Albrecht Gottfried Ferdinand Dihle (* 28. März 1923 in Kassel; † 29. Januar 2020 in Köln) war ein deutscher Klassischer Philologe, Altertumswissenschaftler und Hochschullehrer. Er war unter anderem Lehrstuhlinhaber in Köln und Heidelberg.

Leben Albrecht Dihle war das jüngste von drei Kindern des Verwaltungsjuristen, Präsidenten der Domänenkammer des Fürstentums Waldeck und Konsistorialpräsidenten der Evangelischen Landeskirche in Waldeck Hermann Dihle und dessen Ehefrau, der Konzertsängerin Frieda Dihle, geborene von Reden (1882–1944). Seine Kindheit verlebte er deshalb in Arolsen in engem Kontakt mit dem Hof des Fürsten Friedrich von Waldeck-Pyrmont. In Göttingen, wohin sich die Familie nach der 1934 von den Nationalsozialisten widerrechtlich erzwungenen Absetzung des Vaters von seinem ihm nach der Angliederung des Fürstentums an den Freistaat Preußen (1929) verbliebenen kirchlichen Amt zurückgezogen hatte, legte er am Staatlichen Gymnasium, dem heutigen Max-Planck-Gymnasium, das Abitur ab. Danach diente er 1940–1942 als Soldat im Zweiten Weltkrieg und wurde schwer verwundet.

Von 1942 bis 1945 studierte er an den Universitäten Göttingen und Freiburg (im Breisgau) Archäologie und Klassische Philologie, daneben auch Geschichtswissenschaft. Einer seiner prägendsten und wegweisenden Lehrer war neben Karl Deichgräber und Kurt LatteVgl. Albrecht Dihle: Worte des Gedenkens. In: Carl Joachim Classen (Hrsg.): Kurt Latte, Opuscula inedita zusammen mit Vorträgen und Berichten von einer Tagung zum vierzigsten Todestag von Kurt Latte. Saur, München Leipzig 2005, S. 6–12. der Byzantinist und Christliche Archäologe Alfons Maria Schneider, dessen „umfassende Gelehrsamkeit und ausgedehnte Sprachkenntnisse, einzigartige Vertrautheit mit den Monumenten und Territorien des Oriens Christianus sowie Scharfsinn, Ideenreichtum und [...] enorme Arbeitsenergie“ er rühmt.

Nachdem er im Jahr 1944 kurz nacheinander beide Eltern verloren hatte, erwarb er im darauf folgenden Jahr das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien und erhielt einen Lehrauftrag für Lateinkurse an der Universität Göttingen, dem er bis 1954 nachkam. Am 22. August 1946 wurde er am Göttinger Institut für Altertumskunde als erster Doktorand nach dem Ende der NS-Diktatur mit der Arbeit Λαός, ἔθνος, δῆμος. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Volksbegriffs im frühgriechischen Denken zum Doktor der Philosophie promoviert. Zum Datum vgl. Drüll, Heidelberger Gelehrtenlexikon (siehe unten, Literatur), S. 161. Vgl. Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek München. Von der maschinenschriftlichen Arbeit existieren nur wenige Exemplare in Bonn, Göttingen, Hamburg und München. Die noch bei dem Anfang 1946 zunächst seines Amtes enthobenen Karl Deichgräber, Dekan von 1939 bis 1945, begonnene Dissertation wurde an dessen Stelle von Kurt Latte begutachtet. Anders als man aufgrund der Zeitstellung und des Themas vielleicht erwarten könnte, ist diese Arbeit nach dem Urteil von Patrick Bahners, Vom Pathos zum Logos (siehe unten, Literatur), allerdings keineswegs vom zur Zeit der Abfassung vorherrschenden und auch über das Ende der Diktatur hinaus oft noch nachwirkenden Zeitgeist, der nationalsozialistischen Rassenideologie oder dem völkischen Nationalismus, geprägt. Allerdings sei auch Dihle, weil er „dem eigenen Volk noch eine Selbstdefinition mit hohen Homogenitätsanforderungen“ zugeschrieben habe, auch „Kind seiner Zeit“ gewesen. Diese Aussage bezieht sich aber nicht auf den Zeitgeist der NS-Diktatur im engeren Sinn. Denn angesichts des Nichtvorhandenseins eines deutschen Nationalstaates konnte ein deutsches Nationalbewusstsein von jeher nicht anders als auf der Idee einer Kulturnation, also der Gemeinsamkeit von Sprache, Kultur und Geschichte, fundiert werden, zumal seit der durch den Reichsdeputationshauptschluss in die Wege geleiteten Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1806), das aber seinerseits alles andere als ein deutscher Nationalstaat gewesen war. Zur Kritik an Bahners vgl. Primavesi, Nachruf auf Albrecht Dihle (siehe unten, Literatur), S. 94.

Wie die Dissertation liegt auch die 1950 abgeschlossene Habilitationsschrift Studien zur byzantinischen Metrik und Rhythmik, die er während seiner Assistentenzeit anfertigte, lediglich maschinenschriftlich vor, doch hat sie im Unterschied zu jener als unpubliziert zu gelten, da nach Ausweis des Katalogs der Deutschen Nationalbibliothek kein Exemplar in einer öffentlichen Bibliothek vorhanden ist. Im Jahr 1950 begann er dann seine Lehrtätigkeit an der Universität Göttingen. Am 4. Januar 1954 erfolgte die Ernennung zum Universitätsdozenten, am 22. Januar 1957 die zum außerplanmäßigen Professor für Klassische Philologie. Im Jahr 1958 folgte er einem Ruf als Ordinarius auf den Lehrstuhl für Gräzistik an der Universität zu Köln. 1974 nahm er den Ruf auf den Lehrstuhl für Gräzistik am Seminar für Klassische Philologie der Universität Heidelberg an, wo er bis zu seiner Emeritierung 1989 lehrte und forschte. Dort war er Mitglied des Heidelberger Kirchenväterkolloquiums, einer fortlaufenden Veranstaltung zur Lektüre christlicher Texte der Antike. Schüler Dihles sind unter anderem Klaus Thraede, Dieter Hagedorn, Hans-Jürgen Horn, Hermann Funke, Stefan RheinStiftung Luthergedenkstätten in Sachsen Anhalt: Stefan Rhein und der Leibnizpreisträger Oliver Primavesi.

Auf Einladung eines nach England emigrierten ehemaligen jüdisch-deutschen Mitschülers war Dihle 1948 nach Oxford gereist und gewann dort einen prägenden Eindruck von dem im Gegensatz zur rein fachwissenschaftlichen Ausrichtung des deutschen Universitätssystems im Sinne einer allgemeinbildenden höheren Education weit stärker an humanistischen Traditionen und einem begrenzten Kanon klassischer Autoren orientierten Classics-Studium der englischen Universitäten. Außerdem lernte er dort aufgrund von Empfehlungsschreiben Kurt Lattes neben zahlreichen bedeutenden englischen Gelehrten auch die wichtigsten Vertreter „der durch das NS-Regime größtenteils vertriebenen Spitzengruppe der vor 1933 in Deutschland arbeitenden Altertumsforscher“ kennen, „die vor 1933 zur Elite der deutschen Altertumswissenschaft gezählt hatten, aber während des Dritten Reichs wegen rassischer oder politischer Verfolgung nach Oxford emigriert waren.“ Vgl. Primavesi, Nachruf (siehe unten, Literatur), S. 95–98, die Zitate S. 95f. Dem von Paul Maas zu dem sowohl zeitlich als auch thematisch weitab vom Zentrum des Faches auf einem extremen Randgebiet angesiedelten Habilitationsvorhaben erteilten Rat, zwar „dieses Projekt fortzuführen und abzuschließen,“ jedoch „in seiner späteren Forschungstätigkeit nicht bei solch abgelegenen Texten und Themen zu bleiben, sondern sich den klassischen Texten zuzuwenden,“ da er „dort [...] finden (werde), was Werte für die Dauer vermittelt,“ Primavesi, Nachruf (siehe unten, Literatur), S. 98. folgte Dihle allerdings nur insoweit, als er in seinem gesamten Wirken als Forscher und Lehrer danach strebte, tiefdringende Detailforschung mit weitausgreifender Überschau über die gesamte Kultur der Antike und ihr Fortwirken zu verbinden. So versuchte er einen Ausweg aus dem Dilemma zwischen dem vermeintlich der strengen Wissenschaftlichkeit zu entrichtenden Tribut extremer Spezialisierung und Wertfreiheit auf der einen Seite und der von der humanistischen Bildungsidee erhobenen Forderung nach Werteorientierung und breitangelegtem Überblick über den Kanon klassischer Werke und Autoren auf der anderen Seite zu finden. Vgl. Albrecht Dihle: Humanismus und Wissenschaft (siehe unten, Schriften). Nicht allein für seine im Jahr der Emeritierung 1989 erschienene Literaturgeschichte Die griechische und lateinische Literatur der Kaiserzeit. Von Augustus bis Justinian,Siehe unten, Schriften. sondern für sein ganzes sich über weiteste Gebiete erstreckendes Lebenswerk gilt daher, dass es „der umfassenden Erschließung und Vermittlung der antiken wie der antik-christlichen Tradition als einer unerschöpflichen Quelle menschlicher Gesittung und Lebensweisheit verpflichtet“ war. Vgl. Primavesi, Nachruf (siehe unten, Literatur), S. 116.

Noch eine weitere Reise, die ihn 1957/1958 innerhalb von drei Monaten auf dem See- und Landweg über die Levante (Beirut), den Irak (Bagdad), Iran und Pakistan nach Indien und Sri Lanka und auf dem Rückweg über Basra nach Damaskus führte, Nach Albrecht Dihle: Indien (unpubliziertes Typoskript im Familienbesitz). eröffnete ihm neue Perspektiven, Vgl. Primavesi, Nachruf (siehe unten, Literatur), S. 101. indem sie zur Initialzündung einer lebenslangen und eingehenden Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung und Bewertung fremder Kulturen in der Antike seit Homer, mit deren ethnographischer und geographischer Fachliteratur, mit den Alexanderhistorikern und der Periplus-Literatur (Routenbeschreibungen) sowie den Kulturbeziehungen zwischen Antike und Orient – so der Titel der gesammelten Aufsätze zu diesem Thema von 1984 Albrecht Dihle: Antike und Orient (siehe unten, Schriften). – werden sollte. Vgl. Albrecht Dihle: Ein Vorurteil und seine Widerlegung. In: Beate R. Suchla (Hrsg.): Von Homer bis Landino. Beiträge zur Antike und Spätantike sowie zu deren Rezeptions- und Wirkungsgeschichte. Festgabe für Antonie Wlosok zum 80. Geburtstag. Pro Business, Berlin 2011, S. 37–52; Albrecht Dihle: Hellas und der Orient. Phasen wechselseitiger Rezeption (siehe unten, Schriften); Albrecht Dihle: Die Wahrnehmung des Fremden im Alten Griechenland (siehe unten, Schriften); Albrecht Dihle: Indien. In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 18, 1998, Sp. 1–56; Albrecht Dihle: Die Griechen und die Fremden (siehe unten, Schriften).

Von 1964 bis 2004 wirkte Dihle als Mitherausgeber des Reallexikons für Antike und Christentum, für das er auch selbst wichtige Artikel wie die zu den Lemmata „Demut“, „Ethik“, „Gerechtigkeit“, „Goldene Regel“, „Heilig“, „Indien“ und „Klassizismus“ verfasste.Albrecht Dihle: Demut. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 3. Hiersemann, Stuttgart 1957, Sp. 735–778. Albrecht Dihle: Ethik. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 6. Hiersemann, Stuttgart 1966, Sp. 646–796. Albrecht Dihle: Gerechtigkeit. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 10. Hiersemann, Stuttgart 1978, Sp. 233–360. Albrecht Dihle: Goldene Regel. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 11. Hiersemann, Stuttgart 1981, Sp. 930–940. Albrecht Dihle: Heilig. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 14. Hiersemann, Stuttgart 1988, Sp. 1–63. Albrecht Dihle: Indien. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 18. Hiersemann, Stuttgart 1998, Sp. 1–56. Albrecht Dihle: Klassizismus. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 20. Hiersemann, Stuttgart 2004, Sp. 1227–1233. An weiteren war er beteiligt. Albrecht Dihle mit Jan Hendrik Waszink und Wilhelm Mundle: Furcht (Gottes). In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 8. Hiersemann, Stuttgart 1972, Sp. 661–699. Albrecht Dihle mit Basil Studer und Franz Rickert: Hoffnung. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 15. Hiersemann, Stuttgart 1991, Sp. 1159–1250. Zudem war er Mitbegründer der Schriftenreihe Hypomnemata. Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben. Von 1952 bis 1958 war er Herausgeber der Göttingischen Gelehrten Anzeigen, von 1976 bis 1996 war er Mitherausgeber der Zeitschrift Antike und Abendland.