Tyrannenmord bezeichnet die Tötung eines Tyrannen. In der klassischen Form geschieht dies durch ein Attentat. Der Angriff erfolgt dabei von innen – aus der Mitte des Volkes, das der Gewaltherrschaft des Despoten ausgeliefert ist. In der griechischen und römischen Antike gab es eine Legitimation zum Tyrannenmord. Dabei ist die Rechtfertigung ein klassisches ethisches Dilemma, das von der Antike bis in die Gegenwart diskutiert wird.
Etymologie Tyrannenmord setzt sich aus den Worten Tyrann und Mord zusammen. Im antiken Griechenland bezeichnete „týrannos“ einen unumschränkten (Allein-,) Herrscher, der sich insbesondere ungesetzlich die Herrschaft im Staate anmaßt. Erst Aristoteles definiert die Tyrannis in seiner „Politik“ als entartete Alleinherrschaft, die nur dem Eigennutz des Herrschers statt dem Wohl der Allgemeinheit dient.
Mord wird als „vorsätzliche (heimliche) Tötung“ (ahd. mord (9. Jh.), mhd. mort) definiert. Da Mord kein moralisch legitimes Mittel ist, definitionsgemäß als Tötung aus niedrigen Beweggründen gilt und nach allgemeiner sittlicher Betrachtung verachtenswert ist, wird teilweise für die Bezeichnung „Tyrannentötung“ plädiert. Voraussetzung für einen Tyrannenmord ist, dass es sich bei dem Getöteten tatsächlich um einen Tyrannen handelte.J. Messner, Das Naturrecht. Handbuch der Gesellschaftskritik, Staatsethik und Wirtschaftsethik, Berlin 71984, S. 801. Als zweites Abgrenzungskriterium zum politischen Mord dient das subjektive Tatmotiv des Täters bzw. der Täter. Für Cicero ist Tyrannis die Negation des geordneten Staatswesens. Wo kein verlässliches Gesetz regiere, sondern Tyrannei herrsche, bestehe immer Chaos, das den Tyrannenmord rechtfertige.
Historische und philosophische Perspektiven Antike
Im antiken Griechenland wurde spätestens ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. der Mord an einem Tyrannen nicht nur als straffrei, sondern als ehrenhafte Tat zur Befreiung der Gemeinschaft angesehen.Vgl. Josiah Ober: Tyrant-Killing as Therapeutic Stasis: A Political Debate in Images and Texts. In: Kathryn A. Morgan (Hrsg.): Popular Tyranny, Austin 2003, S. 215–250.
Bereits in der antiken Philosophie wurde diskutiert, ob der Tyrannenmord ein legitimes Mittel zur Befreiung der Bürger sei. Es stellt sich die ethische Frage, was für die Angehörigen eines Gemeinwesens (ob nun Polis oder Königreich) schwerer zu verantworten ist: dass die Mitbürger Unterdrückung, Gewalt oder gar den Tod durch den Tyrannen erleiden oder dass man die Schuld eines Mordes auf sich lädt, wenn man den Gewaltherrscher durch ein Attentat beseitigt. Da die Frage, ob es sich bei einer bestimmten Person tatsächlich um einen „Tyrannen“ handelte, aber zu allen Zeiten kaum objektiv zu entscheiden war, konnte und kann der Tyrannenvorwurf stets auch zur Rechtfertigung politischer Gewalt missbraucht werden.
Mittelalter
Johannes von Salisbury legitimierte den Mord als „Heilung durch Enthauptung“, wenn Gebet und Gottesfurcht nicht gegen die Tyrannei helfen.John of Salisbury, Policraticus. On the Frivolities of Courtiers and the Footprints of Philosophers. Edited and Translated by Cary J. Nederman. Cambridge University 1990
Moderne ethische Sicht
Thomas Hobbes sah den Tyrannenmord als unzulässig an, da er die staatliche Ordnung gefährde. Immanuel Kant lehnte ihn kategorisch ab, da er keinen rechtmäßigen Widerstand gegen das staatliche Oberhaupt anerkennt.
Weil dadurch auch die bestehende staatliche Ordnung (die Alleinherrschaft als Monarchie oder Diktatur) grundsätzlich in Frage gestellt wird, lehnten die „Monarchien“ der Neuzeit den Tyrannenmord vehement ab.
Theologische Perspektive
Die christliche Theologie ist gespalten. Einerseits gibt es Stimmen, die den Tyrannenmord als „Christenpflicht“ unter extremen Umständen (z. B. Verbot des Evangeliums) sahen. Andererseits gilt der Mord ethisch nicht als tragbare Vorstellung. Weder in jüdischen noch in christlichen Überlieferungen ist ein normativer Allgemeinbegriff zum Widerstandsrecht zu finden.Vgl. W. Lienemann, Widerstandsrecht, in: Evangelisches Kirchenlexikon. Internationale theologische Enzyklopädie, Bd. 4, Göttingen 31996, Sp. 1281.
Kernaspekte in der Rechtsphilosophie
Der Tyrannenmord ist ein klassisches, umstrittenes Thema der Rechtsphilosophie. In der Rechtsliteratur wird der Begriff oft im Kontext des Widerstandsrechts erörtert, das jedoch nur in wenigen Verfassungen explizit verankert ist.
Deutschland
Das Grundgesetz kennt seit 1968 in Artikel 20 Absatz 4 ein Widerstandsrecht. Ob damit auch ein Tyrannenmord zur Wiederherstellung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung legitimiert wäre, ist jedoch im Staatsrecht umstritten.Gilbert Gornig: Der Tyrannenmord, in: Festschrift für Georg Brunner, Baden-Baden 2001, S. 603–626.
Geschichte Die Ermordung des Hipparchos
Der berühmteste, lange Zeit weithin bekannte Tyrannenmord der Antike geschah im Jahr 514 v. Chr. in Athen: Harmodios und Aristogeiton verübten ein Attentat auf den Tyrannen-Bruder Hipparchos; er kam dabei zu Tode. Der Anschlag galt später als Geburtsstunde der Demokratie in Athen, auch wenn bereits Thukydides darauf hinwies, es sei in Wahrheit um persönliche Kränkungen gegangen und Hipparchos sei an der Tyrannis seines Bruders gar nicht beteiligt gewesen.Thukydides 6,54,4 und 6,59,1. Den Attentätern weihten die Athener, die erst vier Jahre nach der Tat durch die Spartaner von der Herrschaft des Hippias befreit wurden, später ein Denkmal in Form einer Figurengruppe des Strengen Stils, die in Form römischer Kopien der Neuzeit erhalten blieb. Die ältere, originale Figurengruppe des Antenor existiert nicht mehr. Es ging den Athenern darum, den Anteil der Spartaner an der Beseitigung der Alleinherrschaft zu vertuschen, indem man stattdessen den Mord an Hipparchos in den Mittelpunkt rückte.Charles Fornara: The „tradition“ about the Murder of Hipparchus. In: Historia 17, 1968, S. 400–424.
Im Hellenismus galt die Demokratie den Griechen dann als einzige legitime Staatsform einer Polis; im Rahmen innenpolitischer Konflikte (Staseis) warfen die verfeindeten Gruppen einander nun regelmäßig vor, eine Tyrannis errichtet zu haben, so dass tödliche Gewalt gerechtfertigt sei. Während einige Forscher diese Zuschreibungen akzeptieren und von einem beständigen Kampf zwischen Demokraten und ihren Feinden ausgehen,David Teegarden: Death to Tyrants! Ancient Greek Democracy and the Struggle against Tyranny. Princeton 2014. betrachten andere den Tyrannenvorwurf primär als Element der Bürgerkriegsrhetorik, weshalb im Einzelfall oftmals nicht mehr entschieden werden könne, ob es sich bei einer Gewalttat um einen Tyrannenmord oder lediglich um einen Anschlag auf einen politischen Rivalen handelte.Henning Börm: Mordende Mitbürger. Stuttgart 2019.
Cicero bezeugt jedenfalls, dass der Mord an Hipparchos auch in Rom bis zu dem Mord an Julius Caesar in aller Munde gewesen sei.
Die Ermordung des Gaius Iulius Caesar
Die Tötung dieses römischen Diktators am 15. März 44 v. Chr. ist eines der bekanntesten Beispiele für den Tyrannenmord; auch in diesem Falle war man sich jedoch uneins darüber, ob Caesar tatsächlich ein Tyrann gewesen sei: Wenige Tage nach seinem Tod entschied der Senat, die Tötung Caesars sei unrechtmäßig gewesen, gestand den Tätern aber eine Amnestie zu. In der Spätantike wurde es dann üblich, jeden gescheiterten Usurpator und jeden gestürzten Kaiser als tyrannus zu bezeichnen: In den Quellen lässt sich in der Regel nur die Perspektive der späteren Sieger greifen.
Die Ermordung des russischen Zar Alexander II.
Alexander II. Nikolajewitsch aus dem Haus Romanow-Holstein-Gottorp wurde dreimal Opfer eines Attentats. 1879 und 1880 hatten Anhänger der sozialrevolutionären Untergrundorganisation Narodnaja Wolja (dt. „Volkswille“) versucht, den Alleinherrscher zu töten. Am 13. März 1881 gelang es dem Studenten Nikolai Ryssakow eine mit Dynamit gefüllte Dose auf die Zarenkutsche zu werfen. Nachdem der Zar dankbar war, den Anschlag überlebt zu haben, gelang es dem Komplizen des ersten Attentäters, Ignati Grinewizki, eine zweite Bombe direkt vor die Füße von Zar Alexander zu werfen. Grinewizki und Alexander II. wurden getötet. Ryssakow wurde im April 1881 zusammen mit fünf anderen Verschwörern, die er verraten hatte, öffentlich hingerichtet. Alexander III. folgte seinem Vater auf den Thron und regierte Russland 13 Jahre lang. Auch auf ihn verübte Narodnaja Wolja, allerdings erfolglos ein Attentat.
Innerhalb der mittelalterlichen Scholastik beschäftigten sich besonders Johannes von Salisbury, Francisco Suárez, Luis de Molina sowie Thomas von Aquin mit der Thematik. Problematischer Ausgangspunkt war, dass die christliche Tradition nach dem Römerbrief () und dem ersten Petrusbrief () die weltliche Obrigkeit, sei sie Geschenk oder Geißel Gottes, lange als unantastbar ansah. Gehorsam ihr gegenüber sei geboten und ein Widerstandsrecht existiere nicht. Unter Berücksichtigung der auf AristotelesAristoteles: Politika, III, 1279, b, 4–10; IV, 1295, a, 1–24. zurückgehenden Unterscheidung zwischen einem illegitim und einem legitim an die Macht gekommenen Tyrannen (Tyrannus usurpationis / Tyrannus regiminis) entwickelte die Scholastik Unterscheidungspunkte zur moralischen Bewertung des Widerstandes gegen die Tyrannis und den Tyrannenmord. Die Bewertung der Tyrannentötung blieb allerdings kontrovers.
Nach Thomas von Aquin ist der gewaltsame Widerstand gegen die Tyrannei nicht als unrechtmäßiger Aufruhr (Seditio) zu bezeichnen, wenn die Tyrannei ein unerträgliches Maß (Excessus intolerabilis) erreicht hat, keine gewaltfreien Mittel zur Verfügung stehen und keine Hilfe einer höheren Instanz gegeben ist. Dabei darf der Widerstand gegen die Tyrannei nicht derart ungeordnet (inordinate) sein, dass er mehr Unrecht und Leid bewirkt, als die Tyrannis, die man beseitigen will. Für Thomas von Aquin ist der Tyrann der Aufrührer (seditiosus), wenn er Zwietracht und Aufruhr ins Volk bringt und das Gemeinwohl veruntreut. Gegen einen rechtmäßig an die Macht gekommenen Tyrannen darf man nicht aus privater Anmaßung (Praesumptione privata), sondern nur durch eine legitimierte öffentliche Autorität (Auctoritate publica) vorgehen. Ist dies der Fall, dann darf der Usurpator mit allen Mitteln bekämpft werden und im Extremfall auch getötet werden.Thomas von Aquin: Summa theologica, II-II, 42,2 ad 3.Thomas von Aquin: II Sentenzenkommentar, d. 44, a. 2, q. 2.Thomas von Aquin: De regimine principum, I, 7 bzw. 6.
In der frühen Neuzeit (16./17. Jh.) traten verschiedene Staatstheoretiker für ein Recht des Volkes zum Widerstand gegen einen legitimen, aber seine Macht missbrauchenden Herrscher ein. Die sogenannten Monarchomachen befürworteten im Extremfall dessen Tötung und gaben dem Beseitigen von ungerechter Herrschaft quasi naturrechtlichen Status.
Auch dem deutschen Rechtspositivismus des 19. Jahrhunderts war das Widerstandsrecht suspekt; der Rebell Friedrich Schiller hingegen (siehe unten) befürwortete es. Dagegen erachteten die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien es in Unrechtsstaaten für legitim.Caroline Fetscher: Osama, Obama und der Tyrannenmord, Zeit Online, 9. Mai 2011.
Im 19. Jahrhundert entwickelten europaweit Revolutionäre, darunter der Russe Bakunin und der Franzose Paul Brousse, unter dem Schlagwort Propaganda der Tat die theoretischen Grundlagen des Anarchismus und Nihilismus, die zu einer Reihe von politischen Morden führten.
Anarchismus ist eine politische Ideenlehre oder Philosophie, die Herrschaft von Menschen über Menschen und jede Art von Hierarchie als Form der Unterdrückung von individueller und kollektiver Freiheit ablehnt. Anarchisten begingen zum Beispiel folgende Morde: Narodniki verübten Anschläge auf Zar Alexander II.; dieser starb 1881 bei einem Bombenanschlag. Am 24. Juni 1894 tötete der junge italienische Einwanderer Sante Geronimo Caserio den französischen Präsidenten Carnot.