mini|Offener Unterricht in einer Schulklasse mini|Ein Vater gibt seinem Sohn Surfunterricht. Unterricht im allgemeinen Sinn ist von einem Lehrer geplant, zielorientiert, thematisch abgegrenzt und zeitlich ausreichend, um Lernenden zu ermöglichen, sich Fertigkeiten und Wissen anzueignen. Häufig findet Unterricht in einer Institution wie der Schule oder Hochschule statt, daneben in vielen Bereichen: Fahrschule, Tanzschule, Schwimmschule etc. Es gibt ihn auf allen Ebenen des Bildungssystems: Kindergarten, Schule, berufliche Bildung, Erwachsenen- und Weiterbildung, Hochschule, daneben auch den Selbstunterricht, etwa durch das Studium von Büchern. Die theoretischen Grundlagen des Unterrichts liefern die Erziehungswissenschaften, die Pädagogik und Didaktik, nach der klassischen Formel von Johann Friedrich Herbart: „Jeder Unterricht erzieht“.
Unterrichtsmerkmale In der Unterrichtsdefinition eines Lexikons am Ende des 19. Jahrhunderts wird unter Rückgriff auf Wilhelm von Humboldt unterschieden „zwischen formellem und materiellem Unterricht, wovon der erstere vorzüglich die Entwicklung, Übung und Vervollkommnung der geistigen Anlagen, der letztere mehr die Aneignung bestimmter Kenntnisse und Fertigkeiten zum Zweck hat; ferner zwischen idealem und realem, wovon jener auf Herausbildung von Ideen oder auf Vernunftbildung im engern und höhern Sinn, dieser aber auf Bildung für die praktischen Zwecke des Lebens sich richtet“. Beide Unterscheidungen sind für den gegenwärtigen Unterricht noch relevant: Wolfgang Klafki hat die formale und die materiale Seite der Bildung in der schulischen Unterrichtstradition zur kategorialen Bildung zusammengeführt, wo am geeigneten Gegenstand das Denken optimal gefördert wird. In Hinsicht auf den Zweck von Unterricht stehen die Anhänger einer Persönlichkeitsbildung und Selbstbestimmung denen einer stärker lebenspraktischen oder berufsvorbereitenden Orientierung gegenüber.
Moderne Definitionen heben am Unterricht den Kommunikationsprozess hervor: ein Interaktionsgeschehen, bei dem Individuen unter pädagogischer Begleitung in planmäßig initiierten und geführten Lernprozessen, zum Ziele ihrer Qualifikation, Personalisation und Sozialisation, ausgewählte Inhalte von Kultur aufnehmen und weiterentwickeln (Schulauftrag nach Helmut Fend).
Staatlich organisierter Unterricht ist durch öffentliche Kontrolle und ggfs. sogar Zwang gekennzeichnet. Sinnvoll wird Unterricht durch die Annahme, man könne das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft an die nächste Generation weitergeben. Als Navigator wird bis heute der Lehrplan angesehen und durchgesetzt. Unterricht wird u. a. im Bewusstsein von Lehrenden und Lernenden als in Hinsicht auf einen sozialen Auf- oder Abstieg relevant für die Zukunft in einer Wissensgesellschaft und einer globalisierten Welt transportiert. Gleichzeitig wird Wissenserwerb im Unterricht als Qualifizierung für einen Beruf angesehen.Werner Sacher: Leistungen entwickeln, überprüfen und beurteilen. Bad Heilbronn 2001, S. 195–216.
Unterrichtsarten Die häufigste und bekannteste Form ist der Schulunterricht, welcher auch – zur Unterscheidung zum Fernunterricht – (in Deutschland) Nahunterricht, Direktunterricht oder Präsenzunterricht genannt wird. Hier werden Schüler in einer anwesenden Gruppe durch einen Lehrer in der Institution Schule unterrichtet. Weitere Formen:
Teamteaching: Mehrere Lehrer unterrichten gleichzeitig eine Klasse.
Einzelunterricht findet oft als Hausunterricht statt, wenn etwa der Schüler in abgelegenen Gegenden wohnt (gängig beispielsweise im australischen Outback). Historische Form: Hofmeister als Hauslehrer. Förderunterricht, teils auch als Forderunterricht bezeichnet, um eine deutliche Abgrenzung zu Nachhilfestunden zu erreichen, ist geeignet, Fertigkeiten jenseits der Bildungspläne zu vermitteln (Musikinstrument, Sport) und die Wissens- und Könnensgebiete entlang der Interessen des Kindes auszubauen. Sie sind ein wichtiger Aspekt zur Allgemeinbildung und der Erziehung des Kindes. Unterricht in Form eines Projekts dient der Selbstständigkeit des Lernenden. Projekte können einen mehr oder weniger großen Raum im Unterrichtsverlauf einnehmen oder in eigenen Zeiten (Projektwoche) stattfinden.
Unterrichtsforschung
mini|720x720px|Das Angebots-Nutzungs-Modell nach Andreas Helmke (2007) Die Unterrichtsforschung richtet sich auf die Wirkungen des Unterrichts und sucht nach deren Ursachen, zunächst beim Lehrer (teacher effectiveness research). Historisch begann sie bei der Lehrerpersönlichkeit (s. u.). Mit der kognitiven Wende der Psychologie hat sich das Prozess-Produkt-Paradigma (PPP) als ModellAbbildung nach Helmke (2009) in: Studienbrief Unterrichtsdiagnostik http://www.unterrichtsdiagnostik.de/media/files/Link%207_Unterrichtsqualitaet.pdf (S. 4) durchgesetzt: (1) Erhebung von Prozessmerkmalen des Unterrichts, (2) Messung von Veränderungen, (3) Korrelation zwischen (1) und (2). Hinzu kommen als weitere Faktoren die Rahmenbedingungen des Unterrichts bei den Lernenden (Klassenkontext) und Mediationsprozesse (Motivation und situative Interpretationen der Lernenden). Andreas Helmke versteht Unterricht als Angebot, dem auf Seiten der Schüler die Nutzung entspricht, wobei er allerdings reziproke Wirkungen nicht ausschließt.Vgl. Andreas Helmke: Unterrichtsqualität: Erfassen, Bewerten, Verbessern. 4. Auflage. Seelze 2006. 2007 hat er ein Angebot-Nutzungs-Modell vorgelegt:
In der schulpädagogischen und lernpsychologischen Forschung wurden oft die Ergebnisse erfolgreichen Lernens dargestellt. Es sind aber ideale Ergebnisse, kontextunabhängig und vor allem wenig in der Situation des Lernenden in einer schulartigen Lernsituation relevant. Lehrende können aus diesen Ergebnissen kaum abschätzen, welches Unterrichtsangebot was bei den einzelnen Lernenden in ihrer Struktur- und Lerngeschichte und damit auch in der Kommunikation auslöst.Ludwig Haag: Diagnostische Kompetenz von Lehrern. In: Ulrike Stadler-Altmann, J. Schindele, A. Schraut: Neue Lernkultur – neue Leistungskultur. Bad Heilbrunn 2008, ISBN 978-3-7815-1615-1, S. 392–405. Zu berücksichtigen sind die Multidimensionalität, die Simultaneität, die Unvorhersehbarkeit, die Öffentlichkeit und die Geschichte einer Lerngruppe.
Die didaktische Konzeption des Unterrichts mini|Frontalunterricht (Symbolgrafik) Zum Unterricht gehören die didaktische Konzeption des Lehrenden und die dabei verwendeten Unterrichtsmethoden. Eine didaktische Konzeption beinhaltet eine Reihe von bewussten und unbewussten Entscheidungen: Welche Unterrichtsprinzipien will ich verwirklichen, welche nicht? (z. B. das Prinzip der Selbstorganisation, Prinzip der Bestrafung, erzieherischer Missbrauch usw.) Welche Methoden sind für meine Ziele am geeignetsten? Welchen Kommunikationsstil möchte ich in meiner Lernkultur aufbauen und pflegen? Welche Inhalte und welche Art von Wissenskonstruktionen möchte ich anbieten, und welche davon sind für welche Lernende am besten geeignet? Welche Art von Leistungsbewertung und Leistungsbeurteilung werde ich anwenden? Welche Erfahrungsmuster verwende ich, und welche Routineentscheidungen treffe ich gegenüber einer Klasse oder einem Lernenden?
Unterricht als Wissensvermittlung Die Lernpsychologie unterscheidet Wissenstypen: Deklaratives Wissen über Sachverhalte und Fakten, Prozedurales Wissen über das passende und effiziente Vorgehen (Know-how). Drittens gibt es Metakognitives Wissen über die eigenen Denkvorgänge beim Lernen. Das Wissen stammt entweder aus eigener Erfahrung (Learning by doing) oder aus der Aneignung dargebotener Informationen (Lesen oder andere Vermittlungsformen). Letzteres wird nicht einfach übernommen, sondern mit eigener kognitiver Aktivität dem vorhandenen Wissen zugefügt (Konstruktion von Wissen).
Wissensvermittlung ist in der gegenwärtigen Gesellschaft etwas anderes als vor einer Generation. Modernes Wissen hat zwei Gesichter: Das Wachstum (Explosion) des wissenschaftlichen und technischen Wissens schreitet unvermindert voran und wird dabei immer zerbrechlicher, d. h. erscheint in ständig neuen Variationen. Diese Komplexität erzeugt aber in vielen sozialen und politischen Hinsichten eher einen Traditionsüberhang, der viele Zukunftspläne verlangsamt oder gar versanden lässt.Nico Stehr: Die Zerbrechlichkeit moderner Gesellschaften. Die Grenzen der Macht und die Chancen des Individuums, Frankfurt am Main 2000.
Schulisches Wissen wird im Glauben an Tradition, Einheitsvorstellungen und die Werte einer Gesellschaft vor allem in vorgegebener Form mit Wahrheits- oder Relevanzanspruch über den vorgegebenen Lehrplan gelehrt. Diese Basis ist aber nicht mehr vereinbar mit neueren wissenschaftstheoretischen Positionen (Kersten Reich, Kösel, Siebert, Schmidt), wo u. a. der Ansatz des Konstruktivismus die Sicht verändert hat, Wissen nicht mehr als einfache Übernahme wahrer Aussagen, sondern als eine Konstruktion anzusehen. Wissen ist aus dieser Sicht in erster Linie Unterscheidung, RessourceBMBF: Delphi-Befragung 1996/1998. Endbericht, Kontext und Qualifikation. Viele Lehrende beharren dennoch auf dem fachlichen Wahrheitsanspruch mit den Folgen für die Lernenden.
Deshalb weisen die genannten Didaktiker auf den unabdingbaren Charakter der Wissenskonstruktion hin. Statt nur die Oberflächenstruktur des Wissens in Form von inhaltlicher Reproduktion zu bearbeiten, sollte viel deutlicher die Tiefenstruktur des Wissens eingebracht werden. Die Konstruktion von Wissen geschieht danach durch den festgelegten Bezugsrahmen, die verwendeten Wissenslogiken, die passenden Wissensarten und den jeweiligen Kontext. In der Schule und Hochschule sollte eher die Wissens-Architektur gelehrt werden als nur die reinen Inhalte.E. Kösel: Didaktische Epistemologie. 2007. Die Fachdidaktiken sind nach dieser Version aufgerufen, die formale Struktur des Wissensgebietes weit mehr in den Vordergrund zu rücken. So wird im Geschichtslernen mehr auf den Konstruktcharakter des historischen Wissens hingewiesen, wodurch sich die Faktengläubigkeit der Lernenden relativiert.
Unterrichtsqualität Unterricht dient aus Sicht der Lehr-Lern-Forschung dem Aufbau von Wissen, Verständnis und Schlüsselqualifikationen der Schüler. Bei diesem Lehr-Lern-Prozess hängen je nach Qualität des Unterrichts 20–40 % des Lernerfolgs vom gehaltenen Unterricht ab.Hilbert Meyer: Was ist guter Unterricht? 2. Auflage. Cornelsen Scriptor, Berlin 2005, S. 155.
Unterricht gilt über die verschiedenen Theorien hinweg als gelungen, wenn er zu Lernerfolgen führt. Dies hängt von der Qualität des Unterrichtsprozesses ab, der anhand empirischer Gütekriterien beschrieben werden kann. Daneben spielt der Lehrende eine wichtige Rolle für das Gelingen von Unterricht. Auf der anderen Seite kommt es darauf an, inwieweit dieses Angebot von den Schülern genutzt wird. Die tatsächlich zur Verfügung stehende aktive Lernzeit sowie die Unterstützung durch außerschulische Lernaktivitäten sind hierbei wichtige Faktoren. Schließlich wird das Gelingen des Unterrichtsprozesses immer abhängig sein einerseits von den individuellen Voraussetzungen des Schülers (Chreoden mit familiärem und sozialem Hintergrund, mit den Vorkenntnissen, dem Selbstvertrauen, den Lernstrategien etc.), andererseits vom jeweiligen Kontext des Unterrichtsgeschehens. Darunter ist vor allem der soziale Kontext der Schule, die Lernkultur, das Schulklima, die Altersstufe, die Lehrerpersönlichkeit oder die Klassenzusammensetzung zu verstehen.
Es gibt in der Literatur eine Reihe von Qualitätsmerkmalen für einen gelingenden Unterricht: Merkmale nach Hilbert Meyer:Hilbert Meyer: Was ist guter Unterricht? 6. Auflage. Cornelsen Scriptor, Berlin 2009, Kap. 1.4, 2 Klare Strukturierung des Lehr-Lern-Prozesses Intensive Nutzung der Lernzeit Stimmigkeit der Ziel-, Inhalts- und Methodenentscheidung Methodenvielfalt Intelligentes Üben Individuelles Fördern Lernförderliches Unterrichtsklima Sinnstiftende Unterrichtsgespräche Regelmäßige Nutzung von Schüler-Feedback