufhin hält Orombello Agnese für eine vertrauenswürdige Mitwisserin und gibt zu, dass er heimlich Beatrice liebt. Die zurückgewiesene Agnese fühlt sich gedemütigt und schwört Rache.

Boskett im herzoglichen Garten mini|Francesco Bagnara: Entwurf zum Bühnenbild für Akt 1, Szene 3

Beatrice ergeht sich mit ihren Damen im Schlossgarten. Sie beklagt ihr eigenes Unglück in ihrer Ehe und das ihrer Untertanen, die von Visconti ausgebeutet werden („Ma la sola, ohimé, son io ... Ah! la pena in lor piombò“). Dieser kommt mit seinem Berater Rizzardo in den Garten und bezichtigt sie der Untreue und des Versuchs der Rebellion. Als Beweis führt er aus Beatrices Geheimschatulle entwendete Briefe Orombellos und Unterlagen über aufständische Untertanen an. Beatrice ist empört und weist jede Anklage von sich.

Ein abgelegener Raum des Schlosses

Neben einer Statue ihres verstorbenen Mannes Facino Cane hält Beatrice mit diesem innere Zwiesprache; sie fühlt sich von allen im Stich gelassen („Il mio dolore ... Deh!, se mi amasti“). Da tritt Orombello auf und bittet sie, ihm grünes Licht für eine Revolte zu geben und mit ihm vor Visconti zu fliehen. Beatrice ist befremdet und weist ihn darauf hin, dass man ihr Vertrauensverhältnis zu ihm bereits missverstehe und für Liebe halte. Daraufhin gesteht Orombello ihr seine tiefen Gefühle. Beatrice fällt aus allen Wolken und fordert ihn auf zu gehen. Plötzlich tauchen Visconti, Agnese und die Höflinge auf und überraschen Orombello, wie er zu Beatrices Füßen kniet. Visconti nimmt dies als endgültigen Beweis für Beatrices Untreue und lässt die beiden, die ihre Unschuld beteuern, in Ketten abführen.

Zweiter Akt

Galerie im Schloss Binasco

Am Hof erzählt man sich, dass Orombello und Beatrice sich unter der Folter schuldig bekannt hätten. Beatrice wird dem Tribunal vorgeführt und von Filippo der Anzettelung zu Aufruhr und „obszönen“ Ehebruchs angeklagt. Sie bewahrt edle Haltung und wirft Orobello Undank und infames Verhalten vor. Dieser wird vorgeführt und widerruft sein Geständnis. Beatrice verzeiht ihm auf der Stelle und ruft den Himmel an; die Anwesenden sind bewegt (Quintett mit Chor: „Al tuo fallo ammenda festi generosa“). Dennoch beschließt das Tribunal, die beiden zurück in den Kerker zu bringen und zur „Wahrheitsfindung“ nun auch Beatrice foltern zu lassen.

In einer Unterredung unter vier Augen bittet die mittlerweile von Schuldgefühlen geplagte Agnese Filippo um Gnade für die beiden zu Unrecht Beschuldigten. Filippo lehnt kategorisch ab und bietet Agnese stattdessen die Krone, also die Ehe, an. Als er wieder allein ist, kommen ihm jedoch Zweifel, das Todesurteil zu unterzeichnen, zumal Beatrice auch unter Folter nicht gestanden hat. Da wird ihm die Nachricht überbracht, dass das Schloss kurz vor der Belagerung durch die früheren Truppen Facino Canes steht, die Beatrice befreien wollen. Kurzerhand unterschreibt er das Todesurteil.

Ebenerdiger Vorraum zu den Verliesen des Schlosses

Die von der peinlichen Befragung gezeichnete und erschöpfte Beatrice verlässt das Gefängnis voller Stolz, dass sie der Folter widerstehen konnte („Nulla io dissi“). Als sie Filippo und „seinen Komplizen“ verflucht, tritt die entsetzte Agnese vor und gesteht, dass sie die Intrige aus Eifersucht eingefädelt und auch die Briefe aus Beatrices Geheimschatulle gestohlen habe. Aus dem Kerker hört man Orombello ein Gebet singen, und Beatrice vergibt Agnese (Terzett: „Angiol di pace“). Rizzardo und die Hellebardiere treten zu den Klängen eines Trauermarsches ein, um Beatrice zur Hinrichtung zu führen. Diese verabschiedet sich und bittet, nicht für sie zu beten, sondern für diejenigen, die sie zurücklässt („Il mio dolore ... Ah!, se un’urna è a me concessa“).

Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Friedrich Lippmann: Beatrice di Tenda. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 1: Werke. Abbatini – Donizetti. Piper, München / Zürich 1986, ISBN 3-492-02411-4, S. 255.

Holzbläser: Piccoloflöte, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen Pauken, Schlagzeug: Große Trommel, Becken Harfe Streicher Bühnenmusik: nicht differenziert

Gestaltung und Besonderheiten mini|hochkant|Vincenzo Bellini

Beatrice di Tenda ist eine typische Belcanto-Oper der frühen 1830er Jahre, mit einer starken Betonung der Singstimmen, Melodien von ausdrucksvoller Schönheit und einer anspruchsvollen weiblichen Hauptrolle, die besonders musikalisch eindeutig im Vordergrund steht.

Die Oper wurde nach dem 19. Jahrhundert teilweise mit relativ harten Urteilen bedacht,S. 12, in: Niel Rishoi: Beatrice di Tenda: Die Wiederentdeckung von Bellinis Oper, Booklettext zur CD-Gesamtaufnahme mit Edita Gruberová, Vesselina Kasarova u. a., Dir.: Pinchas Steinberg (Nightingale Classics; 1992)Rosselli betitelt bereits das ganze Kapitel über die Oper mit False steps („Falsche Schritte“), und obwohl er von den „musical splendours“ der Partitur spricht, hält er zumindest das Sujet für uninteressant. John Rosselli: The life of Bellini, Cambridge University Press, Cambridge, 1996, S. 111 die einerseits sicher auf die Probleme während der Entstehung und den Misserfolg bei der Uraufführung zurückzuführen sind, für die es jedoch eine ganze Reihe von außermusikalischen Gründen gibt und keineswegs eine irgendwie unbefriedigende Qualität der Musik (siehe unten: Entstehung). Andererseits musste sich die Oper mit den benachbarten „Schwesterwerken“ aus Bellinis Feder vergleichen lassen – Norma, La sonnambula (beide 1831) und I puritani (1835) –, die alle als Meisterwerke gelten und zu den populärsten Opern des 19. Jahrhunderts überhaupt zählten. Im Vergleich mit diesen drei Opern und im Gesamtschaffen Bellinis wirkt Beatrice di Tenda sicher etwas weniger signifikant, ist aber von hoher musikalischer Qualität und bühnenwirksam.S. 12–16, in: Niel Rishoi: Beatrice di Tenda: Die Wiederentdeckung von Bellinis Oper, Booklettext zur CD-Gesamtaufnahme mit Edita Gruberová, Vesselina Kasarova u. a., Dir.: Pinchas Steinberg (Nightingale Classics; 1992)Rosselli hebt vor allem die „musical splendours“ hervor. John Rosselli: The life of Bellini, Cambridge University Press, Cambridge, 1996, S. 110, 111 und 112

Die Grundkonstellation der Handlung kann mit Donizettis Anna Bolena (1830) verglichen werden,S. 12, 14 und 15, in: Niel Rishoi: Beatrice di Tenda: Die Wiederentdeckung von Bellinis Oper, Booklettext zur CD-Gesamtaufnahme mit Edita Gruberová, Vesselina Kasarova u. a., Dir.: Pinchas Steinberg (Nightingale Classics; 1992) deren Titelrolle ebenfalls für die Primadonna Giuditta Pasta komponiert wurde. Beide Opern basieren auf tatsächlichen historischen Gegebenheiten, und in beiden Fällen wird eine adlige Frau (Sopran) unschuldig von ihrem tyrannischen Ehemann (Bass bzw. Bariton) – einem typischen Theater-Schurken – angeklagt und zum Tode verurteilt, wobei es in beiden Fällen eine Nebenbuhlerin und einen liebenden Tenor gibt. Die Unterschiede liegen darin, dass Beatrice völlig tadellos ist, im Gegensatz zu Anna Bolena, die tatsächlich in den Tenor (Percy) verliebt war und ist. Bei Bellini ist außerdem der Konflikt zwischen der seconda donna Agnese und dem Tenor Orombello entscheidend, wobei Agnese und ihrer Rachsucht – konträr zu der passiveren Giovanna Seymour bei Donizetti – eine treibende Kraft in der Tragödie zufällt.John Rosselli: The life of Bellini, Cambridge University Press, Cambridge, 1996, S. 110

Abgesehen von der Stimmdisposition der vier Hauptrollen und einer allgemeinen formalen Ähnlichkeit im zweiten Akt (Gerichtsverhandlung und Aria finale) enden damit die musikalischen Gemeinsamkeiten zwischen Bellinis Beatrice und Donizettis Anna Bolena.

Die Musik von Beatrice di Tenda gehört teilweise zum Besten, was Bellini komponiert hat,Selbst der relativ skeptische Rosselli spricht von den „musical splendours“ der Partitur und weist darauf hin, dass Bellini „stellenweise“ das hohe Niveau von Norma erreicht und sich dabei noch weiter von dem „konventionellen Schema der Solo-Arie“ entferne. John Rosselli: The life of Bellini, Cambridge University Press, Cambridge, 1996, S. 111 und 112 das gilt besonders für alle Nummern der Titelrolle, die melodisch von teilweise unglaublicher Perfektion und Schönheit sind, angefangen von der Auftrittsarie „Ma la sola, ohimé, son io“ bis zur Aria finale „Ah!, se un’urna è a me concessa“.Die Aria finale zählt u. a. Rishoi „zum Schönsten, was Bellini geschrieben hat“. S. 15, in: Niel Rishoi: Beatrice di Tenda: Die Wiederentdeckung von Bellinis Oper, Booklettext zur CD-Gesamtaufnahme mit Edita Gruberová, Vesselina Kasarova u. a., Dir.: Pinchas Steinberg (Nightingale Classics; 1992) Dabei fällt auf, dass Beatrices edler Charakter musikalisch vor allem lyrisch und elegisch gezeichnet wird,John Rosselli: The life of Bellini, Cambridge University Press, Cambridge, 1996, S. 110–111 im Gegensatz zu Norma mit deren teilweise heftigen Gefühlsausbrüchen. Die Rolle der Beatrice ist dadurch rein praktisch etwas einfacher zu besetzen.Der Meinung ist auch Rishoi. S. 14, in: Niel Rishoi: Beatrice di Tenda: Die Wiederentdeckung von Bellinis Oper, Booklettext zur CD-Gesamtaufnahme mit Edita Gruberová, Vesselina Kasarova u. a., Dir.: Pinchas Steinberg (Nightingale Classics; 1992) Letzteres gilt in noch stärkerem Maße für den Part des Orombello, der nicht die hohe Lage und Agilität der für Bellinis Lieblingstenor Rubini komponierten Partien aufweist.