Die Tätigkeitstheorie (engl. activity theory), auch Aktivitätstheorie genannt, ist eine psychologische Theorie, die in den 1930er Jahren in Charkow von Alexei Nikolajewitsch Leontjew (Leont'ev) und Mitarbeitern entwickelt wurde. Sie ist eine Weiterentwicklung der Arbeiten, welche in den 1920er Jahren in Moskau im Rahmen der heute als Kulturhistorische Schule bekannten Arbeitszusammenhänge um die Psychologen Lew Semjonowitsch Wygotski (Vygotskij), Alexander Romanowitsch Lurija (Luria) und Alexei Nikolajewitsch Leontjew (Leont'ev) entstanden. Nach der Tätigkeitstheorie ist das Verhältnis von Mensch und Umwelt ein gesellschaftliches, gekennzeichnet durch die Entwicklung kultureller Werkzeuge und Zeichen.

Geschichte Die nah an Kultur und gesellschaftlicher Veränderung orientierte Tätigkeitstheorie entwickelte eine Gruppe russischer Psychologen, deren Arbeitskonstellationen heute oft als Kulturhistorische Schule bekannt sind. Die Wurzeln der heutigen Tätigkeitstheorie reichen zurück in die UdSSR der 1920er Jahre. Relevante Konzepte formulierte Lew Semjonowitsch Wygotski (1896–1934), der oft als eigentlicher Gründer der Tätigkeitstheorie angesehen wird. Unzufrieden mit den zwei in dieser Zeit relevanten psychologischen Paradigmen – der Psychoanalyse und dem Behaviorismus – entwickelten Wygotski und seine Kollegen Lurija und Leontjew eine neue Theorie als Fundament für das Verstehen menschlicher Entwicklung: das Konzept der objektorientierten und -vermittelten Tätigkeit.

Dieses Konzept wurde im Anschluss von einer Gruppe von Psychologen um Leontjew, die sogenannte Charkower Schule der Psychologie, in den 1930er Jahren ausgearbeitet und weiterentwickelt. Basierend auf den Lehren von Marx waren die russischen Forscher auf der Suche nach einem passenden Begriffs- und Bedeutungsrahmen für eine moderne Psychologie. Ausgangsüberlegung war dabei die Untrennbarkeit von Bewusstsein und körperlicher Aktivität. Für viele Jahre entwickelte sich daraus mit der Tätigkeitstheorie die führende Richtung der russischen Psychologie.

Internationale Aufmerksamkeit erlangte die Tätigkeitstheorie in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren. Leontjews Tätigkeit, Bewusstsein und PersönlichkeitA. N. Leontiev: Activity, Consciousness and Personality. Englewood Cliffs, New York 1978. wurde ins Englische übersetzt, eine Sammlung von Papieren Leontjews und anderer Tätigkeitstheoretiker wurde veröffentlicht.J. V. Wertsch: The concept of activity in Soviet psychology. New York 1981. In Finnland, Deutschland, Dänemark und den USA gab es eine wachsende Zahl von Interessenten. Einschlägig wurde u. a. die Dissertation Learning by Expanding von Yrjö Engeström.Y. Engeström: Learning by expanding. Orienta Consultit, Helsinki 1987. Deutsche Übersetzung: Y. Engeström: Lernen durch Expansion. Herausgegeben von Falk Seeger. Lehmanns Media, Berlin 2011, ISBN 978-3-86541-431-1.

Mehrere Schriften und Bücher wurden in dieser Zeit publiziert (z. B. Engeström 1990,Y. Engeström: Learning, working and imagining: twelve studies in activity theory. Orienta-konsultit, Helsinki 1990. Nardi 1996,B. A. Nardi: Context and Consciousness: Activity Theory and Human-Computer Interaction. The MIT Press, Cambridge (MA) 1996. Engeström u. a. 1999Y. Engeström, R. Miettinen, u. a.: Perspectives on activity theory. Cambridge University Press, Cambridge 1999.). Sie trugen zum steigenden Interesse am Potential der Tätigkeitstheorie bei. Schon seit Mitte der 1980er Jahre gab es Versuche, den ursprünglichen Fokus der Tätigkeitstheorie, die Entwicklungspsychologie, auf andere Gebiete auszudehnen. Seit Mitte der 1980er Jahre bildeten sich drei Hauptzweige, die das Anwenden der Tätigkeitstheorie für verschiedene Disziplinen verfolgten.

Die Ursprünge der Tätigkeitstheorie wurden fortgeführt in der Lerntheorie, insbesondere für die Zielgruppe der Kinder (Vygotsky 1978; Bruner 1996; Chaiklin u. a. 1999; Engeström u. a. 1999) Ein weiterer Zweig entwickelte die Tätigkeitstheorie als Methode zur Analyse von Lernprozessen in Arbeitsumgebungen (Boedker 1990; Nardi 1996; Engeström u. a. 2005) Eine dritte Gruppe beschäftigte sich mit den Grundlagen für Tätigkeiten im Rahmen von Computer Supported Cooperative Work (CSCW) und Human Computer Interaction (HCI) (Kuuti 1991; Korpela and Mursu 2003).

Zentrale Aussage vieler Untersuchungen in jedem Anwendungsbereich ist, dass Tätigkeiten sowohl auf der individuellen als auch auf der sozialen und kulturellen Ebene analysiert werden müssen.

Wygotskis Beitrag

In Die Geschichte der höheren psychischen Funktionen (1931)L. S. Vygotskij: Geschichte der höheren psychischen Funktionen. (Fortschritte der Psychologie Bd. 5). Lit Verlag, Münster 1931/1992. unterscheidet Wygotski zwischen psychischen Werkzeugen und technischen Werkzeugen, wobei er die Metapher des Werkzeugs auf psychologischer Ebene später kritisierte. Maßgeblicher Unterschied zwischen beiden Werkzeugkategorien bildet die Wirkungsrichtung. Während technische Werkzeuge auf die stofflich-materielle Umwelt des handelnden, werkzeugnutzenden Subjekts wirken (siehe auch Handlungsregulationstheorie), dienen psychische Werkzeuge (z. B. Sprache, Skizzen, Formeln) der Organisation menschlichen Verhaltens. Die Grundfrage Wygotskis war zunächst bezogen auf die naturgeschichtliche und gesellschaftshistorische Entwicklung höherer psychischer Funktionen, insbesondere Denken und Sprechen (Vygotskij, 1934/2002).L. S. Vygotskij: Denken und Sprechen. Hg. u. übers. v. J. Lompscher und G. Rückriem. Beltz, Weinheim 1934/2002. Auf dem Feld der Psychologie und der Pädagogik arbeitete er auf diese Weise daran, den Zweischnitt der Wissenschaften in Geistes- und Naturwissenschaften zu überwinden. Die Frage der Tätigkeit war in einen kulturpsychologischen Kontext gestellt: Inwiefern sind die Entwicklungsprozesse psychischer Aktivitäten wie Denken, Erinnerung und Lernen Teil der gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung? So stand zunächst ein psychologischer Begriff von Tätigkeit im Vordergrund: Im Russischen existieren dafür, wie im Deutschen, zwei Begriffe, nämlich aktivnost (Aktivität) und deyatelnost (Tätigkeit). Im Englischen ging diese Unterscheidung durch die Übersetzung beider Begriffe mit activity allerdings verloren. Beide Begriffe spielen in dem psychologischen Ansatz der kulturhistorischen Schule eine unterschiedliche Rolle, daher sind sie nicht synonym verwendbar. Stichwortgeber für den Begriff der Tätigkeit (deyatelnost), den vor allem A. N. Leontjew starkmachte, sind zum einen Hegel, zum anderen auch die Philosophie der Arbeit und Ontologie des Menschen bei Marx, der in der ersten Feuerbachthese einen praxisphilosophischen Paradigmenwechsel einleitete und kritisierte, dass beim bisherigen Materialismus „der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv.“Vgl. Marx-Engels Werke Bd. 3, 5; vgl. Veresov 2005, 40 .

Leontjews Beitrag

A. N. Leontjew knüpfte an diesen durch Marx und Hegel geprägten Tätigkeitsbegriff an. Sein zentraler Begriff ist der der gegenständlichen Tätigkeit.

Im Sinne einer Naturgeschichte des Psychischen untersuchte Leontjew in Probleme der Entwicklung des PsychischenA. N. Leontjew: Probleme der Entwicklung des Psychischen. Volk und Wissen, Berlin 1964. Übergänge und Unterschiede zwischen Tätigkeit auf tierischem und menschlichem Niveau. Entscheidend war dabei, dass Menschen ihre Bedürfnisse nicht bloß spontan – z. B. bei Hungergefühlen – oder durch bestimmte genetisch festgelegte Verhaltensschemata befriedigen, sondern die Herstellung all der Güter, die ihre spezifisch menschlichen Bedürfnisse befriedigen, arbeitsteilig organisieren. Im Unterschied zur Jagdtätigkeit bei Tieren, die äußerst selten miteinander kooperieren, um eine Beute zu erlegen, ergibt sich bei den Menschen schon in ihrer Frühgeschichte etwa bei der Kooperation zwischen Jägern und Treibern ein ganz neuer Entwicklungspfad: eine arbeitsteilige und auf Kooperation angewiesene Form der Lebensgewinnung. Diese neue Qualität von Entwicklung ist die historisch-gesellschaftliche im Unterschied zur evolutionären, naturgeschichtlichen. Die Kritische Psychologie ging darum im Anschluss an Leontjew bei der Entwicklung eines methodisch abgesicherten Begriffs von Subjektivität/Psyche von einer Untersuchung des Tier-Mensch-Übergangsfeldes aus.Vgl. auch Klaus Holzkamp, 1983. Die Entstehung einer arbeitsteiligen Form der Lebensgewinnung ist nach Leontjew zugleich zentral für die Entwicklung der menschlichen Psyche, da die Einzelnen eine soziale Intelligenz und Antizipationsfähigkeit brauchen, um ein größeres Ziel durch mehrere untergeordnete Ziele und Teilhandlungen zu erreichen. Sie benötigen eine Einsicht in das Tun der Anderen, die innerhalb eines Arbeitsprozesses verschiedene Aufgaben bewältigen.

Leontjews Tätigkeit – Bewusstsein – PersönlichkeitA. N. Leont'ev: Tätigkeit – Bewusstsein – Persönlichkeit. Herausgegeben von Georg Rückriem, übersetzt von Elana Hoffmann. Lehmanns Media, Berlin 2012. führte daher eine Gliederung von Ebenen ein: die Ebene der Tätigkeit (Gesamtprozess, vollständiger Arbeitsprozess wie das Jagen), die Ebene der Handlungen (Teilaufgaben wie das Treiben der Herde) sowie die Ebene der Operationen (Handgriffe, instrumentelle Fertigkeiten).

Die Tätigkeitstheorie hat einen großen Einfluss auf die arbeits- und organisationspsychologische Theorienbildung und Methodenentwicklung gehabt. Ein Beispiel hierfür ist die Handlungsregulationstheorie, die auf tätigkeitstheoretischen Konzepten (Tätigkeit, Handlung, Operation) als dynamische Realisierungstrukturen der menschlichen Tätigkeit aufbaut. Andere Beispiele sind die Arbeiten von Yrjö Engeström und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Centre for Activity Theory/Developmental Work Research.

Konzepte der Tätigkeitstheorie

Grundannahme der Tätigkeitstheorie ist, dass die menschliche Psyche entsteht und sich stets weiterentwickelt. Sie kann dabei aber nur verstanden werden im Kontext mit bedeutungsvollen, zielorientierten und soziologisch relevanten Interaktionen zwischen Menschen und ihrer materialisierten Umgebung. Die Tätigkeitstheorie umfasst fünf Basisprinzipien. Kaptelinin (1992)V. Kaptelinin: Activity Theory: Implications for Human-Computer Interaction. 1992, S. 107–109. benennt die wichtigsten:

die hierarchische Struktur von Tätigkeiten das Prinzip der Objektorientiertheit das duale Konzept Internalisierung versus Externalisierung das Prinzip des „Vermittelns“ durch Hilfsmittel das Prinzip der kontinuierlichen Entwicklung

Diese Prinzipien durchziehen jede Handlung einer Tätigkeit und bilden die Grundlage für das Verständnis ihrer erheblichen inneren Dynamik. Die Untersuchungseinheit Tätigkeit als „des minimalen, bedeutungsvollen Kontextes“, um das Handeln eines Individuums zu beschreiben,K. Kuuti: Activity Theory as a Potential Framework for Human-Computer Interaction Research. In B. A. Nardi (Hrsg.): Context and Consciousness. Cambridge, MA 1996, S. 26. ist als Modell zu verstehen. Die Elemente stehen in wechselseitiger Abhängigkeit. Die Tätigkeit bildet quasi ein Gerüst, in dem die Einzelelemente miteinander interagieren und in Beziehung treten – bildlich ähnlich einem Kristallgitter.

Hierarchische Ebenen